Epilepsie, oft als „Gewitter im Gehirn“ bezeichnet, ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. Etwa 0,5 bis 1,2 % der Bevölkerung sind betroffen - allein in Deutschland leben zwischen 400.000 und 800.000 Menschen mit dieser Diagnose. Trotz moderner Antiepileptika bleibt etwa ein Drittel der Betroffenen therapieresistent, was bedeutet, dass ihre Anfälle durch Medikamente nicht ausreichend kontrolliert werden können. Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Zustände, die durch wiederkehrende, unprovozierte epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, übermäßige elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn - vergleichbar mit einem elektrischen Kurzschluss oder eben einem Gewitter. Die Symptomatik epileptischer Anfälle ist vielfältig und hängt maßgeblich davon ab, welche Hirnregion betroffen ist.
Historische Perspektiven der Epilepsiebehandlung
Die Behandlung der Epilepsie hat im Laufe der Geschichte viele Wandlungen erfahren. Im Mittelalter wurden Menschen mit Epilepsie oft als von übernatürlichen Mächten besessen angesehen. Man brannte den armen Menschen mit Glüheisen Löcher in die Schädeldecke, um dem Bösen einen Fluchtweg aus dem Körper zu schaffen. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts setzte sich allmählich die Auffassung der Epilepsie als medizinisches Problem durch. In Frankfurt behandelte man Menschen mit Epilepsie ab Beginn des 17. Jahrhunderts im 1606 erstmals schriftlich erwähnten „Tollhaus“.
Frühe medizinische Ansätze
Bis ins 19. Jahrhundert wurden verschiedene, oft fragwürdige Substanzen als „Fallsucht-Mittel“ eingesetzt. Dazu gehörten unter anderem Castoreum (Bibergeil), die Hirnschale eines Totenkopfes und Beifußwurzel. Heinrich Hoffmann klagte 1859 selbstkritisch über negative Erfahrungen mit salpetersaurem Silber, Zinkoxid und Kupfersalmiak. Erst mit der Verabreichung von Bromsalz kam eine Therapie auf, die sogar heute noch eingesetzt wird, wenn auch nur bei bestimmten Formen der Epilepsie.
Moderne Behandlungsmethoden
Die Standardtherapie der Epilepsie basiert primär auf Antiepileptika (AED), die die neuronale Übererregbarkeit dämpfen. Bei therapieresistenten fokalen Epilepsien kann ein epilepsiechirurgischer Eingriff helfen, bei dem das anfallsauslösende Hirngewebe entfernt wird.
Antiepileptika (ASM) und ihre Herausforderungen
Trotz der erfreulichen Zulassung neuer ASM, zuletzt der vermeintliche „Gamechanger“ Cenobamat, und therapeutischer Innovationen wie Thermolaserablation und epikranieller Neurostimulation erreicht etwa 1/3 der Patientinnen und Patienten keine Anfallsfreiheit.
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Interaktionen mit hormoneller Kontrazeption
Aufgrund von Interaktionen können einige ASM zu einer Beeinträchtigung des kontrazeptiven Schutzes eines OK führen. Umgekehrt können OK die Serumkonzentrationen von ASM beeinträchtigen. Dies ist insbesondere für Lamotrigin relevant, dessen Serumspiegel durch ein OK auf etwa die Hälfte abfällt beziehungsweise umgekehrt auch ansteigt, wenn ein OK pausiert oder abgesetzt wird.
Teratogenität von ASM
Die Frage der potenziellen Teratogenität von ASM bewegt die Epileptologie seit der Contergankatastrophe. Dabei umfasst das Spektrum einer Teratogenität minore und große Fehlbildungen sowie kognitive und psychiatrische Entwicklungsstörungen. Erhöhte Fehlbildungsraten fanden sich für Valproat (9,7-9,8 %) Phenobarbital (6,3-8,8 %), Phenytoin (5,4-6,8 %), Carbamazepin (4-4,7 %) und Topiramat (3,9-4,1 %).
Komplementäre Therapieansätze
Nachfolgend stellen wir Ihnen drei weitere spannende Ansätze aus der Komplementärmedizin vor. Diese sollten nie als Ersatz, sondern stets als Ergänzung zur schulmedizinischen Therapie verstanden werden.
1. Mikronährstoffmängel und ihre Bedeutung
Epilepsiepatient*innen weisen häufig Vitaminmängel auf, da viele Antiepileptika den Vitaminstoffwechsel beeinträchtigen. Dies kann zu Hyperhomocysteinämie führen, einem Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen und Knochenfrakturen. Besonders häufig sind Mängel an Vitamin B6, Vitamin E und Vitamin D3. Studien belegen, dass eine Normalisierung des Vitamin-D3-Spiegels die Anfallshäufigkeit reduzieren kann.
Vitamin D3 und Epilepsie
Gerade in den letzten Jahren wurden sehr viele Studien publiziert, die sich mit dem Thema Vitamin D3 und Epilepsie beschäftigen. Bereits vor Beginn einer epileptischen Behandlung sind die Vitamin-D3-Spiegel bei den Patienten niedriger als bei gesunden Kontrollpersonen. Durch die Einnahme von anfallssuppressiven Medikamenten (ASMs) können erhebliche Vitamin-D3-Defizite auftreten, wobei die Abnahme des 25-(OH)-D3-Spiegels mit der Zeitdauer der Medikation korreliert. Eine verminderte Knochendichte ist eine häufige Nebenwirkung der antiepileptischen Therapie. Hierfür spielt sicherlich die Verminderung des Vitamin-D3-Spiegels eine entscheidende Rolle.
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Oxidativer Stress und Antioxidantien
Das Gehirn ist wegen seines hohen Sauerstoffbedarfs besonders anfällig für oxidativen Stress. Die Epilepisien sind durch eine neuronale Übererregbarkeit charakterisiert, was einen vermehrten Energieverbrauch der Nervenzellen bewirkt. Dies führt zu einem erhöhten oxidativen Stress als Folge der Erkrankung. Bei Epilepsiepatienten bestehen also eine erhöhte Bildung von ROS und eine ausgeprägte antioxidative Imbalance.
B-Vitamine und Homocystein
ASMs können verschiedene Mängel im Bereich der B-Vitamine auslösen. Eine höhere Aufnahme von Vitamin B1 war mit einem niedrigeren Epilepsierisiko assoziiert. Die Einnahme von ASMs vermag auch eine Hyperhomocysteinämie auszulösen, so dass sich bei Epilepsiepatienten auf jeden Fall die Kontrolle des Homocysteinspiegels empfiehlt. Viele Patienten mit Epilepsie haben auch einen Vitamin-B6-Mangel.
Mineralstoffe und Spurenelemente
Ein schwerer Magnesiummangel kann Krampfanfälle auslösen. Zink ist für die Funktionsfähigkeit verschiedener Neurotransmittersysteme erforderlich. Sowohl niedrige wie auch hohe Zink-Konzentrationen im Gehirn können das Epilepsierisiko erhöhen. Selen ist ein wichtiges antioxidatives Spurenelement und generell von großer Bedeutung für den antioxidativen Schutz des Gehirns.
2. Natürliche Heilmittel
Natürliche Heilmittel können eine wertvolle Unterstützung bei Epilepsie sein, insbesondere wenn chemische Neuroleptika nicht ausreichend wirken oder starke Nebenwirkungen verursachen. Sie sollten jedoch niemals eigenverantwortlich als Ersatz für schulmedizinisch verordnete Medikamente genutzt werden.
3. Körper und Seele in Balance bringen
Das Zusammenspiel von Körper und Seele führt dazu, dass jede emotionale Erregung oder körperliche Aktivität über Nervenimpulse durch den Organismus geleitet wird - unabhängig davon, ob die Erregung positiv oder negativ ist. Ruhe, Ausgeglichenheit und Selbstkontrolle helfen, die Zahl der Nervenimpulse zu verringern und energetische Blockaden im Körper zu lösen. Eine angstfreie Entspannung stabilisiert das zentrale Nervensystem (ZNS) und harmonisiert die Energieflüsse im Körper.
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Morbus Wilson und Kupferstoffwechsel
Unter normalen Umständen ist die Kupfermenge stark reguliert, da nicht proteingebundenes Kupfer im Körper toxisch reagiert und bei hohen Konzentrationen zu schweren Organschäden führt. Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Obwohl primär die Leber und das Gehirn in Ihrer Funktion eingeschränkt sind, können auch andere Organe betroffen sein.
Symptome und Diagnose
Die Symptome treten in der Regel ab dem 2. Lebensjahr auf. Neurologisch können motorische und koordinative Störungen auftreten. Psychiatrisch zeigen sich bei etwa einem Drittel der Betroffenen Veränderungen wie Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen oder Depressionen. Ophthalmologisch weisen ca. 80% der Patienten Kayser-Fleischer-Ringe auf. Zur Befundklärung werden u.a. Familienanamnese und biochemische Diagnostik herangezogen.
Therapie des Morbus Wilson
Die Therapie zielt darauf ab, akkumuliertes Kupfer aus dem Organismus zu entfernen und eine erneute Kupferaufnahme zu unterbinden. Um das überschüssige Kupfer aus den Geweben und Organen zu entfernen, werden vor allem Kupferchelatoren eingesetzt. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von zinkhaltigen Präparaten. Des Weiteren ist neben einer zwingend notwendigen lebenslangen medikamentösen Behandlung eine kupferarme Ernährung von Vorteil.
Epilepsie bei Frauen im fertilen Alter
Etwa die Hälfte der Erkrankten ist weiblich; davon befinden sich etwa 1/3 im fertilen Alter (FIFA = Frauen im fertilen Alter). Auch bei Mädchen vor der Menarche muss aufgrund der Chronizität der Erkrankung beziehungsweise der Notwendigkeit einer langfristigen Therapie die spätere fertile Phase antizipiert werden. Für Frauen im fertilen Alter gelten dieselben Therapieziele, wobei in der Schwangerschaft Risiken für den Fötus durch die Therapie einerseits und Anfälle andererseits berücksichtigt werden müssen. Die Abwägung dieser Risiken wird insbesondere durch das für viele ASM ungeklärte Teratogenitätsrisiko erschwert.
Verhütung und Schwangerschaftsplanung
Die Frage nach der Verhütung gehört in jedes Beratungsgespräch. Als bevorzugte und von Einnahmefehlern unabhängige Verhütungsmethode bei Frauen mit Epilepsie werden heute Intrauterinpessare empfohlen. Kupferspiralen können Blutungen und Menstruationsschmerzen verstärken, haben aber gegenüber hormonbeschichteten IUP den Vorteil fehlender hormoneller systemischer Nebenwirkungen, auch wenn diese bei IUPs als sehr gering einzuschätzen sind.
Folsäureprophylaxe
Aufgrund der potenziellen Teratogenität von anfallssupprimierenden Medikamenten spielen Maßnahmen, die zu einer Risikoreduktion beitragen können, in der Beratung und Begleitung von Frauen mit Epilepsie und Kinderwunsch eine besondere Rolle. Eine Substitution von Folsäure in Niedrigdosis für alle Mädchen und Frauen im fertilen Alter auch ohne eine antiepileptische Therapie zur Prävention von Neuralrohrdefekten (NRD) steht außer Frage.
Diagnostik und Behandlung im Epilepsiezentrum
Das Epilepsiezentrum bietet eine umfassende Versorgung für alle Angelegenheiten rund um die Erkrankung Epilepsie. Der erste Weg führt die Patienten in die Ambulanz. Das Ziel der Ambulanz ist die Behandlung von Patienten mit Epilepsien sowie die diagnostische Einordnung bei Patienten mit unklaren Bewusstseinsstörungen. Im Rahmen eines Termins in der Ambulanz werden ein EEG und eine ausführliche Anamnese durchgeführt.
Video-EEG-Monitoring (V-EEG)
Video-EEG-Monitoring bedeutet das gleichzeitige Aufzeichnen eines EEG‘s („Hirnstromkurven“) und eines Videos über 2 oder mehrere Tage und Nächte. Durch diese Untersuchung kann geklärt werden, ob es sich bei verdächtigen Ereignissen um epileptische Anfälle oder andere Störungen handelt. Bei epileptischen Anfällen kann das V-EEG Hinweise auf den Bereich des Gehirns geben, in dem die Anfälle entstehen.