Singen gegen Demenz: Studien belegen positive Effekte

Die Zahl der Demenzkranken steigt weltweit rasant an. Angesichts dieser Entwicklung rücken nicht-medikamentöse Therapieansätze immer stärker in den Fokus. Studien deuten darauf hin, dass Musik, insbesondere Singen, eine positive Wirkung auf die kognitiven Fähigkeiten und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz haben kann.

Demenz: Eine wachsende Herausforderung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass derzeit 55 Millionen Menschen weltweit an Demenz leiden. Bis 2030 wird diese Zahl voraussichtlich auf 78 Millionen und bis 2050 auf 139 Millionen ansteigen. Demenz ist ein Überbegriff für verschiedene neurodegenerative Erkrankungen, wobei die Alzheimer-Krankheit die häufigste Form darstellt. Sie führt zu einem Abbau von Nervenzellen im Gehirn und beeinträchtigt kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnis, Sprache, Orientierung, Verstehen, Lernen, Planen und Einschätzen. Auch emotionale und soziale Fähigkeiten können im Verlauf der Erkrankung verloren gehen.

Obwohl Demenz als Alterserkrankung gilt, sind nicht nur ältere Menschen betroffen. In bis zu 9 Prozent der Fälle tritt die Krankheit bereits vor dem 65. Lebensjahr auf. Da eine Heilung der Demenz derzeit nicht möglich ist, konzentrieren sich Behandlungsansätze auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.

Musik als Therapieansatz bei Demenz

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Musik einen positiven Einfluss auf Menschen mit Demenz haben kann. Musiktherapie kann die kognitiven Fähigkeiten verbessern, die Stimmung aufhellen und die Lebensqualität steigern. Dies gilt sowohl für das aktive Musizieren als auch für das passive Musikhören.

Studienlage zur Musiktherapie

Eine zusammenfassende Analyse von acht Studien aus dem Jahr 2020 ergab, dass Musiktherapie die kognitiven Fähigkeiten von Menschen mit Demenz verbessern kann. Zudem wurde eine Steigerung der wahrgenommenen Lebensqualität und eine Reduktion von Langzeitdepressionen festgestellt. Dabei erwies sich das Musikhören als besonders wirksam, aber auch Singen zeigte positive Effekte.

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Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024, die sich ausschließlich auf Alzheimer konzentrierte, kam zu dem Schluss, dass Musiktherapie die Hirnleistung von Patienten mit Alzheimer-Krankheit verbessern kann. Die Hirnleistung im Allgemeinen, das Reden, die Orientierung und das Gedächtnis verbesserten sich.

Auch gegen Unruhe kann Musiktherapie bei Menschen mit Demenz helfen, wie eine Meta-Studie zeigte, die im Journal „Frontiers of Psychology“ veröffentlicht wurde.

Singen als spezifische Intervention

Eine randomisierte klinische Studie der Universität Helsinki untersuchte die Auswirkungen von Singen auf Demenzpatienten. 89 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Demenz nahmen zusammen mit ihren Betreuern an der Studie teil. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen aufgeteilt:

  1. Teilnahme an einem zehnwöchigen Singkreis
  2. Zuhören von bekannten Liedern
  3. Kein musisches Angebot

Vor und nach der Studie wurden die Gedächtnisleistung, die Lebensqualität und die emotionale Gesundheit der Teilnehmer überprüft.

Die Ergebnisse zeigten, dass das Singen eine vorteilhafte Wirkung auf Demenzpatienten hat. Insbesondere bei den unter 80-Jährigen mit leichter Demenz wirkte es sich positiv auf das Arbeitsgedächtnis und die Orientierungsfähigkeit aus. Die Patienten konnten ihren Alltag besser bewältigen. Das Zuhören von Musik hatte lediglich bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz einen positiven Effekt auf das kognitive Verhalten und das Arbeitsgedächtnis.

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Zudem zeigte die Studie, dass sowohl Singen als auch Musikhören die Stimmung verbesserten. Die Teilnehmer der ersten beiden Gruppen waren seltener depressiv verstimmt als die Teilnehmer der dritten Gruppe.

Musikmachen hält das Gehirn fit

Eine große Studie der Universität Exeter (England) untersuchte die Gesundheitsdaten von über 1100 Erwachsenen ab 40 Jahren, um zu verstehen, wie gesunde Gehirne altern und warum Menschen Demenz entwickeln. Das Ergebnis: Das Spielen eines Musikinstrumentes im Laufe des Lebens ist mit besseren Gedächtnis- und Denkfähigkeiten im Alter verbunden. Insbesondere das Klavierspielen wurde mit einer verbesserten Gedächtnisleistung in Verbindung gebracht, während Singen die allgemeine Gehirngesundheit förderte.

Wirkungsmechanismen der Musiktherapie

Die positiven Effekte der Musiktherapie bei Demenz lassen sich durch verschiedene Wirkungsmechanismen erklären:

  • Aktivierung des musikalischen Langzeitgedächtnisses: Das Hirnareal des musikalischen Langzeitgedächtnisses weist im Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung nur eine minimale kortikale Atrophie auf. Dies erklärt, warum Patienten in fortgeschrittenen Demenzstadien beim Hören von bekannten Liedmelodien fehlerfrei ganze Liedstrophen mitsingen können.
  • Stärkung des verbalen Gedächtnisses: Musik kann das verbale Gedächtnis stärken. Studien haben gezeigt, dass sich Menschen an gesungene Texte besser erinnern können als an gesprochene Texte.
  • Emotionale Aktivierung: Musik kann Emotionen wecken und Erinnerungen hervorrufen. Dies ist besonders wichtig für Demenzpatienten, deren kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind, da sie oft noch über emotionale Fähigkeiten verfügen. Vertraute Musik kann die Wachheit und Verbalisierungsfähigkeit erhöhen und Erlebnisse aus dem Altgedächtnis wieder zugänglich machen.
  • Förderung der Exekutivfunktionen: Komplexe Hirnleistungen wie Planen, Koordinieren, das Orchestrieren von Aktivitäten und die Entscheidung über Prioritäten (Aufmerksamkeit) sind Teil der zerebralen Exekutivfunktion, die im Frontalhirn lokalisiert ist. Beim aktiven Musikhören spielt der präfrontale Kortex eine wichtige Rolle.

Praktische Umsetzung der Musiktherapie

Die Erkenntnisse über die positiven Auswirkungen von Musik bei Demenz werden bereits in der Praxis umgesetzt. Der Nordbayerische Musikbund (NBMB) organisiert beispielsweise im Rahmen des Projekts „Ein Lied für Dich“ Mitmach-Konzerte für Menschen mit Demenz. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Menschen, die scheinbar auf nichts mehr reagieren, bei altbekannten Liedern plötzlich mitsingen können.

Zudem bietet der NBMB Workshops für Hobby-Musiker an, die Musik in Pflegeeinrichtungen bringen möchten.

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Weitere nicht-medikamentöse Therapieansätze

Neben der Musiktherapie gibt es auch andere nicht-medikamentöse Therapieansätze, die bei Demenz eingesetzt werden können:

  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität kann demenzassoziierte Verhaltensauffälligkeiten reduzieren und die funktionellen Fähigkeiten verbessern.
  • Tanzen und Rhythmik: Tanzen und Rhythmik können das motorisch-kognitive Dual-task-Vermögen verbessern und das Sturzrisiko reduzieren.
  • Kognitives Training: Kognitives Training kann die geistigen Fähigkeiten erhalten und verbessern.
  • Soziale Interaktion: Soziale Kontakte und Aktivitäten können die Lebensqualität verbessern und soziale Isolation reduzieren.

Präventive Maßnahmen

Obwohl Demenz derzeit nicht heilbar ist, gibt es Hinweise darauf, dass sich die Erkrankung durch verschiedene Maßnahmen verhindern oder zumindest verzögern lässt. Zu den Risikofaktoren für Demenz gehören:

  • Hörverlust
  • Bluthochdruck
  • Adipositas
  • Diabetes
  • Depressionen
  • Rauchen
  • Übermäßiger Alkoholkonsum
  • Körperliche Inaktivität
  • Traumatische Hirnverletzungen
  • Niedriges Bildungsniveau
  • Luftverschmutzung
  • Soziale Isolation
  • Sehverlust
  • Hoher LDL-Cholesterinspiegel

Ein gesunder Lebensstil mit gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung, sozialen Kontakten, Rauchverzicht und geringem Alkoholkonsum kann dem Demenzrisiko entgegenwirken.

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