Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Die Symptome und Anfallsformen können sehr unterschiedlich sein, was die Diagnose oft erschwert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlung von Epilepsie.
Vielfältige Symptome und Anfallsformen
Die Symptome eines epileptischen Anfalls können sehr unterschiedlich sein, abhängig davon, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist und wie sich die elektrischen Entladungen ausbreiten. Einige häufige Symptome sind:
- Steifheit und Muskelzittern: Dies kann sich als allgemeine Steifheit oder als unkontrolliertes Zittern bestimmter Muskeln äußern.
- Ungewöhnliche Bewegungen der Gliedmaßen oder des Kopfes: Dies können ruckartige Bewegungen, Drehungen oder andere unwillkürliche Bewegungen sein.
- Orientierungslosigkeit: Der Betroffene kann verwirrt sein und sich nicht in seiner Umgebung zurechtfinden.
- Bewusstseinsstörungen: Dies kann von kurzer Abwesenheit bis hin zu vollständiger Bewusstlosigkeit reichen.
- Vokalisation: Während eines Anfalls können Laute wie Stöhnen oder Schreien auftreten.
- Harndrang oder Stuhlgang: Der Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm ist möglich.
- Schmatzen, Speichelfluss, Gesichtsmuskelzuckungen, übermäßiges Lecken, Kauen oder Schlucken: Diese Symptome können auf eine Temporallappenepilepsie hindeuten, insbesondere bei Katzen.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle diese Symptome zwangsläufig auf Epilepsie hindeuten. Andere Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen.
Fokale Anfälle
Fokale Anfälle, auch partielle oder lokalisationsbezogene epileptische Anfälle genannt, gehen von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus und betreffen in der Regel nur eine Gehirnhälfte. Die Symptome richten sich nach dem Ursprungsort im Gehirn. Es gibt fokale Anfälle mit und ohne Bewusstseinseinschränkung.
- Fokale Anfälle ohne Bewusstseinseinschränkung: Hier bleibt der Patient bei Bewusstsein und kann sich an den Anfall erinnern. Mögliche Symptome sind Zuckungen einzelner Körperteile, Missempfindungen, sensorische Störungen (verändertes Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen) oder Sprachstörungen.
- Fokale Anfälle mit Bewusstseinseinschränkung: Hier nimmt der Patient den Anfall nicht bewusst wahr und kann sich später an nichts erinnern. Häufig treten Automatismen auf, bei denen Patienten bestimmte Handlungsmuster wiederholen. Diese Anfälle können in einen sekundär generalisierten Anfall übergehen, der dann beide Gehirnhälften betrifft.
Generalisierte Anfälle
Bei generalisierten Anfällen lässt sich keine bestimmte Hirnregion zuordnen, in der der Anfall entsteht. Während eines Anfalls kann die Ausbreitung unterschiedlich verlaufen und das gesamte Hirnareal betreffen.
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- Absencen: Es kommt zu einer plötzlichen Bewusstseinsstörung, bei der der Patient seine momentane Tätigkeit unterbricht und ins Leere starrt. Diese Anfälle dauern nur wenige Sekunden und werden oft als Unkonzentriertheit oder Träumerei missinterpretiert, besonders bei Kindern.
- Myoklonische Anfälle: Sie äußern sich mit Muskelzuckungen ohne Bewusstseinsstörungen.
- Tonisch-klonische Anfälle (Grand-Mal-Anfälle): Dies ist die Anfallsform, die am häufigsten mit Epilepsie in Verbindung gebracht wird. Die Symptome äußern sich meist in einem initialen Schrei, gefolgt von einer Anspannung der Körpermuskulatur, die dann in Zuckungen des Körpers übergeht. Es kommt zu einem Bewusstseinsverlust, sodass sich der Patient im Nachhinein nicht mehr an den Anfall erinnern kann. Auch die Blaufärbung der Lippen ist typisch.
- Atonische Anfälle: Plötzlich verlieren die Muskeln in einem Körperteil die Spannung, was zu Stürzen oder Zusammensacken führen kann.
Ursachen von Epilepsie
Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben. In vielen Fällen ist die genaue Ursache jedoch unbekannt. Mögliche Ursachen und Auslöser sind:
- Genetische Faktoren: Einige Formen von Epilepsie sind erblich bedingt. Forscher der Universität Bonn haben beispielsweise ein Gen identifiziert, dessen Defekt verschiedene Typen idiopathischer Epilepsien auslösen kann. Dieses Gen enthält den Bauplan für einen Kanal in der Zellwand, durch den Chlorid-Ionen aus den Nervenzellen nach außen gelangen können. Ist dieser Kanal defekt, steigt die Chlorid-Konzentration in der Zelle an, was die Erregbarkeit der Nervenzellen erhöht.
- Strukturelle Veränderungen im Gehirn: Diese können durch Kopfverletzungen, Schlaganfälle, Tumore, Hirnhautentzündungen oder andere Erkrankungen verursacht werden.
- Stoffwechselstörungen: Stoffwechselstörungen können ebenfalls zu epileptischen Anfällen führen.
- Entwicklungsstörungen des Gehirns: Bei Säuglingen und Kleinkindern können Schwangerschaftskomplikationen oder Störungen der Entwicklung des Gehirns ursächlich sein.
- Infektionen: Hirnhautentzündungen können zu chronischen Veränderungen im Gehirn führen, die epileptische Anfälle auslösen.
- Auslöser: Bestimmte Faktoren können epileptische Anfälle auslösen, wie z.B. flackerndes Licht, Schlafmangel, Sauerstoffmangel, Alkoholkonsum oder Fieber bei Kindern (Fieberkrämpfe).
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Krampfanfall gleichbedeutend mit einer Epilepsie ist. Ein einmaliger Anfall kann auch durch akute Ursachen wie Unterzuckerung, Vergiftung oder eine akute Hirnschädigung ausgelöst werden. Solche Anfälle werden als akut symptomatische Anfälle (ASA) bezeichnet und sind nicht Teil einer epileptischen Erkrankung.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose Epilepsie basiert in der Regel auf einer sorgfältigen Anamnese, einer neurologischen Untersuchung und verschiedenen technischen Untersuchungen.
- Anamnese: Der Arzt wird sich ausführlich nach dem Ablauf der Anfälle, den Begleitsymptomen und möglichen Auslösern erkundigen. Oft können sich die Betroffenen selbst nicht oder kaum an den Anfall erinnern, daher sind die Schilderungen von Angehörigen oder Zeugen sehr wichtig.
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die neurologischen Funktionen des Patienten, um mögliche Ursachen der Epilepsie zu finden.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Im EEG misst der Arzt die Hirnströme. Anhand der charakteristischen Muster kann er erkennen, ob die Person zu epileptischen Anfällen neigt. Das EEG ist eine schmerzfreie Untersuchung.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Mithilfe der MRT kann der Arzt herausfinden, ob bestimmte Veränderungen im Gehirn die Anfälle auslösen.
- Laboruntersuchungen: Der Arzt wird Blut abnehmen, um bestimmte Blutwerte zu überprüfen, die nach einem Anfall erhöht sein können. Gegebenenfalls wird er auch das Nervenwasser (Liquor) untersuchen, um andere Ursachen für die Epilepsie auszuschließen.
Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle im Abstand von mindestens 24 Stunden auftreten oder wenn ein spezifisches Epilepsie-Syndrom diagnostiziert wird.
Differenzialdiagnose: Was sonst noch in Frage kommt
Es ist entscheidend, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie Epilepsie verursachen können. Eine sorgfältige Anamnese und neurologische Untersuchung sind daher unerlässlich.
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- Schmerzsymptome: Steifer Gang, Stolpern, mangelnde Lust auf Sport, Lautäußerungen bei Bewegungen oder Schwierigkeiten beim Treppensteigen können auf Schmerzen hindeuten, die fälschlicherweise als Epilepsie interpretiert werden. In solchen Fällen sollte eine bildgebende Untersuchung der Wirbelsäule in Betracht gezogen werden.
- Paroxysmale Dyskinesie: Diese Erkrankung verursacht episodisch auftretende unwillkürliche Bewegungsstörungen der Gliedmaßen, des Kopfes oder des gesamten Körpers ohne Symptome des autonomen Systems. Die Patienten sind während der Episoden in der Regel desorientiert, verlieren aber nicht das Bewusstsein. Typisch ist das Fehlen einer Prä- und Post-epileptischen Phase. Einige Rassen sind für paroxysmale Dyskinesien prädisponiert, z. B. Cavalier King Charles Spaniels für das Episodische Fallsyndrom (EFS). Bei der Diagnosestellung kann ein Glutensensitivitätstest hilfreich sein.
- Synkopen: Synkopen (Ohnmachtsanfälle) können ebenfalls zu Stürzen und Bewusstseinsverlust führen und daher mit Epilepsie verwechselt werden.
Behandlung von Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
- Medikamentöse Therapie: Die meisten Epileptiker nehmen lebenslang Medikamente ein, sogenannte Antiepileptika. Diese Medikamente sollen die Anfälle blockieren. Es gibt viele unterschiedliche Antiepileptika, und die Wahl des Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten, möglichen Begleiterkrankungen und der Verträglichkeit ab. Bei einer fokalen Epilepsie sind Medikamente mit den Wirkstoffen Lamotrigin oder Levetiracetam das erste Mittel der Wahl. Bei einer generalisierten Epilepsie bieten sich z.B. Antiepileptika mit Valproinsäure an. Antiepileptika können Nebenwirkungen haben, wie z.B. Müdigkeit, Schwindel oder Magen-Darm-Beschwerden. Eine regelmäßige ärztliche Kontrolle ist daher wichtig.
- Chirurgische Therapie: Wenn die Medikamente Anfälle nicht verhindern können, ist ein Eingriff eine Alternative. Bei fokalen Anfällen kann der Bereich des Gehirns, der die Anfälle auslöst, entfernt werden. Eine weitere Möglichkeit ist die Vagusnerv-Stimulation, bei der ein Schrittmacher unter die Haut im Brustbereich implantiert wird, der elektrische Impulse abgibt.
- Ketogene Diät: Bei einigen Formen von Epilepsie, insbesondere bei Kindern, kann eine ketogene Diät helfen, die Anfälle zu reduzieren. Die ketogene Diät ist eine sehr fettreiche, kohlenhydratarme und proteinarme Diät, die den Körper in einen Zustand der Ketose versetzt.
- Psychotherapie: Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Bei einem epileptischen Anfall ist es am wichtigsten, dass Helfer Ruhe bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen schützen.
- Sorgen Sie für eine freie Atemwege.
- Entfernen Sie gefährliche Gegenstände aus der Umgebung des Betroffenen.
- Legen Sie den Betroffenen auf den Boden und schützen Sie seinen Kopf.
- Versuchen Sie nicht, den Betroffenen festzuhalten oder seinen Mund zu öffnen.
- Beobachten Sie den Anfall genau und notieren Sie die Dauer und die Symptome.
- Rufen Sie den Rettungsdienst (Notruf 112), wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, mehrere Anfälle kurz hintereinander auftreten oder sich der Betroffene verletzt hat.
Leben mit Epilepsie
Epilepsie ist eine chronische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinflussen kann. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich von Ärzten, Therapeuten und Selbsthilfegruppen unterstützen zu lassen. Mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können die meisten Menschen mit Epilepsie ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen.
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