NightWatch: Ein Armband für mehr Sicherheit bei nächtlicher Epilepsie

Epileptische Anfälle in der Nacht stellen eine besondere Herausforderung dar, da sie oft unbemerkt bleiben und schwerwiegende Folgen haben können. Das niederländische Unternehmen NightWatch hat ein Armband entwickelt, das speziell auf die Erkennung nächtlicher Anfälle zugeschnitten ist und somit die Sicherheit von Epilepsie-Patienten erhöhen soll.

Die Problematik nächtlicher Epilepsie

Nächtliche epileptische Anfälle sind oft schwer zu überwachen. Laut der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) bleiben durchschnittlich 86 Prozent der nächtlichen Anfälle unbemerkt. Dies ist besonders problematisch, da Menschen, die häufig nächtliche schwere motorische Anfälle erleiden, ein höheres Risiko für den plötzlichen unerwarteten Tod bei Epilepsie (SUDEP - Sudden Unexpected Death in Epilepsy) haben. SUDEP betrifft etwa einen von 1000 Menschen mit Epilepsie, bei Medikamentenresistenz sogar einen von 330. Studien haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines SUDEP um 70 Prozent sinkt, wenn die Person mit Epilepsie während des Schlafs überwacht wird.

Die NightWatch-Lösung

NightWatch ist ein System, das darauf abzielt, Fernhelfer im Falle eines Anfalls zu alarmieren und somit rechtzeitig Hilfe zu ermöglichen. Es wurde in einer Kooperation verschiedener Institutionen entwickelt, darunter das Universitätsklinikum Utrecht, SEIN, Kempenhaeghe und die Technische Universität Eindhoven, die sich im Jahr 2011 zum Tele-Epilepsie-Konsortium zusammenschlossen. Auch Patientenvertreter des Epilepsie-Fonds wurden in die Entwicklung einbezogen. Im Jahr 2013 wurde LivAssured gegründet, um die aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangene Technologie zu kommerzialisieren.

Funktionsweise des Armbands

Das NightWatch-System besteht aus einem kabellosen Armband, das die Herzfrequenz und Bewegungen des Trägers überwacht. Der Kern des Systems ist ein Algorithmus, der spezifische Herzfrequenz- und Bewegungsmuster erkennt, die auf einen klinisch dringenden Anfall hinweisen. Dieser Algorithmus basiert auf der Analyse von Daten, die über mehrere Jahre von einer Gruppe von Patienten gesammelt wurden.

Alarmierung im Notfall

Wird ein potenziell schwerer epileptischer Anfall gemessen, sendet das Armband ein Alarmsignal an eine Basisstation. Diese Basisstation kann dann Personen in einem anderen Raum warnen oder wecken, sodass frühzeitig angemessene Hilfe geleistet werden kann. Das Armband wird durch eine Batterie mit Strom versorgt.

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Klinische Studien und Ergebnisse

Die Wirksamkeit von NightWatch wurde in klinischen Studien überprüft, unter anderem im Vergleich zur nächtlichen Beobachtung durch eine Epilepsie-Krankenschwester. Die Studien ergaben, dass das System in 86 Prozent aller Krampfanfälle, die von der Krankenschwester notiert worden waren, Alarm auslöste. Statistisch gab es lediglich 0,03 Fehlalarme pro Nacht.

Weitere Wearables und Technologien zur Anfallserkennung

Neben NightWatch gibt es auch andere Technologien und Wearables, die zur Anfallserkennung eingesetzt werden. Ein Beispiel ist das Epicare-Gerät, bei dem ein Sensor unter der Matratze befestigt wird und tonisch-klonische Anfälle registriert. Allerdings hat sich gezeigt, dass solche Bettsensoren weniger zuverlässig sind als NightWatch. Ein traditioneller Bettsensor signalisierte in einer Studie nur 21 Prozent der ernsten Anfälle, da er lediglich Vibrationen durch rhythmische Bewegungen erfasst und keine weiteren physiologischen Merkmale berücksichtigt.

Ein weiteres Beispiel ist das Epicare Armband, welches bei einem Krampf im Arm ein Signal an ein verbundenes Handy sendet, das dann automatisch hinterlegte Nummern anruft. Allerdings erfordert dieses System, dass das Handy immer in Reichweite (ca. 10 Meter) mitgeführt wird, und es kam zu vielen Fehlalarmen, beispielsweise bei Busfahrten über unebene Straßen.

Erfahrungen von Nutzern und Angehörigen

Viele Nutzer und Angehörige berichten von positiven Erfahrungen mit NightWatch. Sie schätzen das Gefühl von Sicherheit und die Möglichkeit, im Notfall schnell reagieren zu können. Eltern von Kindern mit Epilepsie berichten, dass sie dank NightWatch ruhiger schlafen können, da sie wissen, dass sie im Falle eines Anfalls rechtzeitig gewarnt werden.

Auch im Bereich der Notfall-ID-Systeme gibt es positive Rückmeldungen. Nutzer loben die einfache Eingabe von Daten und Notfallkontakten sowie die Möglichkeit, medizinische Daten im Notfall schnell abrufen zu können. Besonders hervorgehoben wird die Funktionalität, wichtige medizinische Informationen wie Medikamenteneinnahme und Vorerkrankungen auf einen Blick verfügbar zu haben, um Fehleinschätzungen bei der Diagnose zu vermeiden.

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Herausforderungen und Verbesserungsbedarf

Trotz der positiven Erfahrungen gibt es auch Herausforderungen und Verbesserungsbedarf im Bereich der Wearables zur Anfallserkennung. Einige Nutzer bemängeln die Haltbarkeit von Materialien und QR-Codes auf den Geräten. Zudem wünschen sich manche Nutzer mehr Bekanntheit und Aufklärung über die Produkte im medizinischen Bereich.

Einige Nutzer von Notfall-ID-Systemen finden die Einrichtung der Daten anfangs etwas verwirrend und wünschen sich eine benutzerfreundlichere Gestaltung der Eingabemasken. Auch der Wunsch nach einer App zur schnelleren Änderung der Medikation wird geäußert.

Die Bedeutung von Forschung und Entwicklung

Die Entwicklung von NightWatch und ähnlichen Technologien zeigt, wie wichtig Forschung und Entwicklung im Bereich der Epilepsie sind. Durch die Kombination von medizinischem Fachwissen, technologischer Innovation und dem Einbezug von Patientenvertretern können Lösungen entwickelt werden, die das Leben von Menschen mit Epilepsie deutlich verbessern.

Zukünftige Entwicklungen

In Zukunft ist zu erwarten, dass Wearables zur Anfallserkennung noch präziser und benutzerfreundlicher werden. Fortschritte in der Sensorik, der Datenanalyse und der künstlichen Intelligenz werden es ermöglichen, Anfälle noch zuverlässiger zu erkennen und personalisierte Warnungen auszugeben. Auch die Integration von Wearables in bestehende Gesundheitssysteme und die Zusammenarbeit mit medizinischem Fachpersonal werden eine wichtige Rolle spielen, um die Versorgung von Menschen mit Epilepsie weiter zu verbessern.

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