Eine aktuelle Umfrage unter deutschen Neurologen, veröffentlicht in "Neurological Research and Practice", beleuchtet die Herausforderungen und Belastungen, denen junge Ärzte in der Weiterbildung ausgesetzt sind. Die Ergebnisse zeigen, dass belastende Ereignisse im klinischen Alltag häufig vorkommen und das Risiko für Burnout erhöhen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) sieht dringenden Handlungsbedarf, um den Arztberuf attraktiver zu gestalten und die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter im Gesundheitssystem langfristig zu erhalten.
Häufigkeit belastender Ereignisse und Burnout-Risiko
Mehr als die Hälfte der befragten Neurologen (51 Prozent) gaben an, mindestens einmal monatlich belastende Ereignisse zu erleben. Besonders alarmierend ist, dass 15 Prozent sogar wöchentlich oder häufiger mit solchen Situationen konfrontiert sind. Diese Belastungen scheinen nicht folgenlos zu bleiben, insbesondere bei Ärzten in Weiterbildung: 27 Prozent zeigten ein erhöhtes Burnout-Risiko, und etwa jeder vierte Befragte in Weiterbildung wies Merkmale eines wahrscheinlichen Burnouts auf. Die Ergebnisse der DGN-Umfrage unterstreichen, dass besonders die neurologische Weiterbildung eine vulnerable Phase für Burnout darstellt.
Ursachen belastender Ereignisse
Die Umfrage identifizierte mehrere Hauptursachen für belastende Ereignisse im neurologischen Alltag.
- Hohes Patientenaufkommen: Knapp 80 Prozent der Teilnehmer nannten dies als Hauptgrund, noch vor dem Second-Victim-Effekt. Weiterzubildende beschrieben das signifikant häufiger als Fachärzte.
- Second-Victim-Phänomen: Die psychische Belastung, die entsteht, wenn Behandelnde mit schweren Schicksalsschlägen von Patienten konfrontiert werden.
- Wissenslücken und mangelnde Fertigkeiten: Besonders Weiterzubildende fühlen sich dadurch belastet.
- Schlechte Kommunikation: Probleme in der Zusammenarbeit mit anderen Fachabteilungen.
- Organisationsmängel: Ineffiziente Abläufe und Strukturen im Klinikalltag.
Belastende Ereignisse treten besonders häufig in der Notaufnahme (85 Prozent der Teilnehmenden), auf Intensivstationen (54 Prozent) und auf Allgemeinstationen (46 Prozent) auf.
Mangelnde Vorbereitung und fehlende Unterstützung
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Umfrage ist, dass sich sowohl Fachärzte als auch Weiterzubildende auf belastende Ereignisse nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Fast zwei Drittel der Befragten berichteten davon. Nur 23 Prozent wurden während belastender Ereignisse vor Ort supervidiert. Viele äusserten den Wunsch nach inhaltlichen Debriefings (Nachbesprechung) durch qualifiziertes Personal, zum Beispiel durch vertraute Vorgesetzte, wobei sich mehr als 90 Prozent beider Gruppen eine solche Nachbesprechung und zudem eine strukturierte Einarbeitung wünschten. Allerdings findet eine Debriefing nur in den seltensten Fällen statt: Nur drei Prozent der Weiterzubildenden und acht Prozent der Fachärzte berichteten, dass sie bereits eine Nachbesprechung am Arbeitsplatz genutzt hätten.
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Dysfunktionale Bewältigungsstrategien
Die negativen Folgen der Überlastung in der Medizin ließen sich bereits der Umfrage entnehmen: 20 Prozent gaben Alkoholkonsum und neun Prozent die Einnahme von Medikamenten als dysfunktionale Copingstrategie an. Das zeige, wie wichtig es sei, unterstützende Angebote und eine offene Kommunikationskultur zu etablieren.
Forderungen der DGN
Die Präsidentin der DGN, Daniela Berg, sieht Handlungsbedarf und will sich dafür einsetzen, dass eine strukturierte Einarbeitung, Angebote der Nachbesprechung und eine Umgebung, in der offen über belastende Ereignisse und Fehler gesprochen werden kann, in neurologischen Kliniken etabliert wird. Die Fachgesellschaft wolle sich dafür einsetzen, dass eine strukturierte Einarbeitung, Angebote der Nachbesprechung und eine Umgebung, in der offen über belastende Ereignisse und Fehler gesprochen werden kann, in neurologischen Kliniken etabliert wird. Wie genau die Fachgesellschaft dabei vorgehen will, blieb in der Pressemitteilung offen.
Zusätzlich sprach sich Berg für eine Reduktion von Dokumentationsaufgaben, eine Rückbesinnung auf ärztliche Tätigkeiten und einem dem Patientenaufkommen angepassten Personalschlüssel aus. Möglicherweise könne auch eine fächerübergreifende Supervision sinnvoll sein. Zusätzlich will Berg Themen wie das Second-Victim-Phänomen im Studium verankern: „Diese Themen wird die DGN im Gespräch mit den medizinischen Fakultäten adressieren und Angebote für eine studien- und berufsbegleitende Unterstützung schaffen.“
Weitere Ergebnisse und Forderungen
Die Umfrage des Hartmannbundes unter 491 Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung, von denen 69 Prozent weiblich waren, zeigt weitere Missstände auf:
- 41 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass eine problemlose Überstundendokumentation in ihrer Klinik nicht möglich sei.
- Es gibt Drohungen, dass Teile des Logbuchs nicht ausgefüllt würden, wenn man für seine Rechte einstehe.
- Es wird zu wenig Zeit für Fragen und Erklärungen sowie keine geregelte Rotation kritisiert.
- Wirtschaftlich dominierte Entscheidungen statt medizinischer Lehre machen einigen jungen Ärzten zu schaffen.
- Häufig werden auch mangelnde Führungsqualitäten der vorgesetzten Oberärzte kritisiert.
- Der Personalmangel sorgt bei den jungen Ärzten für massive Missstimmung.
- 70 Prozent der Umfrageteilnehmer verzweifeln an Doppeldokumentationen, und 92 Prozent klagen über technische Probleme im Arbeitsalltag.
Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, fordert eine nicht-manipulierte Dokumentation der geleisteten Arbeitsstunden, damit Pausen und Zeitausgleich angemessen stattfinden können.
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Junge Geriater fordern mehr Forschungsmöglichkeiten
Eine Umfrage der Jungen Geriatrie - Nachwuchsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) - unter ihren Mitgliedern ergab, dass das Forschungsinteresse groß ist, aber wegen mangelnder Vereinbarkeit mit der Klinikarbeit kaum zu realisieren. 39 Prozent der 56 Umfrageteilnehmenden, die mehrheitlich ihre geriatrische Weiterbildung vor weniger als fünf Jahren abgeschlossen haben, sind trotz vorhandenem Forschungsinteresse derzeit nicht wissenschaftlich tätig. Hauptsächlich wegen fehlender Forschungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz (39 Prozent) sowie mangelnder Vereinbarkeit von Klinik und Forschung (38 Prozent). 34 Prozent beklagten fehlende Mentorinnen und Mentoren. Die DGG-Nachwuchsgruppe Junge Geriatrie setzt sich dafür ein, die Strukturen zu verbessern, um wissenschaftliches Arbeiten in der Geriatrie zu fördern.
Evaluation der psychiatrischen Facharztweiterbildung
Eine Befragung durch die Nachwuchsinitiative Generation PSY der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) unter 315 Ärzt:innen in Facharztweiterbildung Psychiatrie und Psychotherapie sowie Fachärzt:innen zeigt, dass die Arbeitsbedingungen im Fachgebiet besser sind als im fächerübergreifenden Vergleich. Im Vergleich zur durchschnittlichen Arbeitszeit von Ärzt:innen in Weiterbildung in der fächerübergreifenden Befragung des Hartmannbunds von 2021 zeigt sich eine deutlich geringere tatsächliche Arbeitszeit in der Psychiatrie und Psychotherapie. Auch eine Teilzeittätigkeit wird in der Psychiatrie und Psychotherapie häufiger in Anspruch genommen. Es zeigt sich ein Verbesserungsbedarf in den Bereichen Einarbeitung, Supervision und Weiterbildungsplanung. Besonders die Einarbeitung in psychiatrische Notfälle ist sicherheitsrelevant und daher von zentraler Bedeutung. Flächendeckend sollten zu Beginn der Weiterbildung praxisorientierte Seminare zur Notfallpsychiatrie angeboten werden. Die Befragung zeigt, dass flexible Arbeitszeiten und mobiles Arbeiten während der Weiterbildung kaum möglich sind. Die externen Veranstaltungen sind insbesondere, wenn auch nicht ausschließlich, für Weiterbildungsinhalte aus dem speziellen Psychotherapie-Teil erforderlich. Die Organisation und Umsetzung der in die Facharztweiterbildung integrierten Psychotherapieweiterbildung bedarf dringender Verbesserungen.
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