Gottfried Benn, eine der prägendsten Gestalten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, war ein vielseitiger Künstler, der sich in Lyrik, Drama, Erzählungen und Essays auszeichnete. Sein Werk, oft avantgardistisch und provokativ, spiegelt die Irrtümer, den Glanz und die Verfehlungen des vergangenen Jahrhunderts wider und wurde sogar nach seinem Tod für den Nobelpreis vorgeschlagen. Benns Schaffen wird gemeinhin dem Expressionismus zugerechnet, wobei diese Zuordnung einer kritischen Prüfung bedarf.
Leben und Werk: Eine Einführung
Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld geboren. Nach einem Theologie- und Philosophiestudium wandte er sich der Medizin zu und arbeitete als Arzt, Pathologe und Serologe in Berlin. Neben seiner medizinischen Tätigkeit widmete er sich dem Schreiben und erregte 1912 mit seinem Gedichtband "Morgue" Aufsehen. Benns frühe Werke, dem Expressionismus zuzuordnen, stellten die übliche Vorstellung von Lyrik infrage und stellten die menschliche Existenz als Banalität und ihren körperlichen Verfall dar.
"Gehirne": Ein expressionistisches Kaleidoskop
In seinem Novellenzyklus "Gehirne" (1916) verarbeitet Benn seine Erfahrungen als Arzt und schildert die Traumata des Arztdaseins. Die Novellen, insbesondere die Rönne-Novellen, nutzen den inneren Monolog des jungen Arztes Rönne, um die Realität als nicht mehr beschreibbar darzustellen. Benn zeigt, wie neue Erkenntnisse nicht nur Klarheit bringen, sondern auch Schrecken offenbaren.
Der rbb produzierte eine Lesung von vier Novellen rund um den Arzt Werff Rönne, in denen Benn auf die für ihn charakteristische Weise die Traumata des Arztdaseins verarbeitet. Die Rönne-Novellen in der Sammlung "Gehirne" sind ein eindrucksvolles Kaleidoskop, welches Hörer:innen in ihren bizarren Bann ziehen wird.
Expressionistische Merkmale in Benns Werk
Benns Werk weist zahlreiche Merkmale des Expressionismus auf, darunter:
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- Ich-Dissoziation: Die Darstellung des Protagonisten Werff Rönne in Benns Rönne-Novellen erfolgt oft über die "vorgefundene" "Ich-Dissoziation".
- Realitätszerfall: Die Realität wird als chaotisch und sinnlos dargestellt, was Benns Negierung der herkömmlichen Begriffswelt signalisiert.
- Kulturkritik: Benns frühe Lyrik weist eine enge intertextuelle Bindung zu Georg Heym auf und kritisiert die Kultur auf provokative Weise.
- Darstellung des Hässlichen: In "Nachtcafé" zeigt Benn unverblümt das Hässliche, die Krankheit und die Abscheu vor dem Menschen.
Benn und der Expressionismus: Eine kritische Betrachtung
Die Zuordnung von Benns Werk zum Expressionismus ist jedoch nicht unproblematisch. Eine kritische Prüfung der Merkmale des Expressionismus und ihrer Übereinstimmung mit Benns Texten ist erforderlich. Zu fragen wäre:
- Was genau bezeichnet der "Expressionismus"-Begriff? Welche Merkmale liegen einer Klassifizierung von Texten als "expressionistisch" zu Grunde?
- Welche Übereinstimmungen lassen sich zwischen den Texten Benns und den vermeintlich "epochenspezifischen" Parametern feststellen?
- Welche Probleme ergeben sich gerade für die Betrachtung des Benn'schen Werks durch eine spezifisch literaturhistorische Zuordnung?
Die Gefahr literarhistorisch orientierter Textinterpretation besteht darin, dass sie die Frage nach der Bedeutungsdimension und damit die dezidierte Interpretation ersetzt. Mit dem Bezug auf ein scheinbar immergültiges, unhinterfragbares Paradigma - die "Epoche" bzw. die ihr zu subsumierenden Unterströmungen - umgeht sie aber eine argumentative literaturwissenschaftliche Beweisführung.
Benns "Gehirn"-Begriff: Mehr als nur ein Schlagwort
Der "Gehirn"-Begriff in Benns Rönne-Novellen ist mehr als nur ein "expressionistisches Schlagwort". Er erweist sich als Schnittstelle, als Benn'scher Vorstellungskomplex, in dem zahlreiche zeitgenössische wissenschaftliche und philosophische Theoreme collagiert werden. Sowohl erbbiologisch (vgl. etwa Haeckels Histonalgedächtnis) als auch psychoanalytisch wird hier ein mythischer Zugang zum Wesen und zur "Geschichte" des Menschen konstruiert, wird "Wahrheit" bzw. ein transzendentes "Sein" erfahrbar.
Benns Verhältnis zum Nationalsozialismus
Benns Verhältnis zum Nationalsozialismus ist ein umstrittenes Thema. Zunächst verteidigte er den Nationalsozialismus in einigen Rundfunkvorträgen und in dem "Offenen Brief" in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25. Mai 1933, weil er sich von ihm eine Verbesserung der Situation in Deutschland erhoffte. Später distanzierte er sich jedoch von diesem und ging ab 1934 in die "innere Emigration".
Benns Spätwerk und sein Einfluss auf die Nachkriegslyrik
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Benn nach Berlin zurück und veröffentlichte 1948 seine Lyriksammlung "Statische Gedichte", die seinen späteren Weltruhm begründete. Mit seinem Spätwerk beeinflusste er die Nachkriegslyrik stark.
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Gottfried Benn: Ein widersprüchlicher Dichter
Gottfried Benn war ein widersprüchlicher Dichter, bei dem Werk und Leben oftmals nicht zusammenzupassen scheinen. Sein Lebenslauf macht ihn zu einem Repräsentanten der deutschen Konservativen, während sein Werk durch seine Sprachkraft eher der literarischen Avantgarde angehört.
"Nachtcafé": Eine Analyse
Das Werk „Nachtcafè“ von Gottfried Benn stammt aus dem Jahre 1912. Der äußere Aufbau gliedert sich in acht Strophen, mit jeweils eine bis sechs Versen; eine feste Regel für die Länge der Strophen ist nicht erkennbar. Inhaltlich schildert der Ich-Sprecher das rege Gesellschaftstreiben in einem städtischen Nachtcafè.
In der ersten Strophe beginnt die Szenerie mit der Robert Schumanns Vertonung von Chamissos „Frauen - Liebe und Leben“: Ein Chello „trinkt“ (V. 2), eine Flöte „rülpst“ drei Takte (V. 3) und die Trommel „liest“ den Kriminalroman zu Ende (V. 4). Alle diese drei Verse haben den gleichen grammatikalischen Aufbau, man spricht hier also von einem „Parallelismus“. Ferner noch werden den Instrumenten menschliche Charakterzüge zuteil, es könnte sich also um eine Personifikation der Instrumente handeln.
In den folgenden vier Strophen beschreibt der Ich-Sprecher vier Paare. Was auch schon im ersten Abschnitt aufgefallen sein könnte ist, dass Personen immer nur auf prägnante Äußerlichkeiten reduziert werden. Das lyrische Ich fixiert sich in seinen Beschreibungen auf die hässlichen Merkmale. Besonders direkt wird der Sprecher jedoch erst ab der zweiten Strophe: „Grüne Zähne, Pickel im Gesicht winkt einer Lidrandentzündung“. Für den Leser werden diese Beobachtungen mit einer zynischen, fast schockierenden Nüchternheit geschildert. Diese Art der Beschreibungen, bei der Menschen durch ihre Erscheinungsmerkmale ersetzt werden, nennen sich „Synekdochen“ (auch als „pars pro toto“ bekannt).
Der Autor Gottfried Benn chiffriert sein Gedicht dadurch und verkompliziert den Zugang zum Textverständnis, dazu kommen Ellipsen (Auslassung) wie in Vers 10 und 12, sowie Enjambements wie in Vers 5 und 7; jedoch kann Benn dadurch erfolgreich seine beabsichtigte Wirkung potenzieren: Die Hässlichkeit der Menschen herausstellen.
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Die eigentliche Handlung der vier Pärchen beschränkt sich auf die Triebebene; der Ich-Sprecher beobachtet, wie sich Männer und Frauen gegenseitig gefügig machen (V. 11f: „Junger Kropf ist Sattelnase gut. Er bezahlt für sie drei Bier“, V. 13f: „Bartflechte kauft Nelken, Doppelkinn zu erweichen“). Der Mensch wird hier nicht nur auf sein hässliches Äußeres fokussiert, sondern auch auf seinen Sexualtrieb.
In der sechsten Strophe wird die 35. Sonate von Chopin gespielt. Dieses Stück scheint der heruntergekommenen Gesellschaft nicht angemessen zu sein: Zwei Augen „brüllen“ beim Anspielen des Stückes auf, vermutlich die des Ich-Sprechers, der die Chopin-Sonate von der triebgesteuerten Gesellschaft in dem Nachtcafè „vergewaltigt“ sieht (V. 16: „Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, damit das Pack drauf rumlatscht“).
Im sechsten Abschnitt tritt nun eine für den Ich-Sprecher charismatische Person in den Raum. Eine schöne Frau, von dessen Parfüm der Sprecher sich benebelt fühlt und die er für keusch und geheimnisvoll hält. Der Sprecher selbst scheint in diesem Moment Opfer seiner Libido zu werden (V.
In der letzten Strophe, der einen separaten einzelnen Vers darstellt, löst sich die charismatisch wirkende Frau in eine ordinäre Prostituierte auf. Dieser Schluss lässt sich ziehen, weil ein „Fettleibiger“ hinter der Frau „hertrippelt“.
„Nachtcafè“ ist ein sehr beliebtes Gedicht expressionistischer Literaturepoche im Deutschunterricht. Der Grund dafür ist, dass in „Nachtcafè“ sehr viele Kritikpunkte an der Gesellschaft geäußert werden, die in expressionistischen Werken typisch sind. Auf sehr unverblümte Weise zeigt Benn auf das Hässliche, die Krankheit und die Abscheu vor dem Menschen. Die Gesellschaft wird als degeneriert, verfallen und triebgesteuert dargestellt. Personen werden als individualitätslos beschrieben, die sogenannte „Ich-Dissoziation“. Von dem Ich-Sprecher erfährt man in diesem Gedicht nahezu nichts. Nur durch seine Beschreibungen lässt sich erschließen, dass er mit den Genüssen der Gesellschaft nichts anfangen kann und ein Fremder an diesem Ort zu sein scheint; der Sprecher lebt in einer Art „Gegenwelt“. Des Weiteren könnte man den Sprecher für arrogant halten, da er den Rest der Festgesellschaft als „Pack“ bezeichnet.
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