Joseph Ahnlich und die Parkinson-Krankheit: Aktuelle Forschungsergebnisse und Therapieansätze

Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist, insbesondere derer, die Dopamin produzieren. Dies führt zu den bekannten motorischen Symptomen wie Zittern, Steifheit, verlangsamten Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen. Obwohl es derzeit keine Heilung für Parkinson gibt, konzentriert sich die Forschung weiterhin auf die Entwicklung neuer Therapien zur Linderung der Symptome und zur Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit.

Fortschritte in der Parkinson-Forschung

Die Parkinson-Forschung macht große Fortschritte, aber bisher kann die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer, von der hierzulande rund 400.000 Menschen betroffen sind, nur symptomatisch behandelt werden. Neueste Erkenntnisse präsentieren und diskutieren führende Wissenschaftler:innen und Expert:innen vom 25. bis 27. April 2024 in Rostock.

Neuroprothese ermöglicht französischem Parkinson-Patienten normales Gehen

Einem französischen Parkinson-Patienten wurde eine Neuroprothese implantiert, die es ihm ermöglicht, wieder normal zu gehen. Er beschreibt es als eine „Wiedergeburt“, während die verantwortlichen Forscher es als einen „großen Durchbruch“ bezeichnen. Marc, der seit fast drei Jahrzehnten an Parkinson leidet, begann ungewöhnlich früh mit der „Zitterkrankheit“, als er erst 35 Jahre alt war. Obwohl Dopaminersatzstoffe und die tiefe Hirnstimulation gegen sein Zittern und seine Steifheit halfen, litt er zuletzt unter schweren Gehstörungen. Die von den Forschern entwickelte Neuroprothese setzt hier an. Es handelt sich um einen elektrischen Impulsgeber, der unter die Bauchhaut implantiert wird. Die Elektroden stimulieren auf diese indirekte Weise im Rückenmark sogenannte Motorneuronen und aktivieren so gezielt die Muskeln. Das Implantat wurde Marc bereits 2021 implantiert. Nach einer mehrwöchigen Reha konnte er nun beinahe normal gehen. Er benutze seine Neuroprothese etwa acht Stunden am Tag und schalte sie nur aus, wenn er längere Zeit sitze oder schlafe: „Ich schalte die Stimulation morgens ein und abends aus. So kann ich besser laufen und mich stabilisieren. Jetzt habe ich nicht einmal mehr Angst vor der Treppe. Jeden Sonntag gehe ich an den See und laufe etwa sechs Kilometer. Es ist unglaublich.“

Rolle der Gesichtsmimik bei der Diagnose

Die Auswirkungen der Nervenerkrankung auf die Mimik könnten künftig bei der Diagnose eine entscheidende Rolle spielen. Forschende aus den USA haben eine Software entwickelt, die per Webcam oder anhand von Smartphone-Selfies Frühwarnsignale für Parkinson erkennen soll. Die Software analysiert kurze Videos, die bei der Aufnahme von Selfies entstehen, und erkennt kleinste Bewegungen der Gesichtsmuskeln, die für das bloße Auge nicht sichtbar sind. Dahinter steckt eine Methode der künstlichen Intelligenz, die sich maschinelles Lernen nennt. Eine frühe Diagnose ist von großer Bedeutung, weil Betroffene sich dann auf ihre Krankheit einstellen können, ihren Lebensstil entsprechend anpassen, um den Symptomen entgegenzuwirken, und rechtzeitig die medikamentöse Therapie beginnen können, um die Bewegungsstörungen einzudämmen.

Neben dem Lächeln werden die Patient:innen in dem Test auch gebeten, einen komplexen, geschriebenen Satz laut vorzulesen, zehnmal so schnell wie möglich den Zeigefinger auf den Daumen legen, dreimal einen möglichst angewiderten Gesichtsausdruck zu machen - abwechselnd mit einem neutralen Ausdruck - und dreimal langsam die Augenbrauen so hoch wie möglich zu heben und dann so weit wie möglich zu senken. Das Programm gibt in wenigen Minuten eine prozentuale Wahrscheinlichkeit an, ob Patient:innen Symptome der Parkinson-Krankheit oder verwandter Erkrankungen aufweisen.

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Zusammenhang zwischen Parkinson und Diabetes

Schon seit längerem deuten verschiedene Studien an, dass Diabetes Typ 2 und manche neurodegenerative Krankheiten ähnliche Signalwege aufweisen. Offenbar können nicht nur Leber- und Muskelzellen, sondern auch Neurone schlecht auf Insulin reagieren, welches z. B. an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. Dies könnte erklären, warum Menschen mit Diabetes Typ 2 z. B. ein höheres Risiko für Alzheimer haben.

Eine 2017 veröffentlichte Studie aus London deutet darauf hin, dass der Wirkstoff Exenatid, ein weiteres Diabetes-Medikament, das in Deutschland seit 2007 auf dem Markt ist, auch den Krankheitsfortschritt bei Parkinson mindestens verlangsamt, wenn auch nur in geringem Umfang. Die Forschenden vermuten, dass Exenatid die Energieversorgung der Neuronen verbessert, indem es sie wieder empfänglicher für Insulin macht, und damit Entzündungsreaktionen verringert. In zwei Anfang 2023 veröffentlichten Studien machten Forschende aus Florida und Taiwan die Beobachtung, dass die Einnahme des Wirkstoffs Metformin bei manchen Diabetes-Patient:innen offenbar eine schützende Wirkung hinsichtlich der Entwicklung einer Demenz hat.

Diabetes-Medikamente als potenzielle Therapie für Parkinson

Die Wirksamkeit von Diabetes-Medikamenten bei Parkinson wird schon seit Längerem untersucht. Die aktuelle Studie ist jedoch die erste multizentrische klinische Studie, die Anzeichen für eine Wirksamkeit liefert. Untersucht wurden 156 Personen mit leichten bis mittelschweren Parkinson-Symptomen, die alle bereits das Standard-Parkinson-Medikament Levodopa oder andere Arzneimittel einnahmen. Die eine Hälfte von ihnen erhielt ein Jahr lang den Wirkstoff Lixisenatid, die andere ein Placebo. Nach zwölf Monaten zeigten die Teilnehmenden der Placebo-Kontrollgruppe wie erwartet eine Verschlechterung ihrer Symptome.

Lixisenatid: Ein vielversprechender Wirkstoff

Ein Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung könnte möglicherweise auch bei Parkinson helfen - so das Ergebnis einer im April 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichten klinischen Studie. Die Substanz Lixisenatid verlangsamt das Fortschreiten der Symptome in einem geringen, aber statistisch signifikanten Umfang. Der zur Behandlung von Typ-2-Diabetiker:innen zugelassene Wirkstoff Lixisenatid ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptoragonist (Glucagon-like Peptid-1). Es ahmt die Wirkung des natürlich vorkommenden Peptids nach und aktiviert eine intrazelluläre Signalkaskade, welche eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung physiologischer Blutzuckerwerte spielt. Der Wirkstoff gehört zu einer großen Familie ähnlicher Wirkstoffe, die in jüngster Zeit als „Abnehmspritze“ (Semaglutid) auch zur Behandlung der Adipositas eingesetzt werden.

Studienergebnisse und Expertenmeinungen

Auf einer Skala zur Bewertung des Schweregrads der Parkinson-Krankheit, mit der gemessen wird, wie gut die Betroffenen Aufgaben wie Sprechen, Essen und Gehen ausführen können, war ihr Wert um drei Punkte gestiegen. „Das Ergebnis ist aufgrund des Studiendesigns interessant. Man muss aber berücksichtigen, dass drei Punkte in der Bewertung wenig sind. Es müssen weitere Studien folgen, unter anderem um zu klären, wie sich die Wirkung über mehrere Jahre hinweg entwickelt“, erklärt Prof. Claßen. Zudem führte die Behandlung zu Nebenwirkungen: Übelkeit trat bei fast der Hälfte und Erbrechen bei 13 % der Personen auf, die das Medikament einnahmen.

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Prof. Joseph Claßen, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), meint: „Die Ergebnisse sind sehr interessant. Wenn sich Parkinson mit dieser Klasse von Medikamenten bremsen ließe, wäre das ein Riesenerfolg.“ Er betont jedoch, dass erst noch Langzeitstudien durchgeführt werden müssen, auch mit besser verträglichen, verwandten Wirkstoffen, um die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit an mehr Patientinnen und Patienten nachzuweisen.

Weitere Forschung notwendig

Noch ist unklar, wie sich der positive Effekt des Diabetes-Medikaments bei Parkinson erklären lässt. „Wissenschaftlich interessant sind auch die in der aktuellen Studie nicht untersuchten Fragen, ob GLP-1-Medikamente vor dem Verlust von Dopamin-produzierenden Neuronen schützen und vielleicht den Ausbruch von Parkinson verhindern können“, sagt Prof. Claßen.

Seltene Bewegungsstörungen und genetische Faktoren

Neben häufig auftretenden Bewegungsstörungen wie dem Morbus Parkinson gibt es auch seltene Bewegungsstörungen. Viele davon sind erblich bedingt. Im Rahmen des Zentrums für Seltene Bewegungsstörungen arbeiten wir dabei interdisziplinär mit anderen Abteilungen zusammen. Folgende seltene Bewegungsstörungen werden behandelt:

  • seltene Dystonie-Formen
  • verschiedene seltene Zitterformen (Tremor)
  • Chorea
  • Myoklonus-Erkrankungen
  • Tic-Störungen
  • Ataxie
  • seltene genetische Varianten der Parkinson-Krankheit
  • atypische Parkinson-Syndrome inklusive Multisystematrophie (MSA-P, MSA-C), progressive supranukleäre Blickparese (PSP) und corticobasale Degeneration (CBD)
  • seltene Demenz-Erkrankungen, die mit Bewegungsstörungen kombiniert sein können (zum Beispiel Lewy-Körperchen-Demenz oder frontotemporale Demenzen)

Die neurologische Untersuchung ist ausschlaggebend für die Diagnose. Dabei ist die Erfahrung der Fachärztin oder des Facharztes von großer Bedeutung. Zudem können wir, auch in Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen, alle erforderlichen diagnostischen Verfahren anbieten: elektrophysiologische Untersuchungen, neuroradiologische Untersuchungen (MRT, funktionelles MRT), nuklearmedizinische Untersuchungen (SPECT, PET) und genetische Abklärung der erblichen Bewegungsstörungen und Beratung zu Risiken der Vererbung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Humangenetik. Je nach Krankheitsbild können physio- und ergotherapeutische Verfahren, Medikamente, Botulinumtoxin-Therapie sowie operative Behandlungsmethoden wie die Tiefe Hirnstimulation zum Einsatz kommen.

Einfluss des Parkin-Gens auf die Machado-Joseph-Krankheit

Das Parkin-Gen hat einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Machado-Joseph-Krankheit. Das haben Forschende des Instituts für Medizinische Genetik und Angewandte Genomik des Universitätsklinikums Tübingen herausgefunden. Je nachdem, welche Genvariante vorliegt, wird der Erkrankungsverlauf beschleunigt oder verlangsamt. Die Machado-Joseph-Krankheit (MJD), auch als Spinozerebelläre Ataxie Typ 3 bekannt, ist eine seltene, erblich bedingte neurodegenerative Erkrankung, die geschätzt bei zwei von 100.000 Menschen auftreten kann. Ursache für MJD ist eine Genmutation im ATXN3-Gen. Im Verlauf der Erkrankung verfallen kontinuierlich bestimmte Nervenzellen im Kleinhirn, der Bewegungskoordinationszentrale unseres Gehirns. Die jüngsten Erkenntnisse der Tübinger Forschenden zeigen, dass eine spezifische und seltene Variante des Parkin-Gens (V380L) auf den Krankheitsverlauf einwirkt. Während die häufigere Variante des Gens eher einen schützenden Effekt hat, beschleunigt die seltenere Genvariante V380L das Auftreten der Symptome und verschlechtert den Verlauf der Krankheit. Die Variante des Parkin-Gens beeinträchtigt die Fähigkeit der Zellen, beschädigte Mitochondrien zu beseitigen.

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Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS)

Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS) ist eine häufige Erkrankung. Die Prävalenz variiert zwischen 60 und 200 pro 100.000 Einwohner und nimmt mit dem Alter zu. Die Prävalenz bei über 60-Jährigen liegt bei 1-2 %, bei über 80-Jährigen nähert sie sich 3 %. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Das Erkrankungsalter liegt bei 10 % der Patienten vor dem 40. Lebensjahr, bei 30 % vor dem 50. Lebensjahr, während 40 % zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr erkranken. Weltweit ist aufgrund steigender Lebenserwartung und der Industrialsierung bis 2030 mit einer Verdopplung der Parkinson-Prävalenz zu rechnen.

Das IPS ist durch einen Verlust melanisierter Dopaminneurone in der Zona compacta der Substantia nigra im Mittelhirn charakterisiert. Kennzeichnend für die neuronale Degeneration bei der Parkinson-Krankheit ist das lokalisierte Auftreten von Lewy-Körperchen in der Substantia nigra, in der Substantia innominata, im Locus coeruleus und im dorsalen Vagus-Kern - im Gegensatz zur diffusen Lewy-Körperchen-Erkrankung, bei der es zu einer ausgeprägten kortikalen Lewy-Körperchen-Degeneration kommt. Im Gegensatz zur Multisystematrophie (MSA) bleibt das Corpus striatum beim IPS weitgehend intakt. Als Folge der Degeneration der dopaminergen Neurone im Mittelhirn tritt dafür eine Dopaminverarmung im Corpus striatum auf.

Ursachen und Pathogenese

Die Ursache der Neuronendegeneration bei der Parkinson-Krankheit (IPS) ist 200 Jahre nach der Erstbeschreibung durch James Parkinson noch immer unbekannt. Das IPS ist eine komplexe von vielen Faktoren abhängige Erkrankung mit einer genetischen Komponente, die seit den 1990ern zunehmend entschlüsselt wird. Defekte zelluläre Radikalentgiftungsmechanismen, Störungen im mitochondrialen Energiestoffwechsel (Komplex-I-Defekt der mitochondrialen Atmungskette) werden als Auslöser eines pathologischen oxidativen Stresses diskutiert. Mehr als 16 Genorte sind für das IPS bzw. für andere neurodegenerative Formen des Parkinson-Syndroms beschrieben worden, einige mutierte Gene und ihre Proteine wurden schon kloniert.

Leitsymptome

Leitsymptom des IPS ist die Bewegungsverarmung. Die Bradyhypokinese äußert sich schon in frühen Phasen im Seitenvergleich mit einem Amplitudenabfall und Verlangsamung auf der betroffenen Seite bei repetitiven Bewegungen (z. B. Supinations-Pronations-Bewegungen). Bei Beginn an der oberen Extremität beklagen viele Patienten initial eine Schwäche bzw. einen Geschicklichkeitsverlust der Hand. Sofern die dominante Seite betroffen ist, lässt sich dann eine Mikrografie bei einer Schreibprobe feststellen. Ebenso zeigen sich früh eine Hypomimie und ein vermindertes Mitschwingen eines Armes beim Gehen, wobei dies häufig mit einer Haltungsstörung aus Adduktion im Schultergelenk und leichter Beugung im Ellenbogengelenk verbunden ist.

Nicht-motorische Symptome

Während die motorischen Symptome gemeinhin als die klassischen Zeichen („Kardinalsymptome“, Trias Akinese, Rigor, Tremor) des Parkinson-Syndroms gelten, stellen sie vielleicht nur die Spitze des Eisbergs der gesamten Symptomatik dar. Die weniger augenfälligen nichtmotorischen Symptome nehmen im Krankheitsverlauf zu und sind für die Lebensqualität bestimmender als die motorischen Symptome. Die nichtmotorischen Störungen können häufig durch die Therapie auch erstmalig ausgelöst oder verstärkt werden. Man denke nur an die vielen neuropsychiatrischen unerwünschten Wirkungen durch Dopaminagonisten wie Halluzinationen, Somnolenz und Impulskontrollstörungen. Zu den nicht-motorischen Symptomen gehören:

  • Empfindungsstörungen wie Schmerz, Geruchsverlust, Kribbeln und Taubheitsgefühl
  • Psychische Erkrankungen wie depressive Zustände, Ängste und Impulskontrollstörungen
  • Zunehmende Vergesslichkeit und Gedächtnislücken
  • Schlafprobleme und Tagesmüdigkeit
  • Magen-Darm-Störungen
  • Blasenfunktionsstörungen
  • Sexuelle Beschwerden

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