Geschlechterunterschiede im Gehirn: Mythos oder Realität?

Die Frage, ob es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gibt, ist ein viel diskutiertes Thema in der Hirnforschung und der Gesellschaft. Während es unbestreitbar körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt - Männer sind im Durchschnitt größer und schwerer - ist die Frage, ob diese Unterschiede auch in der Funktionsweise des Gehirns widergespiegelt werden, komplexer.

Anatomische Unterschiede: Volumen und graue Substanz

Studien haben gezeigt, dass es tatsächlich einige anatomische Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen gibt. Eine Studie aus dem Jahr 2020, die Hirnscans von fast 1.000 Männern und Frauen untersuchte, fand heraus, dass Frauen tendenziell mehr graue Hirnsubstanz in bestimmten Regionen haben, insbesondere im Stirnbereich (präfrontaler Cortex) sowie im Scheitel- und Schläfenhirn. Diese Regionen sind wichtig für die Kontrolle von Aufgaben und Impulsen sowie für die Verarbeitung von Konflikten. Männer hingegen weisen im Durchschnitt ein größeres Volumen in hinteren und seitlichen Bereichen des Cortex auf, die für die Erkennung und Verarbeitung von Objekten und Gesichtern verantwortlich sind.

Es ist auch bekannt, dass Männer im Durchschnitt größere Gehirne haben als Frauen. Dieser Größenunterschied beträgt im Erwachsenenalter etwa elf Prozent und erklärt einige Befunde, von denen man glaubte, sie seien geschlechtsspezifisch. Zum Beispiel haben größere Gehirne proportional mehr weiße Substanz und sind eher innerhalb der Gehirnhälften vernetzt.

Eine aktuelle Studie des Autism Research Centre der Universität Cambridge analysierte MRT-Gehirnscans von über 500 Neugeborenen und stellte fest, dass männliche Säuglinge im Durchschnitt ein signifikant größeres Gehirnvolumen aufwiesen als weibliche, selbst nach Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden beim Geburtsgewicht. Weibliche Babys wiesen durchschnittlich größere Volumen in jenen Bereichen der grauen Substanz auf, die mit Gedächtnis und emotionaler Regulation in Verbindung stehen, während männliche Neugeborene im Mittel mehr Volumen in den Regionen der grauen Substanz zeigten, die an sensorischer Verarbeitung und motorischer Steuerung beteiligt sind.

Funktionelle Unterschiede: Netzwerke und Verbindungen

Neben den anatomischen Unterschieden gibt es auch Hinweise auf funktionelle Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und des Forschungszentrums Jülich untersuchte, ob Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns auf Unterschiede in der Gehirngröße, der Mikrostruktur und dem Abstand der funktionellen Verbindungen entlang der kortikalen Oberfläche zurückzuführen sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns eher kleine Unterschiede in den Netzwerken und den Verbindungen dazwischen widerspiegeln.

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Es gibt auch Hinweise darauf, dass Männer im Durchschnitt eine bessere räumliche Vorstellungskraft haben und besser in Mathematik sind, während Frauen als sprachlich stärker gelten. Allerdings ist unklar, inwieweit diese Unterschiede auf biologische Faktoren oder auf soziale und kulturelle Einflüsse zurückzuführen sind.

Hormone: Testosteron und Östrogen

Hormone spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Funktion des Gehirns. Männer haben ein Chromosom, das Frauen nicht haben: das Y-Chromosom. Dieses Chromosom sorgt für die typische männliche Testosteron-Produktion, die für die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich ist und auch dafür sorgt, dass die anderen Körpermerkmale "männliche Züge" bekommen: Muskelmasse, Wuchs und Skelettbau. Schon während der Schwangerschaft, etwa ab der zehnten Woche, wirkt das Testosteron auf den männlichen Fötus ein.

Eine Studie der Universität Montreal zeigte, dass je höher der Testosteronspiegel der Probanden war, umso stärker diese beiden Areale in ihrem Gehirn verknüpft waren. Frauen haben im Schnitt einen niedrigeren Testosteronlevel, sie zeigten daher eine schwächere Verknüpfung von Gefühls- und Kontrollzentrum - und reagierten stärker auf negative Reize. Das könnte möglicherweise erklären, so schlossen die Forscher, weshalb Frauen beispielsweise doppelt so häufig an Depressionen und Angststörungen leiden wie Männer.

Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass auch Frauen Testosteron produzieren, wenn auch in geringeren Mengen als Männer. Zudem produzieren beide Geschlechter sowohl männertypische Hormone wie Testosteron als auch frauentypische wie Östrogen und Progesteron - allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen. Der Hormonspiegel beeinflusst Eigenschaften, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise die Extraversion oder auch die mütterliche Fürsorge.

Studien zeigen, dass die Hormonflut während einer Schwangerschaft das Gehirn in bestimmten Bereichen regelrecht umgestaltet. Mehr noch: Auch die subtileren hormonellen Schwankungen im Monatsrhythmus der Menstruation verändern regelmäßig die Hirnstruktur.

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Nature vs. Nurture: Angeboren oder anerzogen?

Die Frage, ob Geschlechterunterschiede im Gehirn angeboren oder anerzogen sind, ist ein zentraler Punkt in der Debatte. Die "Nature-oder-Nurture-Debatte" wurde im 20. Jahrhundert mit Hingabe geführt. Inzwischen zeigt sich: Wahrscheinlich sind nicht nur die genetischen Anlagen verantwortlich und auch nicht nur die Umwelt. Die Wahrheit liegt offenbar dazwischen.

Einige Forscher argumentieren, dass die Unterschiede teilweise auf biologische Faktoren während der pränatalen Gehirnentwicklung zurückzuführen sein könnten. Andere betonen die Rolle von sozialen und kulturellen Einflüssen, die dazu führen können, dass sich die Gehirne von Männern und Frauen unterschiedlich entwickeln.

Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht das Gehirn mit einem Orchester: Diese Hirn-Orchester wären bei Männern und Frauen mit den gleichen Instrumenten besetzt. Das bedeutet auch: Schon von Anfang an machen Jungs eine etwas andere Musik.

Die grundlegende Erkenntnis kommt aus der modernen Hirnforschung: Das Gehirn bildet sich immer so aus, wie man es benutzt und wie es gebraucht wird. Unser digitales Zeitalter, in dem der Mensch fliegt, Auto fährt und im Internet surft, hinterlässt also auch in unserem Gehirn seine Spuren.

Schon als Babys begeistern sich Jungs für andere Dinge als Mädchen. Wer zum Beispiel gerne Tennis spielt, mit Tieren umgeht oder sich an fremden Sprachen erfreut, wird dies in der Regel öfter tun. Und so werden die Nervenbahnen, die im Gehirn aktiviert werden, ähnlich einem Muskel bei zunehmendem Gebrauch ständig gestärkt. Das bedeutet: Wenn sich ein Gehirn auf eine bestimmte Weise entwickelt, ist nicht die Umwelt verantwortlich, sondern die eigene Begeisterung.

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Die Plastizität des Gehirns: Eine lebenslange Baustelle

Die Hirnforschung konnte zeigen, dass unser Gehirn eine lebenslange Baustelle ist. Das Gehirn vernetzt sich, es denkt und arbeitet so, wie es benutzt wird. "Es ist wie beim Hausbau", sagt Gerald Hüther: Jungen und Mädchen haben sozusagen ein unterschiedlich strukturiertes Fundament, obwohl die gleichen Materialien verwendet wurden. Für den weiteren Aus- und Anbau des Hauses liegen also unterschiedliche Voraussetzungen vor. Die Hormone beeinflussen in diesem Bild das Fundament des Hauses. Die Umwelt, in die wir hineingeboren werden, beeinflusst dagegen den weiteren Ausbau.

Allerdings kommen aus der Umwelt so viele Informationen, dass es unmöglich ist, sie alle zu verwenden. Wir müssen uns also etwas davon aussuchen. Und so wählen wir natürlich das, was uns wichtig und bedeutend erscheint.

Neurosexismus: Eine Gefahr in der Forschung

Es ist wichtig, bei der Interpretation von Forschungsergebnissen zu Geschlechterunterschieden im Gehirn vorsichtig zu sein und den Begriff "Neurosexismus" zu vermeiden. Neurosexismus liegt vor, wenn Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen als Erklärung für die Unterlegenheit von Frauen angeführt werden. Dies kann dazu führen, dass schon bestehende Statusunterschiede zwischen Männern und Frauen untermauert werden.

Die Individualität des Gehirns: Ein Mosaik aus Merkmalen

Neurowissenschaftlerin Lise Eliot argumentiert, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gibt. Sie betont, dass sich das Gehirn an den sich verändernden Körper anpasst, unabhängig vom Geschlecht. Sie verweist auf Studien an Transpersonen, die zeigen, dass sich das Gehirn im Rahmen einer Geschlechtsangleichung an den neuen Körper anpasst.

Auch Daphna Joel betont, dass Gehirne aus einzigartigen »Mosaiken« von Merkmalen bestehen. Manche Merkmale kommen häufiger bei Frauen vor als bei Männern, andere bei Männern häufiger als bei Frauen, und wieder andere kommen sowohl bei Frauen als auch bei Männern vor.

Susanne Weis vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-7) betont, dass jedes Gehirn ein einzigartiges Mosaik aus männlichen, weiblichen und uneindeutigen Arealen ist. Sie warnt davor, in die Falle der selektiven Wahrnehmung zu tappen und Stereotypen zu verstärken.

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