Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Epilepsie treten häufig gemeinsam auf, was möglicherweise auf gemeinsame Ursachen zurückzuführen ist. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Elvanse (Lisdexamfetamin), einem häufig zur Behandlung von ADHS eingesetzten Medikament, und Epilepsie. Dabei werden sowohl medizinische Aspekte als auch juristische Fallstricke betrachtet, die sich für Patienten ergeben können.
ADHS, Epilepsie und ihre Verbindungen
Sowohl ADHS als auch Epilepsie weisen eine relativ hohe Rate an Komorbidität auf und könnten ätiologische Gemeinsamkeiten haben. Studien zeigen, dass bei einem Teil der ADHS-Patienten epileptiforme EEG-Muster beobachtet werden. Es wird diskutiert, ob ADHS-Medikamente wie Methylphenidat die Krampfschwelle herabsetzen und somit Epilepsie auslösen oder verstärken können.
Mögliche Ursachen für die Assoziation
- Genetische Disposition: Eine gemeinsame genetische Veranlagung könnte beide Erkrankungen begünstigen.
- Epileptiforme EEG-Muster: Bei ADHS-Patienten werden häufiger epileptiforme EEG-Muster beobachtet.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika können ADHS-Symptome verstärken, wobei die meisten jedoch keine negativen Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen haben.
Es ist wichtig zu betonen, dass Aufmerksamkeitsprobleme oft schon vor der ersten Manifestation der Epilepsie auftreten, was gegen einen ursächlichen Einfluss der Antiepileptika spricht.
Elvanse (Lisdexamfetamin): Wirkung und Anwendung
Lisdexamfetamin ist ein Amphetamin-Derivat, das zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird. Es wirkt hauptsächlich auf die präsynaptische Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin. Im Gegensatz zu anderen Substanzen beeinflusst es nicht die Neurotransmitter GABA, Glutamin oder Asparaginsäure, die in der Pathophysiologie von Krampfanfällen eine entscheidende Rolle spielen. Auch die an der Epileptogenese beteiligten Kalzium- und Natriumkanäle werden von der Substanz nicht beeinflusst. Ein direkter Effekt des Psychostimulans erscheint also nicht wahrscheinlich.
Besonderheiten von Lisdexamfetamin
- Langandauernde Wirkung: Lisdexamfetamin wird erst im Körper zum eigentlichen Wirkstoff Dexamfetamin umgewandelt, was zu einer langandauernden Wirkung führt.
- Einmalige Gabe: Aufgrund der langen Wirkdauer ist eine einmalige Gabe pro Tag ausreichend.
Überwachung während der Behandlung
Während der Behandlung mit Elvanse müssen gesundheitliche Faktoren wie Appetit, Größe und Gewicht, Puls und Blutdruck sowie Anzeichen psychischer oder motorischer Probleme regelmäßig überwacht werden.
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Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Stimulanzien können mit einer Reihe von anderen Arzneistoffen wechselwirken. Aufgrund ihrer noradrenergen Wirkung können Methylphenidat und Lisdexamfetamin etwa zu Wechselwirkungen mit Antihypertensiva, Sympathomimetika, Sympatholytika und Antiglaukommitteln führen. Auch Monoaminoxidase(MAO)-Hemmer sollten bei der Einnahme aufgrund des Risikos einer hypertensiven Krise gemieden werden. Stimulanzien können auch die Wirkung von Antipsychotika abschwächen und die Krampfschwelle senken, woraus sich eine Interaktion mit Antiepileptika ergibt.
Elvanse und das Risiko von Krampfanfällen
Obwohl die Befürchtung besteht, dass Stimulanzien wie Methylphenidat die Krampfschwelle herabsetzen könnten, gibt es Hinweise darauf, dass dies nicht zwangsläufig der Fall ist. Studien haben gezeigt, dass Methylphenidat bei Kindern mit medikamentös kontrollierter Epilepsie eine sichere und wirksame Option zur Behandlung von ADHS darstellt. Weder scheint es Anfällen Vorschub zu leisten, noch das EEG der Patienten zu verschlechtern.
Forschungsergebnisse im Überblick
- Eine Studie an Kindern mit ADHS ohne Epilepsie zeigte, dass bei einigen Kindern mit epileptiformen EEG-Mustern unter Methylphenidat Krampfanfälle auftraten. Allerdings waren diese nicht zwangsläufig auf die Studienmedikation zurückzuführen.
- Mehrere Fallserien und andere Studien zeigten, dass Methylphenidat bei Kindern mit medikamentös kontrollierter Epilepsie eine sichere und wirksame Option der ADHS-Behandlung darstellt.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Studienlage hierzu noch nicht abschließend ist und weitere Forschung erforderlich ist.
Rechtliche Fallstricke und Patientenberichte
Die Einnahme von Elvanse kann für ADHS-Patienten im Straßenverkehr zu erheblichen rechtlichen Problemen führen, insbesondere wenn sie in Verkehrskontrollen geraten. Die folgenden Fallbeispiele illustrieren die Problematik:
Fall 1: Verkehrskontrolle und Fahrerlaubnisentzug
Eine Frau aus Nordrhein-Westfalen wurde während einer Verkehrskontrolle angehalten. Obwohl der Amphetamin-Wert im Blut dem zu erwartenden Spiegelbereich nach vorschriftsgemäßer Einnahme von Elvanse entsprach, wurde ihr die Fahrerlaubnis entzogen. Die Behörde wertete das Ergebnis ohne Bezugnahme auf den medizinischen Kontext als Hinweis auf "harte Drogen". Erst ein Eilantrag konnte den Sofortvollzug des Entzugs aufheben.
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Dieser Fall verdeutlicht eine paradoxe Situation: Eine Patientin in erfolgreicher ADHS-Therapie, die um Compliance bemüht ist, wird kriminalisiert und wie eine verantwortungslose Freizeitkonsumentin behandelt.
Fall 2: Positiver Drogentest und ADHS-Ausweis
Ein Patient, der aufgrund einer diagnostizierten ADHS das Medikament Elvanse einnimmt, wurde auf einem Firmengelände kontrolliert. Ein Drogenschnelltest ergab ein positives Ergebnis auf Amphetamin. Obwohl der Patient einen ADHS-Ausweis vorlegte, wurden Maßnahmen eingeleitet. Nur durch den Nachweis der rechtmäßigen Medikation konnten weitere prozessuale Konsequenzen verhindert werden.
Dieser Fall zeigt, dass ein ADHS-Ausweis allein nicht immer ausreicht, um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden.
Fall 3: Ausländische Fahrerlaubnis und "harte Drogen"
Zwei Schweizer Reisende wurden auf der A5 bei Rastatt kontrolliert. Der Fahrer, der sich in Behandlung mit Elvanse befand, wurde einer zwangsweisen Blutentnahme unterzogen. Obwohl die Laboruntersuchung Amphetamin im Blut nachwies, verhängte die Bußgeldstelle eine Geldbuße und ein Fahrverbot. Die Fahrerlaubnisbehörde erkannte zunächst das Recht ab, mit der ausländischen Fahrerlaubnis in Deutschland zu fahren, da der Wirkstoff unter die Kategorie "harte Drogen" falle. Erst nach Widerspruch und Vorlage ärztlicher Unterlagen wurde die Aberkennung aufgehoben.
Dieser Fall verdeutlicht, wie Behörden die medizinische Indikation einer ADHS-Therapie ignorieren und stattdessen starre Regelungen des illegalen Drogenkonsums anwenden können.
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Fall 4: Verkehrskontrolle aufgrund vorsichtiger Fahrweise
Ein Münchner ADHS-Patient geriet aufgrund seiner vorsichtigen Fahrweise bei Regen in eine Verkehrskontrolle. Obwohl er angab, Elvanse Adult verschrieben zu bekommen, wurde er zu einer zwangsweisen Blutentnahme auf die Wache gebracht. Ihm drohte der Verlust seiner beruflich benötigten Fahrerlaubnis.
Dieser Fall zeigt, dass selbst eine vorsichtige Fahrweise und die Offenlegung der Medikation nicht vor rechtlichen Konsequenzen schützen können.
Fall 5: Fehlender Nachweis der Verordnung
Ein Autofahrer in der Oberpfalz wurde kontrolliert. Eine Blutprobe ergab Spuren von Cannabis und Amphetamin. Obwohl er angab, die Substanz stamme aus der Einnahme von Elvanse Adult, konnte er nicht nachweisen, dass ihm das Präparat bereits am Tag der Kontrolle verordnet und ausgehändigt worden war. Das Verwaltungsgericht Regensburg bestätigte den Entzug der Fahrerlaubnis.
Dieser Fall unterstreicht die Bedeutung eines lückenlosen Nachweises der rechtmäßigen Medikation.
Fall 6: Unrechtmäßige Durchsuchung und Festnahme
Ein mit medizinischem Cannabis behandelter Patient wurde auf der A3 Richtung Köln von der Polizei angehalten. Die Beamten begründeten dies mit dem subjektiven Eindruck, dass dieser "zu schnell gefahren" sei. Es folgte eine aggressive körperliche Durchsuchung, die Beschlagnahmung der Medikamente und die Festnahme des Patienten. Das Verfahren wurde später eingestellt, die Medikamente jedoch vernichtet.
Dieser Fall verdeutlicht das Risiko unrechtmäßiger Eingriffe und die Belastung für Patienten, die sich korrekt verhalten.
Fall 7: Körperliche Durchsuchung am Bahnhof
Ein ADHS-Patient aus Siegen wurde am Siegener Hauptbahnhof körperlich durchsucht. Dabei wurde ärztlich verordnetes Methylphenidat gefunden. Dem Patienten wurde unterstellt, illegal im Besitz der Medikamente zu sein.
Dieser Fall zeigt, dass selbst der Besitz verschriebener Medikamente zu unbegründeten Verdächtigungen führen kann.
Empfehlungen für Patienten
Um rechtlichen Problemen vorzubeugen, sollten ADHS-Patienten, die Elvanse einnehmen, folgende Empfehlungen beachten:
- ADHS-Ausweis: Führen Sie einen ADHS-Ausweis mit sich, der die Diagnose und die Medikation bestätigt.
- Ärztliche Bescheinigung: Besorgen Sie sich eine aktuelle ärztliche Bescheinigung, die die Notwendigkeit der Medikation bestätigt.
- Medikationsplan: Führen Sie einen aktuellen Medikationsplan mit sich, der die Dosierung und Einnahmezeiten von Elvanse dokumentiert.
- Rechnungen/Apothekenbelege: Bewahren Sie Rechnungen und Apothekenbelege auf, um den rechtmäßigen Erwerb des Medikaments nachweisen zu können.
- Offene Kommunikation: Informieren Sie die Beamten bei einer Verkehrskontrolle offen und ehrlich über Ihre Medikation.
- Rechtlicher Beistand: Im Falle einer Eskalation sollten Sie umgehend rechtlichen Beistand in Anspruch nehmen.