Lange Migräne: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der allein in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen betroffen sind. Sie äußert sich in anfallsartigen Kopfschmerzen, die oft von Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit begleitet werden. Während die meisten Migräneattacken nach 72 Stunden abklingen, gibt es eine Ausnahme: den Status migraenosus, bei dem die Migräne aus unterschiedlichen Gründen länger als 72 Stunden anhält. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von lang anhaltenden Migräneattacken.

Was ist lange Migräne (Status Migraenosus)?

Der Status migraenosus wird definiert als eine Migräneattacke, die länger als 72 Stunden andauert. Viele Betroffene berichten, dass sie bereits solche langen Attacken erlebt haben. Während es sich bei den meisten um eine Ausnahme handelt, leiden einige regelmäßig unter diesen zermürbenden und kräftezehrenden Migräneanfällen.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen für lange Migräneattacken können vielfältig sein. Häufige Auslöser sind:

  • Hormonelle Veränderungen: Insbesondere bei Frauen können hormonelle Schwankungen, wie sie beispielsweise zum Zeitpunkt der Menstruation auftreten, lange Migräneattacken auslösen.
  • Medikamentenübergebrauch: Ein Teufelskreis kann entstehen, wenn zur Behandlung von Migräneattacken zu häufig Schmerzmittel oder Triptane eingenommen werden. Dies kann paradoxerweise zu einer Verlängerung der Attacken führen.
  • Wiederkehrkopfschmerz: Nach der Einnahme von Triptanen kann es vorkommen, dass die Migräne nach Abklingen der Wirkung wiederkehrt. Wiederholte Einnahme von Triptanen kann dann zu einem Auf und Ab der Migräne führen, wobei die Wirkung immer kürzer anhält und die Schmerzfreiheit nicht mehr erreicht wird.
  • Stress: Sowohl emotionaler als auch körperlicher Stress kann lange Migräneattacken begünstigen.
  • Schlafmangel: Ein unregelmäßiger Schlafrhythmus oder zu wenig Schlaf können das Risiko für Migräneattacken erhöhen.
  • Weitere Trigger: Individuelle Auslöser wie bestimmte Nahrungsmittel, Wetterveränderungen, Licht- oder Lärmreize können ebenfalls eine Rolle spielen.

Symptome

Die Symptome des Status migraenosus ähneln denen einer normalen Migräneattacke, sind jedoch aufgrund der langen Dauer besonders belastend. Zu den typischen Symptomen gehören:

  • Starke Kopfschmerzen: Meist einseitig, pulsierend oder hämmernd, oft im Bereich von Stirn, Schläfen und Augen.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Begleitsymptome können die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene ziehen sich oft in dunkle und ruhige Räume zurück.
  • Erschöpfung und Energielosigkeit: Die lange Dauer der Attacke führt zu extremer Müdigkeit und einem Gefühl der Ausgeschlagenheit.
  • Reizbarkeit und Anspannung: Die Schmerzen und Begleitsymptome können zu erhöhter Reizbarkeit und Anspannung führen.
  • Konzentrationsschwierigkeiten: Die kognitive Leistungsfähigkeit kann während der Attacke stark eingeschränkt sein.

Diagnose

Die Diagnose des Status migraenosus basiert in erster Linie auf der Anamnese, also der Schilderung der Beschwerden durch den Patienten. Der Arzt wird nach der Häufigkeit, Dauer und Art der Kopfschmerzen sowie nach Begleitsymptomen fragen. Ein Kopfschmerztagebuch kann hilfreich sein, um die Anfallsmuster zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren. In manchen Fällen können weitere Untersuchungen, wie beispielsweise eine Bildgebung des Gehirns, notwendig sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.

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Behandlung

Die Behandlung des Status migraenosus zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Attacke zu beenden. Es gibt verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapieansätze.

Akutbehandlung

  • Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure (ASS) helfen.
  • Triptane: Bei stärkeren Attacken können Triptane eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren. Wichtig ist, Triptane nicht zu häufig einzunehmen, um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden.
  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden. Dimenhydrinat (Vomex® A) bietet den Vorteil einer zusätzlich leicht müde machenden Wirkung.
  • Kortison: In manchen Fällen kann die Gabe von Kortison (Prednisolon) helfen, die Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute zu blockieren und die Schmerzen zu lindern. Kortison sollte jedoch nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.
  • Neuroleptika und Antidepressiva: Schwach wirksame Neuroleptika wie Promethazin oder Melperon sowie trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin können aufgrund ihrer schmerzdistanzierenden und beruhigenden Wirkung eingesetzt werden.
  • Beruhigungsmittel: Im Ausnahmefall kann auch ein Beruhigungsmittel wie Diazepam erwogen werden, diese sollten jedoch wegen der möglichen Gewöhnungsproblematik sehr zurückhaltend eingesetzt werden.

Es ist wichtig zu beachten, dass ab dem vierten Tag einer Migräneattacke die Einnahme von Schmerzmitteln und Triptanen oft weniger wirksam ist und die Attacke sogar verlängern kann. In dieser Situation kann es hilfreich sein, auf diese Medikamente zu verzichten und stattdessen Medikamente gegen Übelkeit einzunehmen.

Vorbeugung

  • Medikamentöse Prophylaxe: Bei häufigen oder schweren Migräneattacken kann eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, wie beispielsweise Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika. Seit einigen Jahren gibt es auch eine spezielle Antikörpertherapie zur Vorbeugung von Migräneattacken.
  • Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungsverfahren (z.B. Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training), Akupunktur und eine gesunde Lebensweise können ebenfalls dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
  • Vermeidung von Triggern: Es ist wichtig, die individuellen Auslöser für Migräneattacken zu identifizieren und nach Möglichkeit zu vermeiden. Ein Kopfschmerztagebuch kann dabei helfen.
  • Hormonelle Therapie: Bei menstruationsassoziierter Migräne kann eine hormonelle Therapie in Erwägung gezogen werden, beispielsweise durch die Einnahme der "Pille" im Langzyklus oder die vorbeugende Einnahme von Triptanen oder Naproxen.

Spezielle Therapie in der Schmerzklinik Kiel

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie für Migräne und andere Kopfschmerzerkrankungen an. Das Behandlungskonzept umfasst eine umfassende Diagnostik, individuelle Therapieplanung und multimodale Behandlung, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren beinhaltet.

Chronische Migräne

Von chronischer Migräne spricht man, wenn Betroffene an mindestens 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten unter Kopfschmerzen leiden, wobei an mindestens acht dieser Tage typische Migränesymptome auftreten müssen. Die Behandlung der chronischen Migräne ähnelt der des Status migraenosus, wobei der Fokus auf der Vorbeugung liegt.

Vorbeugung bei chronischer Migräne

  • Monoklonale Antikörper: Diese neue Medikamentenklasse blockiert das CGRP-Molekül, das bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
  • OnabotulinumtoxinA (Botox): Eine Form von Botox, die in regelmäßigen Abständen in die Kopfhaut injiziert wird, kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Topiramat: Ein Antiepileptikum, das auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird.
  • Betablocker: Medikamente, die normalerweise bei Herzerkrankungen oder Bluthochdruck eingesetzt werden, können auch einer chronischen Migräne vorbeugen.
  • Neurostimulation: Die Stimulation des Nervus supraorbitalis oder die okzipitale Nervenblockade können bei einigen Patienten die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduzieren.

Akutbehandlung bei chronischer Migräne

Die Akutbehandlung der chronischen Migräne ähnelt der Behandlung von Migräne im Allgemeinen. Schmerzmedikamente, Antiemetika und Kombinationspräparate können zur Linderung der Beschwerden eingesetzt werden.

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Leben mit Migräne

Migräne ist eine chronische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Es ist wichtig, sich nicht dem Leiden hinzugeben, sondern aktiv nach Wegen zu suchen, um mit der Erkrankung umzugehen. Dazu gehört, die eigenen Trigger zu kennen und zu vermeiden, einen regelmäßigen Lebensstil zu pflegen, Entspannungsverfahren zu erlernen und sich bei Bedarf professionelle Hilfe zu suchen. Selbsthilfegruppen können ebenfalls eine wertvolle Unterstützung bieten.

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