Einführung
In der heutigen digitalen Welt ist der Umgang mit Tablets und Smartphones allgegenwärtig. Auch Kleinkinder kommen immer früher mit diesen Geräten in Berührung. Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen dies auf ihre Gehirnentwicklung hat. Kinderärzte warnen zunehmend vor den Folgen des Smartphone-Gebrauchs der Eltern für die Bindung und das Spielverhalten der Kinder. Diese sind die Grundlage für die psychische Gesundheit und die emotionale, soziale und kognitive Bildung. Störungen haben Folgen für die weitere Entwicklung. Das Jugendamt Frankfurt hat eine deutschlandweite Kampagne gestartet, um Eltern auf diese Gefahren aufmerksam zu machen. Experten raten dringend, die Gewohnheiten im Umgang mit digitalen Medien im Sinne eines guten Aufwachsens der Kinder so weit wie möglich umzustellen.
Die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die Gehirnentwicklung
Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Entwicklung des kindlichen Gehirns. In dieser Zeit werden die grundlegenden Strukturen und Verbindungen angelegt, die für die späteren kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten wichtig sind. Lernen wird bei kleinen Kindern ausschließlich über die Bewegung und das sensorische Empfinden in Gang gesetzt. Die ersten zwei Jahre werden deshalb auch als senso-motorische Phase bezeichnet (Piaget 1992). Darüber werden die Milliarden Gehirnzellen und die einzelnen Bereiche im Gehirn nach und nach miteinander verknüpft, so dass in der Folge gegen Ende des zweiten Lebensjahres Denken möglich ist. Vorher ist Denken und Handeln dasselbe. Mit den ständigen Bewegungen dieser Phase und den damit einhergehenden sensorischen Erfahrungen erfährt das Kind die dingliche Welt und die räumliche Realität.
Die Auswirkungen von Tablet-Nutzung auf die senso-motorische Entwicklung
Wird die Bewegungslust durch ein solch faszinierendes Spielzeug nicht mehr empfunden, kommen die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens nicht oder zu wenig zum Einsatz. Digitale Medien passen also in den so wichtigen senso-motorischen Entwicklungsrahmen der ersten Jahre nicht hinein. Das Kind erlebt nur eine Abstraktion der dinglichen Welt, die es bis ins Grundschulalter hinein nicht verarbeiten kann. Denn was es sieht, ist flächig; man kann es nicht anfassen, nicht schmecken, nicht riechen, nicht ertasten. Die Bewegung spielt bis weit ins Grundschulalter hinein eine wesentliche Rolle für die gesamte Entwicklung, denn sie ist auch die Grundlage für das Körperempfinden und damit für das Selbstwirksamkeitsempfinden. Besonders in den ersten Jahren entwickelt das Kind über die Erfahrung, die es mit seinem Körper macht, ein Bild von seinen eigenen Fähigkeiten, d.h. was es kann oder was nicht gelingt, also von seiner Leistungsfähigkeit insgesamt. Auch die Feinmotorik bewirkt die Ausbildung von speziellen Strukturen im Stirnhirn; deshalb ist zuerst das feinmotorische Erkunden der Umwelt und später das Malen, und in der Grundschule das Schreiben mit der Hand so wichtig. Wird dies durch das ausschließliche Antippen von Tasten oder dauerndes Wischen ersetzt, bleiben diese Strukturen unterentwickelt.
Die Auswirkungen von Tablet-Nutzung auf die Sprachentwicklung
Bei hohem Nutzungsverhalten werden lt. Studien die Hirnbereiche, die mit Sprache und dem Erlernen von Schreiben und Lesen verbunden sind, weniger strukturiert, d.h. die Dichte der Neuronen ist geringer (www.sciencedaily.com/releases/2019/11/191104112918.htm). Ebenso stellten die Forscher eine geringere Myelinisierung in diesen Bereichen fest. Eine finnische Studie hat gezeigt, dass die Sprachentwicklung der Kinder verzögert werden kann, weil die alltägliche verbale Interaktion zwischen Eltern und Kind eingeschränkt ist, wenn Mama oder Papa öfter das Handy benutzen.
Die Auswirkungen von Tablet-Nutzung auf die soziale und emotionale Entwicklung
Das soziale Denken und Verstehen ist in der Vorschulzeit erst im Aufbau, so dass Störungen von außen langfristige Folgen haben können. In den ersten zwei Jahren läuft das soziale Handeln nur über die Gefühlsansteckung. Erst zwischen 2 und 3 Jahren kommt die Kognition dazu. Es ist die Zeit, wo sich das ichbezogene Denken aufgliedert und die Kinder mühsam lernen, sich in den anderen hinein zu versetzen. Mit ca. 3 Jahren wird die Gefühlsansteckung durch das beginnende soziale Denken und Verstehen ergänzt. Dann wird das Spiel mit anderen Kindern besonders wichtig, weil das soziale Lernen am Beginn über das bewusste gemeinsame Spiel in Gang kommt: Beim Rollenspiel schlüpfen die Kinder in verschiedene Rollen und üben dabei unbewusst, sich in die andere Rolle hinein zu versetzen. So sind sie immer aktiv, laufen und springen herum, bewegen Spielsachen und reden ununterbrochen. Das ist die natürliche Form des sozialen Lernens, die bei allen Kinder auf der Welt von ganz allein funktioniert. Auch die sprachliche und die kognitive Entwicklung wird durch diese Spiele vorangetrieben. Die Selbstkontrolle als wichtiger Aspekt des sozialen Lernens ist ebenso auf die direkte Gruppeninteraktion angewiesen. Diese wichtige Fähigkeit wird in der Vorschulzeit ab dem 4. Lebensjahr möglich, wenn die Kinder immer wieder beim gemeinsamen Spielen, Singen und Basteln lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen, sich also selbst zu kontrollieren. Diese Entwicklung dauert mehr als drei Jahre.
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Die Suchtgefahr digitaler Medien
Im Gehirn löst das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen ein Reizbombardement aus, das auf das Stammhirn (unteres limbisches System) niedergeht (Lembke & Leipner 2015). Es trifft in erster Linie das Belohnungssystem, das bei kleinen Kinder durch einen häufigen Gebrauch digitaler Medien völlig überdreht. Bestimmte Module reifen dann zu schnell und unzulänglich (Teuchert-Noodt 2016). Wichtige Teilbereiche des Stirnhirns können sich nicht voll entfalten. Um diese Suchtgefahr zu verstehen, hilft das Wissen über den Ablauf des normalen Lernprozesses, der zur Speicherung des Wahrgenommenen im Langzeitgedächtnis führt. Dazu muss der Lernstoff immer an vorhandenes Wissen anknüpfen können, der Ort wird gespeichert, in dem der Lernakt stattfindet sowie das in dem Moment empfundene Gefühl. Ist das Wissen neu und interessant, verursacht es ein positives Gefühl. Dann schüttet das Belohnungszentrum Dopamin oder Serotonin aus und das Kind ist motiviert, weiter zu machen, um das gute Gefühl wieder zu erleben. Es bleibt also aktiv und lernt. Der digitale Sinnesreiz schießt sich jedoch auf verkürztem Weg direkt ins Belohnungszentrum des limbischen Systems (Ausschüttung von Dopamin) und trickst den zum Lernen notwendigen Weg über den Hippocampus und den Gedächtnisspeicher im Großhirn aus. Die ganz Kleinen sind durch ihre biologisch verankerte Funktionslust vorerst nur an der Wischbewegung interessiert. Sie nehmen die kleinen schnellen Bilder noch nicht richtig wahr. Die Einschränkungen in der Entwicklung durch den Suchtfaktor werden verstärkt durch die Tatsache, dass wir Menschen (Männer mehr als Frauen) immer neugierig auf Dinge sind, die sich bewegen. Ein Tablet oder Smartphone mit bewegten Bildern zieht kleine Kinder so heftig an, dass Ritterburgen und Spielfiguren an Attraktivität verlieren. Denn da muss das Kind jede Figur bewegen, sich im Kopf eine Handlung ausdenken, während auf digitalen Medien alles automatisch abläuft. Es gibt kein Training im Denken wie beim selbst gesteuerten Spiel. Das Kind muss auch keine Willenskraft aufwenden, um etwas zu erreichen. Dann spürt es auch die positiven Gefühle über das Erreichte nicht, so dass seine natürliche Leistungsbereitschaft zurück geht.
Aktuelle Studienergebnisse
Eine aktuelle Studie zeigt: Die digitale Ablenkung durch Smartphones oder Tablets kann bei Kindern - besonders im Alter bis fünf Jahre - mehr Schaden anrichten, als den meisten Eltern wohl bewusst ist. In der Forschung wird das als Technologie-Interferenz bezeichnet, kurz Technoferenz. Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis: Kinder deren Eltern häufig am Gerät waren, zeigten geringere kognitive Fähigkeiten, eher emotionale Probleme sowie Verhaltensprobleme und verhielten sich weniger sozial. Außerdem hätten diese Kinder eine insgesamt schwächere Bindung an ihre Eltern und verbrächten selbst viel Zeit vor Bildschirmen. Eine weitere Studie untersuchte 47 gesunde Drei- bis Fünfjährige im MRT mittels Diffusions-Tensor-Imaging. Je länger die Kleinen am Bildschirm hingen, desto schlechter fielen ihre Testergebnisse aus: Altersadaptiert waren phonetisches Bewusstsein, vorhandenes Vokabular sowie Schreib- und Lesekompetenz reduziert. Eine niedrigere fraktionelle Anisotropie (weniger Organisation) und eine höhere radiale Diffusivität (weniger Myelin) sprachen für mikrostrukturelle Defizite in der weißen Substanz.
Empfehlungen für den Umgang mit digitalen Medien
Die WHO empfiehlt für Kinder bis zu 5 Jahren ein generelles Verbot für Tablets und Smartphones, was aber in den meisten Familien nicht praktikabel sein dürfte. Kinder unter 18 Monaten sind generell von Tablets und Smartphones fernzuhalten. Kinder zwischen 18 und 24 Monaten sollten nur zeitweise und unter Aufsicht der Eltern ein Smartphone oder Tablet nutzen.Kinder von 2 bis 5 Jahren dürfen höchsten eine Stunde täglich ein Smartphone oder Handy benutzen, und auch dies am besten unter Aufsicht. Um diese Regelungen umzusetzen, ist es für Familien oft hilfreich, sogenannte medienfreie Zeiten zu bestimmen. Das bedeutet beispielsweise keine Smartphone- oder Tabletnutzung beim Essen oder beim Autofahren. Außerdem sollten in der Wohnung bestimmte Räume tabu sein für das Smartphone. Eltern sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Wenn sie selbst ständig das Smartphone in der Hand haben, können sie dies den Kindern nicht ausreden. Dann sind sie unglaubwürdig und die Kinder lernen, dass das Smartphone einen besonderen Wert hat. Festl, R. & Langmeyer, A. (2018) haben herausgefunden, dass über das gemeinsame Hantieren mit digitalen Medien die Kontrolle der Eltern am besten funktioniert. Das bedeutet, Eltern sollten immer nur kurz dem Kind auf dem digitalen Medium etwas zeigen; das Gerät jedoch nicht aus der Hand geben. Eltern sollten sich bewusst machen, welche Technikgewohnheiten sie haben und bildschirmfreie Zeiten und Zonen schaffen - vor allem im Umgang mit dem Nachwuchs.
Die Rolle von Kitas und Schulen
Es gibt keinen den Kindern nutzenden Grund, in der Kita digitalen Medien einzusetzen. Auch die als „Haus der kleinen Forscher“ hervorgehobenen, mit digitalen Medien arbeitenden Kitas mit ihren begrenzten Medienzeiten ziehen diese von den entwicklungsfördernden Aktivitäten der Kinder ab. Hinzu kommt, dass Aktionen mit digitalen Medien die meisten Kinder faszinieren, so dass sie davon ferngehalten werden müssten. Da sich derzeit die ganze Gesellschaft in einem Rausch der digitalen Möglichkeiten befindet, ist es jedoch schwer, die Kinder davor zu schützen. Kitas können zwar digitale Medien verbannen, es bleibt jedoch der starke Einfluss durch die Eltern. Hier könnten ErzieherInnen einen Elternabend nutzen, um die Problematik zu vermitteln.
Positive Aspekte digitaler Medien
Neben den negativen Folgen gibt es auch einige positive Aspekte digitaler Medien. Ab dem Kindergartenalter können bestimmte mediale Inhalte eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Allerdings weisen die Studienautoren darauf hin, dass in weiteren Untersuchungen auch familiäre Einflussfaktoren mit einbezogen werden müssten. Technologie ist aber nicht grundsätzlich schlecht, betonen die Forscher.
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Schlussfolgerung
Die Nutzung von Tablets und Smartphones durch Kleinkinder kann negative Auswirkungen auf ihre Gehirnentwicklung haben. Es ist wichtig, dass Eltern und Erzieher sich dieser Risiken bewusst sind und den Medienkonsum der Kinder einschränken. Eine ausgewogene Mischung aus digitalen und analogen Aktivitäten ist entscheidend für eine gesunde Entwicklung. Es ist wichtig, dass Eltern eigene Bedürfnisse und kindliche Bedürfnisse klug ausbalancieren.
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