Der Nervus trigeminus, auch Drillingsnerv genannt, ist ein bedeutender Hirnnerv, der eine zentrale Rolle bei der sensorischen Versorgung des Gesichts und der motorischen Funktion der Kaumuskulatur spielt. Eine Trigeminusparese, also eine Lähmung dieses Nervs, kann erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Betroffenen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Therapiemöglichkeiten dieser Erkrankung.
Einführung in den Nervus trigeminus
Der Nervus trigeminus entspringt direkt dem Hirnstamm und ist für die sensible Wahrnehmung im Gesichtsbereich sowie für die Innervation der Kaumuskulatur verantwortlich. Er teilt sich in drei Hauptäste auf: den Augenast (N. ophthalmicus), den Oberkieferast (N. maxillaris) und den Unterkieferast (N. mandibularis). Diese Äste versorgen unterschiedliche Bereiche des Gesichts mit sensorischen Informationen und ermöglichen die Steuerung der Kaumuskulatur.
Ursachen einer Trigeminusparese
Es gibt vielfältige Ursachen, die zu einer Trigeminusparese führen können. Grundsätzlich wird zwischen zentralen und peripheren Läsionen unterschieden.
Zentrale Läsionen
Da der Trigeminusnerv zu den Hirnnerven gehört, hat er seinen Ursprung im Hirnstamm. Er geht hier von sogenannten Hirnnervenkernen aus, die für die verschiedenen Funktionen des Nervens, wie Sensibilität oder Motorik, zuständig sind. Zentrale Läsionen betreffen den Ursprungskern des Nervs im Hirnstamm. Ursachen hierfür können sein:
- Entzündungen
- Raumforderungen (Tumore)
- Druckerhöhung im Gehirn
- Verletzungen des Hirnstamms (z.B. durch Unfälle)
- Hirnstammischämien
- Multiple Sklerose
- Syringobulbie
- Blutungen
- Enzephalitis
Kommt es zum Ausfall einer dieser Kerne durch eine Verletzung oder durch die Verdrängung zum Beispiel durch einen Tumor, kann es zu spezifischen Ausfällen kommen. Je nach Ausmaß der Schädigung können die komplette Sensibilität sowie die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung ausfallen.
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Periphere Läsionen
Die peripheren Verletzungen des Trigeminusnerven und seiner Äste ist jedoch weit häufiger. Periphere Läsionen betreffen den Nervenverlauf außerhalb des Hirnstamms. Mögliche Ursachen sind:
- Verletzungen des Nervs infolge eines Unfalls
- Entzündungen des Nervs oder der Nervenscheide
- Raumforderungen oder Tumore der Nervenscheide (z.B. Neurinom)
- Druck auf den Nerv durch umliegendes Gewebe
- Herpes Zoster Infektionen
- Zahnärztliche Behandlungen (z.B. Schädigung des N. mentalis)
- HNO-Tumoren
- Metastasen
- Lepra (weltweit die häufigste Ursache)
Da der Nerv sich in seinem Verlauf in drei große Hauptäste aufteilt, können diese Nervenäste bei einem Unfall schneller verletzt werden und rufen dann eine Störung der Sensibilität in nur einem bestimmten Bereich des Gesichts hervor.
Weitere Ursachen
Neben den genannten Ursachen können auch folgende Faktoren eine Rolle spielen:
- Autoimmunerkrankungen
- Angeborene Fehlbildungen
- Infektionen durch Viren oder Bakterien (z.B. Borreliose, reaktiviertes Windpocken-Virus)
- Psychische Faktoren wie Stress
- Umgebungsfaktoren wie Zugluft
Symptome einer Trigeminusparese
Die Symptome einer Trigeminusparese sind vielfältig und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Nervenschädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Sensibilitätsstörungen: Ausfälle der Sensibilität im Gesicht, Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schmerzen. Ist nur ein Ast des Nervens betroffen, kommt es zum Beispiel nur zu Sensibilitätsausfällen im Bereich der Stirn oder des Unterkiefers. Liegt hingegen eine zentrale Verletzung des Nerven oder seiner Kerne vor, ist das Muster der Ausfälle anders als bei einer peripheren Verletzung.
- Motorische Ausfälle: Schwäche oder Lähmung der Kaumuskulatur. Ist die Parese nur auf einer Seite vorhanden, kann die Wangenmuskulatur dadurch im Vergleich zur gesunden Seite etwas nach unten hängen. Bei Mundöffnung kann es durch das Überwiegen der Pterygoidei der Gegenseite zu einer Abweichung des Unterkiefers zur gelähmten Seite kommen.
- Schmerzen: In manchen Fällen kann es nach einer Verletzung des Trigeminusnerven oder seiner Äste zu einer Trigeminusneuralgie kommen, also einem starken Nervenschmerz.
- Beeinträchtigung des Kornealreflexes: Da die Afferenzen des Kornealreflexes über den N. trigeminus laufen, kann es bei einer zentralen Trigeminusläsion oder einer Läsion des N. ophthalmicus zu einer Abschwächung des ipsilateralen Kornealreflexes kommen.
- Trockene Augen: Ein unzureichender Lidschluss kann zu trockenen Augen führen.
Diagnose einer Trigeminusparese
Da eine Trigeminusparese sehr spezifische Ausfälle der Sensibilität und Motorik im Gesicht hervorruft, kann eine Diagnose relativ einfach gestellt werden. Oft berichten Patienten zunächst über Ausfälle der Sensibilität im Gesicht, was der Anlass für eine Vorstellung beim Arzt ist. Die Diagnose umfasst in der Regel folgende Schritte:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Beschreibung der Symptome durch den Patienten.
- Klinische Untersuchung: Prüfung der Sensibilität im gesamten Gesicht und die Funktion der Kaumuskulatur. Der Arzt achtet auf Sensibilitätsstörungen, motorische Ausfälle und Auffälligkeiten der Reflexe.
- Neurologische Untersuchung: Beurteilung der Hirnnervenfunktionen, der Motorik, Sensibilität und Koordination.
- Bildgebende Verfahren: In der Regel wird ein MRT (Magnetresonanztomographie) durchgeführt, um weitere Verletzungen oder Ursachen ausschließen zu können. Zum Auffinden von Raumforderungen, vaskulären Pathologien und zur Darstellung von Demyelinisierungen wird ein MRT empfohlen. Eine Computertomografie (CT) kann ebenfalls eingesetzt werden.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität, um die Funktion des Nervs zu beurteilen. Sowohl der Masseterreflex als auch der Blinkreflex können in der neurophysiologischen Diagnostik genutzt werden, um Hirnstammläsionen zu detektieren und bei Sensibilitätsstörungen im Gesichtsbereich die organische Genese zu belegen.
- Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht auf eine bestimmte Ursache können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser), Blutuntersuchungen oder eine HNO-ärztliche Untersuchung. Des Weiteren können ergänzende Untersuchungen zum Ausschluss einer Multiplen Sklerose oder konsiliarisch durch HNO- oder Zahnärzt:innen sinnvoll sein.
Differenzialdiagnostik
Es ist wichtig, eine Trigeminusparese von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Dazu gehören:
- Trigeminusneuralgie
- Clusterkopfschmerz
- Neuropathie im Rahmen einer Herpes Zoster Erkrankung
- Posttraumatische Neuropathien
- Dentalgien (Zahnschmerzen)
- Glossopharyngeusneuralgie
- Glaukomanfall (besonders bei atypischen und im Augenbereich auftretenden Schmerzen)
- Funktionelle Sensibilitätsstörungen im Gesichtsbereich
Therapie einer Trigeminusparese
Die Therapie einer Trigeminusparese richtet sich nach der Ursache der Erkrankung.
Konservative Therapie
- Medikamentöse Behandlung: Bei Entzündungen des Nervs oder der Nervenscheide können Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente eingesetzt werden. Bei einer Trigeminusneuralgie werden in erster Linie Carbamazepin oder Oxcarbazepin eingesetzt. Als Mittel der zweiten Wahl kommen Baclofen, Lamotrigin, Gabapentin, Pregabalin sowie Phenytoin in Betracht. Wichtig zu erwähnen ist bei der Therapie der Trigeminusneuralgie zudem die Wirkungslosigkeit von klassischen Analgetika wie nichtsteroidalen Antiphlogistika! Misoprostol ist zur Behandlung der Trigeminusneuralgie bei multipler Sklerose wirksam. Schließlich kommt eine Behandlung mit Botulinumtoxin in Frage.
- Physiotherapie: Krankengymnastische Übungen der Gesichtsmuskulatur können helfen, die Muskelfunktion zu verbessern.
- Logopädie: Bei Problemen mit dem Sprechen oder Schlucken kann eine logopädische Behandlung sinnvoll sein.
- Augenpflege: Bei unzureichendem Lidschluss ist eine sorgfältige Augenpflege mit künstlicher Tränenflüssigkeit und Augensalbe wichtig, um die Hornhaut vor Austrocknung zu schützen. Nachts kann ein Uhrglasverband getragen werden.
- Alternative Therapien: Aus Sicht der Anthroposophischen Medizin liegt der Trigeminusneuralgie ein gestörtes Verhältnis zwischen Empfindungs- und Lebensorganisation zugrunde. Hier können z.B. Injektionen mit Nervus trigeminus Gl (D 30-20) + Hypericum ex herba D 30 + Aconitum comp. (alle Fa. Wala) oder Chelidonium Ferro cultum Rh D 2 (Fa. Weleda) s.c. angewendet werden. In der TCM werden Akupunkturpunkte entsprechend der betroffenen Leitbahnen genadelt.
Interventionelle Therapie
Nach Versagen der konservativen Therapie kann eine Indikation zu einer interventionellen Therapie gestellt werden.
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta: Bei dieser Operation wird ein möglicher Gefäß-Nerven-Kontakt neurochirurgisch durch ein kleines Stück Kunststoff getrennt. Es handelt sich hierbei um die einzig kausale Therapieoption.
- Perkutane Radiofrequenzthermokoagulation: Hierbei werden die nozizeptiven Fasern des Ganglion Trigeminale thermisch zerstört. Weitere perkutane Verfahren verändern den N. Trigeminus z. B. chemisch oder mechanisch.
- Radiochirurgische Behandlungen: Hierbei wird der N. Trigeminus mit hoher Präzision bestrahlt.
Operative Therapie
Ist der Trigeminusnerv durch einen Raumforderung oder einen Tumor der Nervenscheide, ein Neurinom, eingeengt, können die Symptome meist so lange andauern, bis diese Einengung operativ behandelt wird. Man kann durch operative Verfahren versuchen die Nervenenden zusammen zu nähen, was im Allgemeinen sehr gute Ergebnisse macht. Längerfristige Probleme mit dem Lidschluss können durch Aufbringen von kleinen Gewichten auf das Oberlid behoben werden. Ein offenstehendes Unterlid kann beispielsweise mit einer besonderen Operationstechnik (Canthoplastik) behandelt werden. Eine entsprechende OP am Oberlid, bei der das Sichtfeld korrigiert wird, heißt Blepharoplastik. Die symptomatische Trigeminusneuralgie wird durch die Beseitigung der Ursache, also beispielsweise eines Tumors, behandelt.
Prognose einer Trigeminusparese
Allgemein hat die Trigeminusparese meist eine gute Prognose.
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- Spontanregeneration: In manchen Fällen kann es nach einer Verletzung des Trigeminusnerven oder seiner Äste nach einiger Zeit zu einer Spontanregeneration kommen, also der Selbstheilung des Nervens.
- Entzündungen: Handelt es sich um eine Entzündung, die adäquat behandelt wird, kann eine Heilung bereits nach wenigen Wochen eintreten.
- Verletzungen: Liegt eine Verletzung des Nervens vor, kann es Monate dauern bis der Nerv vollkommen ausgeheilt ist. Ist der Nerv nur gequetscht oder nur leicht verletzt erfolgt in der Regel eine Heilung innerhalb der nächsten Monate und es bleiben keine oder nur sehr geringe Ausfälle in der Sensibilität oder Motorik zurück. Ist der Nerv jedoch ganz durchtrennt kann der Heilungsprozess deutlich länger dauern.
- Raumforderungen/Tumore: Ist der Trigeminusnerv durch einen Raumforderung oder einen Tumor der Nervenscheide, ein Neurinom, eingeengt, können die Symptome meist so lange andauern, bis diese Einengung operativ behandelt wird.
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