Die Kosten neurologischer Erkrankungen in Deutschland: Herausforderungen und Lösungsansätze

Einführung

Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz, Parkinson, Multiple Sklerose und Epilepsie stellen eine erhebliche Belastung für die Betroffenen, ihre Familien und das Gesundheitssystem dar. Die steigende Lebenserwartung führt zu einer Zunahme dieser Erkrankungen, was die Notwendigkeit einer optimierten Patientenversorgung und verstärkter Forschung unterstreicht. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Kosten neurologischer Erkrankungen in Deutschland und diskutiert mögliche Lösungsansätze zur Verbesserung der Versorgung und Prävention.

Zunehmende Prävalenz und Demografischer Wandel

Kaum jemand hat nicht einen Angehörigen oder Bekannten, der an Alzheimer, anderen Demenzerkrankungen, Schlaganfall, Parkinson, Multipler Sklerose oder Epilepsie erkrankt ist. Die Zahl der Patienten wird in den nächsten Jahren stark ansteigen, denn die Menschen werden immer älter. Der Anteil der über 65-Jährigen wird bis zum Jahr 2050 um 67 Prozent auf 23 Millionen Menschen zunehmen. Die Zahl der über 80-Jährigen steigt von jetzt drei auf zehn Millionen an. Allein beim Schlaganfall wird ein 85-prozentiger Zuwachs an Neuerkrankungen prognostiziert - die Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen.

Der Mangel an Neurologen und die Auswirkungen

Gleichzeitig herrscht heute schon ein Mangel an Neurologen. Die demografische Schere setzt beim Neurologen-Nachwuchs an. Schon heute scheiden mehr Ärzte aus ihrem Beruf aus als Absolventen nachrücken. Wie eine Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundesärztekammer (BÄK) zeigt, gehen in den kommenden fünf Jahren jährlich etwa 8200 Ärzte in den Ruhestand. Demgegenüber geht die Zahl der jungen Hochschulabsolventen auf jährlich etwa 7800 zurück. Viele davon gehen in attraktiver erscheinende Berufe oder ins Ausland, was das jährliche Defizit auf ca. 2000 anwachsen lässt. KBV und BÄK befürchten daher Engpässe bei der Versorgung von Patienten durch Vertragsärzte, insbesondere bei den Neurologen. In den Krankenhäusern sieht die Situation nicht besser aus: 28 Prozent der Kliniken geben an, offene Stellen nicht besetzen zu können. Lange und unregelmäßige Arbeitszeiten in der Klinik sowie überbordende Bürokratie tragen zur Unzufriedenheit bei und halten junge Kollegen davon ab, eine Klinik-Karriere einzuschlagen.

Wirtschaftliche Belastung durch Neurologische Erkrankungen

Eine aktuelle Studie des Berliner IGES-Instituts im Auftrag der neuropsychiatrischen Berufsverbände zeigt, dass die Erkrankungen des Nervensystems die mit Abstand größten Kosten verursachen. Im Jahr 2010 verursachten psychische und neurologische Erkrankungen nach Schätzungen des World Economic Forums weltweit Kosten in Höhe von rund *** Billionen US-Dollar. Die gesellschaftlichen Kosten von Long COVID und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) betragen einem Bericht zufolge mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Das berechnete die ME/CFS Research Foundation zusammen mit dem Unternehmen Risklayer und Forscherinnen und Forschern aus Deutschland und Australien, wie der Spiegel am Wochenende vorab berichtete. Über die vier Jahre 2020 bis 2024 hätten die gesellschaftlichen Kosten beider Krankheiten bei mehr als 250 Milliarden Euro gelegen. Im Jahr 2024 allein seien es 63 Milliarden Euro gewesen. Gründe dafür sind eine meist langjährige Pflegebedürftigkeit und aufwändige Reha-Maßnahmen. Während die Fallzahlen im neurologisch-psychiatrischen Versorgungsbereich überproportional ansteigen, sinken in gleicher Weise Leistungsmenge und Honorar pro behandeltem Patient. Diese Entwicklung darf nicht zu Lasten der Neurologen gehen.

Ursachen der hohen Kosten

Die hohen Kosten neurologischer Erkrankungen sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen:

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  • Langjährige Pflegebedürftigkeit: Viele neurologische Erkrankungen führen zu chronischen Beeinträchtigungen, die eine langjährige und intensive Pflege erforderlich machen.
  • Aufwändige Reha-Maßnahmen: Die Rehabilitation von Patienten mit neurologischen Erkrankungen ist oft komplex und erfordert spezialisierte Therapien.
  • Medikamentöse Behandlung: Die Behandlung neurologischer Erkrankungen erfordert häufig den Einsatz teurer Medikamente.
  • Diagnostik und Therapie: Intelligente Diagnostik- und Therapieverfahren sind bei neurologischen Erkrankungen besonders erfolgreich.
  • Forschung: Investitionen in die Forschung sind besonders wichtig: Jeder Monat, den ein Alzheimer-Patient nicht heimpflichtig wird oder in dem ein Schlaganfallpatient nicht gepflegt werden muss, verbessert die Lebensqualität dieser Patienten entscheidend und spart Kosten.

Prävention als Schlüssel zur Kostensenkung

Ein Großteil neurologischer Krankheiten ist auf beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen. Strukturierte Präventionsmaßnahmen könnten die steigenden Erkrankungsraten also nachhaltig senken und damit perspektivisch auch die Gesundheitsausgaben. Dabei lautet eines der zehn von der WHO formulierten Ziele, dass 80 % der Länder bis 2031 mindestens ein funktionierendes sektorenübergreifendes Programm zur Förderung der Gehirngesundheit und zur Prävention neurologischer Erkrankungen anbieten sollen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) fordert, die Empfehlungen der WHO konsequent umzusetzen.

Präventionsmaßnahmen umfassen:

  • Förderung eines gesunden Lebensstils: Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum.
  • Früherkennung und Behandlung von Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterinwerte sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
  • Aufklärung der Bevölkerung: Die Bevölkerung sollte über die Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten neurologischer Erkrankungen informiert werden.

Verbesserte Versorgung durch Spezialisierung und Innovation

Intelligente Diagnostik- und Therapieverfahren sind bei neurologischen Erkrankungen besonders erfolgreich. So hat die Einrichtung der Stroke Units im stationären Bereich zu einem um 25 Prozent besseren Behandlungsergebnis geführt. Dies setzt sich langfristig in signifikant reduzierte Pflege und Unterhaltskosten um. Dieses Erfolgsmodell sollte auf andere häufige neurologische Krankheiten übertragen werden. Nur wenn Neurologen in die Akut-Situation mit dem Patienten direkt eingebunden sind, ist eine optimale Versorgung gewährleistet. Die derzeit kontrovers diskutierte Telemedizin bietet hierfür keinen gleichwertigen Ersatz.

Innovationen in der Neurologie:

  • Künstliche Intelligenz (KI): Gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft entwickelt er zum Beispiel KI-basierte Ansätze zur personalisierten Rehabilitation bei Armparesen oder zur automatisierten Früherkennung von Sprech- und Sprachstörungen von Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten.
  • Neue Medikamente und Therapien: Die neurologische Forschung schreitet rasant voran und bringt ständig neue Medikamente und Therapien hervor.
  • Telemedizin: Telemedizinische Anwendungen können die Versorgung von Patienten in ländlichen Gebieten verbessern.

DASNE: Ein Netzwerk für seltene neurologische Erkrankungen

Durch neue Technologien wird es erstmals möglich, die molekularen Grundlagen zahlreicher neurologischer Erkrankungen in bisher nicht gekannter Tiefe zu verstehen. Damit einher geht jedoch eine Vielfalt neuer genetisch und neuro-immunologisch definierter Erkrankungen, unklarer genetischer Varianten bzw. Diese klinischen Herausforderungen spiegeln sich insbesondere in der Tatsache wider, dass gegenwärtig für nur etwa 50% der Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen eine klare Zuordnung zu definierten neurologischen Erkrankungen gelingt bzw. für 50% keine klare Diagnose gefunden werden kann. Bedingt durch die Seltenheit einzelner klinisch-neurogenetischer bzw. neuro-immunologischer Szenarien und den notwendigen hohen Spezialisierungsgrad der Experten kann eine den unterschiedlichen Facetten gerecht werdende Expertise von einem neurologischen Zentrum allein nicht gewährleistet werden. DASNE will Wegbereiter und Knotenpunkt sein, um die Versorgung von Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen auf eine neue Stufe zu heben. Als erste Institution in Deutschland verfolgt die Akademie die Bündelung und kontinuierliche Weiterentwicklung von Expertise im Bereich seltener neurologischer Erkrankungen durch den Zusammenschluss deutscher Expertenzentren. Ausgehend von den Initiatoren in Lübeck, Tübingen und Bonn haben sich weitere Zentren angeschlossen, so dass sich ein dynamisches Netzwerk zu entwickeln beginnt. In diesem Verbund decken DASNE-Experten die multidisziplinäre Expertise zu seltenen neurologischen Erkrankungen vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter ab. Partizipation einer möglichst großen Gruppe von Neurologen zu Ausbildungs- und Lehrzwecken. Bewertung unklarer bzw. Verbesserte und schnellere Diagnosefindung bzw.

Schlaganfall-Preis für PD Dr. Stefan Gerner

PD Dr. med. Stefan Gerner ist mit dem Schlaganfall-Preis 2025 für seine hervorragenden Forschungsleistungen auf dem Gebiet der zerebrovaskulären Erkrankungen ausgezeichnet worden. Zu den Forschungsschwerpunkten des Preisträgers gehört die Therapie von Schlaganfällen mit blutgerinnungshemmenden Medikamenten, insbesondere oralen Antikoagulanzien. Hier konnte er in mehreren multizentrischen Studien zeigen, dass gängige Blutgerinnungspräparate bei Hirnblutungen unter bestimmten Bedingungen nicht den erhofften Nutzen bringen - und welche Alternativen infrage kommen. Auch gilt die Aufmerksamkeit des 37-Jährigen der Subarachnoidalblutung, einer seltenen, aber schweren Form des Schlaganfalls. Hierzu baute Gerner ein Register auf, das Langzeit-Outcomes jetzt systematisch dokumentiert. Ein dritter und weiterer Schwerpunkt Stefan Gerners ist die Implementierung innovativer Therapien und Technologien in die Schlaganfall-Behandlung. So konnte er in einem klinischen Projekt zeigen, dass das neue Thrombolytikum Tenecteplase in der Notfallversorgung nicht nur schneller wirkt, sondern auch breite Akzeptanz beim medizinischen Personal findet.

Politische Forderungen und Kampagnen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) fordert politische Weichenstellungen, um die Forschung zu forcieren und die Patientenversorgung zu optimieren. Der Spitzenverband ZNS fordert die Politik auf, Präventionsprogramme zu fördern und die Versorgung bedarfsgerecht zu gestalten. Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN), sprach von einer „strukturellen Diskriminierung“ von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Hirnschädigungen. Der Spitzenverband ZNS fordert zudem eine stärkere Vernetzung verschiedener Berufsgruppen und eine ganzheitliche Behandlung der Patientinnen und Patienten.

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