Psychomotorische Epilepsie: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die psychomotorische Epilepsie, auch bekannt als komplex-fokale Epilepsie, ist eine Form der Epilepsie, die durch komplexe Anfälle mit Bewusstseinsveränderungen gekennzeichnet ist. Diese Anfälle können sich auf vielfältige Weise äußern, was die Diagnose erschweren kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der psychomotorischen Epilepsie.

Einführung in die Epilepsie

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, abnormale elektrische Aktivitäten im Gehirn. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) definiert einen epileptischen Anfall als ein vorübergehendes Auftreten von subjektiven Zeichen und/oder objektivierbaren Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn.

Die Phänomenologie der Anfälle variiert beträchtlich, abhängig von Ort und Ausprägung der Anfälle. Es gibt nur wenige Sekunden dauernde motorische und sensible Episoden, Absencen, Abläufe mit Zuckungen einer Extremität, komplexe Bewegungs- und Bewusstseinsphänomene sowie die klassischen tonisch-klonischen Anfälle.

Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Die Prävalenz in Industrieländern wird mit 0,5-0,9 Prozent angegeben.

Ursachen der psychomotorischen Epilepsie

Die Ursachen der psychomotorischen Epilepsie sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

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  • Strukturelle Ursachen: Umschriebene pathologische Hirnveränderungen, die erworben oder genetisch bedingt sein können. Beispiele hierfür sind Hirntumore, Hirninfarkte, Kontusionsdefekte, vaskuläre Malformationen, Enzephalozelen, fokale kortikale Dysplasien, Polymikrogyrie der kortikalen Neurone, hypothalamische Hamartome oder eine Hippocampussklerose. Auch eine perinatale Hirnschädigung, oft infolge von Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs, kann eine Epilepsie verursachen.
  • Genetische Ursachen: In den letzten Jahren wurden mehrere Hundert Gene und Gen-Veränderungen identifiziert, die vermutlich oder sicher eine Epilepsie (mit)verursachen. Die Mehrzahl der Fälle der idiopathischen generalisierten Epilepsien (IGE) sind polygenetische Erkrankungen. Sehr viel seltener ist nur ein Gen betroffen (zum Beispiel Ionenkanal-Gene oder Neurotransmitter assoziierte Gene).
  • Infektiöse Ursachen: Infektionen sind die weltweit häufigste Ursache von Epilepsie. Typische Beispiele sind Neurozystizerkose, Tuberkulose, HIV, zerebrale Malaria, subakute sklerosierende Panenzephalitis, zerebrale Toxoplasmose und kongenitale Infektionen. Zudem sind post-infektiöse Entwicklungen einer Epilepsie möglich, beispielsweise nach einer viralen Enzephalitis.
  • Metabolische Ursachen: Eine metabolisch verursachte Epilepsie ist direkte Folge einer Stoffwechselstörung, die epileptische Anfälle als Kernsymptomatik aufweist. Es wird angenommen, dass die meisten metabolisch bedingten Epilepsien einen genetischen Hintergrund haben und nur selten erworben sind.
  • Immunologische Ursachen: Eine immunologische Epilepsie ist auf eine autoimmun vermittelte Entzündung des ZNS zurückzuführen. Hierzu gehören vor allem die Kalium-Kanal-Antikörper (LGI1)-bedingte limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper assoziierte Enzephalitis (NMDA = N-Methyl-D-Aspartat).
  • Unbekannte Ursachen: Neben den zuverlässig differenzierbaren Epilepsien gibt es Formen, deren Ursache (noch) nicht bekannt ist.

Die neurobiologischen Zusammenhänge der Epileptogenese sind noch nicht bis ins letzte Detail verstanden. Man weiß allerdings, dass eine neuronale intra- und transzelluläre Übererregung (Hyperexzitabilität) einzelner Nervenzellen, Fehlkoordinationen von Erregung und Hemmung neuronaler Zellverbände, veränderte Zellmembraneigenschaften und eine fehlerhafte Erregungsübertragung synaptischer Netzwerke zu einer abnormen exzessiven neuronalen Entladung führen.

Symptome der psychomotorischen Epilepsie

Die Symptome der psychomotorischen Epilepsie sind vielfältig und können von Person zu Person variieren. Typischerweise umfassen sie jedoch:

  • Fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörung: Dies ist das Hauptmerkmal der psychomotorischen Epilepsie. Während eines Anfalls kann der Betroffene das Bewusstsein verlieren oder eine veränderte Wahrnehmung haben. Er oder sie kann sich möglicherweise nicht an den Anfall erinnern.
  • Automatismen: Unwillkürliche, sich wiederholende Bewegungen wie Schmatzen, Kauen, Nesteln an der Kleidung oder zielloses Umherwandern.
  • Psychische Symptome: Angst, Verwirrung, Halluzinationen, Déjà-vu-Erlebnisse oder ungewöhnliche Geruchs- oder Geschmackswahrnehmungen.
  • Vegetative Symptome: Schwitzen, Herzrasen, Übelkeit oder ein aufsteigendes Gefühl im Magen.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle diese Symptome bei jedem Anfall auftreten müssen. Die Symptome können auch je nach dem betroffenen Bereich des Gehirns variieren.

Diagnose der psychomotorischen Epilepsie

Die Diagnose der psychomotorischen Epilepsie basiert auf einer Kombination aus:

  • Anamnese: Eine detaillierte Beschreibung der Anfälle durch den Patienten und/oder Zeugen.
  • Neurologische Untersuchung: Um andere mögliche Ursachen der Symptome auszuschließen.
  • Elektroenzephalogramm (EEG): Eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns, die abnormale Muster aufzeigen kann, die auf Epilepsie hindeuten.
  • Bildgebung des Gehirns: Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT), um strukturelle Anomalien im Gehirn zu identifizieren, die die Anfälle verursachen könnten.

Die Abgrenzung zu anderen Anfallsformen, insbesondere psychogenen nicht-epileptischen Anfällen (PNES), ist entscheidend. PNES werden psychisch ausgelöst und haben keine neurologische Ursache. Eine sorgfältige Anamnese und Video-EEG-Monitoring können bei der Differenzierung helfen.

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Behandlung der psychomotorischen Epilepsie

Das Ziel der Behandlung der psychomotorischen Epilepsie ist es, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:

  • Medikamentöse Therapie: Anfallssupprimierende Medikamente (Antiepileptika) sind die Eckpfeiler der Epilepsiebehandlung. Sie reduzieren die Häufigkeit und Schwere der Anfälle, indem sie die neuronale Aktivität im Gehirn stabilisieren. In Deutschland stehen etwa 20 verschiedene anfallssupprimierende Medikamente zur Verfügung. Die Auswahl des Medikaments erfolgt individuell unter Berücksichtigung der Art der Epilepsie, Alter und Geschlecht der betroffenen Person und ob Begleiterkrankungen vorliegen. Die Therapie wird ambulant überwacht und bei Bedarf angepasst, um die bestmögliche Anfallskontrolle bei minimalen Nebenwirkungen zu erreichen.
  • Epilepsiechirurgie: Für Patienten, deren Epilepsie medikamentös nicht gut kontrolliert werden kann, kann eine epilepsiechirurgischer Eingriff in spezialisierten Epilepsiezentren in Betracht gezogen werden. Dabei wird geprüft, ob ein epilepsiechirurgischer Eingriff möglich ist. Die neurochirurgische Therapie der Epilepsien basiert auf der Vorstellung, dass die Ausschaltung eines epileptogenen zerebralen Herdes durch Resektion oder die Verhinderung pathologischer Erregungsausbreitung durch Unterbrechung bestimmter Bahnen Anfälle ohne weitere medikamentöse Therapie unterbindet. Auch psychische Störungen sollen gebessert oder zumindest Progredienz verhindert werden.
  • Vagusnervstimulation (VNS): Ein Verfahren, bei dem ein Gerät implantiert wird, das den Vagusnerv stimuliert, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
  • Ketogene Diät: Eine spezielle Diät mit hohem Fett- und niedrigem Kohlenhydratanteil, die bei einigen Patienten, insbesondere Kindern, die Anfallskontrolle verbessern kann.
  • Psychotherapie: Kann hilfreich sein, um mit den psychischen und sozialen Auswirkungen der Epilepsie umzugehen. In der BetaGenese Klinik sind wir auf die Behandlung psychogener Anfälle spezialisiert und beraten Sie gerne zu unserem Therapieangebot.

Asklepios Kliniken: Therapieangebote bei Epilepsie

Die Asklepios Kliniken bieten ein umfassendes Spektrum an Therapien zur Behandlung von Epilepsie an. Zu den Zielen der Behandlung gehören die Kontrolle von Anfällen, die Minimierung von Nebenwirkungen und die Ermöglichung der Teilnahme am sozialen Leben.

  • Akutbehandlung: In der Akutbehandlung geht es darum, den epileptischen Anfall so schnell wie möglich zu beenden und die Sicherheit der Patient:innen zu gewährleisten. Dazu setzen die Fachkräfte Notfallmedikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine ein, die oral (zum Schlucken), intravenös (in eine Vene) oder bukkal (in den Mundraum) verabreicht werden. Diese Medikamente dämpfen die übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn.
  • Anfallssupprimierende Medikamente: Wie bereits erwähnt, sind Anfallssupprimierende Medikamente, auch bekannt als Antiepileptika oder Antikonvulsiva, die Grundpfeiler der Epilepsiebehandlung.
  • Schulungen und Beratungen: Neben der medikamentösen Behandlung ist es notwendig, dass Patient:innen und ihre Angehörigen über Verhaltensregeln bei Epilepsie informiert werden. Die Expert:innen bei Asklepios klären in Schulungen und Beratungen über geeignete Maßnahmen im Alltag auf. Wichtig ist, die auslösenden Faktoren für Anfälle zu kennen und zu wissen, wie diese vermieden werden können. Dazu gehören etwa Schlafmangel und Stress. Zudem informieren die Fachkräfte über nötige Einschränkungen in der Lebensführung. So sollten Menschen mit Epilepsie bestimmte Tätigkeiten unterlassen, etwa auf Gerüsten zu arbeiten oder in offenen Gewässern zu schwimmen. Ein Fahrzeug dürfen die Betroffenen nur unter bestimmten Voraussetzungen führen, die in entsprechenden Begutachtungsleitlinien festgeschrieben sind.

Leben mit psychomotorischer Epilepsie

Das Leben mit psychomotorischer Epilepsie kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können die meisten Menschen ein erfülltes Leben führen. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, einen Neurologen aufzusuchen, der Erfahrung in der Behandlung von Epilepsie hat, und sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Wichtige Verhaltensregeln im Alltag

Patient:innen und ihre Angehörigen sollten über Verhaltensregeln bei Epilepsie informiert sein. Unsere Expert:innen bei Asklepios klären in Schulungen und Beratungen über geeignete Maßnahmen im Alltag auf. Wichtig ist, die auslösenden Faktoren für Anfälle zu kennen und zu wissen, wie diese vermieden werden können. Dazu gehören etwa Schlafmangel und Stress. Zudem informieren unsere Fachkräfte über nötige Einschränkungen in der Lebensführung. So sollten Menschen mit Epilepsie bestimmte Tätigkeiten unterlassen, etwa auf Gerüsten zu arbeiten oder in offenen Gewässern zu schwimmen.

Familienplanung bei Epilepsie

Die Epilepsie ist keine typische Erbkrankheit. Bei Kinderwunsch sollten Sie allerdings auf die Einnahme bestimmter anfallssupprimierender Medikamente verzichten (zum Beispiel Valproat und Topiramat), da sie das Missbildungsrisiko des Kindes erhöhen können.

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Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Es ist wichtig zu wissen, wie man bei einem epileptischen Anfall Erste Hilfe leistet:

  • Patienten schützen, aber nicht gewaltsam festhalten!
  • Patienten möglichst aus dem Gefahrenbereich bringen; gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen.
  • Ruhe bewahren! Der Anfall endet in der Regel von selbst.
  • Nach dem Anfall: flache Seitwärtslagerung, um eine Aspiration zu vermeiden.
  • Wenn der Betroffene nach 15 Minuten noch ohne Bewusstsein ist oder sich verletzt hat: Arzt rufen.

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