Die Vorstellung, dass der Mensch nur einen Bruchteil seines Gehirns nutzt, ist ein weit verbreiteter Mythos. Angeblich soll schon Albert Einstein gesagt haben, dass der Mensch nur 10 Prozent seines Gehirns nutzt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge und die Persistenz dieses Mythos und widerlegt ihn anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse. Zudem werden Strategien zur Optimierung der tatsächlichen Gehirnleistung vorgestellt.
Ursprung und Verbreitung des Mythos
Der Mythos, dass Menschen nur einen geringen Teil ihres Gehirns nutzen, hält sich hartnäckig. Er wird oft mit berühmten Persönlichkeiten wie Albert Einstein oder dem Psychologen William James in Verbindung gebracht. Letzterer soll während seiner Vorlesungen an der Harvard Universität Ende des 19. Jahrhunderts häufig davon gesprochen haben, dass der Mensch nur einen Bruchteil seines geistigen Potentials nutze. Er bemängelte damit allerdings die unzureichende Förderung der Kinder zu seiner Zeit. Auch ein Buch einer amerikanischen Glaubensgemeinschaft ist übrigens bekannt dafür, mit Albert Einstein und seiner angeblichen 10-Prozent-Aussage beworben zu werden.
Die Verlockung des Mythos liegt in der Vorstellung, dass ungenutzte Kapazitäten im Gehirn schlummern, die durch bestimmte Techniken oder Substanzen aktiviert werden könnten. Diese Idee findet sich in populärpsychologischen Büchern, Lebensratgebern und sogar in Filmen wie "Lucy", in dem die Protagonistin durch eine Droge immer mehr Anteile ihrer Gehirnkapazität nutzen kann. Diese Faszination für ungenutztes Potenzial macht den Mythos zu einer effektiven Verkaufsstrategie.
Wissenschaftliche Widerlegung des Mythos
Die moderne Neurowissenschaft hat den Mythos der begrenzten Gehirnnutzung widerlegt. Bildgebende Verfahren wie die Positronenemissionstomographie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, dass das gesamte Gehirn aktiv ist, wenn auch nicht gleichzeitig. Den unterschiedlichen Aufgaben, wie Bewegung, Riechen, Schmecken und Sehen sind spezifische Bereiche im Gehirn zugeordnet. Selbst im Schlaf ist die Gehirnaktivität höher als die angenommenen 10 Prozent.
Evolutionär gesehen wäre es ineffizient, ein Organ mit einem so hohen Energieverbrauch wie das Gehirn zu haben, wenn der Großteil davon ungenutzt bliebe. Obwohl das Gehirn nur ungefähr zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, entfallen darauf gut 20 Prozent des täglichen Energiebedarfs. Die Natur leistet sich keine Verschwendung in diesem Ausmaß.
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Auch Hirnschädigungen liefern Beweise gegen den Mythos. Selbst kleinste Verletzungen im Gehirn können schwerwiegende Auswirkungen auf kognitive Funktionen haben. Unter günstigen Umständen können Schäden durch die kortikale Plastizität (neuronale Netze sind formbar und können das kaputte Gebiet umgehen) kompensiert werden, allerdings deutet nichts in der medizinischen Praxis darauf hin, dass der Großteil des Gehirns inaktiv ist.
Gehirnleistung optimieren: Brainfood und Training
Obwohl der Mythos der begrenzten Gehirnnutzung widerlegt ist, bedeutet dies nicht, dass die Gehirnleistung nicht optimiert werden kann. Wie ein Sportler seinen Körper trainieren kann, lässt sich auch das Gehirn trainieren und mit den benötigten Nährstoffen versorgen. Es gibt verschiedene Strategien, um die kognitiven Fähigkeiten zu verbessern und das Gehirn fit zu halten.
Brainfood: Die richtige Ernährung für das Gehirn
Die richtige Ernährung spielt eine entscheidende Rolle für die Gehirnfunktion. Einige Nährstoffe sind besonders wichtig für den Erhalt einer normalen Hirnfunktion. Dazu zählen Spurenelemente wie Zink und Magnesium oder Antioxidantien wie die B-Vitamine. Lebensmittel, die sich besonders günstig auf die Hirnfunktion auswirken sollen, werden häufig als Brain Food bezeichnet.
Brainfood sind Lebensmittel, die dir beim besseren Denken helfen. Die deine mentale Leistungsfähigkeit verbessern, so dass du beispielsweise schneller Informationen aufnehmen kannst. Im Prinzip geht es deinem Gehirn genauso wie deinem ganzen Körper: Desto besser du dein Gehirn versorgst, umso besser funktioniert es. Deswegen reicht es auch nicht aus, deinem Körper ab und zu mal ein gesundes Häppchen zu geben und zu denken, damit ist es nun getan. Brainfood wird auch oft als Nervennahrung verstanden. Das heißt, statt Schokolade gibt es nun Gesundes. Etwas, was sich zusätzlich positiv auf dein Nervensystem auswirkt. Gerade, wenn du dich besonders gestresst fühlst.
Zu den wichtigsten Brainfoods gehören:
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- Nüsse: Nüsse werden oft als das klassische Brainfood verstanden. Sie sind aber auch wirklich gut. Nicht nur, dass sie lecker schmecken, nein, sie sind auch enorm gesund. Nüsse enthalten vor allem viel gesundes Fett (50-60 Prozent) sowie Eiweiß (15-25 Prozent). Kohlenhydrate eher weniger (etwa 20 Prozent). Und sie sind wichtige Vitaminlieferanten wie beispielsweise Vitamin B, E und K. Nüsse und ihre wertvollen Inhaltsstoffe sorgen für eine gesunde Gehirnzelle und einen guten Energiestoffwechsel. Ich bevorzuge vor allem Walnüsse. Witzig ist hier, dass die Form der Walnuss mit ihren vielen Windungen sehr stark an ein menschliches Gehirn erinnert.
- Beeren: Beeren kannst du beispielsweise mit Nüssen mischen. Auch als Topping eignen sie sich prima, zum Beispiel auf dem Porridge oder dem Nachtisch. Natürlich kannst du sie auch so essen, was ich dir allerdings nicht empfehlen würde aufgrund ihres Fruchtzuckeranteils. Beeren sind vor allem reich an Vitamin C, Carotinoiden, Kalium, Calcium und Magnesium. Natürlich sind Beeren auch voll mit Antioxidantien, welche als Radikalfänger dienen. Freie Radikale entstehen während verschiedener Stoffwechselprozesse als Zwischenprodukte sowie durch schädliche äußere Einflüsse wie Zigarettenrauch, Umweltgifte, UV-Strahlen der Sonne. Sie sind hochreaktiv und sehr aggressiv. Deswegen ist es günstig, ausreichend Antioxidantien zur Verfügung zu haben, die sich um diese „Bösewichte“ kümmern.
- Hülsenfrüchte: Da ich mich sehr kohlenhydratarm (ketogen) ernähre, gibt es bei mir Hülsenfrüchte nur in kleinen Mengen. Dennoch gehören sie für mich unbedingt dazu. Hülsenfrüchte kannst du nur gekocht essen. Jedoch kannst du sie ganz unterschiedlich verwenden: als Beilage, in der Suppe, im Eintopf oder als Püree. Allen gemeinsam ist, dass sie sehr viel Eiweiß und Eisen enthalten. Wenn es mal ganz schnell gehen soll, empfehlen sich rote Linsen. Diese sind in kochendem Wasser schon in zwei bis drei Minuten gut. Diese kannst du beispielsweise einfach über deinen Salat geben. Ebenso wie geröstete Kichererbsen. Hülsenfrüchte eignen sich gut für die Darmgesundheit. Jedoch sollten verdauungsempfindliche Personen sie etwas anders zu sich nehmen, zum Beispiel mit Kümmel oder Anis würzen. Auch senken sie das Cholesterin und den Blutdruck. Durch ihr Eiweißgehalt und die B-Vitamine sind sie wahre Fitmacher. Sie bringen deinen Denkapparat wieder in Höchstform.
- Eier: Ja, du hast richtig gelesen. Tatsächlich gehören Eier für mich zu den Brainfoods. Das hat gleich mehrere verschiedene Gründe. Stelle dir vor, wie du dich fühlst, wenn du hungrig bist. Ziemlich übel, oder? Du denkst an nichts Anderes mehr wie essen und wirst immer hippeliger und unkonzentrierter. Aber das muss gar nicht sein. Ich habe für solche Fälle oft ein paar Nüsse und, eher ungewöhnlich, ein oder zwei hartgekochte Eier dabei. Eier enthalten logischerweise auch viel Eiweiß. Da jede deiner Zellstrukturen auch aus Eiweiß besteht, ist es immer gut, genügend davon zu haben. Denn gerade in deinem Gehirn befinden sich ja besonders viele Zellen. Und zu guter Letzt steckt in Eiern auch noch Cholin, welches ein wesentlicher Bestandteil deiner Gehirnzellen ist. Cholin braucht dein Körper, um daraus Acetylcholin herzustellen.
- Kakao: Kakao, etwas besonders Feines. Damit ist jedoch nicht der süße Kaba, sondern der richtige Kakao* gemeint. Dieser enthält die Aminosäure Tryptophan, welches für die Bildung von Serotonin benötigt wird. Außerdem befinden sich im Kakao auch Flavonoide. Mit Kakao kannst du ganz wundervolle Nachtische zaubern. Wenn du nicht mit Kakaopulver arbeiten möchtest, dann empfehle ich dir dunkle Schokolade*. Am besten mit 85 Prozent Kakaoanteil. Davon kannst du nach dem Mittag- oder Abendessen einfach ein paar Stückchen essen.
- Langsam resorbierbare Kohlenhydrate: Sehr gut eignen sich dafür Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Kartoffeln. Diese kombinierst du mit Gemüse, Salat und/oder etwas Obst.
- Wasser: Trink ausreichend Wasser. Dein Körper besteht zu etwa 70 Prozent aus Wasser. Anders ausgedrückt: Jede Zelle besteht zu mindestens 50 Prozent aus Wasser. Was passiert nun, wenn deine Zellen nicht ausreichend mit Wasser versorgt werden? Ganz einfach: sie sind weniger leistungsfähig. Und genauso geht es natürlich auch mit deinen Gehirnzellen. Hat dein Körper zu wenig Flüssigkeit, wirkt sich dies schnell aus: du kannst dich nicht mehr so gut konzentrieren, du wirst müde, deine Leistung nimmt ab und du bekommst Kopfschmerzen. Spätestens dann solltest du unbedingt nach deiner Wasserflasche oder ungesüßtem Tee greifen. Und nicht sparen! Einen Kick können dir auch eine Tasse Kaffee oder grüner Tee* geben. Das darin enthaltene Koffein erweitert deine Gefäße und erhöht nochmals zusätzlich deine Konzentration.
Was du vermeiden solltest
- Zucker: Hast du auch noch die Worte im Ohr, dass Zucker dir ganz schnell Energie gibt? Die Rede ist hier meist von schnell resorbierbarem Zucker, wie er in Schokolade, Süßigkeiten, Kuchen, Kaffeestückchen, Traubenzucker und dergleichen vorkommt. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Wenn du etwas Süßes isst, dann bekommst du und dein Gehirn einen kurzfristigen Zuckerschub und somit auch einen Energieschub. Zweck erfüllt, denkst du dir nun. Pfeifendeckel. Weit gefehlt. Kurz darauf saust nämlich dein Blutzuckerspiegel rasant in den Keller, ohne Zwischenstopp. Was folgt sind Müdigkeit und Konzentrationsschwäche.
- Fastfood: Mal ganz ehrlich, aus was besteht Fastfood? Es besteht zu großen Teilen aus schnell resorbierbaren Kohlenhydraten, gesättigten Fettsäuren und Geschmacksverstärkern. Diese lassen auch schnell mal deinen Blutzuckerspiegel und somit auch deinen Insulinspiegel nach oben schießen. Ein Zuviel an Fastfood macht sich dementsprechend auch schnell bei deinem Gewicht bemerkbar. Aber nicht nur dort. Burger, Pommes, Pizza und wie sie alle heißen: Sie beeinträchtigen unseren Hippocampus. Dieser ist eine zentrale Schaltstelle im Gehirn. Er funktioniert vor allem als Vermittler zwischen deinem Kurz- und deinem Langzeitgedächtnis. Er reguliert in diesem Zusammenhang auch deinen Appetit. Wenn du etwas gegessen hast und satt bist, merkt er sich das. Somit hast du kein weiteres Verlangen nach Essen. Beim Fastfood versagt jedoch dieser Mechanismus. Vor allem der aufgenommene Zucker (schnell resorbierbare Kohlenhydrate) macht dich vergesslicher. Zusätzlich kann ein Zuviel an Fastfood dich aggressiv oder depressiv machen und zugleich noch deinen Stress steigern. Ungesunde Ernährung kann also auch zu langfristigen Schäden des Hippocampus führen.
Gehirntraining: Geistig fit bleiben
Neben der richtigen Ernährung ist auch regelmäßiges Gehirntraining wichtig, um die geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern. Denn auch für das Gehirn gilt - wer rastet der rostet. Das Gehirn ist mit Milliarden Nervenzellen durchzogen. Diese sind abermals mit Milliarden Verbindungen vernetzt. Durch Lernen bilden sich neue Verbindungen, die rasch wieder verkümmern, wenn man sie nicht nutzt. Was nicht gebraucht wird, zersetzt sich.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Gehirn zu trainieren:
- Gehirnjogging: Das Geschäft mit dem sogenannten Gehirnjogging boomt. Unternehmen ersinnen immer neue Übungen, Online-Kurse oder Computerspiele. Millionen Menschen versuchen, mit Denksportaufgaben geistig fit zu werden. Aber kann das funktionieren? Gehirnjogging für Anfänger geht beispielsweise so: Auf einem Computerbildschirm tauchen drei Punkte auf. Eine Linie erscheint und verbindet den ersten mit dem zweiten Punkt, knickt ab und verknüpft den zweiten mit dem dritten Punkt. Nach wenigen Sekunden verschwindet die Linie wieder. Die Aufgabe besteht nun darin, den Weg der Linie aus dem Gedächtnis nachzuvollziehen - dazu müssen die Punkte in der richtigen Reihenfolge mit der Computermaus angeklickt werden. Bei drei Punkten ist dies problemlos möglich. Doch spätestens, wenn sieben oder acht Punkte auftauchen, wird es knifflig. Die Linien ziehen sich kreuz und quer über den Bildschirm; die Zeit, um sich das entstehende Gebilde zu merken, ist kurz. Wenn das Liniengewirr wieder verschwindet, erinnert man sich vielleicht noch an die ersten drei oder vier Verbindungen - doch der Rest lässt sich partout nicht mehr wachrufen. Sie soll die „Merkfähigkeit“ und die „räumliche Aufmerksamkeit“ steigern, wie es dort heißt. 01. Die Aufgabenfolgen sind so gestaltet, dass der Anspruch kontinuierlich zunimmt, nach und nach kann man zudem höhere Levels erreichen. Bei den Rechenaufgaben werden zum Beispiel die Zahlen größer und schließlich teils durch Symbole ersetzt - man muss sich also zusätzlich merken, welches Symbol für welche Zahl steht. In den anderen Übungen werden die Muster komplizierter, die gesuchten Wörter länger. Langeweile soll zu keiner Zeit aufkommen, der Denksport durchaus Spaß machen. Insgesamt könne das tägliche Training die „Gehirnleistung“ um bis zu 40 Prozent steigern. Dies, so beteuert das Online-Unternehmen, das mit einem kostenpflichtigen „Premium-Angebot“ Geld verdienen will, zeigten auch Studien renommierter Wissenschaftler.
- Lebenslanges Lernen: Wer in Ausbildung, Beruf und Freizeit über Jahrzehnte geistig aktiv ist, wer zudem ein intensives soziales Leben pflegt und körperlich in Bewegung bleibt, der scheint einen gewissen Schutz vor dem geistigen Verfall zu genießen. Die Wissenschaftler vermuten, dass man sich durch lebenslange geistige Herausforderungen gewissermaßen eine „kognitive Reserve“ im Gehirn aufbauen kann, eine Art neuronales Polster. Ein Gehirn mit mehr und komplexeren Nervenverbindungen vermag offenbar auch dann funktionstüchtig zu bleiben, wenn aufgrund von Alterungsprozessen nach und nach gewisse Ausfälle auftreten. Dank dieser neuronalen Plastizität kann man sich auch als älterer Mensch noch komplexe Fertigkeiten aneignen, etwa eine neue Sprache oder ein Musikinstrument erlernen (wenn man auch nie die gleiche Perfektion erlangt wie jemand, der damit schon als Kind begonnen hat).
- Soziale Interaktion: Jede Stunde, die ein Mensch allein zu Hause mit Übungen am Computer zubringt, könnte er auch für soziale Kontakte verwenden, für das Erlernen einer Sprache oder einfach zum Spazierengehen - und so nach Meinung der Forscher viel mehr tun, um seine kognitiven Fähigkeiten zu erhalten.
- Bewegung: Frischluft ist gut für das Gehirn. Deswegen ist es wichtig, zwischendurch immer mal wieder das Fenster zu öffnen - auch im Winter. Zwei bis drei Minuten reichen da schon. Dieses Stoßlüften ist besser als das Dauerkippen vom Fenster. Und natürlich ist es auch energiesparender. Hier gibt es zwei Arten von Bewegung. Die eine ist regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. Nach Möglichkeit täglich 20 bis 30 Minuten. Ich mache das morgens immer als erstes, indem ich mit meinen Hunden in den Wald gehe. Natürlich kannst du das auch in deiner Mittagspause oder nach Feierabend machen. Das andere ist die Bewegung zwischendurch. Gerade, wenn du viel am Schreibtisch sitzt, ist es gut, sich zwischendurch mal etwas zu bewegen. Das tut nicht nur deinem Körper gut, sondern es macht auch deinen Kopf freier, so dass du dich danach wieder besser konzentrieren kannst. Durch die Bewegung wird die Blutversorgung von deinem Herzen erhöht und somit erhält dein Gehirn mehr Sauerstoff.
- Pausen und Schlaf: Um das geistige Potenzial voll auszuschöpfen, muss erst Ruhe einkehren. Eine effektive Methode, um das Gehirn vor einer Überlastung zu bewahren, sind Pausen. Diese dienen entweder dazu, zur Ruhe zu kommen und zu entspannen, oder, um Spannendes zu erleben und den Geist zu zerstreuen. Menschen, die viel mit dem Kopf arbeiten, entwickeln oft ihre eigenen Strategien, um die Pausen effektiv zu nutzen. Die einen denken in ihrer kurzen Auszeit einfach nur an etwas Schönes oder lassen die Gedanken frei treiben. Andere wiederum meditieren oder machen ein paar gymnastische Übungen. Wichtig ist ein harmonischer Rhythmus von geistiger Arbeit und Ruhepause. Unser Gehirn braucht den Leerlauf, um die erhaltenen Informationen korrekt zu analysieren. Pausen bergen somit das Potenzial, die Produktivität und Kreativität zu steigern - und das auf eine völlig ungezwungene, leistungsentkoppelte Weise. In der Pause erhält die Batterie wieder frische Energie. Das befähigt zu neuen Einsichten. Wie Imke Kirste, Neurowissenschaftlerin am Duke University Medical Center im Rahmen einer Studie 2015 feststellte, bildet das Gehirn während einer Pause im Hippocampus frische Zellen. Der Hippocampus ist für das Denken und Lernen von großer Bedeutung. Menschen, die sich zu wenig Pausen gönnen, verfügen über einen höheren Stresspegel. Es ist deshalb ein grober Fehler, über Stunden hinweg pausenlos zu arbeiten. Ein harmonischer Wechsel zwischen Passivität und Aktivität bringt letztendlich mehr Erfolg. Ruhemomente im beruflichen und schulischen Alltag steigern die geistige Leistungsfähigkeit enorm. Wichtig ist zudem, mit einer vollendeten Arbeit wirklich abzuschließen und sich im Anschluss daran eine Abwechslung oder geistige Auszeit zu gönnen. Es gibt auch Kopfarbeiter, zu deren Strategien es gehört, auf Fernsehen, Zeitung und äußere Einflüsse zu verzichten und so dem Gehirn die nötige Entspannung zu verschaffen. Eng mit der Pause verwandt ist der Schlaf. Auch hier gönnen wir uns eine Auszeit. Was macht unser Hirn eigentlich, wenn wir träumen? Arbeitet es oder befindet es sich im Leerlauf? Fakt ist, dass das Gehirn im Schlaf das Tagesgeschehen verarbeitet. Auch das Lernen funktioniert mit ausreichend nächtlicher Ruhe sehr viel besser. Hier spielt wieder der Hippocampus eine entscheidende Rolle. Dieser ist für das bewusste Lernen und das Gedächtnis verantwortlich und auch während der Nachtruhe aktiv. Wie Wissenschaftler der Universität in Bern herausfanden, nehmen Menschen in der Schlafphase Informationen auf und geben diese dann im wachen Zustand wieder. Somit ist es durchaus möglich, im Tiefschlaf zu lernen und zum Beispiel Wörter unbewusst aufzunehmen. Das Lernen geschieht erstaunlicherweise ohne Bewusstsein. Die Schweizer Forscher gaben den Schlafenden über Kopfhörer Fantasiewörter mit einer bestimmten Bedeutung ein. Die Studienteilnehmer definierten nach dem Erwachen rund 60 Prozent der Wörter richtig. Voraussetzung für das Gelingen des Experiments war die Beschallung in der „Up-state“-Schlafphase. In dieser Phase sind sämtliche Gehirnzellen gemeinsam aktiv. Eine solche Phase dauert nur etwa eine halbe Sekunde. Sie wechselt sich mit passiven „Down-state“-Schlafphasen ab. Mittels eines EEG-Geräts ließ sich die jeweilige Phase korrekt bestimmen. Ohnehin ist ein gesunder Schlaf sehr wichtig für die Aufnahmefähigkeit des Gehirns. Viele Schüler und Studenten haben schon selbst bemerkt, dass sich das Gelernte besser einprägt, wenn man die Lerninhalte kurz vor dem Einschlafen noch einmal durchgeht. Neben ausreichend Pausen und Schlaf gibt es weitere Methoden, um die Aufnahmefähigkeit zu erhöhen. So ist eine ruhige Umgebung die Grundvoraussetzung für konzentriertes Arbeiten. Um Stress zu vermeiden, setzt man Prioritäten und erledigt das Wichtige zuerst. Multitasking ist unbedingt zu vermeiden. Am besten konzentriert sich der Lernende immer nur auf eine Aufgabe und beginnt erst nach Abschluss der vorherigen mit der nächsten. Spätestens nach 60 Minuten ist Zeit für eine Pause. Ein Spaziergang an der frischen Luft bringt Abwechslung oder man schließt für einen kurzen Moment die Augen und lässt den Gedanken freien Lauf. Um Verspannungen und infolgedessen Konzentrationsstörungen zu vermeiden, richtet sich der Lernende auf und rollt mit den Schultern. Hilfreich ist auch eine feste Struktur. Wer immer zur gleichen Zeit ins Bett geht, gewöhnt sich an den Rhythmus, schläft schneller ein und kommt am Morgen leichter aus den Federn.
Medikamente und "Hirndoping"
Vor wichtigen Prüfungen ist Studenten manchmal jedes Mittel recht, um sich eine gute Note zu erarbeiten. "Es kommt immer wieder vor, dass sich Studierende mit Medikamenten für eine Hausarbeit oder eine Prüfung fit zu machen versuchen", sagt Claus Normann von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. Das sei eine Welle aus den USA, die in den vergangenen Jahren immer mehr nach Deutschland herüberschwappe. Am häufigsten werden die Mittel Ritalin und Vigil mit Hirndoping in Verbindung gebracht - auch bekannt unter dem Namen des Wirkstoffes Modafinil.
"Vigil wird eigentlich bei seltenen Schlafstörungen eingesetzt, da es hilft, wacher zu sein und weniger Schlaf zu benötigen", erklärt Normann, der Oberarzt an der Universitätsklinik Freiburg ist. Ritalin hingegen werde normalerweise eingesetzt, wenn jemand unter einem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom leidet. "Es aktiviert den Hirnstoffwechsel, sodass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann." Beide Mittel sind verschreibungspflichtig.
Substanzen wie diese kennen viele Schüler und Studenten, wie Klaus Lieb und Andreas Franke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz in einer Studie herausgefunden haben. Nur 1,6 Prozent der 1035 befragten Schüler gaben jedoch an, schon einmal Stimulanzien wie Ritalin und Modafinil gezielt zur geistigen Leistungssteigerung genommen zu haben. Bei den 512 befragten Studenten lag der Wert unter 1 Prozent. "Das hört sich zwar nicht viel an, doch uns erschrecken diese Zahlen schon", sagt Franke. "Immerhin sind zahlreiche Schüler und Studenten bereit, solche Mittel einzunehmen - nur 10 bis 20 Prozent gaben an, sie unter keinen Umständen nehmen zu wollen."
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Was aber erhoffen sich Studenten von den Medikamenten? Vigil soll ihnen helfen, länger wach zu bleiben, um pauken zu können. Ritalin soll helfen, sich besser aufs Lernen zu konzentrieren. Ob die Mittel das allerdings auch tun, sei nicht eindeutig geklärt, sagt Dimitris Repantis, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Neuroenhancement-Projekt an der Charité in Berlin. "Die genaue Wirkung dieser Mittel bei gesunden Menschen ist wissenschaftlich nicht klar belegt, dazu gibt es zu wenige Studien."
Deswegen wollen er und seine Kollegen um Professorin Isabella Heuser herausfinden, was Mittel wie Ritalin wirklich bewirken können - und was die Gefahren sind. Denn auch die sind nicht geklärt. "Es ist zwar nicht zu erwarten, dass die beiden Mittel auf Dauer strukturelle Hirnschäden verursachen, da viele Kranke sie bereits längere Zeit nehmen", sagt Psychiater Normann. Möglicherweise machen Ritalin und Vigil auch nicht körperlich abhängig. "In unserer Klinik beispielsweise hatten wir noch nie jemanden, der von einem der Mittel abhängig war." Mit der psychischen Abhängigkeit allerdings könnte es anders aussehen: "Wer glaubt, Stress nur noch mit entsprechenden Medikamenten bewältigen zu können, könnte psychisch abhängig werden", warnt Normann.
Außerdem seien Nebenwirkungen nicht auszuschließen. Dazu könnten Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen gehören. "Möglicherweise werden durch die Medikamente aber auch das natürliche Schlafbedürfnis gestört, Angsterkrankungen forciert oder die Lernleistung insofern gestört, als das man sich Dinge merkt, die man sich gar nicht merken will." Ähnlich ungeklärt ist die Situation bei Antidementiva, also Medikamenten, die gegen Demenz helfen sollen. "Eine theoretische Überlegung ist, dass sie auch bei Gesunden die kognitiven Leistungen verbessern beziehungsweise deren Abfall vorbeugen könnten, aber das ist noch nicht untersucht", sagt Psychiater Repantis. Anders als zum Beispiel bei Ritalin würde eine Tablette nicht zur Leistungssteigerung reichen.