Kopfhörer sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob in Bus und Bahn, beim Sport oder im Büro - sie ermöglichen es uns, in unsere eigene Klangwelt einzutauchen. Besonders beliebt sind kabellose Kopfhörer, allen voran kleine In-Ear-Geräte, die direkt in den Gehörgang eingeführt werden. Aber auch Over-Ear-Kopfhörer, die über den Ohren sitzen, und On-Ear-Kopfhörer, die auf den Ohren liegen, erfreuen sich großer Beliebtheit. Bei kabellosen Varianten werden Tonsignale per Funk übermittelt, meist per Bluetooth. Doch bergen diese praktischen Alltagsbegleiter auch Risiken für unsere Gesundheit, insbesondere für unser Gehirn? Dieser Frage wollen wir in diesem Artikel auf den Grund gehen und sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch praktische Tipps zum Thema geben.
Wie Kopfhörer funktionieren
Um die potenziellen Auswirkungen von Kopfhörern auf unser Gehirn besser zu verstehen, ist es wichtig, ihre Funktionsweise zu kennen. Vereinfacht gesagt empfängt das Ohr Schallwellen aus der Luft und wandelt sie in elektrische Signale um. Der Hörnerv im Innenohr übermittelt diese Signale dann in mehreren Schritten zum Gehirn, wo sie verarbeitet werden und wir sie als Töne wahrnehmen.
Kabellose Kopfhörer, insbesondere solche mit Bluetooth-Technologie, empfangen die Signale von einem Sender (z.B. einem Smartphone) und wandeln sie in hörbare Töne um. Bluetooth verwendet dabei hochfrequente elektromagnetische Felder, um Daten zu übertragen. Diese Felder sind zwar schwach, aber dennoch Gegenstand von Diskussionen über mögliche gesundheitliche Auswirkungen.
Kopfhörer und Hörverlust
Ein Hauptrisiko bei der Nutzung von Kopfhörern ist die Gefahr von Hörverlust. Laute Geräusche können die sensiblen Strukturen im Innenohr schädigen, insbesondere die Haarzellen, die für die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Signale zuständig sind. Im Gegensatz zu Vögeln und Amphibien bilden sich menschliche Haarzellen nicht nach - wenn sie absterben, sind sie endgültig verloren.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass sich beinahe die Hälfte der 12- bis 35-Jährigen einem unsicheren Lärmpegel durch persönliche Audiogeräte aussetzt. Tatsächlich sind Hörverluste bei Jugendlichen zwischen 1994 und 2006 deutlich angestiegen - im gleichen Zeitraum nahm der Musikgenuss über Kopfhörer um 75 Prozent zu.
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Faktoren für einen sicheren Lärmpegel
Beim Hören mit Kopfhörern entscheiden drei Faktoren über einen sicheren Lärmpegel:
- Lautstärke: Die Lautstärke sollte 60 Prozent des maximalen Volumens nicht überschreiten. Viele Smartphones weisen mit einem roten Balken in den Audioeinstellungen auf eine zu hohe Geräuschbelastung hin.
- Nutzungsdauer: Experten empfehlen, die Nutzungszeit auf maximal eine Stunde pro Tag zu begrenzen. Regelmäßige Hörpausen sind wichtig, damit sich das Gehör erholen kann.
- Häufigkeit: Wer regelmäßig Kopfhörer nutzt, setzt sich einem höheren Risiko für Gehörschäden aus. Es ist wichtig, die Hörgewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.
Diese drei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig und bestimmen die sogenannte Schallenergiemenge. Es gibt eine sichere Dosis, die entweder durch leise Geräusche über längere Zeit oder durch kurz andauernde, größere Lärmquellen erreicht werden kann.
Warnzeichen für Hörbeeinträchtigungen
Es ist wichtig, auf Warnzeichen für Hörbeeinträchtigungen zu achten. Dazu gehören:
- Ohrgeräusche (Tinnitus)
- Schwierigkeiten, hohe Töne zu hören
- Probleme beim Verstehen von Gesprächen
Wenn Sie eines dieser Symptome bei sich feststellen, sollten Sie einen Termin in einer Praxis für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde vereinbaren.
Noise Cancelling: Fluch oder Segen?
Kopfhörer mit Noise Cancelling, also Geräuschunterdrückung, machen das Hören in lauten Umgebungen angenehmer. Sie hören die Musik, das Hörspiel oder den Podcast klarer und nehmen weniger störende Hintergrundgeräusche wahr. Der Vorteil: Sie können die Lautstärke herunterregulieren - das kommt Ihrem Gehör zugute.
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Es gibt aber auch kritische Stimmen. Demnach führen Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung womöglich zu einer verringerten auditiven Verarbeitungsfähigkeit. Dabei handelt es sich nicht um ein Problem mit den Ohren, sondern mit dem Gehirn. Da das Gehirn nur noch mit einer Geräuschquelle konfrontiert wird und nicht mehr mit vielen verschiedenen, könnte es durch eine exzessive Kopfhörer-Nutzung träge werden.
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)
Einige Audiologen sind besorgt, dass der übermäßige Gebrauch von Noise-Cancelling-Kopfhörern das Hörvermögen beeinträchtigen könnte. Ein Hinweis darauf könnte sein, dass es bei Erwachsenen immer häufiger Schwierigkeiten beim Orten von Geräuschen und beim Verstehen von Gesprächen gibt, obwohl die klassischen Hörtests keinerlei Störungen zeigen. Dieses Krankheitsbild wird als Auditory Processing Disorder (APD) oder auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) bezeichnet.
Bei AVWS funktioniert das Gehör normal, aber das Gehirn hat Schwierigkeiten, die erfassten akustischen Informationen korrekt zu verarbeiten. Betroffene haben oft Probleme, Sprache in lauter Umgebung zu verstehen, Anweisungen zu folgen oder schnelle und undeutliche Sprache zu verarbeiten.
Historisch wurde AVWS eher bei Kindern diagnostiziert, erst in jüngerer Zeit gibt es einen Anstieg bei Erwachsenen. Die Erklärungsversuche der Wissenschaftler gehen dahin, dass das Gehirn durch das Ausfiltern der Nebengeräusche über lange Strecken nur noch eine einzige Quelle hat, die es verarbeiten muss, etwa Musik oder einen Podcast. Bei Kindern könnte das dazu führen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich so zu konzentrieren, dass sie auch ohne externe Filterung Nebengeräusche ignorieren können. Bei Erwachsenen verkümmere die Fähigkeit des Ausfilterns von Störgeräuschen.
Bislang bewegen sich die Erklärungsversuche allerdings im Bereich der vage unterstützten Spekulationen. Denn valide wissenschaftliche Belege, dass Noise-Cancelling-Kopfhörer AVWS verursachen, gibt es nicht.
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Forschungsergebnisse der Universität Münster
Forscher der Universität Münster haben in einer Studie Anzeichen dafür gefunden, dass durch laute Geräusche über Kopfhörer Nervenzellen geschädigt werden können. Die Hälfte der Studienteilnehmer hörte in der Freizeit regelmäßig mit Kopfhörern Musik, die andere Hälfte nicht. In klassischen klinischen Untersuchungen schnitten die Gruppen gleich und normal ab. Unterschiede zeigten sich erst unter der Haube, genauer: im Magnetoenzephalographen (MEG).
„Mit dem MEG kann die Aktivität der Hirnrinde gemessen werden“, erläutert Dr. Henning Teismann. „Man kann sich das Gerät wie eine überdimensionale Trockenhaube vorstellen. Aktive Nervenzellen senden schwache magnetische Signale aus, die mit dem MEG gemessen werden.“
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass das Vermögen des Gehirns, akustische Signale aus Hintergrundrauschen heraus zu filtern, leiden kann. Die Forscher vermuten, dass dieses Defizit mittel- bis langfristig nicht mehr durch verstärkte Aufmerksamkeit kompensiert werden kann - das könnte dann zur Entstehung von Hörbeeinträchtigungen, Geräuschüberempfindlichkeit und Tinnitus beitragen.
Bluetooth-Strahlung: Eine Gefahr für das Gehirn?
In den sozialen Medien kursieren immer wieder Behauptungen, dass kabellose Kopfhörer, die sich via Bluetooth-Verbindung mit Smartphone, Tablet oder Computer verbinden, das Gehirn schädigen und das Krebsrisiko steigern könnten. Doch was ist dran an diesen Behauptungen?
Wie Bluetooth funktioniert
Bluetooth ist eine Funktechnologie, mit der Informationen vom Handy, Tablet oder Computer zum Kopfhörer transportiert werden. Das funktioniert über hochfrequente elektromagnetische Felder. Diese Felder könne man sich als elektromagnetische Wellen vorstellen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum bewegen, erklärt Dr. Florian Kohn, Biologe am Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).
Die einzige bisher wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung der hochfrequenten elektromagnetischen Felder auf den Körper ist eine Erwärmung. Unser Körper besteht zu 60 bis 70 Prozent aus Wassermolekülen. Und diese Felder können die Wassermoleküle zu einer stärkeren Bewegung bringen - also erwärmen.
Studienlage zur Bluetooth-Strahlung
Hochfrequente elektromagnetische Felder sind sehr gut erforscht. Es gibt sehr viele Untersuchungen zu den Auswirkungen auf den Menschen. Für Wissenschaftler sind allerdings die elektromagnetischen Felder von Mobilfunk-Telefonen viel interessanter als jene von kabellosen Kopfhörern. Die Felder im Bereich von Bluetooth sind nämlich viel schwächer.
Wegen ihrer niedrigen Leistung werde in der Wissenschaft daher kaum untersucht, wie sich Bluetooth-Kopfhörer auf den Körper auswirken. Die Leistung des Mobilfunks ist höher, weil damit Informationen oft über mehrere Kilometer transportiert werden müssen. Eine Bluetooth-Verbindung reicht hingegen etwa zehn Meter weiter.
Können Bluetooth-Kopfhörer Krebs verursachen?
Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stufte hochfrequente elektromagnetische Felder 2011 als „möglicherweise krebserregend“ ein. Diese Einstufung bedeute, dass es nach dem damaligen Kenntnisstand begrenzte, aber nicht abgesicherte Hinweise auf eine krebserregende Wirkung gab.
Neuere Studien, die einen längeren Zeitraum beobachteten, sprächen dafür, dass die Krebsrate bei Hirntumoren nicht erhöht sei, erläutert Kohn. Grenzwerte und andere gesetzliche Regelungen schützen uns vor negativen gesundheitlichen Folgen hochfrequenter Felder. Sie orientieren sich nicht an bestimmten Technologien, sondern am wissenschaftlichen Kenntnisstand zu Wirkungen und Risiken. Das gilt auch für Bluetooth-Kopfhörer.
Fazit zur Bluetooth-Strahlung
Florian Kohn und Sarah Drießen vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit sehen keinen Anlass dafür, auf Bluetooth-Kopfhörer zu verzichten. Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Bluetooth-Kopfhörer gesundheitsrelevante Wirkungen haben.
Praktische Tipps für ein gesundes Hörerlebnis
Um die potenziellen Risiken der Kopfhörernutzung zu minimieren und ein gesundes Hörerlebnis zu gewährleisten, sollten Sie folgende Tipps beachten:
- Wählen Sie die richtigen Kopfhörer: Die Weltgesundheitsorganisation rät zu geräuschunterdrückenden Modellen, da Sie die Lautstärke nicht hochdrehen müssen, um Hintergrundgeräusche zu überdecken. Achten Sie darauf, dass die Kopfhörer bequem sitzen und nicht drücken.
- Stellen Sie die Kopfhörer nicht zu laut: Die Lautstärke sollte 60 Prozent des maximalen Volumens nicht überschreiten. Suchen Sie sich eine ruhige Umgebung, um die Lautstärke optimal einzustellen.
- Begrenzen Sie die Nutzungszeit: Experten empfehlen, die Nutzungszeit auf maximal eine Stunde pro Tag zu begrenzen. Machen Sie regelmäßige Hörpausen, damit sich das Gehör erholen kann.
- Achten Sie auf Warnzeichen: Beobachten Sie bei sich Ohrgeräusche oder haben Sie Schwierigkeiten, hohe Töne zu hören? Dies und Probleme beim Verstehen von Gesprächen deuten auf Hörbeeinträchtigungen hin. Vereinbaren Sie in dem Fall einen Termin in einer Praxis für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde.
- Variieren Sie die Art der Tonwiedergabe: Nutzen Sie nicht nur Kopfhörer oder Airpods, sondern auch tragbare Lautsprecher oder die Lautsprecher des Computers für ein natürliches Hörerlebnis in Abstand von der Schallquelle.
- Nutzen Sie die „psychoakustischen“ Einstellungen auf dem Handy: Die Forschung liefert praktische Lösungen für unsere Gesundheit.
- Reinigen Sie die Kopfhörer regelmäßig: Achten Sie auf eine gute Ohrhygiene und reinigen Sie die Kopfhörerpolster regelmäßig, um Bakterien- und Pilzinfektionen vorzubeugen.
- Erwägen Sie Knochenschallkopfhörer: Diese leiten den Schall über den Schädelknochen ins Ohr, wodurch das Trommelfell nicht belastet und der Gehörgang nicht verstopft wird.