Einleitung
Die Parkinson-Krankheit, eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen, rückt zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, insbesondere im Zusammenhang mit Umweltfaktoren wie Pestiziden. Während Frankreich bereits vor über zehn Jahren Parkinson als Berufskrankheit bei Landwirten anerkannte, zog Deutschland erst kürzlich nach. Diese Entwicklung wirft wichtige Fragen nach den Ursachen der Krankheit, den Auswirkungen von Pestiziden auf das Nervensystem und den notwendigen Schutzmaßnahmen auf.
Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit in Deutschland
Nach langem Warten wurde das „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ vom zuständigen Sachverständigenbeirat in Deutschland als neue Berufskrankheit anerkannt. Diese Entscheidung, die vom Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany) begrüßt wird, folgt dem Beispiel Frankreichs, wo Parkinson-Erkrankungen bei Landwirten bereits vor über zehn Jahren als durch Pestizide verursachte Berufskrankheit anerkannt wurden.
Die Anerkennung als Berufskrankheit kommt für Personen in Frage, die Pestizide langjährig und häufig im beruflichen Kontext selbst angewendet haben. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) betont, dass dies insbesondere Landwirte und in der Landwirtschaft tätige Personen, Winzer und Gärtner betrifft.
Vorteile der Anerkennung
Auch wenn die Anerkennung die Erkrankung und das Leid der Betroffenen nicht ungeschehen machen kann, so ist sie doch mit erheblichen Vorteilen verbunden. Hierzu zählen eine umfassendere medizinische Versorgung und Möglichkeiten lebenslanger Rentenzahlung. Das Besondere an der Berufskrankheit ist, dass die gesetzliche Unfallversicherung für die hierfür notwendigen Leistungen aufkommt.
Defizite im Anerkennungsverfahren
PAN Germany weist darauf hin, dass das Verfahren der Anerkennung von Berufskrankheiten erhebliche Defizite aufweist. Der Sachverständigenbeirat hatte es langjährig versäumt, eine Bewertung des Wissenstands um die Verursachung von Krankheiten durch Pestizide bei Landwirten vorzunehmen. Es ist unverständlich, warum die Anerkennung des Parkinson-Syndroms durch Pestizide als Berufskrankheit um Jahre verschleppt wurde. Es muss befürchtet werden, dass durch den langsamen Prozess und die späte Entscheidung des Beirates manche Rente und Behandlung nicht mehr in Anspruch genommen werden kann.
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Zunahme von Parkinson-Erkrankungen und Umweltfaktoren
Die Zunahme an neurodegenerativen Alterserkrankungen wie M. Parkinson übersteigt die durch den demografischen Wandel erwarteten Zahlen. Nur eine Minderheit der Fälle ist genetisch erklärbar. Die Erforschung der Ätiologie und der Pathomechanismen erhärtet zunehmend den Verdacht, dass Lifestyle und Umweltfaktoren bzw. -toxine eine Rolle spielen, beispielsweise in Kombination mit der genetischen Disposition.
Seit Jahren nehmen Inzidenz und Prävalenz der Parkinson-Krankheit zu. Eine Ursache dafür ist der demografische Wandel, der generell zu einer Zunahme altersassoziierter Erkrankungen führt. Die Zunahme von Parkinson ist jedoch überproportional - deutlich stärker als allein durch die Überalterung der Gesellschaft erklärt werden kann. So litten im Jahr 2016 weltweit 6,1 Millionen Menschen an der Parkinson-Krankheit, 2,4-mal mehr als im Jahr 1990 (2,5 Millionen).
Seit Jahren nehmen Hinweise zu, dass bei der Entstehung der Parkinson-Krankheit auch Umweltfaktoren, insbesondere Schadstoffe oder Umwelttoxine, beteiligt sein können. Dass Partikelschadstoffe aus der Luft und andere Umwelttoxine sich auf das Nervensystem auswirken, ist unumstritten. Die Folgen bzw. neurologischen Symptome bei akuten Vergiftungen zeigen sich oft direkt. Langfristige Folgeschäden sind hingegen nur schwer auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen. Dennoch wurden in der Umwelt- und Arbeitsmedizin bereits viele Kausalzusammenhänge zwischen jahrzehntelangen, z.B. berufsbedingten, Schadstoffexpositionen und entsprechenden Spätfolgen identifiziert und anerkannt.
Trichlorethylen (TCE) und Parkinson
Seit Längerem wird beispielsweise die Rolle des industriellen Lösungsmittels Trichlorethylen (TCE) bei der Entstehung des M. Parkinson diskutiert. Vor wenigen Monaten erschien eine Publikation, die dafür den bisher überzeugendsten Beweis erbracht hat. Eine Kohortenstudie untersuchte über 340.000 US-Veteranen, die 1975−1985 für mindestens drei Monate in Camp Lejeune, North Carolina, stationiert waren. Dort war es damals zu einer Verunreinigung des Trinkwassers mit organischen Lösungsmitteln gekommen: Es wurde mehr als das 70-Fache der zulässigen Menge TCE nachgewiesen. Die Auswertung der Krankenunterlagen der nun ungefähr 60 Jahre alten Soldaten zeigte, dass das Parkinson-Risiko um 70 % höher war (Prävalenz 0,33 %; OR 1,70; p<0,001) als in einer Vergleichsgruppe eines anderen Camps ohne Trinkwasserkontamination (Prävalenz 0,21 %).
Pestizide und neurodegenerative Erkrankungen
Aktuelle Arbeiten geben einen Überblick zur möglichen Rolle von Organophosphor-Verbindungen (Pestiziden) bei der Entstehung neurodegenerativer und neurologischer Entwicklungsstörungen. Es werden Zusammenhänge mit der Parkinson-Krankheit beschrieben, aber auch mit der Alzheimer-Krankheit, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus und anderen entwicklungsbedingten Neurotoxizitäten, z.B. geistiger Behinderung.
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Prof. Daniela Berg kritisiert, dass die mögliche Bedeutung von Pestiziden für die Zunahme von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson bei der derzeitigen europaweiten Diskussion bezüglich der Reduktion der Pestizidbelastung und des Glyphosat-Verbots zu wenig berücksichtigt wird. Tatsächlich werden sowohl bezüglich Glyphosat wie auch bei der im Umweltausschuss der EU diskutierten „Sustainable Use Regulation“ (SUR) von Pestiziden primär der Artenschutz und die möglichen Auswirkungen auf Krebserkrankungen genannt. Dabei sind die neurotoxischen Wirkungen von Pestiziden schon lange bekannt. Substanzen wie MPTP und Rotenon, die als Pestizid verwendet werden, werden ebenso genutzt, um in der Forschung im Tiermodell eine Parkinsonerkrankung zu generieren.
Neurotoxische Effekte von Pestiziden
Für viele Pestizide ist ein direkt toxischer Effekt auf das Nervensystem nachgewiesen. So auch für Glyphosat, das zu Veränderungen der Neurotransmitter- (Überträgerstoff-) Konzentrationen im Nervensystem und zu einem zellschädlichen Milieu beiträgt. Parkinsonerkrankungen wurden sowohl nach akuter wie auch nach chronischer Glyphosat-Exposition beobachtet. Neben dem direkt toxischen Effekt müssen auch mögliche indirekte Effekte, beispielsweise über eine Veränderung des Mikrobioms, bedacht werden. Außerdem beeinflussen genetische Variationen (Polymorphismen) die individuelle Anfälligkeit für eine Neurotoxizität.
Prof. Daniela Berg betont, dass es gerade angesichts der rapiden steigenden Zahl der Parkinson-Erkrankungen einen dringenden Bedarf gibt, den möglichen Beitrag von Pestiziden weiter zu erforschen und in die aktuellen Diskussionen mit einzubeziehen.
Mangan und Luftschadstoffe
Im Gegensatz zum früher häufiger gesehenen Manganismus, der akuten Toxizität von Mangan (Mn), ist die chronisch-kumulative Toxizität einer lebenslangen niedrig dosierten Mn-Exposition noch nicht ausreichend erforscht. Eine neue Arbeit fasst das bisherige Wissen zu den langfristigen Auswirkungen von Mn aus epidemiologischen und experimentellen Studien zusammen. Es zeigt sich, dass sich bei chronischer niederschwelliger Exposition (gegenüber der akuten) die Mn-Ablagerung auch auf Hirnregionen ausdehnt wie die Substantia nigra. Die typischen motorischen Parkinson-Symptome sind durch Degeneration der dopaminergen Neuronen in der Substantia nigra bedingt.
Studien zeigten bereits, dass sowohl die langfristige als auch die kurzfristige Exposition gegenüber Luftschadstoffen mit einem erhöhten Parkinson-Risiko verbunden sein kann. Eine retrospektive Beobachtungsstudie aus China zeigt nun einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen mittelfristiger Schwefeldioxid(SO2)-Exposition und M. Parkinson bei fast 40.000 Fällen (über 2191 Tage, 2014-2019).
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Weitere Substanzen im Fokus
Die Liste der Substanzen, die darüber hinaus im Fokus stehen, ist lang: Darunter sind neben Feinstaub, Pestiziden, Lösemitteln, neurotoxischen Metallen (wie Mangan, Blei, Quecksilber, Cadmium) auch Mikroplastik und Nanopartikel, Mineralöle, chemische Weichmacher, Bisphenol A (BPA). Diese werden mit typischen biochemischen Parkinson-Merkmalen (wie mitochondrialer Dysfunktion, Störungen der Metallhomöostase und Aggregation von Proteinen) in Verbindung gebracht.
Daniela Berg betont, dass all diese Studien nicht übersehbare Hinweise darauf geben, dass Umwelttoxine die Parkinson-Inzidenz zusätzlich erhöhen können, was eine Erklärung für den überproportionalen Anstieg sein kann. Sie fordert, dass Politik und jede*r Einzelne gefordert sind, entsprechende Expositionen zu minimieren. Zudem sollte dringend in Forschung investiert werden, um die Zusammenhänge zwischen Umwelttoxinen und neurodegenerativen Erkrankungen aufzuklären.
Der Fall Roger Lanblin und die Realität der Landwirte
Roger Lanblin aus dem lothringischen Art sur Meurthe ist einer der Landwirte in Frankreich, bei denen Parkinson als Berufskrankheit anerkannt wurde. Er hatte früher auf seinem Hof die Pestizide ganz ohne Schutzmaßnahmen angewandt. Durch die Anerkennung hat er die Möglichkeit, Entschädigungsleistungen zu erhalten. Die zusätzliche finanzielle Unterstützung ist für ihn angesichts seiner geringen Rente eine große Hilfe und gibt dem Paar die Möglichkeit, zu investieren.
Denise Lanblin ist wütend auf das System, weil immer mehr produziert werden muss. Sie hoffen, dass sich in der Landwirtschaft etwas ändert. Auch das große Schweigen in der Branche. Denise Lanblin glaubt, dass es vor allem über das Thema geredet werden muss, auch bei Treffen heutiger Landwirte mit den Ehemaligen.
Voraussetzungen für die Anerkennung als Berufskrankheit in Deutschland
Damit eine Parkinson-Diagnose unter die neue Berufskrankheit fällt, müssen die folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:
- Diagnose eines primären Parkinson-Syndroms ohne sekundäre Genese.
- Erfüllung eines bestimmten Dosismaßes von mindestens 100 trendkorrigierten Anwendungstagen mit Pestiziden aus einer der drei Funktionsgruppen durch eigene Anwendung.
Pestizide werden in die drei Funktionsgruppen der Herbizide, Fungizide und Insektizide eingeteilt. Personen, die Herbizide, Fungizide oder Insektizide langjährig und häufig im beruflichen Kontext selbst angewendet haben und die oben genannten Voraussetzungen erfüllen, kommen in Betracht. Betroffene Berufsgruppen sind Landwirte und in der Landwirtschaft tätige Personen, Winzer und Gärtner.
Mögliche Mechanismen der Pestizidwirkung
Man vermutet derzeit verschiedene Mechanismen, über welche Pestizide Parkinson auslösen können. Pestizide induzieren die Bildung von freien Radikalen, welche über oxidativen Stress zur Neurodegeneration beitragen. Ein weiterer, bedeutender pathobiologischer Mechanismus ist die Störung der mitochondrialen Funktion - neben weiteren vermuteten Störmechanismen auf zellulärer Ebene. In in-vitro-Untersuchungen gibt es Hinweise auf eine direkt zelltoxische Wirkung von Pestiziden, die zum direkten Zelltod führt. Dies wurde auch spezifisch für dopaminerge Neurone beobachtet.
Übergangslösung und Schutzmaßnahmen
Die Empfehlung des ÄSVB bildet für Unfallversicherungsträger und Gutachter eine einheitliche wissenschaftliche Grundlage für die Prüfung entsprechender Fälle. Damit kann die Erkrankung bereits jetzt, vor Aufnahme in die Berufskrankheiten-Verordnung, nach §9 Absatz 2 Siebtes Buch Sozialgesetzbuch als sogenannte „Wie-Berufskrankheit“ anerkannt werden. Der Leistungsumfang bei Anerkennung ist derselbe wie bei einer Berufskrankheit.
Neben den klar definierten Anerkennungsvoraussetzungen und Leistungsansprüchen, bringe die Anerkennung von Parkinson durch Pestizide als Berufskrankheit weitere Vorteile. Die Notwendigkeit des Schutzes exponierter Personen werde noch klarer, so Prof. Dr. Daniela Berg. Sie legt nahe, sich beim Einsatz dieser Pestizide ihrer Gefahren viel stärker bewusst zu werden, ihren Einsatz auch unter dem Aspekt des Schutzes vor neurodegenerativen Erkrankungen auf das Notwendigste zu beschränken und verstärkt nach für Mensch und Natur unschädlichen Ersatzstoffen zu suchen.
Zum Schutzarsenal der Arbeitsmedizin zählen das Tragen von Schutzkleidung inklusive Ganzkörperschutzanzügen, Schutzhandschuhen und festem Schuhwerk sowie die Verwendung von schützenden Kabinenfahrzeugen und Atemmasken. Hierdurch lasse sich ein Kontakt zu den Giftstoffen mit hoher Sicherheit vermeiden und entsprechend das Risiko für spätere Erkrankungen deutlich reduzieren.
Kritik und Forderungen
Der Bauernverband bezweifelt immer noch, dass Pestizide Parkinson auslösen können. Obwohl Frankreich Parkinson durch Pestizide bereits 2012 als Berufskrankheit anerkannte und der zuständige Ärzteausschuss beim Arbeitsministerium 2023 feststellte, dass zahlreiche Studien belegen, dass Pestizide Parkinson auslösen können, lehnt der Bauernverband die Anerkennung als Berufskrankheit mit fadenscheinigen Argumenten ab.
Es ist legitim, dass eine Lobby höhere Sozialbeiträge abwehren will. Aus der Causa müssen Bauern Lehren ziehen: Sie sollten nicht Funktionäre wählen, die sich am Ende gegen sie wenden.
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