Läsionen im Gehirn: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Das Gehirn und das Rückenmark bilden das zentrale Nervensystem (ZNS), welches für die Steuerung nahezu aller Körperfunktionen verantwortlich ist. Schädigungen in diesem komplexen System können weitreichende und oft irreversible Folgen haben. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Läsionen im Gehirn und Rückenmark, die Rolle des Nervenwassers (Liquor) bei der Diagnose und gibt einen Überblick über aktuelle Behandlungsansätze.

Die eingeschränkte Regenerationsfähigkeit des ZNS

Ein wesentliches Problem bei Verletzungen des ZNS ist die fehlende Regenerationsfähigkeit der Nervenfasern (Axone). Im Gegensatz zu peripheren Nerven können Axone im Gehirn oder Rückenmark nach einer Schädigung nicht einfach nachwachsen und ihre ursprünglichen Verbindungen wiederherstellen. Dies führt in der Regel zu dauerhaften Funktionsverlusten und lebenslangen Behinderungen, wie beispielsweise Querschnittslähmungen nach Rückenmarksverletzungen oder Erblindungen nach Sehnervschädigungen.

Die Ursachen für diese eingeschränkte Regenerationsfähigkeit sind vielschichtig. Zum einen sind die Neurone selbst nicht in der Lage, ein regeneratives Wachstumsprogramm zu starten. Zum anderen stellt die Umgebung im verletzten ZNS eine inhibitorische Barriere für regenerierende Axone dar. Die Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung von gentherapeutischen und pharmakologischen Ansätzen, um die axonale Regeneration zu fördern und somit die Wiederherstellung verlorengegangener Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks zu ermöglichen.

Häufige Ursachen für Läsionen im Gehirn und Rückenmark

Es gibt zahlreiche Ursachen für Läsionen im Gehirn und Rückenmark, die von traumatischen Ereignissen über vaskuläre Ereignisse bis hin zu entzündlichen und neurodegenerativen Prozessen reichen.

Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Eine Verletzung des Gehirns durch traumatische Krafteinwirkung wird als Schädel-Hirn-Trauma (SHT) bezeichnet. Die leichteste Form ist die Gehirnerschütterung, die meist harmlos verläuft. Schwerere SHT können jedoch lebensbedrohlich sein, insbesondere wenn Hirnblutungen oder andere Komplikationen auftreten. Ursachen für ein SHT sind meist Unfälle, aber auch bestimmte Kontaktsportarten.

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Das SHT wird anhand der Glasgow-Koma-Skala in leicht, mittelschwer und schwer unterteilt. Die Symptome hängen von der Schwere der Verletzung ab und können Bewusstseinsstörungen, retrograde Amnesie, Übelkeit/Erbrechen, Kopfschmerzen und Schwindel umfassen. Bei schwereren Verletzungen kann es zu Bewusstlosigkeit, Einklemmung des Gehirns, Ödemen oder Hirnblutungen kommen.

Die Schädigung des Gehirns erfolgt in zwei Phasen:

  1. Primäre Schädigung: Direkte Schädigung durch den Unfall, die nicht therapierbar ist, da zerstörte Neurone im Gehirn nicht regenerieren können.
  2. Sekundäre Schädigung: Entsteht durch pathophysiologische Prozesse im Gehirn und kann zu weiterer Zerstörung von Neuronen führen. Diese Prozesse sind prinzipiell therapierbar, sofern sie sich medikamentös beeinflussen lassen.

Das primäre Ziel der Behandlung ist die Aufrechterhaltung der Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns, um möglichst viele Neurone vor sekundären Schäden zu bewahren.

Schlaganfall

Beim Schlaganfall kommt es zu einer plötzlichen Störung des Blutflusses im Gehirn, wodurch das Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Dies führt zu einer lokalen Schädigung des Gehirns und zum Verlust von Neuronen.

Die Ursache kann ischämisch sein, also durch die Verstopfung eines Blutgefäßes (z.B. durch einen Thrombus) oder eine Gefäßverengung verursacht werden. Eine Hirnblutung kann ebenfalls zu einer Unterversorgung von Hirnarealen führen.

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Typische Symptome sind Bewusstseinsstörungen, Taubheitsgefühle, Lähmungen, Sprachstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen. Häufig treten die Symptome nur einseitig auf, da nur eine Hemisphäre des Gehirns betroffen ist.

Die Therapie zielt darauf ab, die Durchblutung schnellstmöglich wiederherzustellen, um weitere Schädigungen zu verhindern. Dies kann durch eine Lyse-Therapie (medikamentöse Auflösung des Thrombus) oder einen operativen Eingriff bei Hirnblutungen erfolgen.

Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und hohe Cholesterinwerte. Da die Neurone im Gehirn nicht regenerieren, ist die Schädigung der betroffenen Zellen irreversibel. Physiotherapie und Ergotherapie können jedoch dazu beitragen, dass andere Hirnareale die Funktionen teilweise übernehmen.

Neurodegenerative Erkrankungen

Neurodegenerative Erkrankungen umfassen eine Vielzahl von Krankheiten, bei denen nach und nach Neurone des ZNS absterben. Die häufigsten Erkrankungen sind Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington. Die Ursachen können genetisch oder sporadisch sein und sind oft nicht vollständig bekannt.

Es wurden jedoch einige zelluläre Mechanismen identifiziert, die bei den meisten Erkrankungen zur Zellschädigung beitragen:

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  • Störungen der Proteinhomöostase (Amyloid- und Tau-Ablagerungen bei Alzheimer, Synuclein bei Parkinson und Huntingtin bei Chorea Huntington)
  • Mutationen in Hitzeschockproteinen und Chaperonen
  • Erhöhter oxidativer Stress
  • Störungen der Mitochondrien oder des intrazellulären Transports
  • Entzündungsreaktionen

Häufig sind zuerst bestimmte Gehirnregionen betroffen, z.B. der Hippocampus bei Alzheimer oder die dopaminergen Neurone der Substantia nigra bei Parkinson.

Die Symptome können je nach Erkrankung und betroffener Hirnregion sehr vielfältig sein und umfassen Gedächtnisstörungen, motorische Störungen, Orientierungsprobleme, Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensänderungen.

Bisher gibt es keine ursächliche Therapie, sondern nur symptomatische Behandlungen, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern können.

Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Myelinschicht attackiert. Die Myelinschicht umgibt die Axone der Nervenzellen und sorgt für eine korrekte Signalweiterleitung. Die Zerstörung der Myelinschicht führt zu Störungen der Signalweiterleitung und somit zu den vielfältigen Symptomen der MS.

Die genauen Ursachen der MS sind bisher nicht geklärt. Es entstehen Entzündungsherde in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark. Häufig verläuft die MS zunächst schubförmig, wobei sich die Läsionen im ZNS wieder zurückbilden können (Remyelinisierung). Mit Fortschreiten der Erkrankung funktioniert dieser Reparaturmechanismus jedoch nicht mehr und die Axone sterben ab, sodass sich die Symptome nicht mehr verbessern (sekundär progrediente MS).

Da die entzündlichen Läsionen prinzipiell in jedem Bereich des Gehirns auftreten können, sind die Symptome der MS entsprechend vielfältig. Zu Beginn treten häufig Sehstörungen auf, die eine schubweise Verschlechterung des Sehens bedingen.

Die gängigen Behandlungen der MS zielen in erster Linie auf eine Modulation des Immunsystems ab, um weitere Schübe zu verhindern.

Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML)

Die PML ist eine sehr seltene, schwerwiegende und potenziell lebensbedrohliche Virusinfektion des Gehirns, die durch das humane Polyomavirus 2 (HPyV-2; auch John Cunningham Virus, JCV) ausgelöst wird. Eine PML entwickelt sich fast ausschließlich bei Menschen mit einem stark geschwächten Immunsystem, beispielsweise durch eine HIV-Infektion, eine Tumorerkrankung mit Chemotherapie oder die Einnahme von immunmodulierenden Medikamenten.

Die Symptome der PML sind abhängig vom Ort der Entzündung im Gehirn und können Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle oder Sehstörungen umfassen. Im Gegensatz zu einem Schlaganfall, der akut auftritt, ist die PML eine fortschreitende Erkrankung, bei der sich die Symptome langsam ausbreiten.

Die Diagnose wird anhand der klinischen Symptome, der Veränderungen in der Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns sowie dem direkten Nachweis von HPyV-2 im Nervenwasser oder einer Hirnbiopsie gestellt.

Für die PML gibt es bis heute keine zugelassene wirksame Therapie. Stattdessen wird versucht, das geschwächte Immunsystem zu stärken und mögliche Faktoren zu beseitigen, die das Immunsystem unterdrücken. In den letzten Jahren konnten jedoch zwei innovative experimentelle Behandlungsansätze identifiziert werden, die in kleineren Fallserien Erfolge bei der Behandlung der PML zeigten.

Die Rolle des Nervenwassers (Liquor) bei der Diagnose

Das Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) ist eine klare Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt und schützt. Die Analyse des Liquors spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnose verschiedener neurologischer Erkrankungen, da Veränderungen in seiner Zusammensetzung auf bestimmte Krankheitsbilder hinweisen können.

Liquordiagnostik bei entzündlichen Erkrankungen

Entzündungsprozesse im Gehirn und Rückenmark, wie sie beispielsweise bei der MS auftreten, zeigen sich häufig im Liquor. So finden sich im Nervenwasser von MS-Erkrankten beispielsweise bestimmte Immunzellen, Myelinbruchstücke und Antikörper. Diese Veränderungen lassen sich besonders gut während eines Schubes oder einer Krankheitsverschlechterung nachweisen.

Ein wichtiger Parameter für die MS-Diagnose ist der Nachweis sogenannter "oligoklonaler Banden" (OKB) im Liquor. OKB sind eine Gruppe von Antikörpern, die im Liquor, aber nicht im Blut nachweisbar sind und auf eine Entzündung im ZNS hindeuten.

Liquordiagnostik bei Infektionen

Auch bei Infektionen des Gehirns oder der Hirnhäute (Meningitis) spielt die Liquordiagnostik eine entscheidende Rolle. Durch die Analyse des Liquors können Erreger (Bakterien, Viren, Pilze) nachgewiesen und Entzündungsparameter bestimmt werden. Dies ermöglicht eine schnelle Diagnose und die Einleitung einer gezielten Therapie.

Lumbalpunktion: Die Gewinnung von Nervenwasser

Die Gewinnung von Nervenwasser erfolgt durch eine Lumbalpunktion. Dabei wird mit einer speziellen Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule eine kleine Menge Liquor aus dem Wirbelkanal entnommen. Die Lumbalpunktion ist einRoutineeingriff, der in der Regel komplikationsarm verläuft.

Vor der Punktion wird die Blutgerinnung überprüft, um Blutungen vorzubeugen. Die Punktion selbst wird meist im Sitzen oder seitlich im Liegen durchgeführt, um die Wirbel möglichst weit auseinanderzuziehen. Nach der Punktion sollte der Patient für mindestens eine Stunde liegen und viel trinken, um Kopfschmerzen vorzubeugen.

Risiken und Komplikationen der Lumbalpunktion

Die Lumbalpunktion ist ein sicheres Verfahren, birgt aber wie jeder medizinische Eingriff gewisse Risiken. Zu den möglichen Komplikationen gehören:

  • Kopfschmerzen (postpunktionelles Syndrom)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Rückenschmerzen
  • Bluterguss an der Einstichstelle
  • In seltenen Fällen: Infektionen oder Nervenverletzungen

Neue Erkenntnisse durch Liquoranalysen

Eine aktuelle Studie von Neurowissenschaftlern der Universität Münster hat gezeigt, dass eine eingehende Analyse der Immunzellen im Liquor genauere Diagnosen bei neurologischen Erkrankungen ermöglicht. Durch die Identifizierung spezifischer Marker können entzündliche Erkrankungen des Nervensystems schneller und sicherer diagnostiziert werden. Darüber hinaus ermöglicht die Analyse der Zelltypen im Liquor die Differenzierung verschiedener Entzündungserkrankungen im zentralen Nervensystem, wie beispielsweise Multiple Sklerose, Neuromyelitis Optica oder Susac-Syndrom.

Behandlungsansätze bei Läsionen im Gehirn

Die Behandlung von Läsionen im Gehirn hängt stark von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung ab. Einige allgemeine Prinzipien und Therapieansätze sind jedoch bei vielen Erkrankungen relevant:

  • Akuttherapie: Bei akuten Ereignissen wie Schlaganfall oder SHT steht die schnellstmögliche Wiederherstellung der Durchblutung bzw. Stabilisierung des Patienten im Vordergrund, um weitere Schäden zu verhindern.
  • Symptomatische Therapie: Viele neurologische Erkrankungen sind nicht heilbar, aber ihre Symptome können gelindert werden. Dazu gehören beispielsweise Schmerzmittel, Spasmolytika oder Antidepressiva.
  • Rehabilitation: Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie spielen eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung von Funktionen und der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit neurologischen Schädigungen.
  • Immunmodulation: Bei Autoimmunerkrankungen wie MS kommen Immunsuppressiva zum Einsatz, um das Immunsystem zu dämpfen und weitere Entzündungen zu verhindern.
  • Experimentelle Therapien: Die Forschung arbeitet kontinuierlich an neuen Therapieansätzen, wie beispielsweise gentherapeutischen Verfahren zur Förderung der axonalen Regeneration oder innovativen Immuntherapien.

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