Einleitung
Das Streben nach Optimierung der eigenen Leistungsfähigkeit ist ein tief verwurzelter Wunsch der Menschheit. Im Bereich der kognitiven Fähigkeiten manifestiert sich dies im sogenannten Neuroenhancement, dem Versuch, die geistige Leistungsfähigkeit durch den Einsatz von Substanzen oder Technologien zu steigern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Möglichkeiten des Neuroenhancement, die damit verbundenen Chancen und Risiken sowie ethische Aspekte.
Was ist Neuroenhancement?
Neuroenhancement, auch bekannt als "Cognitive Enhancement", bezeichnet den Versuch gesunder Personen, ihre geistige Leistungsfähigkeit durch die Einnahme psychoaktiver Substanzen oder den Einsatz anderer Methoden zu steigern. Ziel ist es, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis und andere kognitive Funktionen zu verbessern. Der Begriff "Gehirndoping" wird oft synonym verwendet, bezieht sich aber meist auf den Missbrauch verschreibungspflichtiger oder illegaler Substanzen.
Formen des Neuroenhancement
Man unterscheidet verschiedene Formen des Neuroenhancement:
- Pharmakologisches Neuroenhancement: Einnahme von Substanzen wie Koffein, Methylphenidat, Amphetaminen, Modafinil, Antidementiva oder Antidepressiva.
- "Soft-Enhancement": Einnahme von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln oder homöopathischen Mitteln.
- "Mood Enhancement": Einnahme von Substanzen, überwiegend Antidepressiva, die emotionale Funktionen und damit das psychische Wohlbefinden beeinflussen sollen.
- Nicht-pharmakologisches Neuroenhancement: Einsatz von Methoden wie Neurofeedback, transkranieller Magnetstimulation (TMS) oder kognitivem Training.
Verbreitung von Neuroenhancement
Das Neuroenhancement ist kein neues Phänomen. Seit jeher haben Menschen versucht, ihre geistige Leistungsfähigkeit durch den Einsatz verschiedenster Substanzen zu verbessern. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass 6,7 % der deutschen Erwerbstätigen zwischen 20 und 50 Jahren bereits einmal Neuroenhancement praktiziert haben - Tendenz steigend. Die Zunahme des pharmakologischen Neuroenhancement spiegelt die gestiegenen Anforderungen der heutigen Arbeitswelt wider, in der psychische Belastbarkeit, Stressresistenz, hohe Konzentrationsfähigkeit und schnelles Reaktionsvermögen gefordert werden. Aus diesem Grund finden sich unter den Anwendern von Neuroenhancement nicht mehr nur Künstler und Intellektuelle, sondern auch Banker, Manager, Softwareentwickler, Wissenschaftler, Ärzte und zunehmend auch Schüler und Studenten.
Substanzen und ihre Wirkung
Die am häufigsten verwendeten Substanzen für das Neuroenhancement sind:
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
- Koffein: Die weltweit am häufigsten verwendete Substanz mit psychoaktiven Eigenschaften. Es steigert die Aufmerksamkeit und Wachheit, verkürzt Reaktionszeiten und steigert die Gedächtnisleistung bei Aufgaben mit moderatem Schwierigkeitsgrad. Nebenwirkungen können Kopfschmerzen, Unruhe, Schwitzen, Magen-Darm-Beschwerden, Nervosität und Schlafstörungen sein.
- Ginkgo biloba: Ginkgo-Extrakt wird zur symptomatischen Behandlung von Beschwerden bei hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen bei demenziellem Syndrom eingesetzt. Es hat neuroprotektive, antioxidative und durchblutungsfördernde Wirkungen. Als Nebenwirkungen können leichte allergische Hautreaktionen und Wechselwirkungen mit Gerinnungshemmern auftreten.
- Methylphenidat und Amphetamine: Diese Substanzen sind in Deutschland zur Behandlung der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) zugelassen und unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz. Sie steigern die Wachheit, Aufmerksamkeit, Konzentration und verkürzen die Reaktionszeiten. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang und umfasst unter anderem Überempfindlichkeitsreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden, Appetitminderung, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen, Nervosität, Herzrhythmusstörungen und psychische Erkrankungen.
- Modafinil: In Deutschland ist Modafinil verschreibungspflichtig und zur Behandlung exzessiver, krankhafter Tagesmüdigkeit bei Narkolepsie zugelassen. Es hat kognitionsfördernde Eigenschaften, insbesondere nach Schlafentzug. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören verminderter Appetit, Kopfschmerzen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Angst, Depression, Denkstörungen, Verwirrtheit, Reizbarkeit, Schwindelgefühl, verschwommenes Sehen, Bauchschmerzen, Übelkeit und Mundtrockenheit.
- Antidementiva: Obwohl für die Behandlung von Demenz zugelassen, werden Antidementiva gelegentlich auch von Gesunden zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten eingenommen. Untersuchungen zur Wirksamkeit auf die geistige Leistungsfähigkeit von Gesunden liegen nur begrenzt vor. Typische Nebenwirkungen sind Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Kopfschmerzen, Schwindel, Schwächegefühl, Appetitlosigkeit, Zittern, Harninkontinenz und dosisabhängig Halluzinationen, Verwirrtheit, Erregungszustände und aggressives Verhalten.
- Antidepressiva: Der Einsatz von Antidepressiva bei Gesunden zielt überwiegend auf ein "Mood Enhancement" ab, also die Verbesserung der Stimmung und der sozialen Funktionsfähigkeit. Es gibt jedoch keine Untersuchungen, die diese Effekte bei Gesunden nachweisen konnten. Häufigste Nebenwirkungen sind verminderter Appetit und Gewichtsverlust, Nervosität, Ruhelosigkeit, Angst, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Aufmerksamkeitsstörungen, Schwindel, Benommenheit, verschwommenes Sehen, Störungen der Sexualfunktion und gastrointestinale Beschwerden.
Möglichkeiten der Gehirnzellen Spritzen
Die Idee, Medikamente oder andere Wirkstoffe direkt in das Gehirn zu injizieren, um neurologische Erkrankungen zu behandeln oder die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern, ist ein vielversprechendes, aber auch komplexes Feld. Die Blut-Hirn-Schranke stellt eine erhebliche Herausforderung dar, da sie den Übergang von Substanzen aus dem Blutkreislauf in das Gehirn stark einschränkt.
Überwindung der Blut-Hirn-Schranke
Um die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, werden verschiedene Strategien verfolgt:
- Direkte Injektion: Bei diesem Verfahren werden Medikamente direkt in das Gehirngewebe oder den Liquorraum injiziert. Dies ermöglicht eine hohe Konzentration des Wirkstoffs am Zielort, birgt aber auch Risiken wie Infektionen, Blutungen und Gewebeschäden.
- Nanopartikel: Nanopartikel können verwendet werden, um Medikamente zu verkapseln und sie so vor dem Abbau im Körper zu schützen. Durch die Modifizierung der Oberfläche der Nanopartikel können diese die Blut-Hirn-Schranke passieren und den Wirkstoff gezielt im Gehirn freisetzen.
- Fokussierter Ultraschall: Diese nicht-invasive Technik nutzt Ultraschallwellen, um die Blut-Hirn-Schranke vorübergehend zu öffnen und so den Medikamententransport in das Gehirn zu ermöglichen.
- Nasale Verabreichung: Einige Medikamente können über die Nase direkt in das Gehirn gelangen, indem sie die Riechschleimhaut passieren. Dieser Ansatz umgeht die Blut-Hirn-Schranke und ermöglicht eine schnelle und gezielte Wirkstofffreisetzung im Gehirn.
Aktuelle Forschung und Entwicklungen
- N2B-patch: Das EU-geförderte Verbundprojekt »N2B-patch« hat die Machbarkeit eines nasalen Verabreichungssystems für Biopharmazeutika über die Riechschleimhaut gezeigt. Dieses System könnte es ermöglichen, Wirkstoffe direkt ins Gehirn zu transportieren und so die Behandlung von Multipler Sklerose und anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems zu verbessern.
- Ultraschallgesteuerte Medikamentenfreisetzung: Forschende der ETH Zürich haben eine Methode entwickelt, mit der Medikamente im Gehirn punktgenau freigesetzt werden können. Dabei werden spezielle Träger eingesetzt, die den Wirkstoff in kugelförmige Lipidbläschen einpacken, die an gashaltigen, ultraschall-empfindlichen Mikrobläschen befestigt sind. Mit fokussiertem Ultraschall können die Wirkstoffträger am gewünschten Ort im Gehirn angereichert und die Wirkstoffe freigesetzt werden.
- Access-Projekt: Eine Arbeitsgruppe aus Rheinland-Pfalz will mittels einer Ultraschallstimulation Wirkstoffe gezielt vom Blut ins Gehirn transportieren und damit die Therapie und Vorbeugung psychischer Erkrankungen verbessern.
Tiefe Hirnstimulation (THS)
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine etablierte Methode zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, essentiellem Tremor und Dystonie. Bei diesem Verfahren werden feine Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert, die elektrische Impulse abgeben und so die Funktion der betroffenen Hirnareale beeinflussen.
Funktionsweise der THS
Die THS basiert auf der Modulation der neuronalen Aktivität in bestimmten Hirnregionen. Durch die elektrischen Impulse können überaktive oder unteraktive Hirnareale reguliert und so die Symptome der Erkrankung gelindert werden. Die THS ist ein reversibler Eingriff, da die Stimulation jederzeit angepasst oder ausgeschaltet werden kann.
Anwendungsbereiche der THS
Die THS wird bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt:
Lesen Sie auch: Sicher Autofahren mit Parkinson: Ein Leitfaden für Deutschland
- Morbus Parkinson: Die THS kann die motorischen Symptome wie Zittern, Muskelsteifigkeit und Bewegungsverlangsamung deutlich verbessern.
- Essentieller Tremor: Die THS kann das Zittern der Extremitäten und des Kopfes reduzieren.
- Dystonie: Die THS kann die Muskelkrämpfe und unwillkürlichen Bewegungen bei Dystonie lindern.
- Epilepsie: In einigen Fällen kann die THS zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden.
- Schmerzsyndrome: Die THS kann bei der Behandlung chronischer Schmerzen helfen.
Risiken und Nebenwirkungen der THS
Wie bei jedem chirurgischen Eingriff birgt auch die THS Risiken wie Infektionen, Blutungen und neurologische Komplikationen. Mögliche Nebenwirkungen der THS sind unter anderem:
- Überbeweglichkeit
- Sprachstörungen
- Kognitive Defizite
- Verhaltensänderungen (z.B. Impulsivität)
Künstliche Synapsen
Die Entwicklung künstlicher Synapsen ist ein vielversprechendes Forschungsgebiet, das neue Möglichkeiten zur Behandlung neurologischer Erkrankungen und zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit eröffnen könnte.
Das Konzept künstlicher Synapsen
Künstliche Synapsen sollen die Funktion natürlicher Synapsen im Gehirn nachahmen. Sie bestehen aus winzigen Kapseln, die mit Neurotransmittern gefüllt sind und auf elektrische Impulse reagieren können. Bei Stimulation setzen die künstlichen Synapsen Neurotransmitter frei und modulieren so die Aktivität der Nervenzellen.
Mögliche Anwendungen künstlicher Synapsen
Künstliche Synapsen könnten in Zukunft zur Behandlung von Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und Depression eingesetzt werden. Sie könnten auch zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit gesunder Menschen beitragen.
Ethische Aspekte des Neuroenhancement
Das Neuroenhancement wirft eine Reihe ethischer Fragen auf:
Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen
- Gleichheit: Könnte das Neuroenhancement zu einer ungleichen Gesellschaft führen, in der sich nur bestimmte Bevölkerungsgruppen die Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten leisten können?
- Authentizität: Verändert das Neuroenhancement die Persönlichkeit und Identität des Menschen?
- Zwang: Könnte der Druck, im Wettbewerb mithalten zu können, zu einem Zwang zum Neuroenhancement führen?
- Sicherheit: Sind die langfristigen Auswirkungen des Neuroenhancement auf die Gesundheit bekannt?
- Fairness: Ist es fair, wenn Studierende oder Arbeitnehmer Neuroenhancer einnehmen, um ihre Leistung zu verbessern?
tags: #kann #man #gehirnzellen #spritzen