Migräne und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) treten häufig gemeinsam auf, was die Frage nach einem möglichen Zusammenhang aufwirft. Stimulanzien wie Elvanse, die zur Behandlung von ADHS eingesetzt werden, können diesen Zusammenhang zusätzlich komplizieren. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Wechselwirkungen zwischen Elvanse und Migräne, die Rolle von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin sowie verschiedene Behandlungsansätze.
ADHS, Schmerzempfindlichkeit und Migräne: Eine Verbindung?
ADHS-Betroffene zeigen häufig eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Studien deuten darauf hin, dass hohe ADHS-Scores mit erhöhten Schmerzen korrelieren und Kinder mit ADHS ein erhöhtes Risiko für wöchentliche Schmerzen haben. Eine Studie ergab, dass Hyperaktivität/Impulsivität mit einem um 133 % erhöhten Risiko für häufige Schmerzen verbunden war, während Unaufmerksamkeit das Risiko um 17 % erhöhte.
Interessanterweise geht ADHS mit einem um 32 % erhöhten Migränerisiko einher, während das Risiko für Spannungskopfschmerzen unverändert bleibt. Umgekehrt haben Kinder mit Migräne ein 2,6-fach erhöhtes Risiko für ADHS. Diese Beobachtungen legen nahe, dass ADHS und Migräne möglicherweise gemeinsame pathophysiologische Mechanismen haben.
Der Einfluss von Stimulanzien auf den Blutzuckerspiegel und Kopfschmerzen
Stimulanzien wie Elvanse können den Glukoseverbrauch im Gehirn deutlich erhöhen, was zu einem Abfall des Blutzuckerspiegels führen kann. Ein niedriger Blutzuckerspiegel kann wiederum Kopfschmerzen auslösen oder verstärken. Es ist daher wichtig, vor der Einnahme von Stimulanzien auf eine ausreichende Nahrungszufuhr zu achten.
Sollten dennoch Kopfschmerzen auftreten, können schnell verdauliche Kohlenhydrate wie Traubenzucker, Bananen oder glukosehaltige Fruchtsäfte helfen, den Blutzuckerspiegel schnell wieder anzuheben und die Kopfschmerzen zu lindern. Es ist wichtig, frühzeitig zu handeln, da bei anhaltendem Glukosemangel ein Milchsäurestoffwechsel einsetzen kann, dessen Zwischenprodukte zu einem leichten Hirnödem führen können.
Lesen Sie auch: Elvanse und das Gehirn
Viele Kinder und Jugendliche, die Stimulanzien vor Schulbeginn einnehmen, berichten, dass sie bei nachlassender Konzentration sofort etwas essen. Ein ausreichender Blutzuckerspiegel ist auch wichtig, damit Methylphenidat (ein anderer häufig verwendeter Stimulanzienwirkstoff) gut wirken kann, da das Stirnhirn Glukose benötigt, um optimal zu funktionieren. Hyperaktive Kinder verbrauchen aufgrund ihres Bewegungsdranges ohnehin viel Glukose.
Mögliche Nebenwirkungen von Elvanse und Anpassung der Dosierung
Wie bei allen Medikamenten kann es auch bei der Einnahme von Elvanse zu Nebenwirkungen kommen, darunter auch Kopfschmerzen. Treten diese auf, sollte die Dosierung möglicherweise reduziert oder langsamer titriert werden. Oftmals stellt sich der Körper jedoch im Laufe der Behandlung auf die Dosis ein, sodass die Nebenwirkungen nachlassen.
Eine ausreichende Nahrungszufuhr vor der Tabletteneinnahme kann helfen, Nebenwirkungen weitgehend zu vermeiden. Allerdings ist das empfohlene Zeitintervall von einer Stunde zwischen Essen und Tabletteneinnahme im Schulalltag oft schwer einzuhalten.
Die Rolle von Dopamin und Noradrenalin
Sowohl ADHS als auch Migräne werden mit Störungen der Neurotransmitter-Systeme in Verbindung gebracht, insbesondere Dopamin und Noradrenalin.
Dopamin
- ADHS: Das Modell von Grace deutet auf eine verringerte tonische und erhöhte phasische Dopaminfeuerung bei ADHS hin. Studien haben gezeigt, dass eine Schädigung der Dopaminsynthese zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit führen kann.
- Schmerz: Schmerzhafte Reize verursachen eine Dopaminausschüttung im dorsolateralen Striatum, die mit der subjektiven Wahrnehmung der Schmerzintensität korreliert. Die Stimulation der Substantia nigra, einer der wichtigsten Dopaminquellen des Gehirns, kann schmerzlindernd wirken.
- Parkinson: Auch bei Parkinson, einer Erkrankung, die durch Dopaminmangel gekennzeichnet ist, leiden viele Betroffene an erhöhter Schmerzempfindlichkeit, die durch dopaminerge Medikamente verbessert werden kann.
Noradrenalin
- ADHS: Stimulanzien wirken noradrenerg und dopaminerg. Aufgrund ihrer noradrenergen Wirkung können Methylphenidat und Lisdexamfetamin (der Wirkstoff in Elvanse) zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen.
- Schmerz: Studien deuten auf eine Abnahme von Noradrenalin im Hinterhorn des Rückenmarks als Reaktion auf nozizeptive Reize hin. Eine übermäßige Noradrenalinsynthese in einem schmerzfreien Zustand könnte eine Überexpression von NET und eine Herunterregulierung des α2A-Rezeptors bewirken.
Behandlungsansätze bei ADHS und Migräne
Die Behandlung von ADHS und Migräne kann komplex sein, insbesondere wenn beide Erkrankungen gleichzeitig auftreten. Es gibt verschiedene Ansätze, die in Betracht gezogen werden können:
Lesen Sie auch: Epilepsie und Elvanse: Eine detaillierte Analyse
Medikamentöse Therapie
- Stimulanzien: Stimulanzien wie Elvanse können bei ADHS die innere Ruhe verbessern und die kognitiven Fähigkeiten fördern. Allerdings ist es wichtig, mögliche Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen zu berücksichtigen und die Dosierung gegebenenfalls anzupassen.
- Atomoxetin und Guanfacin: Diese Nicht-Stimulanzien können ebenfalls chronische Schmerzen bei ADHS-Betroffenen verringern.
- Triptane: Triptane sind eine Klasse von Medikamenten, die speziell zur Behandlung von Migräneanfällen eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Freisetzung von Nervenbotenstoffen blockieren, die eine Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns auslösen können. Triptane sollten jedoch nur nach einer ärztlichen Voruntersuchung eingenommen werden.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können auch Schmerzmittel wie NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) oder COX-2-Hemmer zur Linderung von Migräneschmerzen eingesetzt werden.
- Myotonolytika: Bei erhöhter Muskelspannung können Myotonolytika (muskelentspannende Medikamente) eingesetzt werden. Allerdings sind diese für eine langfristige Nutzung weniger geeignet und haben erhebliche Nebenwirkungen.
- Antidepressiva: Einige Antidepressiva, wie z.B. Amitriptylin, können bei der Migräneprophylaxe helfen. Allerdings sollten FIASMA (ASM-Hemmer) wie Amitriptylin möglicherweise vermieden werden, da sie das Risiko von Muskelverspannungen erhöhen könnten.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen können bei der Behandlung von Migräne hilfreich sein.
- Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion kann zur prophylaktischen Behandlung der episodischen Migräne eingesetzt werden.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Mahlzeiten können helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Kopfschmerzen vorzubeugen.
- Physiotherapie: Bei Muskelverspannungen kann Physiotherapie helfen, die Muskeln zu entspannen und die Körperhaltung zu verbessern.
- Naltrexon in niedriger Dosierung: Bei Fibromyalgie, die häufig mit einer stark erhöhten Muskelspannung verbunden ist, wird von einer hilfreichen Behandlung mit sehr niedrig dosiertem Naltrexon berichtet.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Triptanen
- Triptane sollten erst eingenommen werden, wenn die Kopfschmerzphase beginnt, dann aber so früh wie möglich.
- Während der Auraphase sollten Triptane nicht verabreicht werden.
- Triptane dürfen nicht in Verbindung mit Ergotaminen verabreicht werden.
- Bei Wiederkehrkopfschmerzen kann eine erneute Dosis des Triptans eingenommen werden.
- Die Einnahme von Triptanen sollte auf maximal 10 Tage pro Monat beschränkt werden.
- Bei häufigen Migräneattacken sollte ein langwirksames Triptan in Betracht gezogen werden.
Fazit
Der Zusammenhang zwischen Elvanse und Migräne ist komplex und vielschichtig. Stimulanzien können den Blutzuckerspiegel beeinflussen und Kopfschmerzen auslösen oder verstärken. Gleichzeitig können sie bei ADHS die innere Ruhe verbessern und die kognitiven Fähigkeiten fördern. Es ist wichtig, mögliche Nebenwirkungen zu berücksichtigen und die Dosierung gegebenenfalls anzupassen.
Die Behandlung von ADHS und Migräne erfordert einen individuellen Ansatz, der sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien umfasst. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient ist entscheidend, um die bestmögliche Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie