Gehirnhälften-Funktionen: Mythos und Realität

In der Welt der Neurowissenschaften und der populären Psychologie hält sich hartnäckig der Mythos, dass das menschliche Gehirn in zwei klar getrennte Hälften unterteilt ist, wobei jede Hälfte für spezifische Funktionen zuständig ist. Demnach soll die linke Gehirnhälfte analytisch, logisch und rational sein, während die rechte Gehirnhälfte für Emotionen, Kreativität und künstlerische Fähigkeiten zuständig sein soll. Dieser Artikel untersucht die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Theorie und stellt dar, wie die moderne Hirnforschung dieses Bild nuanciert.

Die populäre Vorstellung: Links vs. Rechts

Die Vorstellung von der „linken“ und „rechten“ Gehirnhälfte hat in vielen Bereichen Anklang gefunden, von der Trainingsbranche über Präsentationsseminare bis hin zur Persönlichkeitsentwicklung. Oft wird behauptet, dass Menschen eine dominante Gehirnhälfte haben, die ihr Denken und Handeln beeinflusst. So sollen beispielsweise „Linkshirner“ analytisch und rational sein, während „Rechtshirner“ kreativ und emotional sein sollen.

Ein bekanntes Beispiel für diesen Mythos ist die drehende Tänzerin: Je nachdem, in welcher Richtung man die Tänzerin sich drehen sieht, soll man eher links- oder rechtsseitig denken. Auch in Präsentationsseminaren wird oft empfohlen, Bilder auf der linken Seite von Folien und Text auf der rechten Seite zu platzieren, um die vermeintlichen Stärken der jeweiligen Gehirnhälfte optimal zu nutzen.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse: Ein komplexeres Bild

Die moderne Neurowissenschaft hat jedoch gezeigt, dass die Realität viel komplexer ist. Zwar gibt es tatsächlich eine gewisse Spezialisierung der beiden Gehirnhälften, aber die Vorstellung von einer strikten Trennung der Funktionen ist irreführend.

Frühe Forschung: Broca, Sperry und die Split-Brain-Experimente

Die Idee der unterschiedlichen Funktionen der Gehirnhälften hat ihre Wurzeln in der Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Der französische Arzt Paul Broca entdeckte, dass die Sprachverarbeitung bei den meisten Menschen eher in der linken Gehirnhälfte lokalisiert ist. In den 1960er und 70er Jahren sorgte der spätere Medizin-Nobelpreisträger Roger Sperry mit seinen Split-Brain-Experimenten für Aufsehen. Bei diesen Experimenten wurde die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften bei Epilepsiepatienten durchtrennt. Die Ergebnisse zeigten, dass die linke Gehirnhälfte tendenziell besser in der Sprachverarbeitung ist, während die rechte Gehirnhälfte stärker in visuell-räumlichen Aufgaben involviert ist.

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Das Gehirn als interagierendes System

Die heutige Forschung betont jedoch, dass das Gehirn als ein interagierendes System zu verstehen ist. Die beiden Gehirnhälften arbeiten eng zusammen und kommunizieren ständig miteinander. Komplexe kognitive und emotionale Fähigkeiten sind nicht auf eine einzelne Gehirnhälfte beschränkt, sondern erfordern die Zusammenarbeit verschiedener Hirnregionen in beiden Hemisphären.

Dr. Sofie Valk, Forschungsgruppenleiterin im Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und Forschungszentrum Jülich, erklärt: „Es gibt also Unterschiede zwischen den beiden Gehirnhälften, doch übernehmen sie auch viele ähnliche Funktionen. Beide Gehirnhälften sind essenziell und arbeiten eng zusammen. Aus Gründen der Effizienz kann eine Gehirnhälfte eine bestimmte Aufgabe stärker übernehmen, während ihr Gegenstück für eine andere Funktion dominanter ist.“

Lateralisierung: Spezialisierung, aber keine strikte Trennung

Obwohl die beiden Gehirnhälften viele Funktionen gemeinsam haben, gibt es dennoch eine gewisse Spezialisierung, die als Lateralisierung bezeichnet wird. So ist beispielsweise die linke Gehirnhälfte bei den meisten Menschen für die Sprachverarbeitung und die Steuerung der rechten Körperhälfte zuständig, während die rechte Gehirnhälfte stärker in die Verarbeitung von räumlichen Informationen, die Erkennung von Gesichtern und die Steuerung der linken Körperhälfte involviert ist.

Es gibt auch Unterschiede in der Mikrostruktur der beiden Hemisphären. Analysen zeigen, dass bestimmte Gehirnareale der linken und rechten Hemisphäre unterschiedlich dick ausgeprägt sind und Unterschiede im Aufbau der kortikalen Schichten aufweisen. Diese strukturellen Unterschiede könnten zu funktionellen Variationen führen.

Individuelle Unterschiede und Plastizität

Der Grad der Lateralisierung variiert jedoch von Mensch zu Mensch und kann sich im Laufe des Lebens verändern. Mit zunehmendem Alter nimmt die Lateralisierung von Aufmerksamkeitsaufgaben tendenziell ab, sodass sich die für die Aufmerksamkeit zuständigen Gehirnareale zunehmend symmetrischer in beiden Gehirnhälften verteilen.

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Auch die Plastizität des Gehirns spielt eine wichtige Rolle. Das Gehirn ist in der Lage, sich an veränderte Bedingungen anzupassen und Funktionen von einer Hirnregion in eine andere zu verlagern, beispielsweise nach einer Verletzung.

Konsequenzen für Bildung und Training

Die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung haben wichtige Konsequenzen für Bildung und Training. Anstatt sich auf die vermeintlichen Stärken einer bestimmten Gehirnhälfte zu konzentrieren, sollten Lern- und Trainingsmethoden darauf abzielen, beide Gehirnhälften zu aktivieren und die Zusammenarbeit zwischen ihnen zu fördern.

Integration von rationalen und emotionalen Kompetenzen

Ein wichtiger Ansatz ist die Integration von rationalen und emotionalen Kompetenzen. Anstatt analytische und emotionale Denkprozesse als Gegensätze zu betrachten, sollten sie als sich ergänzende Fähigkeiten gefördert werden. Emotionales Storytelling und analytische Studien können beispielsweise kombiniert werden, um Lerninhalte besser zu vermitteln.

Multisensorische Aktivitäten und kinesiologische Übungen

Multisensorische Aktivitäten, die mehrere Sinne ansprechen, können dazu beitragen, beide Gehirnhälften gleichzeitig zu aktivieren. Kinesiologische Übungen sollen die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Übungen, die angeben, lediglich eine Gehirnhälfte zu trainieren, wissenschaftlich nicht fundiert sind.

Gedächtnistraining und Lernmethoden

Um das Gedächtnis zu verbessern und die Vernetzung der gespeicherten Informationen zu fördern, können verschiedene Lern- und Denkprozesse eingesetzt werden, wie beispielsweise das Lernen durch Visualisierung und Assoziation. Mind Maps und andere visuelle Techniken können ebenfalls dazu beitragen, das Zusammenspiel der Gehirnhälften zu verbessern.

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