Depressionen: Eine kritische Auseinandersetzung mit neuronalen und genetischen Erklärungsansätzen

Die Debatte über die Ursachen und Behandlung von Depressionen ist komplex und vielschichtig. Während traditionelle Ansätze oft auf Medikamente und Psychotherapie setzen, rücken zunehmend auch alternative Behandlungsmethoden wie die Hirnstimulation in den Fokus. Gleichzeitig wird die Vorstellung, dass Depressionen ausschließlich im Gehirn oder in den Genen verankert sind, kritisch hinterfragt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Perspektiven und Erkenntnisse und versucht, ein umfassendes Bild der aktuellen Forschungslage zu zeichnen.

Konventionelle Therapien und ihre Grenzen

Monika Kelle, eine Kinderärztin, die unter schweren, wiederkehrenden Depressionen litt, suchte jahrelang nach einer wirksamen Behandlung. Sie durchlief zahlreiche Klinikaufenthalte, nahm verschiedene Antidepressiva und absolvierte Psychotherapien. Sogar Elektrokrampftherapien unter Narkose brachten keine dauerhafte Besserung. Kelles Fall ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Patienten, schätzungsweise zwischen einem Drittel und der Hälfte, als therapieresistent oder schwer behandelbar gilt. Das bedeutet, dass sie auf zwei oder mehr Antidepressiva und Psychotherapie nicht ansprechen.

Michael Böhm, ein weiterer Betroffener, entschied sich nach erfolgloser medikamentöser Behandlung für eine Hirnstimulation in Form der Elektrokonvulsionstherapie (EKT). Auch er schöpfte Hoffnung aus dieser letzten Möglichkeit.

Trotz der Fortschritte in der Depressionsforschung gibt es weiterhin viele Menschen, bei denen die Standardbehandlungen versagen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, alternative Therapieansätze zu erforschen und die komplexen Ursachen von Depressionen besser zu verstehen.

Hirnstimulation als alternative Behandlungsmethode

Angesichts der Grenzen konventioneller Therapien rücken Hirnstimulationsmethoden zunehmend in den Fokus. Diese Verfahren zielen darauf ab, die Gehirnaktivität direkt zu beeinflussen und so depressive Symptome zu lindern.

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Nicht-invasive Hirnstimulation

Bei der nicht-invasiven Hirnstimulation werden elektrische Ströme oder Magnetfelder von außen durch die Schädeldecke hindurch appliziert. Zu den gängigen Methoden gehören die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) und die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS).

  • Elektrokonvulsionstherapie (EKT): Bei der EKT werden elektrische Ströme über Elektroden an der Kopfhaut angelegt, um einen Krampfanfall auszulösen. Obwohl der genaue Wirkmechanismus noch nicht vollständig verstanden ist, scheint die EKT therapeutische Effekte zu haben, insbesondere bei schwerer und therapieresistenter Depression. Psychiater Niklas Schade berichtet von Besserungsraten zwischen 50 und 90 Prozent. Die EKT wird heute unter Kurznarkose durchgeführt, um Muskelzuckungen zu verhindern und das Verfahren für die Patienten schmerzfrei und unkompliziert zu gestalten. Allerdings kann die EKT bei einigen Patienten zu vorübergehenden Gedächtnisstörungen führen.
  • Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS): Die rTMS arbeitet mit Magnetspulen, die an die Kopfhaut angelegt werden und magnetische Impulse aussenden, die elektrische Ströme im Gehirn erzeugen. Im Gegensatz zur EKT werden bei der rTMS nur spezifische Hirnareale stimuliert, die von der Depression betroffen sein könnten. Bisherigen Studien zufolge zeigt die Magnetstimulation eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent.

Andrea Antal, Professorin für kognitive Neurologie, betont, dass es bei der Hirnstimulation nicht immer um die gleiche Art von Stimulation geht. Je nach Art der Depression kann es sinnvoll sein, die Gehirnaktivität zu hemmen oder zu erregen. So stimuliert sie bei depressiven Patienten mit geringerer Aktivität im linken präfrontalen Kortex diese Hirnregion, um die Erregbarkeit zu erhöhen oder die Verbindungen zwischen den Neuronen zu verbessern.

Invasive Hirnstimulation

In besonders schweren Fällen von Depressionen, in denen andere Therapien versagen, kann auch eine invasive Hirnstimulation in Erwägung gezogen werden. Dabei wird eine Elektrode operativ ins Gehirn implantiert, um bestimmte Hirnregionen gezielt zu stimulieren.

Monika Kelle entschied sich für diesen radikalen Schritt, nachdem alle anderen Behandlungen gescheitert waren. Ihr wurde eine Elektrode ins Gehirn eingesetzt, die mit kleinen Stromstößen ihre Depression lindern sollte.

Vagusnervstimulation (VNS)

Eine weitere Form der Hirnstimulation ist die Vagusnervstimulation (VNS). Der Vagusnerv ist ein wichtiger Nerv, der vom Hirnstamm zu verschiedenen Organen im Körper verläuft und Informationen zwischen Körper und Gehirn austauscht.

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  • Invasive VNS: Bei der invasiven VNS wird ein Nervenschrittmacher unterhalb des Schlüsselbeins unter die Haut implantiert. Ein Kabel verbindet den Schrittmacher mit dem Vagusnerv, an dessen Ende sich Elektroden befinden. Das Gerät sendet in Intervallen elektrische Impulse an den Vagusnerv.
  • Nicht-invasive VNS: Eine Weiterentwicklung der VNS ist die transkutane Stimulation, bei der kleine Elektroden am Ohr angebracht werden, da sich dort Ausläufer des Vagusnervs befinden. Die Stimulation erfolgt von außen durch die Haut und ist in der Regel nur wenige Stunden pro Tag möglich.

Die invasive VNS wird bereits seit Längerem erforscht und kann bei Depressionen helfen, allerdings nur bei einer Minderheit der Patienten. Studien zeigen, dass etwa 30 Prozent der Patienten mit implantiertem VNS-Gerät auf die Behandlung ansprechen. Die nicht-invasive VNS könnte eine einfachere und kostengünstigere Alternative darstellen, ist aber noch nicht ausreichend erforscht.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Wirkung der VNS. Eine Hypothese besagt, dass die Stimulation des Vagusnervs einen gestörten Prozess im Gehirn repariert und die Ausschüttung der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin verstärkt. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die VNS eine Reihe von Effekten im Gehirn auslöst, die die Kommunikation zwischen den Nervenzellen verstärken und die allgemeine Gehirngesundheit verbessern.

Kritik an der Fokussierung auf Gehirn und Gene

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse der Hirnstimulationsforschung mehren sich auch kritische Stimmen, die eine zu starke Fokussierung auf Gehirn und Gene bei der Erklärung und Behandlung von Depressionen bemängeln.

Die Rolle von Umwelt und Kontext

Thomas Fuchs, ein Psychiater und Phänomenologe, betont, dass Psychopathologie erst in der Interaktion zwischen Leib, Raum und Intersubjektivität entsteht. Er argumentiert, dass negative kognitive Verzerrungen erst im Kontext neuer Lernerfahrungen im Alltag verändert werden können und Verhaltensänderungen nur dann von Dauer sind, wenn sie von einem sozialen Netz unterstützt werden.

Auch die Forschung zu bewusstseinsverändernden Substanzen wie Psilocybin und Ketamin rückt die Rolle des Kontexts wieder mehr in den Mittelpunkt der Behandlung. Der Schweizer Roland Kuhn, der Entdecker des ersten klassischen Antidepressivums Imipramin, kritisierte bereits in der Vergangenheit die Untersuchung antidepressiver Medikamente unter artifiziellen, „vollständig kontrollierten Lebensbedingungen“ ohne Beachtung der Umwelt und sozialen Umgebung des Individuums.

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Die Bedeutung von Neuroplastizität

Antidepressiva und andere Behandlungen können die Neuroplastizität im Gehirn fördern, also die Fähigkeit der Nervenzellen, sich neu zu vernetzen und anzupassen. Allerdings kann eine erhöhte Neuroplastizität auch negative Konsequenzen haben. So konnte in einer präklinischen Studie gezeigt werden, dass die Gabe eines SSRI in einer förderlichen Umwelt antidepressive Effekte hatte, in einer stressbezogenen Umgebung den depressiven Phänotyp sogar verschlechterte.

Dies unterstreicht die Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung, die sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt.

Kritik an der "Epidemie des 21. Jahrhunderts"

In der Öffentlichkeit und bei Experten haben psychische Störungen den Ruf, die „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ zu sein. Krankenkassen und Ärzteverbände beklagen steigende Fallzahlen und fordern mehr Ressourcen für die Behandlung psychisch Kranker.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die diese Entwicklung als Panikmache abtun. Studien deuten darauf hin, dass es heute kaum mehr Leidende gibt als vor 50 Jahren. Die gestiegene Zahl der Diagnosen und Krankschreibungen könnte auch auf eine größere öffentliche Aufmerksamkeit, eine verbesserte Erkennung von psychischen Störungen und eine geringere Stigmatisierung zurückzuführen sein.

Kritiker warnen davor, dass die stärkere Wahrnehmung von psychischen Problemen von verschiedenen Gruppen missbraucht wird. Krankenkassen könnten damit steigende Kosten begründen, Ärzteverbände politischen Druck ausüben und die Pharmaindustrie den Absatz von Antidepressiva und Antipsychotika steigern.

Die Rolle der Pharmaindustrie

Der ehemalige Mitarbeiter der Pharmafirma Lilly, John Virapen, beschreibt in seinem Buch „Nebenwirkung Tod“, wie das Krankheitsbild Depression seit den 1980er-Jahren gezielt aufgebauscht wurde, um neue Konsumentengruppen zu erschließen. Er wirft der Pharmaindustrie vor, normale Stimmungen oder Persönlichkeitsmerkmale als psychische Leiden umzudeuten.

Obwohl diese Vorwürfe umstritten sind, regen sie dazu an, die Rolle der Pharmaindustrie bei der Definition und Behandlung von Depressionen kritisch zu hinterfragen.

Depressionen und Kreativität: Ein Mythos?

Das Klischee von Genie und Wahnsinn hält sich hartnäckig. Die Vorstellung, dass psychische Krankheit und Kreativität eng miteinander verbunden sind, fasziniert seit Jahrhunderten.

Studien haben gezeigt, dass Berühmtheiten überdurchschnittlich häufig an psychischen Krankheiten leiden. Eine schwedische Bevölkerungsstudie ergab, dass Menschen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie überdurchschnittlich häufig als Künstler tätig sind. Auch für das Gen Neuregulin 1 wurde ein Zusammenhang mit psychischen Krankheiten und Kreativität gefunden.

Psychologen vermuten, dass eine geschwächte Filterfunktion im Gehirn für psychische Krankheiten verantwortlich sein könnte und gleichzeitig die Kreativität beeinflusst.

Allerdings ist die Vorstellung von den kreativen Verrückten auch problematisch. Psychisch kranke Menschen sind oft antriebslos oder so verwirrt, dass sie sich nicht auf die einfachsten Dinge konzentrieren können. Es ist daher wichtig, die komplexen Zusammenhänge zwischen psychischer Krankheit und Kreativität differenziert zu betrachten und nicht in Klischees zu verfallen.

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