Die Untersuchung des Liquors cerebrospinalis, der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, ist ein wichtiger Bestandteil bei der Diagnose von Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks. Die Liquordiagnostik gibt Aufschluss über die Zusammensetzung des Nervenwassers. Eine erhöhte Anzahl von Leukozyten (weißen Blutkörperchen) im Liquor, insbesondere wenn dieser blutig ist, kann auf verschiedene zugrunde liegende Ursachen hinweisen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für dieses Phänomen und gibt einen Überblick über die diagnostischen und therapeutischen Aspekte.
Grundlagen der Liquordiagnostik
Der Liquor cerebrospinalis umgibt Gehirn und Rückenmark und schützt diese vor Verletzungen und versorgt sie mit Nährstoffen. Die Zusammensetzung der CSF ist gut bekannt, da der Subarachnoidalraum an seinem untersten Ende punktiert werden kann. Die Untersuchung des Liquors erfolgt in der Regel im Anschluss an eine Lumbalpunktion, bei der eine Hohlnadel im Bereich der Lendenwirbelsäule eingeführt wird, um Liquor zu entnehmen. Die Lumbalpunktion kann neben der Entnahme von Liquor auch therapeutische Zwecke erfüllen, wie z.B. die Einbringung von Medikamenten.
Die Liquordiagnostik umfasst verschiedene Aspekte:
- Makroskopische Beurteilung: Beurteilung von Farbe und Klarheit des Liquors. Im Normalfall ist der Liquor wasserklar und farblos.
- Zellzahlbestimmung: Bestimmung der Anzahl der Zellen im Liquor, insbesondere Leukozyten und Erythrozyten (rote Blutkörperchen). Bei gesunden Menschen enthält der Liquor nur sehr wenige Zellen - höchstens vier Zellen pro Mikroliter (µl).
- Differenzialzytologie: Differenzierung der Leukozyten in verschiedene Untergruppen wie Granulozyten, Lymphozyten und Monozyten.
- Bestimmung von Eiweiß und Glukose: Messung der Konzentration von Eiweiß und Glukose im Liquor.
- Immunologische Untersuchungen: Bestimmung von Immunglobulinen (Antikörpern) und anderen Immunmarkern.
- Erregernachweis: Nachweis von Bakterien, Viren oder anderen Erregern mittels PCR oder anderen Methoden.
Ursachen für eine erhöhte Leukozytenzahl im Liquor
Eine erhöhte Leukozytenzahl im Liquor (Pleozytose) ist ein Hinweis auf eine Entzündung oder eine andere Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Art der vorherrschenden Leukozyten kann Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache geben:
- Granulozytäre Pleozytose: Überwiegen der Granulozyten (neutrophile Granulozyten) deutet häufig auf eine bakterielle Infektion hin, insbesondere eine bakterielle Meningitis.
- Lymphozytäre Pleozytose: Überwiegen der Lymphozyten deutet eher auf eine virale Infektion, eine chronische Entzündung oder eine Autoimmunerkrankung hin.
- Gemischtzellige Pleozytose: Vorhandensein von Granulozyten, Lymphozyten und Monozyten in etwa gleichen Anteilen kann bei verschiedenen Erkrankungen vorkommen, z.B. bei einer Meningitis unterschiedlicher Ursache oder bei einer meningealen Reizung.
Ursachen für blutigen Liquor
Ein blutiger Liquor kann verschiedene Ursachen haben:
Lesen Sie auch: Diagnose und Therapie der Meningitis
- Traumatische Lumbalpunktion: Die häufigste Ursache für einen blutigen Liquor ist eine Verletzung eines Blutgefäßes während der Lumbalpunktion. In diesem Fall spricht man von einer artifiziellen Blutbeimengung.
- Subarachnoidalblutung (SAB): Eine SAB ist eine Blutung in den Subarachnoidalraum, den Raum zwischen Arachnoidea und Pia mater, der mit Liquor gefüllt ist. Eine SAB ist ein schwerwiegender Notfall, der durch ein geplatztes Aneurysma, eine Gefäßmissbildung oder ein Trauma verursacht werden kann.
- Intrazerebrale Blutung: Eine Blutung innerhalb des Gehirnparenchyms kann ebenfalls zu einer Blutbeimengung im Liquor führen, insbesondere wenn die Blutung in die Ventrikel einbricht.
- Tumoren: Tumoren des Gehirns oder Rückenmarks können bluten und so zu einem blutigen Liquor führen.
- Entzündungen: In seltenen Fällen können Entzündungen des zentralen Nervensystems, wie z.B. eine Meningitis, mit einer Blutbeimengung im Liquor einhergehen.
- Verletzungen: Verletzungen des Gehirns oder Rückenmarks können ebenfalls zu einer Blutung in den Liquorraum führen.
Kombination aus erhöhter Leukozytenzahl und blutigem Liquor
Die Kombination aus einer erhöhten Leukozytenzahl und einem blutigen Liquor kann die diagnostische Herausforderung erhöhen, da die Blutbeimengung die Interpretation der Leukozytenzahl erschweren kann. Es ist wichtig, zwischen einer traumatisch bedingten Blutbeimengung und einer Blutung aufgrund einer Erkrankung des zentralen Nervensystems zu unterscheiden.
Mögliche Ursachen für diese Kombination sind:
- Meningitis mit hämorrhagischer Komponente: Einige Formen der Meningitis, insbesondere bakterielle Meningitiden, können mit einer hämorrhagischen Komponente einhergehen, d.h. es kommt zu einer Blutung in den Liquorraum.
- Enzephalitis: Eine Enzephalitis (Gehirnentzündung) kann ebenfalls mit einer erhöhten Leukozytenzahl und einer Blutbeimengung im Liquor einhergehen.
- Tumoren: Tumoren des zentralen Nervensystems, die bluten und gleichzeitig eine Entzündungsreaktion auslösen, können ebenfalls zu diesem Bild führen.
- Vaskulitis: Eine Vaskulitis (Entzündung der Blutgefäße) des zentralen Nervensystems kann zu einer Blutbeimengung und einer erhöhten Leukozytenzahl im Liquor führen.
- Neuroborreliose: In seltenen Fällen kann die Neuroborreliose, eine durch Zecken übertragene Infektion, mit einer erhöhten Leukozytenzahl und einer Blutbeimengung im Liquor einhergehen.
Diagnostische Vorgehensweise
Bei Vorliegen einer erhöhten Leukozytenzahl und eines blutigen Liquors ist eine sorgfältige diagnostische Abklärung erforderlich, um die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren. Die diagnostische Vorgehensweise umfasst in der Regel:
- Anamnese und klinische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und Durchführung einer gründlichen neurologischen Untersuchung.
- Wiederholte Lumbalpunktion: Eine wiederholte Lumbalpunktion kann helfen, zwischen einer traumatisch bedingten Blutbeimengung und einer Blutung aufgrund einer Erkrankung des zentralen Nervensystems zu unterscheiden. Bei einer traumatischen Punktion sollte die Blutbeimengung von Röhrchen zu Röhrchen abnehmen (sog. "Three-Tube-Test").
- Zytologische Untersuchung: Beurteilung der Zellen im Liquor, insbesondere der Leukozyten und Erythrozyten. Eine Differenzierung der Leukozyten ist wichtig, um Hinweise auf die Art der Entzündung zu erhalten.
- Bestimmung von Eiweiß und Glukose: Messung der Konzentration von Eiweiß und Glukose im Liquor. Ein erhöhter Eiweißgehalt kann auf eine Entzündung oder eine Störung der Blut-Liquor-Schranke hinweisen.
- Immunologische Untersuchungen: Bestimmung von Immunglobulinen und anderen Immunmarkern. Eine intrathekale Immunglobulinsynthese (d.h. eine lokale Produktion von Antikörpern im Liquor) kann auf eine Entzündung des zentralen Nervensystems hinweisen. Das Liquor-Serum-Quotientendiagramm (Reiber-Diagramm) ist ein quantitatives Verfahren, um auf einen Blick Informationen über die individuelle Schrankenfunktion eines Patienten zusammen mit dem intrathekalen Immunglobulinmuster zu erhalten.
- Erregernachweis: Nachweis von Bakterien, Viren oder anderen Erregern mittels PCR oder anderen Methoden. Der Nachweis Erreger spezifischer Nukleinsäuresequenzen vermittels der Polymerasekettenreaktion (PCR) ist von großer Bedeutung in der CSF Diagnostik von infektiösen Erkrankungen des Zentralnervensystems.
- Bildgebende Verfahren: Durchführung einer Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns oder Rückenmarks, um Blutungen, Tumoren oder andere strukturelle Veränderungen zu erkennen. Bei Raum fordernden Prozessen, z.B. Tumor, Blutung, hängt das Ausmaß der Schrankenstörung von der Lokalisation und Größe des Prozesses ab.
- Weitere Untersuchungen: In Abhängigkeit von denInitialbefunden können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. eine Angiographie zur Beurteilung der Blutgefäße oder eine Biopsie zur Gewinnung von Gewebeproben.
Therapeutische Maßnahmen
Die therapeutischen Maßnahmen richten sich nach der zugrunde liegenden Ursache für die erhöhte Leukozytenzahl und den blutigen Liquor.
- Bakterielle Meningitis: Bei einer bakteriellen Meningitis ist eine sofortige Antibiotikatherapie erforderlich.
- Virale Meningitis oder Enzephalitis: Bei einer viralen Meningitis oder Enzephalitis kann eine antivirale Therapie erforderlich sein, z.B. mit Aciclovir bei Herpes simplex Enzephalitis.
- Subarachnoidalblutung: Eine Subarachnoidalblutung erfordert in der Regel eine neurochirurgische Behandlung, z.B. dieClipping oder Coiling eines Aneurysmas.
- Tumoren: Tumoren des zentralen Nervensystems können operativ entfernt, bestrahlt oder mit Chemotherapie behandelt werden.
- Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems werden in der Regel mit Immunsuppressiva oder anderen immunmodulierenden Medikamenten behandelt.
Lesen Sie auch: Multiple Sklerose und der Albuminquotient
Lesen Sie auch: Überblick: Liquor bei Demenz
tags: #leukozytenzahl #liquor #blutig