Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Während die Ursachen für Epilepsie vielfältig sind, spielen genetische Faktoren, Hirnverletzungen und Stoffwechselstörungen eine Rolle. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Einfluss der Ernährung, insbesondere des Zuckerkonsums, auf die Häufigkeit und Intensität epileptischer Anfälle untersucht.
Epilepsie: Eine weitverbreitete Erkrankung
Epilepsie ist keine seltene Erkrankung. Bis zu ein Prozent der Bevölkerung leidet an Epilepsie. In Deutschland werden jährlich mehr als 700 Kinder mit Epilepsie stationär behandelt. Glücklicherweise haben etwa 70 % der Patienten gute Chancen, gesund zu werden. Für einige Kinder ist die Behandlung der Epilepsie jedoch extrem schwierig, da alle medikamentösen Therapieversuche scheitern. Manchmal werden die Kinder trotz Behandlung mit Medikamenten nicht anfallsfrei, oder sie vertragen die Medikamente schlecht.
Die Rolle des Zuckers im Körper
Zucker, in Form von Glukose, ist die Hauptenergiequelle für das Gehirn. Der Körper gewinnt Energie hauptsächlich daraus, Kohlenhydrate zu zerlegen, zu denen Zucker gehören. Einfache Kohlenhydrate wie Glukose oder Fruktose verwendet der Körper direkt, weshalb sie tatsächlich für einen schnellen Leistungsschub sorgen. Allerdings führt dies auch zu einem ebenso schnellen Anstieg der Insulinproduktion, was die Zuckerkonzentration im Blut schnell und sogar unter das Ausgangsniveau sinken lässt. Im Ergebnis entsteht statt konstant hoher Leistung lediglich das konstante Verlangen nach Nachschub. Dieser Mechanismus kann langfristig negative Auswirkungen haben, da durch den Abbau einfacher Zucker freie Radikale entstehen können.
Komplexe Kohlenhydrate, wie Stärke in Kartoffeln und Getreide, werden vom Körper langsamer zerlegt und führen zu einer konstanteren Energieversorgung. Vollkornprodukte und Haferflocken haben sich als besonders günstig erwiesen, da sie kein Hoch, aber dafür auch kein Tief verursachen, sondern eine gleichbleibende Leistungsfähigkeit ermöglichen.
Funktionelle Hypoglykämie und epileptische Anfälle
Eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) kann einen epileptischen Anfall auslösen. Die Wahrscheinlichkeit für Krampfanfälle steigt während Hypoglykämien, dazu muss der Diabetiker noch nicht mal Epileptiker sein.
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Unterzuckerungen treten nicht nur bei Menschen mit Diabetes auf. Auch Nicht-Diabetiker können betroffen sein, wenn der Blutzuckerspiegel auf ungewöhnlich niedrige Werte abfällt. Diese Störung, bekannt als funktionelle Hypoglykämie, bleibt häufig unerkannt. Die Symptome sind vielfältig und unspezifisch: von Zittern und Schweißausbrüchen über Angstzustände bis hin zu Bewusstseinsstörungen.
Verantwortlich für das Absinken des Glukosespiegels ist das Hormon Insulin, das die Bauchspeicheldrüse nach dem Essen ausschüttet. Das Hormon gibt Muskeln und Fettgewebe die Anweisung, den Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Meist geschieht das etwa ein, bis eineinhalb Stunden nach dem Essen. Bei manchen Patient*innen ist die Reaktion allerdings verzögert, ihr Glukosewert sinkt erst nach drei bis vier Stunden.
Die ketogene Diät als Therapieoption
Die ketogene Diät ist eine spezielle Ernährungsform, bei der Kohlenhydrate stark reduziert und durch Fette ersetzt werden. Dies zwingt den Körper, Fette anstelle von Glukose als Hauptenergiequelle zu nutzen. Dabei entstehen Ketonkörper, die das Gehirn versorgen können.
Die ketogene Diät wird seit 1921 zur Behandlung von bestimmten Formen der Epilepsie bei Kindern eingesetzt. Vorher hatte man festgestellt, dass mehrtägiges Fasten die Zahl der epileptischen Anfälle deutlich verringern kann. Da dauerhaftes Fasten nicht möglich ist, wurde eine Ernährungsform entwickelt, die das Fasten für den Körper imitiert: Sie enthält sehr viel Fett, kaum Kohlenhydrate und ausreichend Protein und Ballaststoffe.
Wirkungsweise der ketogenen Diät
Der genaue Wirkmechanismus der Ketose bei Epilepsie ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Ketose die Energiebereitstellung im Gehirn verbessert, bestimmte Hirnbotenstoffe aktiviert, welche ihrerseits gegen Anfälle wirken, und freie Sauerstoffradikale vermindert. Offenbar wirken Ketonkörper selbst auch gegen Anfälle.
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Anwendung der ketogenen Diät
Die ketogene Diät wird vor allem bei Kindern mit Epilepsie eingesetzt, bei denen Medikamente nicht ausreichend wirken (medikamentenresistente Epilepsie). Sie wird unter Aufsicht von Ärzten und Ernährungsexperten durchgeführt. Erlaubte Lebensmittel sind etwa stärkearme Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Nüsse und (vorzugsweise pflanzliche) Fette. Auf Kohlenhydrate und kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel wie Brot, Kartoffeln, Obst oder Süßigkeiten wird fast völlig verzichtet.
Die ketogene Ernährung ist bei manchen Patienten aufgrund des fehlerhaften Energiestoffwechsels eine dauerhafte Ernährungsform. Die Diät darf bei bestimmten Stoffwechselstörungen, Erkrankungen der Leber, der Niere oder des Herzens nicht eingesetzt werden.
Herausforderungen und Erfolge
Die Umstellung auf eine ketogene Diät ist nicht einfach und erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Ernährungsberatern und den Familien der Patienten. Es müssen engmaschige Kontrollbesuche in der Klinik erfolgen, um Blutwerte, das Wachstum der Kinder und den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Auch Nebenwirkungen einer sehr hohen Fettzufuhr müssen im Auge behalten werden. Die Eltern müssen lernen zu verstehen, in welchen Nahrungsmitteln wie viel Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß enthalten sind, und sie müssen kochen können.
Trotz der Herausforderungen kann die ketogene Diät bei einigen Patienten sehr erfolgreich sein. Je nach Ursache für die Epilepsie sind die Erfolge innerhalb von Tagen spürbar, Kinder können sogar anfallsfrei werden. Je nach Schwere der Erkrankung ist auch eine Verringerung der Anfallsintensität und -anzahl ein Gewinn an Lebensqualität.
Varianten der ketogenen Diät
Neben der klassischen ketogenen Diät (KD), mit einem Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten plus Proteinen von 4:1, gibt es abgewandelte Formen, wie die modifizierte Atkins Diät (MAD), eine Diät mit mittelkettigen Fettsäuren (MCT-Diät) und die niedrig-glykämische Index-Therapie (LGIT). Unter dem Begriff Ketogene Ernährungstherapie (KET) werden all diese Formen zusammengefasst.
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Weitere Faktoren, die epileptische Anfälle auslösen können
Neben dem Zuckerkonsum und Stoffwechselstörungen gibt es weitere Faktoren, die epileptische Anfälle auslösen können:
- Fehlende Medikamente: Der häufigste Grund für einen Anfall ist das Vergessen der Einnahme der Antiepileptika oder das absichtliche Unterlassen der Einnahme.
- Alkohol: Übermäßiger Alkoholkonsum kann einen Anfall auslösen.
- Freizeitdrogen: Viele Freizeitdrogen können die Gehirnchemie beeinflussen und möglicherweise einen Anfall auslösen.
- Schlafmangel/Müdigkeit: Dies ist einer der größten Auslöser für Anfälle.
- Stress: Stress kann einen Anfall auslösen.
- Dehydrierung: Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.
- Blinkendes/flackerndes Licht: Nur etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich.
- Lebensmittel als Auslöser: Führen Sie einige Wochen lang neben Ihrem Anfalls-Tagebuch auch ein Ernährungstagebuch.
Neurologische Entwicklungsstörungen und Diabetes in der Schwangerschaft
Eine aktuelle Studie bestätigt eine Korrelation zwischen Diabetes von Schwangeren und verschiedenen neurologischen Entwicklungsstörungen ihrer Kinder. Egal ob Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes - Zuckererkrankungen von Frauen während der Schwangerschaft können das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind erhöhen. Dazu zählen neben Autismus, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Entwicklungsverzögerungen, geistige Behinderungen, Zerebralparesen und Epilepsie.
Akut symptomatische Anfälle
Unter akut symptomatischen Anfällen (ASA) versteht man epileptische Anfälle, die zeitnah zu einem auslösenden Ereignis auftreten. Die Ursachen der ASA sind mannigfaltig und reichen von vaskulären Ereignissen über Infektionen bis zu metabolisch/toxischen Ursachen. Bei metabolischen/toxischen Ursachen liegt die Latenzzeit meist innerhalb der ersten 24-48 h nach dem Ereignis.
Elektrolytentgleisungen
Elektrolytentgleisungen beeinflussen neben anderen Organen und Strukturen auch direkt das Gehirn. Vor allem akut auftretende und schwere Elektrolytentgleisungen können ASA zugrunde liegen.
Diabetes mellitus
Ein Diabetes mellitus (DM), unabhängig ob Typ I oder II, ist mit dem Auftreten von epileptischen Anfällen und mit Epilepsien assoziiert. Hyperglykämien führen immer wieder zu akut symptomatischen Anfällen. Eine nennenswerte Sonderform ist hierbei sicher die nichtketotische Hyperglykämie, die sich meist als fokal motorische Anfälle manifestiert. Hypoglykämien sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden, wobei hier die Gefahr der Entwicklung einer Epilepsie aufgrund von rezidivierenden neonatalen Hypoglykämien im Vordergrund steht.
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