Einführung
Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das viele Ursachen haben kann. Um die Ursache des Schwindels zu ermitteln, sind verschiedene Untersuchungsmethoden erforderlich. Eine davon ist der Video-Kopfimpulstest (vKIT), auch bekannt als Video Head Impulse Test (vHIT), der eine wichtige Rolle bei der Beurteilung des vestibulookulären Reflexes (VOR) spielt. Der VOR ist ein Reflex, der die Augenbewegungen stabilisiert, wenn sich der Kopf bewegt. Der vKIT ergänzt die Funktionsprüfung des VOR und hilft, eine periphere vestibuläre Störung (PVS) zu diagnostizieren.
Das vestibuläre System und seine Funktion
Das vestibuläre System befindet sich im Innenohr und besteht aus den drei Bogengängen, dem Utrikulus und dem Sakkulus. Diese Strukturen sind für die Wahrnehmung der Körperposition und -bewegung im Raum verantwortlich. Sie liefern Informationen über Drehbewegungen (Bogengänge) sowie lineare Beschleunigungen und die Schwerkraft (Utrikulus und Sakkulus).
Die Wahrnehmung der Körperposition, der Bewegung im Raum sowie die zeitliche und räumliche Orientierung müssen sehr genau aufeinander abgestimmt sein. Ein Schwindel kann als gestörte Wahrnehmung der Bewegungen des eigenen Körpers (innerer Schwindel) oder der Umgebung auftreten (äußerer Schwindel), wie eine gestörte räumliche Orientierung oder ein Gefühl der Stand- oder Gangunsicherheit. Reguliert werden diese Funktionen von den drei Bogengängen, dem Utrikulus, dem Sakkulus auf jeder Ohrseite (vestibulo-okuläre Reflexe), den Muskelspindeln als propriozeptive Reize (vestibulospinale Reflexe) sowie von weiteren Informationen wie dem Hörvermögen, dem Körperempfinden (Sensosensorik), dem Kreislauf und der Psyche. Das feine Zusammenspiel all dieser Informationsquellen bewirkt die Orientierung beim Sitzen, im Gehen und bei allen schnellen Kopf- und Körperbewegungen. Eigenbewegungen des Körpers werden als Drehen, Schwanken oder Kippen empfunden, während Bewegungen der Umwelt als Oszillopsien (wackelnde Bilder, laufende Bilder, visuelle Bewegungsempfindungen) wahrgenommen werden.
Der Vestibulookuläre Reflex (VOR)
Der Vestibulookuläre Reflex (VOR) ist ein entscheidender Mechanismus zur Stabilisierung des Blicks während Kopfbewegungen. Er sorgt dafür, dass die Augen sich in entgegengesetzter Richtung zur Kopfbewegung bewegen, um das Bild auf der Retina scharf zu halten. Dies ermöglicht uns, auch bei schnellen Kopfbewegungen klar zu sehen.
Die Bedeutung des vKIT
Der vKIT ist ein wertvolles Instrument zur Beurteilung der Funktion des VOR. Er ermöglicht es, die Reaktion der Augen auf schnelle, unvorhersehbare Kopfbewegungen zu messen. Dies ist besonders wichtig, um periphere vestibuläre Störungen (PVS) zu erkennen, bei denen das Gleichgewichtsorgan im Innenohr betroffen ist.
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Wie funktioniert der vKIT?
Beim vKIT trägt der Patient eine spezielle Brille, die mit einer Kamera ausgestattet ist, die die Augenbewegungen aufzeichnet. Der Untersucher führt dann schnelle, kurze Kopfbewegungen in verschiedenen Ebenen durch, während der Patient ein festes Ziel fixiert. Die Kamera zeichnet die Augenbewegungen auf, und eine Software analysiert die Daten, um die Funktion des VOR zu beurteilen.
Parameter des vKIT
Die wichtigsten Parameter, die beim vKIT gemessen werden, sind:
- Gain: Der Gain ist ein Maß für das Verhältnis zwischen Kopf- und Augenbewegung. Ein normaler Gainwert liegt nahe bei 1, was bedeutet, dass die Augenbewegung die Kopfbewegung kompensiert.
- Gain-Asymmetrie (GA): Die Gain-Asymmetrie beschreibt den Unterschied im Gain zwischen den beiden Seiten. Eine signifikante GA kann auf eine einseitige vestibuläre Störung hinweisen.
- Catch-up Sakkaden (CS): Catch-up Sakkaden sind schnelle, korrigierende Augenbewegungen, die auftreten, wenn der VOR nicht ausreichend funktioniert, um das Bild auf der Retina zu stabilisieren. Das Auftreten von CS deutet auf eine Störung des VOR hin.
Anwendung des vKIT in der klinischen Praxis
Der vKIT wird in der klinischen Praxis eingesetzt, um verschiedene vestibuläre Störungen zu diagnostizieren und zu differenzieren. Dazu gehören:
- Neuritis vestibularis: Eine Entzündung des Vestibularisnervs, die zu akutem Drehschwindel führt.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Eine häufige Ursache für Schwindel, die durch Ablagerungen von Otolithen in den Bogengängen verursacht wird.
- Morbus Menière: Eine Erkrankung des Innenohrs, die mit Schwindel, Hörverlust, Tinnitus und Ohrdruck einhergeht.
- Bilateral Vestibulopathie (BVP): Ein beidseitiger Funktionsverlust des peripheren Vestibularorgans.
Der vKIT zur Unterscheidung zwischen peripheren und zentralen vestibulären Störungen
Ein wichtiger Aspekt des vKIT ist seine Fähigkeit, zwischen peripheren und zentralen vestibulären Störungen zu unterscheiden. Periphere Störungen betreffen das Innenohr oder den Vestibularisnerv, während zentrale Störungen das Gehirn betreffen.
Im Allgemeinen deuten folgende Befunde auf eine periphere vestibuläre Störung hin:
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- Verminderter Gain auf der betroffenen Seite
- Catch-up Sakkaden nach einer Kopfbewegung zur betroffenen Seite
- Horizontaler Nystagmus, der durch Fixation unterdrückt werden kann
Im Gegensatz dazu können folgende Befunde auf eine zentrale vestibuläre Störung hinweisen:
- Vertikaler Nystagmus
- Blickrichtungsnystagmus
- Fehlende Fixationssuppression des Nystagmus
- Anormale Sakkaden
Falsch-positive Ergebnisse des vKIT bei zerebellärer Ataxie
Es ist wichtig zu beachten, dass der vKIT in einigen Fällen falsch-positive Ergebnisse liefern kann. Dies bedeutet, dass der Test eine Störung des VOR anzeigt, obwohl keine periphere vestibuläre Störung vorliegt. Ein Beispiel hierfür ist die zerebelläre Ataxie, eine Erkrankung des Kleinhirns, die zu Koordinationsstörungen führen kann.
Studien haben gezeigt, dass Patienten mit zerebellärer Ataxie falsch-positive Ergebnisse beim vKIT zeigen können. Dies liegt daran, dass das Kleinhirn eine wichtige Rolle bei der Steuerung des VOR spielt. Bei einer Schädigung des Kleinhirns kann der VOR beeinträchtigt sein, was zu abnormalen Augenbewegungen und Catch-up Sakkaden führen kann.
Die Rolle des Kleinhirns bei der Steuerung des VOR
Das Kleinhirn ist ein wichtiger Bestandteil des zentralen Nervensystems und spielt eine entscheidende Rolle bei der Koordination von Bewegungen, dem Gleichgewicht und der Augenbewegung. Es erhält Informationen von verschiedenen Quellen, darunter dem vestibulären System, den Augen und den Muskeln. Diese Informationen werden verwendet, um Bewegungen zu planen und auszuführen.
Im Zusammenhang mit dem VOR spielt das Kleinhirn eine wichtige Rolle bei der Anpassung und Feinabstimmung des Reflexes. Es hilft, den VOR an veränderte Bedingungen anzupassen, wie z. B. das Tragen einer neuen Brille oder das Erlernen einer neuen sportlichen Fähigkeit. Bei einer Schädigung des Kleinhirns kann diese Anpassungsfähigkeit beeinträchtigt sein, was zu abnormalen Augenbewegungen und Schwindel führen kann.
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Differenzialdiagnose bei Schwindel
Bei der Diagnose von Schwindel ist es wichtig, eine sorgfältige Anamnese zu erheben und eine umfassende körperliche Untersuchung durchzuführen. Dazu gehören die Beurteilung der neurologischen Funktion, des Gleichgewichts und der Augenbewegungen. Der vKIT kann ein wertvolles Instrument sein, um die Funktion des VOR zu beurteilen und zwischen peripheren und zentralen vestibulären Störungen zu unterscheiden.
Es ist jedoch wichtig, sich der Möglichkeit falsch-positiver Ergebnisse bewusst zu sein, insbesondere bei Patienten mit zerebellärer Ataxie. In diesen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, um die Ursache des Schwindels zu ermitteln.
Weitere diagnostische Tests bei Schwindel
Neben dem vKIT gibt es eine Reihe weiterer diagnostischer Tests, die bei der Beurteilung von Schwindel eingesetzt werden können. Dazu gehören:
- Videonystagmographie (VNG): Eine umfassende Untersuchung der Augenbewegungen, die verschiedene Tests umfasst, um die Funktion des vestibulären Systems zu beurteilen.
- Kalorische Prüfung: Ein Test, bei dem warmes und kaltes Wasser in den Gehörgang gespült wird, um den VOR zu stimulieren.
- Vestibulär evozierte myogene Potentiale (VEMP): Ein Test, der die Funktion des Sakkulus und des Utrikulus beurteilt.
- Posturographie: Ein Test, der das Gleichgewicht unter verschiedenen Bedingungen beurteilt.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine bildgebende Untersuchung des Gehirns, die zur Erkennung von strukturellen Anomalien eingesetzt werden kann.
Therapie von vestibulären Störungen
Die Therapie von vestibulären Störungen hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung erforderlich sein, z. B. bei Neuritis vestibularis oder Morbus Menière. In anderen Fällen kann eine vestibuläre Rehabilitationstherapie (VRT) hilfreich sein.
VRT ist eine Form der Physiotherapie, die darauf abzielt, das Gleichgewicht zu verbessern und Schwindel zu reduzieren. Sie umfasst verschiedene Übungen, die darauf abzielen, den VOR zu trainieren, das Gleichgewicht zu verbessern und die Kompensation des Gehirns für den vestibulären Ausfall zu fördern.