Die Gesundheit unserer Kleinsten liegt uns besonders am Herzen. Umfassende Diagnostik und ein teamorientierter Ansatz sind entscheidend für eine effektive Behandlung von komplexen Erkrankungen, Entwicklungsstörungen oder Behinderungen im Kindesalter. Die Früherkennung von Krankheiten, deren Prävention, Heilung oder Milderung der Auswirkungen stehen dabei im Vordergrund. Hierbei spielt die Hirnstammaudiometrie (BERA) eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Erkennung von Hörstörungen und potenziell auch bei der Abklärung neurologischer Probleme wie Epilepsie.
Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung von Babys, Kindern und Jugendlichen mit komplexen Erkrankungen erfordert ein hochspezialisiertes, interdisziplinäres Team. Dies gewährleistet eine hochprofessionelle Behandlung unter Einbeziehung der Familie. Nach einer ausführlichen Anamnese wird in einem Evaluationsgespräch mit dem Expertenteam ein individueller Behandlungsplan erstellt, der notwendige Untersuchungen (z.B. EEG, MRT ZNS etc.) und erforderliche Therapien umfasst.
BERA: Was ist das und wie funktioniert es?
Die Hirnstammaudiometrie, kurz BERA, ist eine objektive Methode zur Beurteilung der Hörfähigkeit. Sie zeigt, wie gut das Gehirn Töne verarbeiten kann. Hierbei geht es nicht nur darum, ob das Ohr einen Ton aufnehmen kann, sondern auch darum, wie dieser Ton durch den Hörnerv ans Gehirn weitergeleitet wird. Bei der BERA wird die Leitfähigkeit und -geschwindigkeit des Hörnervs seitengetrennt bestimmt. Ähnlich einer Hirnstrommessung (EEG) beim Neurologen werden mittels dreier Elektroden die Signale der Hörbahn abgenommen.
Der Ablauf der BERA-Messung
Für diesen Test werden weiche Elektroden auf die Kopfhaut platziert. Die Potentiale werden über Hautelektroden abgeleitet, die auf die Haut hinter dem Ohr und der Stirn aufgeklebt werden. Diese Elektroden zeichnen die elektrischen Signale auf, die das Gehirn produziert, wenn es einen Ton verarbeitet. Um den Hörnerven zu stimulieren, wird ein Tongemisch über Kopfhörer abgespielt.
Es ist wichtig, dass die Person während der Ableitung der Hirnstammpotentiale möglichst entspannt ist und nicht gedanklich abgelenkt ist, da dies die hörnervspezifischen Signale überlagern kann, was die Messung unnötig verlängert oder zu sogenannten Artefakten führt. Die Messung liefert eine Kurve typischer Wellen, deren Gipfel die Umschaltung des Hörsignals in den jeweiligen Kerngebieten anzeigen. Sie werden mit den Ziffern JI, JIII und JV bezeichnet (nach dem Erstbeschreiber Jewitt). Dabei werden die Gesamtlaufzeit der Signale und die Abstände zwischen den Wellengipfeln gemessen. Laufzeitunterschiede zwischen den einzelnen Potentialen bzw. im Vergleich zur Gegenseite können eine Störung in der zentralen Hörbahn anzeigen.
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BERA bei Babys und Kindern
Der Test kann auch im Schlaf durchgeführt werden, da er keine aktive Antwort erfordert. Er wird deshalb auch zur Früherkennung von Hörstörungen bei Babys verwendet. Kindgerechte Hörprüfungen sind bei den Kleinsten von großer Bedeutung.
Indikationen für eine BERA-Untersuchung
Die BERA-Untersuchung ist indiziert bei verschiedenen Symptomen und Verdachtsfällen:
- Hörstörungen: Zur genauen Lokalisation und Art der Hörstörung.
- Schwindel: Bei Störungen des Gleichgewichtssinnes.
- Tinnitus: Bei Ohrgeräuschen.
- Nach Hörsturz: Um eine sogenannte "retrocochleäre" Ursache auszuschließen.
- Verdacht auf neurologische Erkrankungen: Typische Latenzverzögerungen können beim Akustikusneurinom (auch Vestibularisschwannom, gutartiger Tumor des Hörgleichgewichtsnerven), beim M. Parkinson, der Multiplen Sklerose oder Infarkten im Bereich des Hirnstammes auftreten.
BERA und Epilepsie: Ein möglicher Zusammenhang
Obwohl die BERA primär zur Untersuchung der Hörfunktion eingesetzt wird, kann sie in bestimmten Fällen auch Hinweise auf neurologische Probleme wie Epilepsie liefern. Veränderungen in den Hirnstammpotentialen können auf eine Beteiligung des Hirnstamms an epileptischen Prozessen hindeuten. Allerdings ist die BERA nicht spezifisch für Epilepsie und dient nicht als alleiniges Diagnoseinstrument. Bei Verdacht auf Epilepsie sind weitere Untersuchungen wie das EEG (Elektroenzephalogramm) erforderlich.
Differenzialdiagnose bei Hörstörungen
Es ist wichtig zu beachten, dass Hörstörungen vielfältige Ursachen haben können. In vielen Fällen handelt es sich um leichte Entzündungen des Gehörganges, Ohrpröpfen (Verlegung des Gehörganges mit Ohrenschmalz), eine Bade-Otitis oder eine sogenannte Belüftungsstörung bei einer Erkältung. Manchmal können sich hinter den Beschwerden auch schwerwiegende Krankheitsbilder verbergen, die einer raschen Behandlung bedürfen.
Weitere diagnostische Verfahren
Neben der BERA gibt es weitere wichtige diagnostische Verfahren zur Abklärung von Hörstörungen und Gleichgewichtsproblemen:
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- Tympanometrie: Hierbei wird die Beweglichkeit des Trommelfells gemessen und der Druck im Mittelohr bestimmt. Dabei wird die Strecke, die der Schall vom Außenohr zum Trommelfell zurücklegt, beurteilt, um Hörschäden abzuklären.
- Messung aktiver akustischer Aussendungen des Innenohrs: Diese Messung lässt Rückschlüsse auf das Hörvermögen oder eine Hörminderung zu.
- Romberg-Stehversuch, Unterberger Tretversuch, Seiltänzergang und Einbeinstand: Diese einfachen Tests geben Aufschluss über die Stand- und Gangsicherheit des Patienten.
- Orientierende Prüfung der Hirnnerven und spezielle Koordinationstests: Diese Tests können wichtige Hinweise auf die Funktion des Kleinhirns und anderer Teile des Nervensystems geben.
- Video-Okkulographie (VOG): Dieses Verfahren beinhaltet die Aufzeichnung der Augenbewegungen mittels einer Videobrille, während die Gleichgewichtsorgane durch Temperaturreize (kalt und warm) gezielt stimuliert werden.
Therapieansätze bei Hörstörungen und Gleichgewichtsproblemen
Neben den diagnostischen Fortschritten entwickeln sich auch die Behandlung dieser Störungen stetig weiter. Die Therapie richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache.
- Medikamentöse Therapien: Bei vielen Patienten können medikamentöse Therapien dazu beitragen, die Symptome zu lindern. Hierzu gehören die medikamentöse Behandlung (Infusionstherapie) bei akuten Hör- und Gleichgewichtsstörungen (Hörsturz, Drehschwindel). Um Kortisonnebenwirkungen auf den Organismus zu vermeiden, gibt es auch eine neue Therapieoption, die intratympanale Kortikoidtherapie (ITC). Hierbei wird der Wirkstoff in unmittelbare Nähe des Innenohres gegeben. Bei akutem Tinnitus ohne Hörproblematik kann auch eine ionotrope Infusionstherapie mit Xylocain in Betracht gezogen werden.
- Physiotherapie und vestibuläres Training: Physiotherapeutische Maßnahmen und spezielles vestibuläres Training sind entscheidend, um das Gleichgewicht zu verbessern und Schwindel zu reduzieren.
- Hörgeräte und Hörimplantate: Innovative Technologien wie Hörimplantate oder spezielle Hörgeräte bieten Lösungen für diejenigen, die unter schweren Hörstörungen leiden. Bei chronischen Hörstörungen erfolgt eine ausführliche Beratung zu Hörgeräten und gegebenenfalls Verordnung derselben.
- Weitere Therapien: Ohrgeräusche können vielfältige Ursachen haben, die oft eine multimodale Therapie benötigen. Hierzu gehören Infusionen, Intratympanale Kortikoidtherapie, Verordnung von Noisern etc.
Die Rolle der Eltern und Angehörigen
Ein wesentlicher Aspekt in der Behandlung von Tinnitus und Gleichgewichtsstörungen ist die Patientenaufklärung. Betroffene und ihre Angehörigen sollten über ihre Erkrankung, die möglichen Ursachen und die verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten umfassend informiert werden. Eltern werden in alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen mit einbezogen und sind bei diesen anwesend. Ein enger Eltern-Kind-Kontakt ist für alle Früh- und Neugeborene essentiell wichtig.
Fallbeispiel: Herausforderungen bei der Behandlung von Hörstörungen im Kindesalter
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Herausforderungen bei der Behandlung von Hörstörungen im Kindesalter: Ein Kind erhielt nach diversen Behandlungen wie schleimlösenden Medikamenten, Nasenballon, Nasenstaubsauger und Nasenspülung im Januar 2006 Paukenröhrchen und eine Ausschabung der Polypen. Später verstopfte sich das rechte Röhrchen durch einen Paukenerguss, wurde freigespült und mit antibiotischen Ohrentropfen behandelt. In solchen Fällen ist eine Überweisung an ein Pädaudiologisches Zentrum sinnvoll, um die Notwendigkeit von Hörgeräten oder anderen Therapien (Ergo-, Logopädie) zu prüfen.
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