Aggressive Diabetestherapie und Nervenschäden: Ein umfassender Überblick

Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch einen Mangel an Insulin oder eine verminderte Insulinwirkung gekennzeichnet ist. Unbehandelt oder unzureichend behandelt, kann Diabetes zu einer Vielzahl von Komplikationen führen, darunter Nervenschäden, die als Neuropathie bezeichnet werden. Die Behandlung von Diabetes zielt darauf ab, den Blutzuckerspiegel im Zielbereich zu halten, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren. Allerdings kann eine zu aggressive Blutzuckersenkung in einigen Fällen auch zu Nervenschäden führen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen aggressiver Diabetestherapie und Nervenschäden, Präventionsstrategien und Behandlungsansätze.

Prävention von Diabetes und seinen Folgeerkrankungen

Prävention im Zusammenhang mit Diabetes kann verschiedene Aspekte umfassen. Einerseits geht es darum, die Manifestation des Diabetes mellitus selbst zu verhindern (Primärprävention). Andererseits zielt die Prävention darauf ab, die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Neuropathie zu verhindern (Sekundärprävention). Die Verhinderung der Manifestation der Zuckerkrankheit würde viel Leid und enorme Kosten sparen.

Primärprävention des Typ-2-Diabetes

Die Primärprävention des Typ-2-Diabetes ist von besonderer Bedeutung. Studien haben gezeigt, dass eine Normalisierung des Körpergewichts in der prädiabetischen Phase und körperliche Aktivität die Stoffwechselsituation verbessern und die Manifestation des Diabetes verhindern oder verzögern können.

Toumilehto und Mitarbeiter führten eine Studie mit übergewichtigen Patienten mit gestörter Glukosetoleranz durch. Dabei zeigte sich, dass intensive Beratung mit Gewichtsabnahme und starker körperlicher Aktivität das Auftreten von Diabetes um 58 % reduzieren konnte. Besonders überzeugende Ergebnisse wurden durch eine 5%ige Gewichtsabnahme, eine Reduzierung der Fettaufnahme, die Reduzierung der Aufnahme gesättigter Fette, die Zufuhr von faserhaltigen Lebensmitteln und gezielte körperliche Tätigkeit erzielt.

Das Diabetespräventionsprogramm (DPP), eine amerikanische Studie mit über 3000 Probanden, kam zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier wurde eine 58%ige relative Reduzierung im Fortschreiten des Diabetes in jener Gruppe beobachtet, bei der der Lebensstil entscheidend verändert wurde.

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Medikamentöse Prävention

Neben Lebensstiländerungen wurden auch medikamentöse Ansätze zur Prävention des Typ-2-Diabetes untersucht. Die TRIPOD-Studie zeigte, dass das Glitazonpräparat Troglitazon bei Frauen mit vorangegangenem Schwangerschaftsdiabetes eine relative Minderung im Fortschreiten des Diabetes bewirken konnte.

Die STOP-NIDDM-Studie untersuchte den Einfluss von Acarbose auf die Diabetesmanifestation und mögliche Herz-Kreislauf-Ereignisse. Acarbose vermindert in erster Linie die nach Nahrungsaufnahme erhöhten Glucosespiegel und vermittelt damit auch eine effektivere Wirkung des Insulins. Die Studie zeigte, dass Acarbose die Rate an Neuerkrankungen um bis zu 36 % reduzieren kann. Eine zusätzliche Auswertung ergab, dass unter Acarbose 91 % weniger Herzinfarkte und 49 % weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse auftraten als unter Placebo. Auch die Bluthochdruckrate lag unter Acarbose niedriger.

Eine chinesische Arbeitsgruppe untersuchte die Einwirkung von Acarbose und Metformin auf den präventiven Effekt dieser Substanzen. Das Eingreifen mit Acarbose bewirkte einen deutlichen Abfall des jährlichen Neuauftretens des Diabetes.

Die HOPE-Studie untersuchte den Einfluss des ACE-Hemmers Ramipril auf Herz-Kreislauf-Ereignisse und die Manifestation eines Typ-2-Diabetes. Unter Ramipril traten weniger neue Diabetesfälle auf als in der Placebogruppe.

Weitere präventive Maßnahmen

Mäßiger Alkoholkonsum, reichlicher Kaffeegenuss und der im Darmbereich wirkende Fettblocker Orlistat können das Risiko für die Manifestation des Typ-2-Diabetes ebenfalls reduzieren.

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Prävention bei Kindern und Jugendlichen

In jüngster Zeit leiden zunehmend Kinder und Jugendliche an Fettsucht und Typ-2-Diabetes. Zur Prävention ist in erster Linie die Vermeidung bzw. die Therapie der Fettsucht im Kindesalter erforderlich.

Therapie-induzierte Neuropathie (TIND)

Eine aggressive Blutzuckersenkung kann in einigen Fällen zu einer Therapie-induzierten Neuropathie (TIND) führen. Dies wurde in einer nachträglichen Auswertung der Daten von 910 Menschen mit Diabetes durch Forscher der Harvard Medical School gezeigt. Patienten, die innerhalb von drei Monaten eine schnelle Senkung des HbA1c-Wertes um zwei oder mehr Prozentpunkte erfuhren, erkrankten häufiger an einer TIND.

Warum ein rasch gesenkter Langzeitblutzuckerwert zu Nervenschäden führt, ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Möglichkeit könnte sein, dass ein zu schneller Gewichtsverlust dazu beiträgt. Ein höheres Risiko tragen dabei wohl vor allem Patienten, die bereits Nervenschäden aufweisen.

Es spricht vieles dafür, dass eine aggressive Blutzuckersenkung vor allem dann schädlich ist, wenn die Nerven bereits vorgeschädigt sind, etwa nach langjährigem Diabetes.

Diabetes und psychische Gesundheit

Ein Diabetes belastet dauerhaft - Unterstützung in der Familie und durch Freunde kann die inneren Kräfte stärken. Menschen mit Diabetes haben ein doppelt so hohes Risiko für psychische Erkrankungen wie stoffwechselgesunde Menschen; diese Erkrankungen erhöhen ihr Risiko für Folgeerkrankungen und Tod.

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Die Diagnose Diabetes löst bei den meisten Patienten Verunsicherung, Angst, Stress, Hilflosigkeit und viele weitere negative Empfindungen aus, die das Wohlbefinden und die Lebensqualität langfristig beeinträchtigen. Erschreckend ist die Information, dass es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die eine lebenslange Therapie erfordert.

Ein Diabetes erhöht die psychische Belastung und diese wiederum verstärkt die Risikofaktoren für einen Diabetes. Aus der dauerhaften psychischen Belastung kann sich eine eigenständige psychische Erkrankung wie eine Depression oder Essstörung als Komorbidität entwickeln - mit allen negativen Folgen auf den Krankheitsverlauf des Diabetes.

Bei Jugendlichen kann die Diabetestherapie eine große Last sein. Hinzu kommen Stimmungsschwankungen durch die hormonellen Umstellungen in der Pubertät, die extrem verstärkt werden durch schnelle massive Blutzuckerschwankungen. Um abzunehmen, spritzen viele Jugendliche bewusst zu wenig Insulin. Dieses Verhalten wird als Insulin-Purging bezeichnet. Insbesondere bei jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes kommt die Diabulimie gehäuft vor. Jugendliche mit Diabetes leiden zusätzlich in vielen Lebenssituationen, beispielsweise sind die Teilnahme an Sportveranstaltungen und Klassenfahrten sowie die Berufswahl eingeschränkt.

Depressive Menschen mit Diabetes leiden unter verminderter Lebensqualität und empfinden die Erkrankung dauerhaft als deutliche Belastung. In späteren Lebensphasen kann sich die Dauerbelastung in Essstörungen, Depression und Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Inaktivität, ungesunder Lebensweise und schlechter Therapietreue äußern.

Apotheker sollten bei der Betreuung von Diabetespatienten nicht nur auf gute Therapieadhärenz, sondern auch auf Anzeichen einer psychischen Störung achten. Eine nicht behandelte Depression oder andere psychische Störungen beeinträchtigen die Lebensqualität stark und gehen mit schlechter Blutzuckereinstellung einher. In jedem Fall ist die psychische Störung konsequent zu behandeln; diese Therapie ist in die Diabetestherapie einzubinden.

Bei einer Depression, möglicherweise mit Suizidgefahr, ist sofort die Therapie durch einen Facharzt zu starten. Bei der Auswahl der Medikation ist zu berücksichtigen, dass Antidepressiva die antidiabetische Therapie beeinflussen können.

Diabetes im Alter

Jeder zweite Diabetes-Patient ist über 65 Jahre alt, etwa 20 % der 70-jährigen leidet an Diabetes mellitus Typ 2. Diabetes ist die häufigste Komorbidität des Alters und wird beim älteren Patienten oft spät diagnostiziert, bagatellisiert oder inadäquat therapiert, so dass Folgeerkrankungen neben Einbußen in der Lebensqualität nicht selten zum Verlust der Selbstständigkeit und zur Pflegebedürftigkeit führen.

Die Diabetestherapie beim älteren Menschen muss individuell sein, d.h. abgestimmt auf die Lebensgewohnheiten, kognitive und körperliche Funktionen, Bildungsgrad und Compliance des Patienten, was ein umfassendes Assessment der Gesamtsituation notwendig macht. Generell sollte beim älteren Menschen der Erhalt größtmöglicher Lebensqualität im Vordergrund stehen.

Maßnahmen wie Schulung, Lebensstiländerung, Ernährung und Bewegung sind Basis jeder Diabetes Typ 2-Behandlung und sollten zunächst ausgeschöpft werden. Die Schulung der Patienten bzw. deren Versorgenden ist die Grundlage der erfolgreichen, dauerhaften Behandlung auch für die Älteren.

Empfehlungen für die Diabetestherapie

  • Individualisierte Therapie: Die Diabetestherapie sollte individuell auf den Patienten abgestimmt sein, unter Berücksichtigung von Alter, Begleiterkrankungen, Lebensstil und psychischem Befinden.
  • Langsame Blutzuckersenkung: Bei der Blutzuckersenkung sollte ein langsames und bedachtes Vorgehen gewählt werden, insbesondere bei Patienten mit bereits bestehenden Nervenschäden.
  • Psychosoziale Unterstützung: Patienten mit Diabetes benötigen psychosoziale Unterstützung, um die psychischen Belastungen der Erkrankung zu bewältigen.
  • Früherkennung und Prävention: Die Früherkennung und Prävention von Diabetes und seinen Folgeerkrankungen ist von entscheidender Bedeutung.

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