Neuronitis Vestibularis: Ursachen, Diagnose und Therapie

Die Neuronitis vestibularis, auch als vestibuläre Neuronitis oder akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP) bekannt, ist eine Erkrankung des Gleichgewichtsnervs, die zu plötzlichem und heftigem Schwindel führt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Diagnose und Therapie dieser Erkrankung, sowohl für Fachpersonal als auch für betroffene Patienten.

Einführung

Die Neuritis vestibularis gehört zu den häufigsten Ursachen akuter peripherer Schwindelsyndrome. Sie macht etwa 7 % der Diagnosen in einer Spezialambulanz für Schwindel aus. Betroffen sind meist Erwachsene zwischen 50 und 60 Jahren, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind als Männer. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise durch einen plötzlichen Drehschwindel, der von Übelkeit, Erbrechen und Unsicherheit beim Gehen begleitet wird.

Ursachen

Die genaue Ursache der Neuritis vestibularis ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass eine virale Infektion, insbesondere eine Reaktivierung des Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1), eine entscheidende Rolle spielt. Diese Hypothese stützt sich auf die Beobachtung, dass HSV-1 in den Ganglien des Nervus vestibularis nachgewiesen werden kann. Die Reaktivierung des Virus könnte zu einer Entzündung des Nervs führen, was wiederum die Nervenleitung stört und die Gleichgewichtsstörung verursacht.

Weitere mögliche Ursachen, die in Betracht gezogen werden, umfassen:

  • Durchblutungsstörungen: Eine Einschränkung der Mikrozirkulation im Bereich des Nervus vestibularis könnte ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Autoimmunprozesse: In seltenen Fällen könnten Autoimmunreaktionen zur Entzündung des Nervs beitragen.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Neuritis vestibularis keine Entzündung des Gehirns oder des Rückenmarks darstellt. Auch andere Ursachen für Schwindel, wie beispielsweise ein Schlaganfall, müssen ausgeschlossen werden.

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Symptome

Die typischen Symptome einer Neuritis vestibularis sind:

  • Akut einsetzender, heftiger Drehschwindel: Der Schwindel tritt plötzlich auf und kann sehr intensiv sein. Er wird oft als Drehschwindel wahrgenommen, bei dem sich die Umgebung zu drehen scheint.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Symptome sind häufig Begleiterscheinungen des Schwindels.
  • Stand- und Gangunsicherheit: Die Patienten haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und neigen dazu, zur betroffenen Seite zu fallen. Die Unsicherheit verstärkt sich bei Augenschluss.
  • Nystagmus: Unwillkürliche, rhythmische Augenbewegungen (Nystagmus) sind ein häufiges Zeichen. Der Nystagmus schlägt typischerweise zur gesunden Seite.
  • Verstärkung der Beschwerden bei Bewegung: Lageänderungen und rasche Kopfbewegungen können die Symptome verstärken.

Es ist wichtig zu beachten, dass bei einer Neuritis vestibularis keine Hörstörungen, Tinnitus oder andere neurologische Symptome auftreten sollten. Sollten diese Symptome vorhanden sein, muss an andere Ursachen gedacht werden.

Diagnose

Die Diagnose einer Neuritis vestibularis basiert auf der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls apparativen Untersuchungen.

Anamnese

Die Anamnese umfasst die Erhebung der typischen Symptome, wie plötzlicher Drehschwindel, Übelkeit, Erbrechen und Standunsicherheit. Es ist wichtig, nach Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und möglichen Auslösern zu fragen.

Körperliche Untersuchung

Die körperliche Untersuchung umfasst:

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  • Neurologische Untersuchung: Zum Ausschluss anderer neurologischer Ursachen.
  • HNO-ärztliche Untersuchung: Untersuchung der Ohren, des Trommelfells und des Gehörs.
  • Gleichgewichtsprüfung: Überprüfung des Gleichgewichts und der Koordination.
  • Nystagmus-Untersuchung: Beurteilung des Nystagmus, insbesondere mit Hilfe einer Frenzelbrille, um die visuelle Fixation auszuschalten.
  • Kopfimpulstest (HIT): Dieser Test überprüft die Funktion des vestibulo-okulären Reflexes (VOR). Bei einer Neuritis vestibularis ist der HIT auf der betroffenen Seite pathologisch.
  • Romberg-Test: Beurteilung der Standstabilität mit offenen und geschlossenen Augen.

Apparative Diagnostik

  • Vestibuläre Testung: Video-Kopfimpulstest (vHIT) und kalorische Testung können die Funktion des Gleichgewichtsnervs quantifizieren und eine einseitige Funktionsminderung nachweisen.
  • Audiologische Testung: Ein Reintonaudiogramm wird durchgeführt, um eine Hörstörung auszuschließen.
  • Bildgebung: In bestimmten Fällen, insbesondere bei Verdacht auf eine zentrale Ursache, kann eine Bildgebung (CT oder MRT) des Gehirns erforderlich sein.

Differenzialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Ursachen für Schwindel auszuschließen, wie beispielsweise:

  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Hierbei handelt es sich um eine gutartige Form von Schwindel, die durch bestimmte Kopfbewegungen ausgelöst wird.
  • Morbus Menière: Eine Erkrankung des Innenohrs, die mit Schwindel, Hörverlust und Tinnitus einhergeht.
  • Labyrinthitis: Eine Entzündung des gesamten Innenohrs.
  • Vestibularisparoxysmie: Kurze, anfallsartige Schwindelattacken, die durch eine Kompression des Gleichgewichtsnervs verursacht werden.
  • Zentrale Ursachen: Schlaganfall, Multiple Sklerose oder andere neurologische Erkrankungen.

Therapie

Die Therapie der Neuritis vestibularis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Erholung des Gleichgewichtssystems zu fördern und langfristige Komplikationen zu vermeiden.

Akuttherapie

  • Symptomatische Behandlung: In der akuten Phase können Antivertiginosa (Medikamente gegen Schwindel) und Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern. Sedierende Antivertiginosa sollten jedoch nur kurzzeitig (maximal 1-3 Tage) und bei starker Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden, da sie die zentrale Kompensation verzögern können.
  • Kausale Therapie: Kortikosteroide (z.B. Prednisolon) können die Erholung der vestibulären Funktion verbessern, insbesondere wenn sie frühzeitig nach Symptombeginn (innerhalb von 24-72 Stunden) verabreicht werden. Die Dosierung sollte ausreichend hoch sein (z.B. 250 mg Prednisolonäquivalent pro Tag). Virostatika haben sich in Studien als nicht wirksam erwiesen.

Rehabilitation

  • Vestibuläres Training: Ein gezieltes Gleichgewichtstraining ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Es hilft, die zentrale Kompensation zu fördern und die Gleichgewichtsstörung zu verbessern. Das Training umfasst Übungen zur Blickstabilisierung, zur Verbesserung der Körperhaltung und zur Koordination.
  • Physiotherapie: Eine physiotherapeutische Behandlung kann helfen, die Muskelkraft und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Psychologische Unterstützung: In einigen Fällen kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll sein, insbesondere wenn Ängste oder Unsicherheiten bestehen.

Langzeitmanagement

  • Anpassung des Lebensstils: Patienten sollten darauf achten, Stress zu vermeiden, ausreichend zu schlafen und sich gesund zu ernähren.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Der Konsum von Alkohol und Nikotin sollte reduziert oder vermieden werden.
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Um den Verlauf der Erkrankung zu überwachen und gegebenenfalls die Therapie anzupassen.

Prognose

Die Prognose der Neuritis vestibularis ist im Allgemeinen gut. Die meisten Patienten erholen sich innerhalb von Wochen bis Monaten vollständig. In einigen Fällen können jedochRestbeschwerden wie eine leichte Standunsicherheit oder eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber schnellen Kopfbewegungen zurückbleiben. Rückfälle sind selten.

Eine frühzeitige Diagnose und Therapie, insbesondere die Einleitung eines gezielten vestibulären Trainings, können die Erholung beschleunigen und die Lebensqualität verbessern.

Neue Erkenntnisse

Eine aktuelle Studie von Best et al. (2025) hat gezeigt, dass bei einem Drittel der Patienten mit Neuritis vestibularis nicht nur der superiore, sondern auch der inferiore Anteil des Nervus vestibularis betroffen ist (s+iUVP). Diese Patienten zeigten stärkere Symptome, eine reduzierte cVEMP-Amplitude und im Langzeitverlauf höhere Werte für Angst und psychische Belastung. Eine frühzeitige Identifikation dieser Patienten mittels SVV, HIT und cVEMP ist wichtig, um die Prognose besser einschätzen und eine zielgerichtete Therapie einleiten zu können.

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