Kann das Gehirn eine Erkältung bekommen? Die Auswirkungen von Infektionen auf das Gehirn

Die Frage, ob das Gehirn eine Erkältung bekommen kann, ist komplexer als es zunächst scheint. Während das Gehirn selbst nicht im eigentlichen Sinne erkältet sein kann, da es keine Atemwege besitzt, die von Erkältungsviren befallen werden könnten, können Infektionen und Entzündungen im Körper dennoch erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn haben. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte, wie Infektionen das Gehirn beeinflussen können, von den kurzfristigen Auswirkungen einer Grippe bis hin zu langfristigen neurologischen Folgen.

Die Reaktion des Gehirns auf Infektionen

Studien haben gezeigt, dass das Gehirn auf Anzeichen einer Infektion reagiert und sogar Immunreaktionen auslösen kann. Eine Studie ergab, dass das Ansehen von Videos niesender oder kranker Menschen zu einer verstärkten Aktivität in Gehirnregionen führt, die mit dem Immunsystem verbunden sind. Insbesondere die vordere Insula, eine Hirnregion, die als Schnittstelle zwischen Gehirn und Immunsystem fungiert, wird aktiviert. Die Amygdala, die für emotionale Reaktionen wie Furcht und Angst zuständig ist, zeigt ebenfalls eine erhöhte Aktivierung.

Laut den Forschern deutet dies darauf hin, dass das Gehirn nicht nur Anzeichen einer Infektion verarbeitet, sondern auch direkt eine Immunreaktion auslöst. Diese Immunreaktion könnte dem Menschen helfen, mit Ansteckungsrisiken umzugehen, indem der Körper Gegenmaßnahmen aktiviert und den Organismus auf die erwartete Erregerbelastung vorbereitet.

Langzeitfolgen von Virusinfektionen auf das Gehirn

Es ist bekannt, dass Virusinfektionen verschiedene neurologische Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit und Depressionen auslösen oder fördern können. Um mehr über mögliche Langzeitfolgen für das Gehirn herauszufinden, haben Forscher das Lern- und Erinnerungsvermögen sowie die Gehirnstrukturen von Mäusen untersucht, die zuvor mit verschiedenen Influenza-A-Virentypen infiziert worden waren.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Testmäuse noch 30 Tage nach Infektionen mit bestimmten Viren Einschränkungen bei Lern- und Gedächtnisaufgaben sowie strukturelle Veränderungen an Nervenzellen im Gehirn aufwiesen, wie z.B. eine geringere Anzahl von Synapsen. Interessanterweise hatten nicht alle Viren die gleichen Auswirkungen. Während einige Viren, wie der H3N2-Stamm, der nicht im Gehirn aktiv ist, Nachwirkungen hatten, zeigte der H1N1-Virus, der ebenfalls nicht gehirngängig ist, keine Langzeitfolgen.

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Diese Ergebnisse legen nahe, dass bestimmte Immunreaktionen, auch wenn sie nicht direkt im Gehirn stattfinden, über Botenstoffe bis ins Gehirn gelangen und dort eine überschießende Aktivität der Mikrogliazellen auslösen können.

Die Rolle der Mikrogliazellen

Mikrogliazellen sind die Immunzellen des Gehirns und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Gesundheit des Gehirns. Sie scannen ständig ihre Umgebung und sorgen für Ordnung, indem sie beispielsweise die Reste abgestorbener Zellen entfernen. Im Fall von Infektionen können sie jedoch zu Soldaten werden, die den Feind bekämpfen, dabei aber in einer Art Überreaktion auch Nervenzellen schädigen.

Die Forscher vermuten, dass bestimmte Immunreaktionen, auch wenn sie gar nicht im Gehirn stattfinden, über Botenstoffe bis ins Gehirn schwappen und dort eine überschießende Aktivität der Mikrogliazellen auslösen können. Dies könnte zu den beobachteten Veränderungen im Gehirn und den Beeinträchtigungen des Lern- und Erinnerungsvermögens führen.

Die Bedeutung von Grippeimpfungen

Die Ergebnisse der Studien könnten auch für die Medizin von Bedeutung sein, etwa als weiteres Argument für Grippeimpfungen. Sie zeigen, dass es sinnvoll sein könnte, die Aktivität der Mikrogliazellen pharmakologisch zu unterdrücken. Allerdings sind weitere Experimente erforderlich, um dies zu bestätigen. Es ist auch noch nicht sicher, ob eine Grippeimpfung die Folgen der Immunattacke im Gehirn tatsächlich verhindern kann.

Bakterielle Infektionen und das Gehirn

Neben Virusinfektionen erforschen Wissenschaftler auch, ob bakterielle Infektionen langfristig Spuren im Gehirn hinterlassen können. Es gibt Hinweise darauf, dass dies der Fall sein könnte, und die Ergebnisse einer umfangreichen Studie dazu werden in den kommenden Monaten erwartet.

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Enzephalitis: Eine Entzündung des Gehirns

Eine Enzephalitis, umgangssprachlich auch als Kopfgrippe bezeichnet, ist eine Entzündung des Gehirngewebes, die meist von Viren ausgelöst wird. Die Erkrankung kann einzelne oder mehrere Funktionen des Gehirns beeinträchtigen und mild, aber auch schwer verlaufen. Um Folgeschäden zu verhindern, sind eine schnelle Diagnose und eine gezielte Behandlung nötig.

Ursachen einer Enzephalitis

Hauptsächlich (zu etwa 70 Prozent) wird eine Gehirnentzündung von Viren ausgelöst, doch auch Bakterien, Pilze oder Parasiten können die Krankheit verursachen. Ist ein Krankheitserreger die Ursache, spricht man von einer infektiösen Enzephalitis. Daneben gibt es aber auch die Möglichkeit, dass unser Immunsystem Antikörper gegen die körpereigenen Gehirnzellen bildet und diese schädigt. Hierbei sprechen Ärzte und Ärztinnen von einer autoimmunen Enzephalitis.

Häufig geht eine Kopfgrippe mit einer anderen, durch Viren ausgelösten, Erkrankung einher. Die Viren befallen dann erst andere Teile des Körpers und können - als Komplikation - später ins Gehirn vordringen. So kann eine Enzephalitis unter anderem bei einer Infektion mit dem Drei-Tage-Fieber, Windpocken, Röteln oder Mumps auftreten.

Symptome einer Enzephalitis

Da das Gehirn in seiner Funktion als Steuerungsorgan beeinträchtigt ist, macht sich eine Enzephalitis häufig mit neurologischen Ausfallerscheinungen und Beschwerden am Kopf bemerkbar. Dazu zählen Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen und Verhaltensänderungen. Bei Säuglingen ist die Kopfgrippe manchmal aber gar nicht so einfach zu erkennen und ähnelt - der umgangssprachliche Name Kopfgrippe lässt es vermuten - einer Erkältung. So beginnt der Infekt häufig mit unspezifischen Beschwerden wie Fieber, Abgeschlagenheit und einer allgemeinen Reizbarkeit. Zudem trinken die betroffenen Babys wenig und übergeben sich.

Behandlung einer Enzephalitis

Für viele virusbedingte Gehirnentzündungen gibt es bisher keine Medikamente, die die Ursache - also den Erreger - direkt bekämpfen. Daher beschränkt sich die Behandlung in diesen Fällen auf die Symptome. Krampfanfälle und neurologische Ausfallerscheinungen werden mit antiepileptischen und antipsychotischen Medikamenten behandelt; zum Einsatz können auch Fiebersenker, Schmerzmittel und Beruhigungsmittel kommen. Ausnahme: Bei Herpesviren und Varizella-Zoster-Viren hat sich das virenhemmende Medikament Aciclovir als sehr wirksam erwiesen. Sind Bakterien oder Pilze involviert, werden ein Antibiotikum beziehungsweise ein Antimykotikum verabreicht. Ist eine Autoimmunreaktion Auslöser der Erkrankung, kommen entzündungshemmende Kortikosteroide (umgangssprachlich Kortison) zum Einsatz.

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Vorbeugung einer Enzephalitis

Um einer Kopfgrippe vorzubeugen, können verschiedene Maßnahmen getroffen werden. In erster Linie sollten Säuglinge und Kleinkinder gegen Virusinfektionen geimpft werden. Sowohl gegen das Varizella-Zoster-Virus, als auch gegen Masern, Röteln und Mumps sowie FSME-Viren gibt es erprobte und wirksame Impfstoffe. Insbesondere Masern bergen eine späte Gefahr: noch Jahre nach einer Maserninfektion kann es in seltenen Fällen zu einer subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) kommen - diese Gehirnentzündung geht immer tödlich aus.

Ist eine Kopfgrippe gefährlich?

Viele Gehirnentzündungen werden komplikationslos überstanden, doch die Erkrankung ist nicht ungefährlich: Etwa ein Drittel der Betroffenen leidet nach einer Kopfgrippe an andauernden Spätfolgen wie Krampfanfällen oder Störungen in Sprache, Gedächtnis und Bewegungsabläufen. Bei einer:einem von hundert Erkrankten bleibt das Gehirn zudem so geschädigt zurück, dass ein vollständiges Erlangen des Bewusstseins nicht mehr möglich ist. Eine unbehandelte, virusbedingte Enzephalitis bringt zudem ein hohes Sterberisiko mit sich.

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