Jeder kennt das Gefühl, wenn die Gedanken noch im Wochenende sind und es schwerfällt, sich zu konzentrieren. Solche Konzentrationsschwächen sind normal. Wenn diese Phasen jedoch länger andauern, stellt sich die Frage nach den Ursachen und ob ein geistiger Abbau beginnt. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen von Konzentrationsstörungen, die Diagnose und mögliche Behandlungsansätze.
Was ist Konzentrationsschwäche?
Dr. Andreas Küthmann definiert Konzentrationsschwäche als eine Störung der Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben und die Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Dabei muss die Ursache nicht immer beim Betroffenen selbst liegen.
Faktoren, die die Konzentration beeinträchtigen
Verschiedene Faktoren können die Konzentrationsfähigkeit beeinflussen:
- Umgebungsfaktoren: Ungünstiges Licht, Lärm, Hitze oder verbrauchte Luft im Raum können ablenken.
- Tagesform: Schlafmangel, Stress oder Sorgen können es erschweren, die Gedanken zu ordnen. Reichhaltiges Essen und Alkoholgenuss können ebenfalls die Konzentration beeinträchtigen.
- Biorhythmus: Es gibt individuelle Unterschiede je nach Biorhythmus. Während sogenannte Lerchen früh aufstehen und schnell geistig wach sind, werden Nachteulen oft erst gegen Abend produktiv.
Es ist wichtig zu beachten, dass wir keine Maschinen sind und nicht erwarten sollten, 24 Stunden am Tag konzentriert zu sein. Nach einem geistig anstrengenden Tag kann die Konzentrationsfähigkeit erschöpft sein. Regelmäßige Pausen sind daher wichtig.
Psychische und körperliche Erkrankungen als Ursache
Hinter Konzentrationsschwächen können auch Erkrankungen stecken, die oft mit weiteren Begleiterscheinungen einhergehen:
Lesen Sie auch: Überblick: Epilepsie, Konzentration, Ursachen
- Demenz: Bei einer Demenz treten oft Gedächtnisdefizite und Orientierungsschwierigkeiten auf.
- Depression: Eine Depression kann mit Niedergeschlagenheit, Schuldgefühlen und Schlaflosigkeit einhergehen. Kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen sowie Einschränkungen bei der Gedächtnisleistung können ebenfalls auftreten. Depressive Menschen leiden meist unter negativen Gedanken, einer anhaltend gedrückten Stimmung sowie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Apathie.
- ADHS: Bei Kindern und Erwachsenen kann ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) vorliegen. Betroffene wirken typischerweise impulsiv, chaotisch, getrieben und risikofreudig.
- Körperliche Ursachen: Hirnblutung, Schlaganfall oder Schädelhirntrauma können die Konzentrationsfähigkeit einschränken. Kognitive Langzeitfolgen nach einer COVID-19-Erkrankung scheinen vermehrt nach schwereren Verläufen aufzutreten. Eine Studie in den USA zeigte, dass ehemalige Patienten mit einem Corona-Klinikaufenthalt häufiger von Wortfindungsstörungen und Aufmerksamkeitsproblemen betroffen waren als ambulant behandelte Patienten.
- Traurigkeit, Stimmungstiefs und Angst: Traurigkeit, Stimmungstiefs und Angst setzen der Psyche so stark zu, dass für andere Dinge nicht mehr viel Energie übrig bleibt. Bei Depressionen gibt es einen Mangel bzw. ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter wie z.B. Serotonin, Dopamin u.a.), die zum Beispiel für Gefühle wie Glück und Zufriedenheit zuständig sind. Sind diese empfindlichen Systeme nicht intakt, ist auch die Weiterleitung von Informationen gestört. Dadurch kommt es zu Konzentrationsstörungen.
- Ungleichgewichte im Hormon- oder Mineralstoffhaushalt: Ungleichgewichte im Hormon- oder Mineralstoffhaushalt können den Austausch von Botenstoffen zwischen den Nervenzellen und die Nervenleitfähigkeit stören, was sich in einer Vielzahl von Krankheitsmerkmalen äußern kann, darunter auch Konzentrationsstörungen.
- Körperliche Ursachen bei Kindern: Bewegungsmangel ist häufig ein Grund weshalb Kinder sich nicht gut konzentrieren können. Krankhafte körperliche Ursachen können sein: Gehirnprellung, Halswirbelsäulen-Schleudertrauma, Grippe, Lungenentzündung etc. Unverträglichkeiten (bestimmte Nahrungsmittel, Chemikalien) und Umweltgifte können das Nervensystem angreifen. Ebenso kann eine unzureichende Muskelspannung, die den Körper aufrecht hält, dazu führen, dass das Kind permanent damit beschäftigt ist, sich aktiv aufrecht zu halten.
- Wechseljahre: Manche Frauen in den Wechseljahren leiden unter dem sogenannten "Brain Fog" ("Gedächtnisnebel"): Sie entwickeln kognitive Beschwerden wie Konzentrationsstörungen oder Vergesslichkeit.Diese können mit der Östrogenkonzentration, aber auch mit typischen Wechseljahressymptomen wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen oder Schlafstörungen in den Wechseljahren in Verbindung stehen.
- Gestörte Hirndurchblutung: Eine gestörte Hirndurchblutung kann über einen Mangel an Sauerstoff und Nährstoffen eine Konzentrationsschwäche auslösen. Häufiger Grund für eine mangelnde Hirndurchblutung ist die "Verkalkung" (Arteriosklerose) von Hirngefäßen.
- Niedriger Blutdruck: Konzentrationsstörungen sind typische Symptome einer Hypotonie, da die Hirndurchblutung hierbei gedrosselt ist. Auch Leistungsmangel, Müdigkeit, Herzrasen sowie kalte Hände und Füße können niedrigen Blutdruck anzeigen.
- Andere Erkrankungen: Konzentrationsschwäche kann ein Begleitsymptom weiterer Erkrankungen sein, etwa von Schilddrüsenunterfunktion, Nierenschwäche, Depression und Überzuckerung (Hyperglykämie).
- Krebsmedikamente: In manchen Fällen lassen sich Probleme mit der Konzentration auf verabreichte Krebsmedikamente zurückführen: Zytostatika sind Medikamente, die das Wachstum besonders von schnell wachsenden Zellen (wie Tumorzellen) hemmen. Mediziner verabreichen sie Krebspatienten im Rahmen einer Chemotherapie.Als Nebenwirkung können diese Medikamente Denk- und Konzentrationsstörungen auslösen. Mediziner sprechen hier vom "Chemobrain". Der Grund für diese Nebenwirkung ist noch nicht vollständig geklärt.
Abklärung in der ärztlichen Praxis
Bei anhaltenden Konzentrationsproblemen trotz störungsfreier Umgebung oder bei zusätzlichen Beschwerden sollte man die Ursachen hinterfragen und sich eventuell untersuchen lassen. Durch das Beschwerdebild und eine genaue Befragung kann der Arzt oft schon auf den Auslöser schließen. Meist folgen eine körperliche Untersuchung und eventuell weitere Abklärungen mittels Blutuntersuchungen oder bildgebenden Verfahren. Ein Anhaltspunkt kann auch sein, ob der Betroffene von selbst in die Praxis kommt. Depressive Menschen fürchten beispielsweise oft eine beginnende Demenz und suchen deshalb frühzeitig einen Arzt auf.
Konzentrationsstörungen bei Kindern
Bei Kindern machen sich Konzentrationsstörungen oft nach der Einschulung bemerkbar, wenn das Kind nicht bei einer Aufgabe bleiben kann. Wichtig ist dann, sicherzustellen, dass das Kind eine störungsfreie Umgebung hat, genug schläft, sich ausreichend bewegt und ausgewogen ernährt. Auch sollte es nicht zu viel Zeit vor PC und Fernseher verbringen.
Konzentrationsstörungen zählen zu den häufigsten Auffälligkeiten bei Kindern. Familiäre Häufungen zeigen, dass Gene eine Rolle spielen. Störungen in der Gehirnentwicklung, Hirnverletzungen oder Erkrankungen wie Epilepsie können die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen. Stress, Angst und Depressionen sind häufige Auslöser. Zu Beginn steht eine umfassende Anamnese, um körperliche Ursachen auszuschließen. Kinder und Eltern lernen, die Störung zu verstehen und mit ihr umzugehen. Psychotherapie (z. B. Mit der richtigen Förderung können diese Potenziale gezielt genutzt werden.
Konzentrationsstörungen bei Kindern können durch bestimmte Anzeichen erkannt werden, darunter auffällige Impulsivität, häufige Unaufmerksamkeit, Schwierigkeiten beim Organisieren von Aufgaben und eine niedrigere Frustrationstoleranz. Konzentrationsstörungen bei Kindern sind in der Regel behandelbar, und viele Kinder zeigen eine deutliche Verbesserung ihrer Auffälligkeiten mit geeigneter Therapie und Unterstützung. Eine frühzeitige Diagnose und Intervention sind entscheidend. Mit der richtigen Behandlung und Unterstützung, können Kinder lernen, ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern und erfolgreicher in der Schule und im Leben zu sein.
Diagnose von Konzentrationsstörungen
Bei der Vorstellung eines Patienten mit Konzentrationsstörungen ist zunächst eine detaillierte Anamnese und Diagnostik notwendig, bei der vorliegende organische oder psychische Belastungsfaktoren erkannt werden sollen. Die neurologische Abklärung dient dem Ausschluss bzw. der Diagnose zugrunde liegender Erkrankungen des zentralen Nervensystems, da diese häufig mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen verbunden sind.
Lesen Sie auch: Funktionelle neurologische Störungen verstehen
Bei Kindern gehört zu einer Abklärung bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie zunächst eine genaue Erfragung des familiären und schulischen Umfeldes sowie eine vollständige neurologische Untersuchung der motorischen Entwicklung und der Sinnesorgane. Es schließt sich nach Möglichkeit eine Verhaltensbeobachtung und meistens eine testpsychologische Untersuchung an. Hierbei werden auch Intelligenz und Aufmerksamkeit sowie die soziale, emotionale und motorische Entwicklung erfasst. Bevor die Diagnose eines AD(H)S gestellt wird, müssen Entwicklungsstörungen und zugrunde liegende organische Krankheiten ausgeschlossen werden.
In der Rehaklinik machen Neuropsychologen in der Regel eine neuropsychologische Testung, bei der sie unter anderem diese Fähigkeiten überprüfen.
Behandlung entsprechend der Ursache
Je nach Diagnose behandeln die Ärzte die Grunderkrankung. Bei einer Depression verschreiben sie zum Beispiel oft eine Psychotherapie und Antidepressiva, bei ADHS hat sich das Medikament Methylphenidat bewährt. Experte Küthmann warnt aber davor, ohne eine entsprechende Diagnose zu diesen Präparaten zu greifen, um sich konzentrieren zu können: "Solche Substanzen verursachen teilweise erhebliche Nebenwirkungen und können abhängig machen."
Anschließend erfolgt eine möglichst spezifische Therapie der vermuteten Ursachen. Sehr oft führt die erfolgreiche Behandlung einer zugrunde liegenden neurologischen oder internistischen Erkrankung zu einer kompletten Rückbildung der Störung. Auch die Verminderung psychischer Belastungsfaktoren kann eine deutliche Verbesserung von Konzentrationsstörungen mit sich bringen.
Die Therapie von AD(H)S sollte einem Spezialisten vorbehalten sein und immer alle mitverantwortlichen Felder mit einbeziehen.
Lesen Sie auch: Finden Sie den richtigen Neurologen in Ulm
Tipps zur Verbesserung der Konzentration
Unabhängig von den Ursachen für eine Konzentrationsschwäche können folgende Tipps helfen, die Konzentration zu verbessern:
- Lebensstil anpassen: Ausreichend schlafen, Entspannungsphasen einbauen, sich genug bewegen, Sport treiben, sich vernünftig ernähren und ausreichend Flüssigkeit trinken.
- Planung: Aufgaben in machbare "To-Dos" teilen, Priorisierung nach Dringlichkeit und Relevanz, Eisenhower-Matrix nutzen.
- Pomodoro-Technik: Arbeitszeit in 25-Minuten-Einheiten teilen mit kurzen Pausen dazwischen.
- Ablenkungen vermeiden: Benachrichtigungen am Handy ausschalten, Handy außer Sichtweite legen, Computer-Ablenkungen reduzieren.
- Angenehmes Arbeitsumfeld schaffen: Aufgeräumter Schreibtisch, frische Luft, ausreichend Licht, angenehme Temperatur.
- Körper Gutes tun: Ausreichend Schlaf, regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung, ausreichend Trinken.
- Konzentrationsübungen: Das Gehirn wie einen Muskel trainieren.
- Entspannungsverfahren: Yoga, Meditation, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung.
- Bewältigung von Stress: Mit einem harmonischen Umfeld und den bereits genannten Möglichkeiten, wie ausreichend Schlaf und gesunder Ernährung, sind gute Voraussetzungen für die Problemlösung geschaffen.
- Über-Kreuz-Übungen: Zur Förderung des Zusammenspiels beider Hirnhälften und zur Verbesserung der Aufnahmefähigkeit und des Leistungsvermögens.
- Medikamente: Vorsicht mit Tabletten und Medikamenten bei Konzentrationsschwäche!
Konzentrationsschwäche: Was Sie selbst tun können
Wenn ein Problem mit der Konzentrationsfähigkeit besteht, dann gibt es durchaus auch Selbsthilfe für den Alltag. Entscheidend ist vor allem die Bewältigung von Stress. Mit einem harmonischen Umfeld und den bereits genannten Möglichkeiten, wie ausreichend Schlaf und gesunder Ernährung, sind gute Voraussetzungen für die Problemlösung geschaffen.
Ist das Konzentrationsvermögen dennoch beeinträchtigt, können Konzentrationsübungen hilfreich sein. Anspannungen und auch Verspannungen lassen sich so besser lösen, der Kreislauf wird belebt und die Durchblutung gefördert. Bekannt sind zum Beispiel sogenannte Über-Kreuz-Übungen zur Förderung des Zusammenspiels beider Hirnhälften und zur Verbesserung der Aufnahmefähigkeit und des Leistungsvermögens
Über-Kreuz-Übung 1: Aufrecht hinstellen, das rechte Knie heben und den linken Ellenbogen mit dem Knie berühren und umgekehrt.
Über-Kreuz-Übung 2: Mit der linken Hand hinter dem Rücken die rechte Fußsohle berühren und umgekehrt: Weitere kleine Möglichkeiten zur Steigerung der Konzentration:
Unauffällige Über-Kreuz-Übungen für überall: Mit der linken Hand am rechten Ohr reiben, Arme sowie Finger oder Füße kreuzen, mit den Augen ausgehend von der Mitte der Linie einer liegenden Acht folgen. Massage bestimmter Akupunkturpunkte (z. B.
Fazit
Kurzzeitige Konzentrationsstörungen sind oft durch die Umwelt oder die Tagesform bedingt. Die Konzentrationsstörungen können häufig auf Stress oder emotionale Unausgeglichenheit zurückgeführt werden. Was das Kind belastet und was nicht, hängt von seiner individuellen Erlebnisweise des Alltags ab. Was ein Kind locker weg steckt, belastet ein anderes. Jeder kennt die berühmten “weichen Knie” vor Aufregung oder in Stress-Situationen. Menschen nehmen Dinge unterschiedlich auf. Der eine erfasst Zusammenhänge eher bildlich, der nächste eher abstrakt und ein anderer konzentriert sich am besten, wenn er dabei Musik hört. Hintergrund für diese individuellen Unterschiede sind die verschiedenen Zuständigkeitsbereiche der linken und rechten Hirnhälfte. Je besser das Zusammenspiel der Hirnhälften funktioniert, desto besser ist das Aufnahmevermögen. Bei übermäßigem Stress ist dieses Zusammenspiel der Hirnhälften blockiert.
Anhaltende Konzentrationsstörungen sollten ärztlich abgeklärt werden, um mögliche neurologische oder psychische Ursachen zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Mit der richtigen Diagnose und Therapie sowie einer Anpassung des Lebensstils lässt sich die Konzentrationsfähigkeit oft deutlich verbessern.
Vorbeugung von Konzentrationsstörungen
Es gibt keine sicheren Vorbeugemaßnahmen gegen Konzentrationsstörungen, da sie oft auf eine Kombination von genetischen und Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Dennoch können Eltern und Betreuer bestimmte Maßnahmen ergreifen, um das Risiko zu minimieren.
tags: #konzentrationsstorungen #neurologische #ursachen