In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung erfreulicherweise stetig erhöht. Diese Entwicklung führt jedoch auch zu einer Zunahme von altersbedingten Erkrankungen, insbesondere Demenz, in dieser Bevölkerungsgruppe. Die Auseinandersetzung mit Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung wirft spezifische Fragen auf: Wie äußert sich Demenz im Alltag dieser Menschen? Wie gehen Betreuungseinrichtungen mit dieser zusätzlichen Diagnose um? Welche diagnostischen Ansätze sind geeignet? Und ist Demenz überhaupt eine geistige Behinderung? Dieser Artikel beleuchtet diese und weitere Aspekte umfassend.
Demenz: Mehr als nur Vergesslichkeit
Der Begriff "Demenz" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich "Weg vom Geist" bzw. "ohne Geist". Er beschreibt den fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten, der weit über normale Vergesslichkeit hinausgeht. Während es normal ist, gelegentlich Schlüssel zu verlegen oder einen Namen zu vergessen, beeinträchtigt Demenz das Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, die Orientierung, die Sprache sowie das Denk- und Urteilsvermögen. Betroffene haben zunehmend Schwierigkeiten, sich in ihrem Alltag zurechtzufinden, vertraute Tätigkeiten auszuüben und für sich selbst zu sorgen. Es ist wichtig zu beachten, dass "Demenz" und "Alzheimer" nicht dasselbe sind. Demenz ist ein Überbegriff für ein Muster von Symptomen, das verschiedene Ursachen haben kann, wobei die Alzheimer-Krankheit die häufigste Ursache darstellt.
Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung: Besondere Herausforderungen
Menschen mit geistiger Behinderung sind häufiger und in jüngerem Alter von Demenz betroffen als die Gesamtbevölkerung. So entwickeln Menschen mit Down-Syndrom beispielsweise im Schnitt 20 bis 30 Jahre früher demenzielle Symptome. Nach dem 60. Lebensjahr zeigen etwa 60 bis 75 % von ihnen solche Symptome. Diese höhere Prävalenz und das frühere Auftreten stellen besondere Herausforderungen an die Diagnostik und Betreuung.
Diagnostische Schwierigkeiten
Die Diagnose von Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung kann komplex sein, da die bereits bestehenden kognitiven Einschränkungen die Erkennung demenzieller Veränderungen erschweren. Es ist wichtig, eine Demenz von anderen möglichen Ursachen für kognitive Veränderungen abzugrenzen, wie z.B. somatischen Erkrankungen, Hypothyreose, Hörverlust, Mangelerscheinungen oder Medikamentennebenwirkungen. Zu den besten Informationsquellen gehören in diesem Zusammenhang die Betreuer oder Angehörigen, die den Patienten oft über Jahrzehnte kennen und kognitive Veränderungen meist zuerst bemerken. Mittlerweile existieren auch spezielle Screeninginstrumente für geistig behinderte Menschen mit Verdacht auf Demenz.
Besondere Symptomatik
Die Demenz-Symptomatik kann sich bei Menschen mit geistiger Behinderung anders äußern als bei Menschen ohne geistige Behinderung. Dies ist bedingt durch die bereits bestehende geringere geistige Leistungsfähigkeit. Daher ist es wichtig, die individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen des Betroffenen genau zu kennen, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
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Umgang und Betreuung von Menschen mit Demenz und geistiger Behinderung
Der Umgang mit Menschen mit Demenz und geistiger Behinderung stellt Angehörige und Betreuer vor besondere Herausforderungen. Es ist wichtig, die Lebensumstände so weit wie möglich an die Bedürfnisse des Betroffenen anzupassen und eine Umgebung zu schaffen, die Sicherheit und Orientierung bietet.
Pädagogische Methoden und Beziehungsgestaltung
Die Erhöhung der Lebensqualität und das Wohlbefinden alter oder dementiell veränderter Menschen mit geistiger Behinderung ist das gemeinsame Ziel aller Personen, die diese Menschen begleiten und mit ihnen leben. Pädagogische Methoden, die den Fokus auf den "Augenblick" legen, können hilfreich sein, um den Betroffenen zu unterstützen und ihnen positive Erlebnisse zu ermöglichen. Eine wertschätzende und beziehungsorientierte Betreuung ist dabei von zentraler Bedeutung.
Angebote und Hilfsmittel
Es gibt verschiedene Angebote und Hilfsmittel, die speziell für Menschen mit Demenz und geistiger Behinderung entwickelt wurden. Dazu gehören z.B. spezielle Beschäftigungsangebote wie Museumsbesuche, Spiele, Musik und Tanz, die auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Betroffenen zugeschnitten sind. Auch Anpassungen der Wohnsituation können dazu beitragen, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.
Fortbildungen und Beratungsangebote
Um eine angemessene Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz und geistiger Behinderung zu gewährleisten, sind Fortbildungen und Beratungsangebote für Angehörige und Betreuer unerlässlich. Diese vermitteln Wissen über Demenz, den Umgang mit den Betroffenen und bieten praktische Anregungen für die Gestaltung des Alltags.
Rechtliche Aspekte und finanzielle Hilfen
Menschen mit Demenz haben Anspruch auf verschiedene Leistungen und Hilfen, die ihre Lebensqualität verbessern und die Angehörigen entlasten sollen.
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Grad der Behinderung (GdB) und Schwerbehindertenausweis
Bei Demenz kann ein Grad der Behinderung (GdB) beim Versorgungsamt oder beim Amt für soziale Angelegenheiten beantragt werden. Der GdB wird anhand der Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten und der Einschränkungen der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft festgestellt. Bei einer schweren Demenz wird in der Regel ein GdB von 100 angenommen und das Merkzeichen "H" (Hilflosigkeit) in den Schwerbehindertenausweis eingetragen.
Vorteile und Leistungen mit Schwerbehindertenausweis
Ein Schwerbehindertenausweis mit dem entsprechenden GdB und den Merkzeichen ermöglicht den Zugang zu verschiedenen Leistungen und Vergünstigungen, wie z.B.:
- Steuerfreibeträge
- Ermäßigung oder Befreiung von der Kfz-Steuer
- Vergünstigungen im öffentlichen Nahverkehr
- Parkerleichterungen
- Befreiung oder Ermäßigung von Rundfunkbeiträgen
- Vergünstigte Eintritte in Museen, Theater oder bei Konzerten
- Vergünstigte Mitgliedsbeiträge in Vereinen
Pflegegrad
Neben dem GdB kann bei Demenz auch ein Pflegegrad beantragt werden. Der Pflegegrad richtet sich nach dem Grad der Selbstständigkeit des Betroffenen und entscheidet über die Höhe der Leistungen der Pflegeversicherung.
Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)
Die EUTB berät Menschen mit (drohenden) Behinderungen und deren Angehörige zu allen Fragen der Rehabilitation und Teilhabe.
Medizinische Rehabilitation
Insbesondere im frühen und mittleren Stadium profitieren auch Menschen mit Demenz von Reha-Maßnahmen. Auch für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz kann eine Rehabilitation sinnvoll sein.
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