Levothyroxin, ein synthetisches Schilddrüsenhormon, wird häufig zur Behandlung von Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) eingesetzt. Obwohl es für viele Patienten unerlässlich ist, werfen aktuelle Studien Fragen nach den potenziellen Risiken und Nebenwirkungen dieser weit verbreiteten Medikation auf, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung von Demenz. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen L-Thyroxin, Schilddrüsenfunktion und dem Demenzrisiko, wobei sowohl die Vorteile als auch die potenziellen Gefahren einer L-Thyroxin-Therapie berücksichtigt werden.
Schilddrüsenfunktion und ihre Bedeutung für die Gesundheit
Die Schilddrüse, ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ im Hals, spielt eine zentrale Rolle im menschlichen Körper. Sie produziert Hormone wie Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3), die den Stoffwechsel regulieren und zahlreiche Körperfunktionen beeinflussen, darunter Energieproduktion, Herzfrequenz, Körpertemperatur und kognitive Funktionen. Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) entsteht, wenn die Schilddrüse nicht ausreichend Hormone produziert, was zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels und verschiedenen Symptomen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit und Haarausfall führen kann.
Levothyroxin: Ein häufig verschriebenes Medikament
Levothyroxin ist ein synthetisches T4-Hormon, das als Ersatz für das fehlende Schilddrüsenhormon bei Hypothyreose eingesetzt wird. Es wird im Körper in T3 umgewandelt und gleicht so den Hormonmangel aus. Laut krankenhauspharmazie.de wurden im Jahr 2019 in Deutschland rund 3,8 Millionen Patienten mit diesem Medikament behandelt. Ziel der Levothyroxin-Therapie ist es, den Hormonspiegel im Blut in den Normalbereich zu bringen und die Symptome der Hypothyreose zu lindern.
Die Verbindung zwischen Schilddrüsenunterfunktion und Demenz
Es ist seit langem bekannt, dass Schilddrüsenhormone eine Wirkung auf diverse Hirnfunktionen und die geistige Leistungsfähigkeit haben. Eine wissenschaftliche Untersuchung hat gezeigt, dass eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) das Risiko für eine Demenzerkrankung erhöhen kann. In einer Vergleichsstudie mit 7.843 Demenzpatienten wurde festgestellt, dass bei Patienten mit einer neu diagnostizierten Demenz in der Vorgeschichte viel häufiger zusätzlich eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert wurde als bei ansonsten vergleichbaren Patienten ohne Demenz. Das betraf vorwiegend über 65-jährige Patienten mit einer behandlungspflichtigen Hypothyreose, die im Vergleich zu Patienten ohne eine Schilddrüsenunterfunktion ein dreifach erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Demenz hatten.
Chien-Hsiang Weng, Studienautor, merkt an, dass in bestimmten Fällen Erkrankungen der Schilddrüse mit Symptomen einer Demenz in Verbindung gebracht wurden, die durch eine Behandlung reversibel sein können. Es seien zwar weitere Studien erforderlich, um die Ergebnisse zu bestätigen, man sollte sich aber bewusst sein, dass Schilddrüsenprobleme ein Risikofaktor für eine Demenz sein können.
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Die Rolle von L-Thyroxin und potenziellen Risiken
Die Ergebnisse der Studie von Weng legen nahe, dass Personen über 65 Jahren mit einer Schilddrüsenunterfunktion ein um 80 Prozent höheres Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken, als Menschen gleichen Alters ohne Probleme mit der Schilddrüse. Interessanterweise erkrankten Personen, die Medikamente gegen ihre Schilddrüsenunterfunktion einnahmen, dreimal so wahrscheinlich an einer Demenz wie jene, die das nicht taten. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass diese Patienten eher stärkere Symptome hatten, die eine Behandlung erforderlich machten.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die nicht beweist, dass eine Schilddrüsenunterfunktion eine Ursache für Demenz ist. Vielmehr wird nur der Zusammenhang aufgezeigt.
Übertherapie mit L-Thyroxin: Ein potenzielles Problem
Meine Vorbehalte bzgl. einer Übertherapie mit L-Thyroxin dürften den meisten bekannt sein. Eine aktuelle Publikation aus Korea beschäftigt sich mit Registerdaten von Frauen und Männern mit einer jenseits 50 Jahren neu-diagnostizierten Hypothyreose, die mindestens 2 Jahre supplementiert wurden. (Saemi Han et al. Association of Thyroid Hormone Medication Adherence With Risk of Dementia. Die schlussendlich eingeschlossenen 41.554 Personen wurden über den vergebenen ICD-Schlüssel identifiziert, durften keine kardiovaskulären Vorerkrankungen und keine Demenz-Anamnese haben. Das Ergebnis ist interessant und nicht unrelevant - es ist jedoch, meiner Meinung nach, auch kritisch zu sehen. Die Diagnose einer Hypothyreose ist im Alter schwierig und muss vorsichtiger gestellt werden, da das TSH altersbedingt steigt. Eine übermäßige Versorgung mit Schilddrüsenhormonen ist nach anderen Studien assoziiert mit dem Alter und eine unkritische Überdosierung geht einher mit höherem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und eine Osteopenie und Tod durch kardiovaskuläre Ereignisse. Ist also ggf. Ich will nicht falsch verstanden werden: Wenn eine L-Thyroxin-Medikation indiziert ist, gibt es keinen Grund, diese auch im Alter nicht zu verschreiben. L-Thyroxin ist jedoch keine präventive Medikation bzgl.
Es gibt auch Bedenken hinsichtlich einer Übertherapie mit L-Thyroxin, insbesondere bei älteren Menschen. Eine subklinische Hyperthyreose im Alter kann das Risiko für kognitive Störungen erhöhen. In einer Studie betrug deren Inzidenz bei 75-Jährigen mit Schilddrüsenüberfunktion 11 % vs. 6,4 % bei gleichaltrigen Gesunden. Der Zusammenhang bestand vor allem mit exogenen Hyperthyreosen durch die Einnahme von L-Thyroxin. Jede zweite Hyperthyreose bei Älteren ist iatrogen und wird durch die Einnahme des Monopräparats verursacht.
Die Bedeutung einer sorgfältigen Diagnose und Therapie
Die Diagnose einer Hypothyreose ist im Alter schwierig und muss vorsichtiger gestellt werden, da das TSH altersbedingt steigt. Bei Erwachsenen gilt ein TSH-Wert zwischen 0,27 und 4,2 mU/l als normal. Studien haben gezeigt, dass bei jüngeren Erwachsenen bereits eine latente Hypothyreose das kardiovaskuläre Risiko und die Gefahr für eine Hyperlipidämie, intravasale Thrombenbildung sowie für kognitive und neuromuskuläre Dysfunktionen erhöht. Das sind Symptome, über die nicht selten auch ältere Menschen klagen. Gerade bei ihnen konnte in Studien jedoch kein Zusammenhang zwischen erhöhten TSH-Werten und den genannten Beschwerden festgestellt werden. Im Gegenteil: Nicht ein erhöhter, sondern vielmehr ein zu niedriger TSH-Wert gilt als unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz beziehungsweise einer Alzheimer-Erkrankung.
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Von einer manifesten, also behandlungsbedürftigen Hypothyreose bei älteren Menschen sprechen Mediziner, wenn der TSH-Wert über 10 mU/l liegt. In diesem Fall sollte eine Substitution mit L-Thyroxin erfolgen. Die Dosis sollte dabei jedoch langsamer als bei jüngeren Erwachsenen eingeschlichen werden. Besondere Vorsicht ist bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit geboten. Bei ihnen sollte die Anfangsdosis um 30 Prozent reduziert werden, da sonst der steigende Sauerstoffbedarf des Herzens nicht zügig genug befriedigt werden kann.
Weitere Risiken und Nebenwirkungen von L-Thyroxin
Neben dem potenziellen Einfluss auf das Demenzrisiko gibt es weitere Risiken und Nebenwirkungen, die mit der Einnahme von L-Thyroxin verbunden sein können. Eine aktuelle Studie weist auf ernste Risiken hin. Forscher haben herausgefunden, dass Levothyroxin die Knochengesundheit beeinträchtigen und das Risiko für Osteoporose erhöhen könnte. Diese Krankheit führt zu einer Abnahme der Knochendichte, was die Bruchgefahr erhöht. „Unsere Studie legt nahe, dass die Einnahme von Levothyroxin selbst bei Einhaltung der aktuellen Richtlinien mit einem stärkeren Knochenschwund bei älteren Erwachsenen verbunden zu sein scheint“, erklärte Shadpour Demehri, Co-Autor der Studie und Radiologieprofessor an der Johns Hopkins University in einer Aussendung.
Experten betonen, dass der natürliche Alterungsprozess ohnehin zu einer Schwächung von Knochen und Muskeln führt. Bei Menschen mit Osteoporose könnten jedoch bereits alltägliche Bewegungen wie Husten oder Niesen zu Knochenbrüchen führen. Auch hinsichtlich Krebserkrankungen gab es im Zusammenhang mit der Einnahme von Schilddrüsen-Ersatzhormonen Bedenken.
Empfehlungen für Patienten und Ärzte
Trotz dieser Ergebnisse besteht kein Grund zur Panik. Fachleute empfehlen, die Therapie bei einer tatsächlichen Schilddrüsenerkrankung fortzusetzen, solange sie unter ärztlicher Überwachung erfolgt. Wichtig sei, die Schilddrüsenwerte regelmäßig zu kontrollieren, um Risiken zu minimieren.
Es ist entscheidend, dass Ärzte bei der Verschreibung von L-Thyroxin eine sorgfältige Anamnese erheben und die individuellen Bedürfnisse und Risikofaktoren des Patienten berücksichtigen. Bei älteren Patienten sollte die Diagnose einer Hypothyreose besonders sorgfältig gestellt und eine Übertherapie vermieden werden. Regelmäßige Kontrollen der Schilddrüsenwerte sind unerlässlich, um die Dosis optimal anzupassen und potenzielle Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.
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