Institut für gehirngerechtes Arbeiten: Definition, Methoden und Bedeutung

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten unser Verständnis des Gehirns erheblich erweitert. Diese Erkenntnisse sind von großem Wert, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen besser lernen und arbeiten können. Viele Trainer und Coaches berücksichtigen daher heute in ihren Angeboten, wie das menschliche Gehirn funktioniert und was es erfolgreich verarbeitet, um ihre pädagogisch-didaktischen Methoden "gehirngerecht" zu gestalten.

Die Pionierarbeit von Vera F. Birkenbihl

Vera Felicitas Birkenbihl war eine Schlüsselfigur in der Popularisierung des gehirngerechten Lernens und Arbeitens. Sie skizzierte fundiert die entscheidende Rolle des Gehirns für Kommunikation, Lehren, Lernen, Führung und Arbeit. Indem sie den Begriff „gehirngerechtes Lernen“ prägte, machte sie Experten und Fachkollegen bewusst, dass der menschliche Geist eigenen Gesetzen folgt, die kulturell nicht veränderbar sind.

Gründung des Instituts für gehirngerechtes Arbeiten

1973 gründete Vera F. Birkenbihl das "Institut für gehirngerechtes Arbeiten", das sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 leitete. Sie machte ihre Methoden und Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich und gilt als Vorläuferin der popularisierten Hirnforschung. Birkenbihl entwickelte ihre Themen und Stoffe selbst, legte Quellen offen und adaptierte klassische Erkenntnisse.

Birkenbihls Ansatz: Infotainment und Praxisnähe

Birkenbihl war bekannt für ihre oft mehrstündigen Vorlesungen, in denen sie ihr Publikum aktiv einbezog und somit lebte, was sie lehrte. Ihre humorvolle Art und die Verwendung von Witzen, Geschichten und Metaphern zur Veranschaulichung von Kommunikationsmodellen und Sprachmustern trugen maßgeblich zu ihrem Erfolg bei. Sie nutzte gerne Witze, Geschichten und Metaphern in ihren Vorträgen. Anhand von Witzen verdeutlichte sie Kommunikationsmodelle und Sprachmuster.

Das menschliche Gehirn: Eine komplexe Maschine

Das menschliche Gehirn ist eine beeindruckend komplexe Maschine, bestehend aus etwa hundert Milliarden Neuronen und Billionen von Synapsen. Aus diesem System entstehen Wahrnehmung, Verhalten und Denken. Gehirne sind Produkte der Evolution und lösen spezialisierte Probleme wie Nahrungssuche, Gefahrenerkennung, Verwandtenerkennung, Lernen aus Erfahrungen, Zukunftsvorhersage, Kommunikation und Wissensweitergabe.

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Interdisziplinäre Neurowissenschaft

Die moderne Neurowissenschaft ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Wissenschaftler aus den Bereichen Molekularbiologie, Biochemie, Genetik, Elektrophysiologie, Verhaltensforschung, Psychologie, Physik, Informatik, Ingenieurwesen und Mathematik vereint. Das Verständnis des Gehirns erfordert sowohl reduktionistische als auch synthetische Ansätze.

Bedeutung für die Medizin

Das Verständnis des Gehirns ist auch für die Medizin von großer Bedeutung, da psychiatrische und neurologische Erkrankungen zu den Hauptursachen für Behinderungen und Krankheiten gehören. Erkenntnisse über Mechanismen der neuronalen Entwicklung, synaptische Plastizität oder Hirndynamik sind grundlegend für die angewandte neurologische Forschung.

Forschung am Max-Planck-Institut für Hirnforschung

Das Max-Planck-Institut für Hirnforschung konzentriert sich auf die Funktionsweise von Schaltkreisen im Gehirn. Die Forschung umfasst intrazelluläre Proteinnetzwerke in den Synapsen und neuronale Netzwerke, die Eingangsreize in adaptive Ausgangssignale umwandeln. Ziel ist ein mechanistisches Verständnis der Komponenten dieser Netzwerke, der zugrundeliegenden Schaltkreise, der Berechnungsregeln und ihrer Rolle bei der Steuerung von Wahrnehmung und Verhalten.

Interdisziplinäre Forschungsumgebung

Das Institut bietet eine interdisziplinäre Umgebung für die Graduierten- und Postgraduiertenausbildung, in der Studierende Expertise in verschiedenen Bereichen erlangen und grundlegende Kenntnisse in anderen Bereichen erwerben können. Interaktionen zwischen Laboren, Fakultäten und Wissenschaftlern sind die Norm, und die Wissenschaft ist generell multidisziplinär.

Gehirngerechte Methoden nach Birkenbihl

Birkenbihl entwickelte zahlreiche Lern- und Arbeitsmethoden, die auf den Erkenntnissen der Hirnforschung basieren. Einige der bekanntesten Methoden sind:

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  1. Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen: Diese Methode basiert darauf, die gewünschte Sprache im Alltag anzuwenden. Anstatt Vokabeln zu pauken, empfahl Birkenbihl, Bücher in der Originalsprache zu lesen und akustische Sprachaufnahmen nebenbei laufen zu lassen. Lernende schreiben zunächst einen fremdsprachigen Text, darunter die wörtliche Übersetzung in der Muttersprache. Während die Lernenden den Text in der Herkunftssprache lauschen, folgen sie den jeweiligen Worten und erfassen die Bedeutung der Wörter intuitiv. Motivation gehört zum Erlernen einer Fremdsprache. Dank der Birkenbihl-Methode hast du Spaß am Lernen der Sprache und kannst lernen, wann und wo immer du willst. du kannst deine Fortschritte beobachten und dich über deine Verbesserungen informieren. Tipp: Mit dem aktiven Zuhören, beginnst du die Sprache zu verstehen. Du kannst eine Übung so oft wiederholen, bis du den Text vollständig verstanden hat. Passives Zuhören zum Beispiel bei Routine-Aufgaben, ermöglichen dir, die fremde Sprach unbewusst zu lernen. Das kostet nicht einmal Zeit.
  2. Die ABC-Methode: Bei dieser Methode wird zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Begriff zu einem bestimmten Thema notiert. Dies dient dazu, den Wissensstand zu einem Thema zu erfassen und zu erweitern. Dazu nimmst du ein Blatt Papier und schreibst das ABC in Großbuchstaben von oben nach unten an den linken Rand. In jeder Zeile steht nun ein Buchstabe. Zu jedem Buchstabe schreibst du jetzt einen Begriff, der zum vorgegebenen Thema passt. Am Ende besitzt du eine umfangreiche Liste mit Fachbegriffen, die zum gewählten Thema passen. Natürlich kannst du von einem Thema mehrere Listen anlegen. Richtig interessant wird die Methode, wenn du sie regelmäßig wiederholst.
  3. Die KAWA-Methode (Kreative Ausbeute von Wort-Assoziationen): Diese Methode ähnelt Mindmaps und dient dazu, das Unterbewusstsein anzuzapfen, Assoziationen zu finden und zu strukturieren. Ganz einfach, nimm ein Blatt Papier und schreibe ein Thema in die Mitte. Denn KAWA ist ein Wortbild, mit dem du Wissen und neue Ideen verknüpfen kannst. Sei entspannt, lasse die Gedanken kreisen und schreibe alles auf, was dir zu jedem Buchstaben des Themas in den Sinn kommt. Beginne mit einem Buchstaben, der in der Mitte steht. Wenn du mit dieser Methode vertraut bist, wirst du feststellen, dass sie viel Spaß macht. Tipp: Kreatives Schummeln ist erlaubt. Denke auch an Phrasen oder Wörter in anderen Sprachen.
  4. Das Denk-Roulette: Mit dieser Methode können Gruppen bessere Entscheidungen treffen. Zuerst wird eine größere Gruppe Teilnehmer in Paare aufgeteilt. Die Spieler im inneren Kreis blicken nach außen, während die Teilnehmer des äußeren Kreises nach innen blicken und somit ein Paar bilden. Ziel des Karussells ist es, Ideen, Assoziationen oder Feedbacks von den jeweiligen Spielpartnern zu erhalten. Nach einem akustischen Startzeichen schildern die Personen im inneren Kreis ihren Partnern im äußeren Kreis ihr Problem. Diese äußern ganz spontan Ideen, Lösungsansätze, Assoziationen oder einzelne Stichworte. Ein wesentlicher Einfluss auf die Lösung hat die Fragestellung. Deshalb sollte das Problem möglichst stimulierend sein und nicht in einer Sackgasse enden. Dadurch, dass die Mitspieler in kurzer Zeit Assoziationen liefern müssen, entstehen spontane Lösungsansätze.
  5. Zeichnen lernen nach Birkenbihl: Beim Zeichen von Gegenständen besteht das Hauptproblem darin, unsere 3D-Welt auf zwei Dimensionen zu reduzieren und in richtiger Perspektive abzubilden. Nach der Birkenbihl-Methode lernst du das Zeichnen ohne Vorkenntnisse durch das Sehen und Nachzeichnen von Linien. Richtig Zeichnen wird durch Gehirn-gerechtes Denken zu Routine. Die Methoden der Querdenkerin befreien uns von falschen Vorstellungen und Sehgewohnheiten. Tipp: Um das Zeichnen nach der Birkenbihl-Methode zu erlernen, benötigst du keine Vorkenntnisse.
  6. 115 Ideen für ein besseres Leben: In diesem Buch fasste Birkenbihl ihre in der Praxis erprobten Methoden und Tipps für ein besseres Leben zusammen. Sie beschäftigte sich hauptsächlich mit Fragen zur Kommunikation, zum Selbstbewusstsein und zur beruflichen Karriere.
  7. Birkenbihls Denkwerkzeuge: In diesem Buch präsentierte Birkenbihl ihre Erfahrungen und zeigte, wie ihre analoge Graffiti-Methode dazu geeignet ist, mit den eigenen Gedanken auf spannende Entdeckungsreisen zu gehen.

Weitere Techniken

Weiterhin entwickelte Vera F. Birkenbihl viele andere unterschiedliche Techniken. Sie stellte komplizierte Theorien in pointierter Form dar, komprimierte bibliotheksumfassendes Wissen und schmückte es mit Witz und gelegentlich auch Provokation: Neben der ABC-Methode, der KAGA- und KAWA-Methode und dem Wissensnetz tragen ihre Methoden Namen wie die Kügeli, den Lernberg, das Inselmodell, den Mückenschwarm. Durch ihre Denk-Techniken zeigte sie auf, wie man die Ausbeute der vorhandenen Wissens-Fäden erheblich erhöhen kann, sein Fachwissen methodisch vermehrt und eine sprudelnde Quelle der Informationen wird.

Kerngedanken von Vera F. Birkenbihl

Zu den Kerngedanken von Vera F. Birkenbihl gehören:

  • Angewandtes Wissen: Wissen sollte nicht nur passiv memoriert, sondern aktiv angewendet werden.
  • Wissen wächst stetig und lebenslang: Intelligenz und Kreativität können durch kontinuierliches Lernen gesteigert werden.
  • Schule ohne Noten: Birkenbihl plädierte für eine Schule ohne Noten, in der Wissen nach Talenten und Neigungen vermittelt wird.

Parallelen zu Maria Montessori

Obwohl Vera F. Birkenbihl und Maria Montessori unterschiedlichen pädagogischen Strömungen angehören, gibt es Parallelen in ihren Ansätzen. Beide lehnen reines Auswendiglernen ab und betonen die Bedeutung von selbstentdeckendem, sinnlich erfahrbarem Lernen. Sie sehen Fehler als Lernchance und betonen die Bedeutung der freien Wahl der Lernmaterialien und -themen.

Gehirngerechtes Arbeiten im Unternehmen

Unternehmen funktionieren ähnlich wie menschliche Gehirne. Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie lernfähig und flexibel bleiben, durch Versuch und Irrtum lernen und Erfahrungen sammeln. Um schnell und umsichtig auf neue Herausforderungen reagieren zu können, muss die Zusammenarbeit von rechter und linker Gehirnhälfte und zwischen „oben“ und „unten“ funktionieren.

Herausforderungen für Führungskräfte

Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter immer wieder neu herausfordern, das Know-how im Unternehmen vernetzen, Kreativität fördern und eine positive Fehlerkultur schaffen. Es gilt die innere Organisation durch flache, stark vernetzte Strukturen immer wieder neu daran anzupassen. Denn genauso arbeitet das Gehirn, das in seiner Plastizität schier unendliche Möglichkeiten zeigt und dadurch lebenslang formbar bleibt.

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Fokussierung und Konzentration

In einer ablenkungsreichen Welt ist es wichtig, fokussiert zu bleiben. Statt zu versuchen, acht Stunden am Stück konzentriert zu bleiben, sollten wir bewusst Phasen tiefer Konzentration mit Erholungsphasen abwechseln. Unternehmen sollten Zeitfenster für konzentriertes Arbeiten ohne Meetings und Unterbrechungen etablieren. Führungskräfte müssen lernen, die Bedeutung von Konzentrationsphasen zu verstehen und vorzuleben. Strukturelle Veränderungen: Unternehmen sollten Zeitfenster für konzentriertes Arbeiten ohne Meetings und Unterbrechungen etablieren. Führungskultur: Führungskräfte müssen lernen, die Bedeutung von Konzentrationsphasen zu verstehen und vorzuleben. Die ständige Ablenkung und der Druck, permanent produktiv sein zu müssen, sind wesentliche Faktoren für psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Unternehmen bereits, diese Belastungen zu erfassen und zu reduzieren. Eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen kann dabei helfen, systematisch zu erfassen, wo Mitarbeitende durch Arbeitsorganisation, Unterbrechungen und fehlende Konzentrationsmöglichkeiten belastet werden. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaft zeigen: Es geht nicht darum, dass Menschen sich mehr anstrengen müssen. Vielmehr müssen wir Arbeitsbedingungen schaffen, die der Funktionsweise unseres Gehirns entsprechen. Timeboxing: Planen Sie bewusst 60-90-minütige Konzentrationsphasen ein, gefolgt von echten Pausen. Smartphone-freie Zonen: Schaffen Sie physische oder zeitliche Bereiche, in denen das Smartphone keinen Platz hat. Aufgabenklarheit: Brechen Sie große Projekte in kleinere, klar definierte Aufgaben herunter. Kommunikationsregeln: Etablieren Sie im Team klare Regeln, wann sofortige Antworten erwartet werden und wann Verzögerungen akzeptabel sind. Analyse bestehender Strukturen: Wie viele Meetings gibt es wirklich? Wie oft werden Mitarbeitende unterbrochen? Welche technischen Tools fördern oder behindern Konzentration? Darauf aufbauend gezielte Interventionen entwickeln: von der Umgestaltung von Büroräumen über die Einführung neuer Kommunikationsregeln bis hin zu Schulungen für Führungskräfte und Mitarbeitende.

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