Kritisch sensible Phase: Definition und Bedeutung für die Gehirnentwicklung

Die kritisch sensible Phase ist ein entscheidender Zeitraum in der Entwicklung des Gehirns, in dem die Plastizität des Gehirns maximal ist und die Entwicklung des Gehirns an die Umwelt angepasst wird. Diese Phasen sind durch eine hohe Empfänglichkeit für bestimmte Lernerfahrungen gekennzeichnet und spielen eine entscheidende Rolle beim Erwerb grundlegender Fähigkeiten. Die Neurologie bestätigt die Existenz solcher Lernfenster, besonders im Bereich visueller und sprachlicher Fähigkeiten.

Grundlagen der Gehirnentwicklung

Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Jede Nervenzelle hat ein Axon, das Nachrichten versendet (Output), und viele Dendriten, über die sie Botschaften empfängt (Input). Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern und Ionen in den Synapsen.

Neuronale Entwicklung im frühen Kindesalter

Beim Fötus entwickelt sich im Gehirn zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen, die aber noch klein und wenig vernetzt sind. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viel. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird.

Entwicklungsfenster und kritische Phasen

In verschiedenen Regionen des Gehirns erfolgen die Überproduktion und Selektion von Synapsen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität. Sie erreichen ihren Höhepunkt zu jeweils anderen Zeiten. In diesem Zusammenhang wird oft von "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" gesprochen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich ist. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere.

Beispiel Spracherwerb

Ein Beispiel hierfür ist die "sensible Phase" für den Spracherwerb, die bis zum 6. oder 7. Lebensjahr dauert. Das Baby kann schon alle Laute jeder Sprache dieser Welt unterscheiden, das Kleinkind alle Phoneme korrekt nachsprechen. Innerhalb weniger Lebensjahre werden aber die Synapsen eliminiert, die diese Leistung ermöglichen, aber nicht benötigt werden, da sich das Kind in der Regel ja nur eine Sprache mit einer sehr begrenzten Zahl von Phonemen aneignet. Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.

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Das Konzept der kritischen Phasen

Es ist wichtig zu verstehen, dass nach dem Ende einer sensiblen Phase neue Errungenschaften nur noch mit reflektierender Tätigkeit, Willenskraft und Anstrengung möglich sind. Die Erkenntnisse über sensible Phasen und die Gehirnentwicklung Kind haben weitreichende Implikationen für die Bildung und Erziehung.

Die Rolle der Umwelt

Die Umwelt, das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene, bestimmt zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns. Die skizzierte Entwicklung setzt sich dann bis zum Tode des Menschen fort: Unbenötigte Synapsen werden eliminiert, häufig benutzte verstärkt. Zugleich werden aber immer wieder neue Synapsen gebildet, insbesondere im Rahmen von Gedächtnisprozessen.

Einfluss von Genen und Umwelt

Rund 60% aller menschlichen Gene wirken auf die Gehirnentwicklung ein. Der IQ ist aber nur zu etwa 50% genetisch bedingt, der Schulerfolg sogar nur zu 20%. Die Umgebung wirkt schon vor der Geburt auf die Gehirnentwicklung ein, insbesondere über den Körper der Mutter: Negative Einflussfaktoren sind beispielsweise Fehlernährung, Rauchen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Stress oder der Umgang mit giftigen Substanzen am Arbeitsplatz während der Schwangerschaft. Nach der Geburt wird die Gehirnentwicklung z.B. gehemmt durch längere Krankenhausaufenthalte oder Heimunterbringung, da dann Säuglinge bzw. Kleinkinder zu wenig Stimulierung erfahren.

Sensible Phasen nach Montessori

Maria Montessori teilte die kindliche Entwicklung in verschiedene Phasen ein, die jeweils spezifische sensible Phasen umfassen. Der "psychische Embryo" (1.-3. Lebensjahr) ist gekennzeichnet durch drei entscheidende Perioden: Bewegung, Ordnung und Sprache. Der "soziale Embryo" (3-6. Lebensjahr) ist durch die Weiterentwicklung bisher aufgebauter Funktionen und die Entstehung eines Gruppengefühls charakterisiert. Der "soziale Neugeborene" (6.-12. Lebensjahr) erlebt die organisierte Gesellschaft und akzeptiert, dass das Zusammenleben von Gesetzen geprägt ist. Der "soziale Mensch" (ab 12. Lebensjahr) bildet Gefühle für die Gesellschaft als Ganzes aus.

Die Bedeutung der Umgebung nach Montessori

Die Umgebung spielt eine entscheidende Rolle in den sensiblen Phasen Montessori. Montessori betonte, dass das Kind fähig ist, durch Umwelteindrücke seine seelische Welt aufzubauen. Sie warnte davor, von außen störend in diese Phasen einzugreifen. Sie betonte, dass das Kind in diesen Phasen selbstständig intensiv zugänglich ist und Zusammenhänge mit der Umwelt herstellt. Am Ende einer sensiblen Phase hat das Kind die entsprechende Fähigkeit erworben, und es tritt eine gewisse Gleichgültigkeit und Müdigkeit ein.

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Kritische Phase für die Entwicklung des Sehvermögens

Die kritische Phase für die Entwicklung des Sehvermögens liegt zwischen dem 4. und 8. Lebensmonat. In dieser Zeit ist das Gehirn besonders formbar und auf visuelle Reize angewiesen, um die Sehfähigkeit vollständig auszubilden. Kinder, die aufgrund einer Linsentrübung erst nach dem 2. Lebensjahr operiert werden, bleiben blind, weil die neuronalen Verbindungen, die das Sehen ermöglichen, nicht mehr aufgebaut werden können.

Plastizität des Gehirns und Lernen

Das Gehirn wird optimiert, d.h. diejenigen Synapsen, die häufig gebraucht werden, bleiben erhalten; die anderen werden eliminiert. Während in den ersten zehn Lebensjahren das Lernen leicht und sehr schnell vonstatten geht, verlangt es in den folgenden Jahren immer mehr Anstrengung. Es gibt immer weniger überzählige, unbenutzte Synapsen; die Bahnen, in denen der Jugendliche oder Erwachsene denkt, sind in der Kindheit bereits grob festgelegt worden. Gänzlich neue Verbindungen zwischen Neuronen werden eher selten hergestellt. Das Gehirn hat eine bestimmte Struktur ausgebildet, von deren Art abhängt, in welchen Bereichen das Lernen leichter oder schwerer fällt.

Lernen und Gedächtnis

Im Gehirn schlagen sich Denken und Lernen auf verschiedene Weise nieder: Bei jeder Interaktion zwischen Säugling bzw. Kleinkind und Umwelt reagieren zunächst Tausende von Gehirnzellen. Bestehende Verbindungen zwischen ihnen werden intensiviert, neue ausgebildet. Treten nun wiederholt ähnliche Eindrücke, Wahrnehmungen und Erfahrungen auf, schleifen sich bestimmte Bahnen ein. Das heißt, ähnliche Signale folgen zunehmend demselben Weg, der durch bestimmte, bei wiederholter Stimulierung stärker werdende chemische Signale in den Synapsen zwischen den Neuronen markiert wird. Haben diese Signale eine von Gehirnregion zu Gehirnregion unterschiedlich große Stärke erreicht, wird diese Bahn auf Dauer (bis in das Erwachsenenalter hinein) beibehalten.

Individuelle Unterschiede und Förderung

Je vielfältiger und breiter die in der Kindheit ausgeprägte Struktur des Gehirns ist, umso mehr Bereiche gibt es, in denen der Jugendliche oder Erwachsene Fortschritte machen kann. Erfolgreiches Lernen in späteren Lebensabschnitten setzt ferner voraus, dass man das Lernen gelernt hat. Kinder müssen erfahren haben, wie man Lernen plant und selbst überwacht, wie man sich Wissen aneignet und überprüft, welche Lernstrategien erfolgversprechend sind, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, wie man das Gelernte durchdenkt und erinnert.

Die Bedeutung von Emotionen

Eindrücke und Informationen werden leichter behalten, wenn sie mit Emotionen verknüpft sind, wenn sie neuartig, ungewöhnlich und besonders interessant wirken, wenn sie leicht in die vorhandenen Gedächtnisinhalte integriert werden können und wenn ein Lebens- bzw. Alltagsbezug gegeben ist. Emotional bedeutsames Wissen wird (bei Rechtshändern) in der rechten Gehirnhälfte, neutrales Fakten- und Weltwissen in der linken Hemisphäre gespeichert.

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Späte sensible Entwicklungsphasen

Es gibt durchaus auch sehr späte sensible Entwicklungsphasen, die sich der langsamen Ausreifung des sogenannten Präfrontalhirns verdanken. Dieser Bereich des Gehirns, der sich hinter den Hirnhemisphären befindet, reift erst im späten Jugend- und frühen Erwachsenenalter vollständig aus. Er ermöglicht es uns, vorausschauend zu planen, Prioritäten zu setzen und uns in soziale Wertgefüge einzuordnen.

Deprivation und ihre Folgen

Werden sensible Entwicklungsphasen nicht durch entsprechende Sinnesreize induziert, so führt dies zu Strukturänderungen, die im Mikroskop sichtbar sind. Was genau bei Nicht-Übenden oder spät Berufenen geschieht, und falls ja, welcher Mechanismus diesem Prozess zugrunde liegt, ist weitgehend unbekannt.

Die Rolle von miR-29a

Forscher haben die Rolle einer kleinen microRNA (miR-29) in diesen lernsensiblen Phasen der Plastizität aufgedeckt. Ein vorzeitiger Anstieg der miR-29a-Konzentrationen in jungen Mäusen blockierte die jugendliche Augendominanz-Plastizität und verursachte ein frühes Auftreten perineuronaler Netze (PPNs). PPNs sind spezialisierte Strukturen im zentralen Nervensystem, die für die synaptische Stabilisierung im erwachsenen Gehirn verantwortlich sind. Im sich entwickelnden sowie erwachsenen Gehirn spielen sie als Plastizitätsbremse eine entscheidende Rolle und halten bestehende Verbindungen zwischen Nervenzellen aufrecht. Die Beobachtung, dass miR29a ein Re-Modellierer ausgereifter neuronaler Netze ist, eröffnet neue, hoffnungsvolle therapeutische Perspektiven für miR-29a und andere miR-29-Familienmitglieder, um die Plastizität während des Alterns und die Regeneration von Hirnschädigungen zu fördern.

Erziehung und Selbstkonzept

Die Reaktionen von Erwachsenen auf Erfolge oder Misserfolge von Kindern können entscheidend ihr Selbstkonzept und ihr Erwartungsmuster bei zukünftigen Herausforderungen beeinflussen. Es kommt vor allem darauf an, dass das Kind zu der Überzeugung gelangt, dass es sein Leben durch sein eigenes Verhalten steuern kann. Mit dieser Einstellung nimmt es zuversichtlich auch solche Aufgaben in Angriff, die ihm zunächst schwierig oder unlösbar scheinen.

Lob und Anstrengung

Kinder, die nur wegen ihrer Intelligenz gelobt werden, und nicht auch für ihre Anstrengung, entwickeln die Einstellung, Intelligenz sei nicht veränderbar, weil man ihre Bemühungen nicht gewürdigt hat. Das hat dann negative Auswirkungen, wenn sie Misserfolge erleben, weil sie nun an ihrer Intelligenz zweifeln müssen und annehmen, dass sie an ihrer Unfähigkeit nichts ändern können. Wichtig ist daher, Leistung, Intelligenz und Erfolg früh mit Anstrengung zu verbinden: Wer schlau ist, hat sich angestrengt.

Kritische Betrachtung des Förderwahns

Viele Theoretiker nehmen an, dass sich Spracherwerbsprozesse optimal in zeitlich begrenzten Phasen vollziehen, in denen das Kind besonders sensibilisiert dafür ist (sensible Phasen). Es bildet in dieser Zeit Hirnstrukturen aus, die es darauf vorbereiten, entsprechende Sprachreize zu verarbeiten. Die Meinungen gehen allerdings darüber auseinander, wann und warum diese Sensibilität nachlässt. Es ist wichtig, einen Balanceakt zwischen Überforderung und Unterforderung zu finden und die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes zu berücksichtigen. Vor jeder Idee einer Förderung steht die Beziehung, die Fürsorge, Nähe und Geborgenheit für Kinder.

Selbstkontrolle und Handlungssteuerung

Selbstkontrolle ist die Fähigkeit, spontane Handlungsimpulse zu verzögern oder ihnen zu widerstehen. Sie ist eine der wichtigen Voraussetzungen für den Erwerb sozialer und kognitiver Kompetenzen. Entwicklungspsychologische Untersuchungen zeigen, dass Kinder diese Fähigkeit erst nach und nach erwerben.

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