Einführung
Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form der Demenz, deren Inzidenz mit dem Alter stark zunimmt. Da es derzeit keine heilende Therapie gibt, konzentriert sich die Forschung auf die Identifizierung von Risikofaktoren und Präventionsmaßnahmen. Kardiovaskuläre Risikofaktoren, einschließlich Hypercholesterinämie, spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Demenz. In diesem Artikel werden wir den Zusammenhang zwischen Statintherapie und Alzheimer-Demenz untersuchen, wobei wir uns auf die Auswirkungen von Statinen auf das Demenzrisiko bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie und die potenziellen Mechanismen konzentrieren, die diesen Zusammenhang untermauern.
Hintergrund: Kardiovaskuläre Risikofaktoren und Demenz
Kardiovaskuläre Risikofaktoren sind eng mit der Entwicklung von Demenz verbunden. Schätzungsweise ein Drittel aller Demenzfälle könnte auf diese Faktoren zurückzuführen sein und somit potenziell vermeidbar sein. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören Rauchen, Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Hypercholesterinämie. Insbesondere hohe LDL-Cholesterinwerte (Low-Density-Lipoprotein) scheinen eine entscheidende Rolle bei neurodegenerativen Prozessen zu spielen und werden mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht.
Neuere Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Entzündung, Dyslipidämie, Arteriosklerose und Demenz hin. Die familiäre Hypercholesterinämie, eine erbliche Erkrankung, die durch Mutationen im LDL-Cholesterin-Rezeptor verursacht wird, stellt ein mögliches Modell dar, um den Zusammenhang zwischen Arteriosklerose und Demenz zu untersuchen. Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie haben von Geburt an hohe LDL-Cholesterinwerte, was ihr Risiko für frühe Arteriosklerose und kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht.
Zielsetzung der Studie von Dr. Liv Mundal
Eine Studie von Dr. Liv Mundal vom Oslo University Hospital in Norwegen untersuchte, ob Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie ein erhöhtes Demenzrisiko haben und ob eine Statintherapie dieses Risiko beeinflussen kann.
Methodik der Studie
Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie, die zwischen 2008 und 2018 in Norwegen durchgeführt wurde. Die Studie umfasste Personen mit genetisch bestätigter familiärer Hypercholesterinämie und eine nach Alter und Geschlecht gematchte Kontrollgruppe ohne diese Erkrankung. Demenzfälle wurden anhand der ICD-Klassifikation identifiziert, wobei zwischen Demenz allgemein, vaskulärer Demenz und Alzheimer-Demenz unterschieden wurde. Zusätzlich wurden Daten zur Statin-Einnahme aus verschiedenen Patienten- und Verschreibungsregistern in Norwegen berücksichtigt. Die Hazard Ratios (HR) für das Demenzrisiko wurden für Personen mit familiärer Hypercholesterinämie im Vergleich zu den Kontrollen berechnet, und die kumulierten Statin-Tagesdosen wurden ebenfalls analysiert.
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Ergebnisse der Studie
Insgesamt nahmen 3.520 Personen mit familiärer Hypercholesterinämie an der Studie teil, von denen etwa die Hälfte (52 %) weiblich war. Das mittlere Alter bei Studieneintritt betrug 51,8 Jahre. Die Kontrollgruppe umfasste 69.713 Personen mit ähnlicher Alters- und Geschlechtsverteilung.
Demenzrisiko bei familiärer Hypercholesterinämie
Im Laufe des zehnjährigen Beobachtungszeitraums entwickelten 62 Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie und 1.294 Personen aus der Kontrollgruppe eine Demenz. Dies deutete darauf hin, dass es keinen signifikanten Unterschied im Demenzrisiko zwischen den beiden Gruppen gab (HR für Demenz 0,9; 95% Konfidenzintervall [CI] 0,7-1,2). Die meisten Demenzfälle traten bei Personen über 70 Jahren auf (62,9 % der Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie und 62,7 % der Kontrollpersonen).
Einfluss der Statin-Therapie
Die Studie zeigte keine Assoziation zwischen den kumulierten Statin-Tagesdosen und dem Demenzrisiko bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie, unabhängig von der Statin-Dosis (niedrig = unter 5.000 Tagesdosen, hoch = über 10.000 Tagesdosen).
Fazit der Studie
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie kein erhöhtes Demenzrisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben. Darüber hinaus scheint eine Statintherapie bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie das Demenzrisiko nicht zu beeinflussen.
Limitationen der Studie
Eine Einschränkung der Studie ist das relativ junge Alter der Teilnehmer. Darüber hinaus könnte die Statintherapie das Demenzrisiko bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie beeinflusst haben, was in weiteren Studien untersucht werden sollte.
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Weitere Forschungsergebnisse und Perspektiven
Eine schwedische Studie, die im Fachmagazin Alzheimer & Dementia veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass eine längerfristige Einnahme von Herz-Kreislauf-Medikamenten das Risiko, im höheren Alter eine Demenz zu entwickeln, verringern könnte. Die Studie analysierte Daten von über 88.000 Patientinnen und Patienten im Alter von durchschnittlich 84 Jahren, bei denen zwischen 2011 und 2016 eine Demenz diagnostiziert worden war. Die Daten wurden mit denen einer Kontrollgruppe verglichen, die zehnmal so viele Menschen umfasste, die ähnlich alt, aber nicht demenzkrank waren.
Die Forscher fanden eine klare Verbindung zwischen einer längerfristigen Einnahme (fünf Jahre und mehr) von Herz-Kreislauf-Medikamenten und einem verringerten Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Zu den Medikamenten, die einen günstigen Einfluss auf das Demenzrisiko zeigten, gehörten Diuretika, Beta-Blocker, Kalziumkanalblocker, ACE-Hemmer und Statine. Diese Medikamente wirken vorteilhaft auf das Gefäßsystem, indem sie den Blutdruck senken und die Blutfettwerte verbessern, was die Gefäßgesundheit schont.
Es gibt sogar eine häufige Form von Demenz mit dem Namen „vaskuläre Demenz“, was so viel wie gefäßbedingte Demenz bedeutet. „Sowohl das Risiko der Entstehung einer vaskulären Demenz als auch das von Alzheimer steigt bei einem erhöhten Blutdruck oder schlechten Fettwerten. Die in der Studie gefundenen Wirkungen sind daher nicht nur plausibel, sondern sogar naheliegend“, sagt der Neurologe Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Arteriosklerose, im Volksmund auch Arterienverkalkung genannt, ist laut Berlit ein Risikofaktor für die Entwicklung von Demenzen. Das liegt daran, dass es durch die Ablagerungen auch in den Hirnarterien zu Durchblutungsstörungen und Entzündungsreaktionen kommen kann. Vor allem letztere können wiederum die Bildung von sogenannten Beta-Amyloiden fördern: Diese Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn gelten als wichtige Mitursache für Alzheimer.
Die Erkenntnisse passen auch zu den Ergebnissen vorausgegangener Studien: Obwohl die Menschen älter werden, sinkt die Häufigkeit von Demenzerkrankungen in jeder Altersgruppe. So fand etwa das „Alzheimer Cohorts Consortium“ in den USA insgesamt einen Rückgang von 13 Prozent pro Jahrzehnt. Und eine im Jahr 2020 erschienene schwedische Studie ermittelte einen Rückgang von 30 Prozent über 25 Jahre hinweg.
Niedriges LDL-Cholesterin und Demenzrisiko
Eine weitere Studie deutet darauf hin, dass Menschen mit niedrigen LDL-Cholesterinwerten (unter 70 mg/dl) ein signifikant verringertes Risiko für Alzheimer-Demenz haben. Eine Statintherapie kann das Demenzrisiko noch weiter reduzieren. Die Studie wertete Daten von Patientinnen und Patienten aus, deren gesundheitliche Entwicklung sie mindestens 180 Tage nach einer Cholesterin-Messung weiterverfolgen konnten.
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Die Ergebnisse zeigten, dass im Vergleich zu Personen mit LDL-Werten über 130 mg/dL Werte unter 70 mg/dL das Risiko einer Demenz um 26 Prozent verringerten. Das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung sank sogar um 28 Prozent. Teilnehmende, die cholesterinsenkende Statine gegen Herz-Kreislauf-Leiden einnahmen, profitierten zusätzlich: Für sie sank auch das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Demenzform zu erkranken.
Es zeigte sich, dass Statine nicht nur bei Menschen mit hohen LDL-Werten das Demenzrisiko reduzieren konnten, sondern auch bei Werten unter 70 mg/dl. Wer bei einem solch niedrigen Wert zusätzlich Statine einnahm, senkte sein Demenz-Risiko im Vergleich zu Nicht-Anwendern mit gleich niedrigen Werten um weitere 18 Prozent.
Wie schadet LDL-Cholesterin der Hirngesundheit?
Im Falle einer vaskulären Demenz, der zweithäufigsten Demenzform, erscheint der Zusammenhang mit hohen Cholesterinwerten zumindest auf den ersten Blick noch einleuchtend: Diese Demenzform ist die Folge einer reduzierten Blutversorgung des Gehirns.
Allerdings landet das LDL, das man im Blut misst, gar nicht im Denkorgan: „Cholesterin kann die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren“, erklärt Studienleiterin Kim auf Nachfrage von netDoktor.
Für Alzheimer-Demenz scheint der Zusammenhang weniger auf der Hand zu liegen. Jedoch haben verschiedene Tierversuche gezeigt, dass hohe LDL-Werte mit verstärkten Ablagerungen vom Beta-Amyloid im Gehirn einhergehen.
Eine Untersuchung mit Ratten, die cholesterinreich ernährt wurden, habe zudem eine erhöhte Produktion von Tau-Proteinen ergeben, neben Beta-Amyloid die zweite Form von krankhaften Eiweißansammlungen im Gehirn, die typisch für Alzheimer sind, berichtet Kim. Entzündliche Prozesse im Gehirn wurden ebenfalls festgestellt sowie Veränderungen am Hippocampus, jener Hirnstruktur, die entscheidend für das Speichern von Gedächtnisinhalten ist. Auch eine erhöhte Aktivierung von Mikrogliazellen - den Immunzellen des Gehirns - ließ sich beobachten.
Statine und Cholesterinstoffwechsel im Gehirn
Wissenschaftler der Universität Bonn haben herausgefunden, dass der Cholesterinstoffwechsel im Gehirn das Risiko für Alzheimer beeinflusst. Cholesterinsenkende Medikamente - so genannte Statine - reduzieren das Risiko für Alzheimer. Die Forscher klären jetzt Schritt für Schritt, warum Statine den Verlust von Hirnsubstanz bei Alzheimer hemmen. Eine ihrer neuesten Erkenntnisse: Die Konzentrationen bestimmter Vorstufen des Cholesterins sowie seines Abbauprodukts 24S-Hydroxycholesterin im Liquor sinkt, wenn Patienten mit Statinen behandelt werden.
"Wir vermuten, dass unter der Therapie mit Statinen im Gehirn weniger Cholesterin gebildet und dadurch auch weniger Cholesterin abgebaut wird", erläutert Lütjohann. Diese Wirkung der Medikamente war bislang unbekannt - zurzeit werden Statine in erster Linie eingesetzt, um die Cholesterinbildung in der Leber zu hemmen und so der Arteriosklerose vorzubeugen. Auf welche Weise die Arzneien auch im zentralen Nervensystem wirken können, sollen jetzt weitere Studien klären.
Eine andere Beobachtung der Wissenschaftler zeigt, dass der Cholesterinstoffwechsel im Gehirn tatsächlich etwas mit Alzheimer zu tun haben muss. Denn Statine können auch die Liquor-Konzentration von ß-Amyloid reduzieren. Dieses Protein hat für die Entstehung von Alzheimer entscheidende Bedeutung. Bei betroffenen Patienten finden sich massenhaft krankhafte Ablagerungen von ß-Amyloid im Gehirn. Lütjohann: "Wir haben beobachtet, dass die Abnahme des ß-Amyloid-Gehaltes und der Konzentration des 24S-Hydroxycholesterins, eines hirnspezifischen Abbauprodukts des Cholesterins, im Liquor sehr gut miteinander korrelieren.
Kontroverse Studienergebnisse und Limitationen
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Studien einen positiven Effekt von Statinen auf das Demenzrisiko zeigen. Eine randomisierte, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte Studie mit 406 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung ergab, dass Simvastatin die Krankheitsprogression nicht beeinflusst. Obwohl der LDL-Cholesterol-Spiegel signifikant gesenkt wurde, ergab sich weder für den primären noch für irgendeinen der sekundären Endpunkte eine Überlegenheit von Simvastatin gegenüber Plazebo.
Diese Ergebnisse widerlegen erneut die Ergebnisse von reinen Beobachtungs- oder Fall-Kontroll-Studien. Diese Studien hatten nahe gelegt, dass CSE-Hemmer die Progression der Alzheimer-Erkrankung aufhalten können. Es muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass die Studie mit 406 Patienten relativ klein und auch die Beobachtungszeit von 18 Monaten relativ kurz war. Allerdings ergab sich für keinen der zahlreichen sekundären Endpunkte ein positiver Trend zugunsten von Simvastatin, so dass nicht anzunehmen ist, dass eine größere Studie mit längerer Beobachtungszeit ein positives Ergebnis erbracht hätte.
Mythen und Fakten über Statine
Statine gehören weltweit zu den am meisten verordneten Medikamenten, aber es gibt auch viele Irrtümer und Missverständnisse über ihre Wirkung und Nebenwirkungen. Es ist wichtig, diese Mythen auszuräumen, um eine informierte Entscheidungsfindung zu ermöglichen.
Mythos: Statine verursachen immer Muskelbeschwerden.
Fakt: In Beobachtungsstudien traten Muskelbeschwerden bei fünf bis zehn Prozent der Patienten auf, aber in Placebo-kontrollierten Studien gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen Statin- und Placebogruppen. Bei anhaltenden Muskelbeschwerden sollte jedoch das Enzym Creatinkinase (CK) kontrolliert werden.
Mythos: Statine sollten nur bis zum 75. Lebensjahr eingenommen werden.
Fakt: Statine schützen Patienten mit koronarer Herzkrankheit und anderen arteriosklerotischen Erkrankungen auch im Alter über 75 Jahren vor Herzinfarkt und Schlaganfall.
Mythos: Statine können zu kognitiven Beeinträchtigungen führen.
Fakt: Die wissenschaftliche Datenlage zu Statinen und kognitiver Beeinträchtigung ist widersprüchlich. Einige Studien deuten auf einen schützenden Effekt hin, während andere keinen Zusammenhang finden.
Vitaminmangel und Statine
Es gibt auch Mythen über den Zusammenhang zwischen Statinen und Vitaminmangel. Generell gibt es keinen direkten mechanistischen Zusammenhang zwischen der Wirkung von Statinen und der Bildung bzw. dem Abbau von Vitamin D und K2. Insbesondere der Einfluss einer Statintherapie auf die Vitamin-D-Spiegel wird noch kontrovers diskutiert. Es gibt jedoch einen direkten Zusammenhang zwischen der Cholesterin- und der Coenzym Q10-Synthese, da beide den gleichen Syntheseweg nutzen. Statine können den Spiegel von Coenzym Q10 reduzieren und möglicherweise auch für die Vitamin-D-Konzentration relevant sein. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass die Einnahme von Statinen einen generellen Vitaminmangel hervorruft und auch nicht dafür, dass eine Vitamin- oder Coenzym Q10-Supplementation SAMS verringern kann.
Rotschimmelreis als natürliche Alternative?
Rotschimmelreis wird als natürlicher Lipidsenker angepriesen und enthält die Substanz Monacolin-K, die chemisch mit dem Statin Lovastatin identisch ist. Allerdings sind Rotschimmelreisformulierungen nicht standardisiert, was zu schwankenden Monacolin-K-Konzentrationen und möglichen Verunreinigungen führen kann. Daher ist auch Rotschimmelreis nicht frei von Nebenwirkungen.
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