In Deutschland ist es gängige Praxis, Hummer und andere Krebstiere lebend in kochendes Wasser zu werfen, was zu minutenlangen Todesqualen führt. Viele Verbraucher sind sich dieses Tierleids bewusst, wie eine Studie von PETA Deutschland aus dem Jahr 2014 zeigt. Obwohl PETA ein Kochverbot für unbetäubte Krebstiere gefordert hat, hat sich an den Tierschutzgesetzen nichts geändert - das Kochen von Hummern ohne Betäubung ist weiterhin erlaubt.
Einordnung der Hummer im Tierreich
Hummer gehören zu den Wirbellosen, genauer gesagt zum Stamm der Arthropoda (Gliederfüßer), zu dem neben Krebstieren auch Insekten und Spinnentiere zählen. Innerhalb der Krebstiere bilden die Hummer eine eigene Klasse der Malacostraca (Höhere Krebse) und sind in dieser in die Ordnung der Dekapoden (Zehnfußkrebse) eingeordnet und bilden hier eine eigene Familie der Hummerartigen (Nephropidae) mit mehreren verschiedenen Arten. Gemeinsames Merkmal aller Hummerartigen sind die Scheren an den ersten drei Beinpaaren. Der Panzer bedeckt als ‚Carapax‘ Kopf und Rücken durchgehend. Alle Hummerartigen kommen ausschließlich im Meer vor. Anders als manche anderen Krebstiere haben Hummerartige weder Land- noch Süßwasserformen entwickelt.
Drei Arten Hummer sind für die Hummerindustrie vor allem von Interesse: Der Europäische Hummer (Homarus gammarus), der Amerikanische Hummer (Homarus americanus) und der Norwegische Hummer (Nephrops norvegicus), auch Kaisergranat genannt.
Das Nervensystem der Krebstiere
Krebstiere weisen ein Strickleiternervensystem auf, das sich aus segmental angeordneten Ganglien zusammensetzt. Sie besitzen ein System von strickleiterartig miteinander verbundenen Ansammlungen von Nervenzellen, den Ganglien. Im Kopf findet sich, mit diesen verbunden, eine gehirnartige Struktur, das Oberschlundganglion. Dieses Nervensystem ermöglicht es ihnen, ihre Umwelt differenziert wahrzunehmen, insbesondere durch den Geruchs- und Tastsinn. Hierfür dienen dem Hummer die zwei paarigen Antennen am Kopf, mit denen das Tier Geruchsmoleküle im Wasser wahrnehmen kann. Mit den Antennen kann der Hummer nicht nur die Richtung einer Duftquelle und also auch Nahrung orten, sondern auch die Identität eines Artgenossen an dessen Uringeruch erkennen bzw. sich über seinen Urin selbst zu erkennen geben. Ebenfalls sehr empfindsam reagieren die Mechanorezeptoren und Tasthaare auf den Antennen auf Berührungsreize. Sinnesborsten sitzen auch an den Scheren und über den Körper verteilt.
Schmerzempfinden bei Hummern und anderen Krebstieren
Lange Zeit wurde angenommen, dass Krebstiere keinen Schmerz empfinden können, da ihr Nervensystem als zu wenig entwickelt galt. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass dies nicht der Fall ist.
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Eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aus dem Jahr 2005 kam zu dem Schluss, dass Hummer, Krabben und Krebse kognitive Fähigkeiten, ein Verhaltensrepertoire, ein Bewusstsein, ein Gedächtnis sowie komplexe Gehirnstrukturen besitzen und Schmerz empfinden können. Die EFSA stuft diese Tiere in die Kategorie 1 ein, was bedeutet, dass sie Schmerz und Stress empfinden und daher Schutz verdienen. Auch Wissenschaftler aus Belfast kamen in Studien zu dem Ergebnis, dass Hummer und kleinere Krebstiere Schmerzen empfinden und sich an diese erinnern, indem sie Elektroschocks gezielt ausweichen. Dies deutet darauf hin, dass sie ein Gedächtnis haben, bewusst Entscheidungen treffen und lernfähig sind. Bei Flusskrebsen wurde in einer französischen Studie sogar ein dem Menschen ähnliches Angstempfinden nachgewiesen.
Krebstiere besitzen auf den Antennen spezialisierte Sinneszellen, die bei Gewebeschädigung als Schmerzreiz ansprechen. Werden diese Nozizeptoren mechanisch oder chemisch gereizt, führt dies zu einer Vermeidungs- und Fluchtreaktion. 2007 konnten von Barr et al. (2007) im Experiment nachweisen, dass es sich nicht etwa ‚nur‘ um einen Reflex handelt, der unabhängig von der Lokalisation des Schmerzreizes einsetzt, sondern dass Krebstiere den Schmerz auch als solchen empfinden. Wenn zum Beispiel die empfindlichen Antennen mechanisch oder chemisch geschädigt werden, versuchen die Tiere den Schmerzreiz durch Reiben und Putzen genau dieser Stelle loszuwerden. Diese Experimente zeigen, dass Krebstiere Schmerzen wahrnehmen können, ihnen ausweichen möchten und sich auch an die Schmerzsituation erinnern. Eine neue Studie von Fossat et. al. (2014) weist Krebsen auch die Fähigkeit nach, Angst und Stress zu empfinden. In dieser Studie reagierten gestresste Krebse positiv auf die Gabe von Benzodiazepin, einem Beruhigungsmittel, das auch beim Menschen eingesetzt wird, um Angst und Unruhezustände zu dämpfen.
Verhalten und Intelligenz von Krebstieren
Hummer sind nachtaktive Bewohner des Meeresbodens. Hier suchen sie sich Höhlen oder Nischen, aus denen sie nur bei Dunkelheit hervorkommen, um auf Nahrungssuche zu gehen. Ein sicherer Unterschlupf ist für einen Hummer überlebenswichtig, denn in der Zeit der Häutung sind sie schutzlos Feinden ausgeliefert. Hummer suchen bevorzugt Höhlen aus, in denen sie physischen Kontakt mit den umgebenden Wänden haben können (thigmotaktisches Verhalten), haben aber immer größte Präferenz für dunkle Höhlen. Nachts können Hummer große Strecken zurücklegen und haben Aktionsräume (home ranges) von bis zu 20.000 qm, wobei das Gebiet der intensivsten Nutzung (core area) aber weniger als 100 qm beträgt. Ihre nächtlichen Ausflüge nutzen sie auch, um sich einen Überblick über das Angebot und die Besetzung von brauchbaren Schutzhöhlen zu verschaffen.
Hummer leben solitär und sind Artgenossen gegenüber aggressiv und auf Distanz bedacht. Benachbarte Hummer tragen daher miteinander Kämpfe aus und regeln über Dominanz und Subdominanz ein komplexes Sozialgefüge. Hummer können sich individuell erkennen und merken sich über längere Zeit den Geruch des ihnen überlegenen Artgenossen. Daher können sie einem erneuten Kampf mit dem dominanten Hummer ausweichen. In ihrer natürlichen Umgebung ist aggressives Verhalten und auch Kannibalismus eher selten zu beobachten. In Gefangenschaft hingegen zeigen Hummer ein wesentlich aggressiveres Verhalten mit Beschädigungskämpfen gegenüber ihren Artgenossen, das sich noch verstärkt, wenn den Tieren keine Schutzhöhlen zur Verfügung gestellt werden. Wird ihnen nicht genug Nahrung angeboten, kommt es in Gefangenschaft dann auch zu Kannibalismus.
Hummer beiderlei Geschlechts sind zwar auf Distanz zu Artgenossen bedacht, einen friedlichen gegenseitigen Höhlenbesuch gibt es aber in der Paarungszeit. Weibliche Hummer suchen sich aktiv das Männchen im Gebiet aus, das gegenüber der Nachbarschaft dominant ist. Dazu werten die Weibchen unter anderem chemische Signale aus, die das Männchen mit dem Urin ausscheidet. Dieses Männchen wird das Weibchen mehrfach besuchen und sich mit ihm bekannt machen, in dem sie ihren mit sexual Duftstoffen beladenen Urin in seine Höhle spritzt. Die Partnerwahl findet in den Wochen vor der bevorstehenden nächsten Häutung des Weibchens statt. Wenn der Termin der Häutung nahe ist, zieht sie bei ihm ein und wird bis zu 3 Wochen bei ihm leben. Sobald sie eingezogen ist, wird sie sich ihrer Hülle entledigen. Bereits 30 Minuten danach findet die Paarung statt, bei der das Männchen dem auf dem Rücken liegenden Weibchen sein Sperma auf die Bauchseite legt. Die Befruchtung findet später außerhalb ihres Körpers statt, sobald sie ihre Eier hinzufügt. Frisch gehäutet ist das Weibchen weich und schutzlos den Prädatoren ausgeliefert. Daher bleibt sie bei dem Männchen bis ihr neuer Panzer härter geworden ist. Das Männchen profitiert auf zweierlei Weise: zum einen kann er den zurückgelassenen Panzer fressen und zum anderen verwirbelt er die Duftstoffe in der Höhle und bringt sie nach draußen. Dadurch werden andere paarungswillige Weibchen angelockt, so dass nach dem Auszug der einen, bereits die nächste am Höhleneingang auf den Einzug wartet. Die befruchteten Eizellen bleiben 9-11 Monate auf der Unterseite des Weibchens, wo sie das Weibchen regelmäßig mit dem Schwanzfächer belüftet.
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In Verbindung mit stress- und angstauslösenden Situationen stehen die einzigen Lautäußerungen, die vom Hummer bekannt sind. Es sind Vibrationen, die im Wasser als sehr tieffrequente (<300 Hz) Geräusche wahrgenommen werden. Sie entstehen durch Anspannungen der Muskeln an der Basis der zweiten Antennen und lassen den Körper merklich vibrieren. Die Vibrationen werden als kurze Pulse (im Mittel 277 ms) schnell hintereinander erzeugt. Vermutlich kann ein vibrierender Hummer einen Angreifer so irritieren, dass er seine Beute loslässt.
In Momenten größter Not können Krebstiere Gliedmaßen oder sogar Zangen abwerfen. Die sogenannte Autotomie finden wir auch bei manchen Eidechsen, die dem Angreifer ihren Schwanz überlassen, um doch noch fliehen zu können. Für das Krebstier bedeutet das für eine lange Zeit große Beeinträchtigung und Gefahr, denn der Verlust kann erst nach einigen Häutungen wieder ausgeglichen werden. Ist eine der Zangen betroffen, wird nicht nur die Nahrungssuche erschwert, sondern auch die Verteidigung kann nicht mehr effektiv erfolgen. In einer Studie zu verschiedenen Methoden der Tötung von Krabben, wurde das Gliederabwerfen als ein Kriterium für empfundenen Distress gewertet. Im Experiment zeigten Krabben dieses Verhalten, wenn sie in Süßwasser gelegt wurden.
Stressfaktoren bei Fang, Transport und Haltung
Sollen Hummer lebend weitergegeben werden, hält man sie nach dem Fang bis zum Weiterverkauf an den Händler oder Endverbraucher oft mit zugebundenen Scheren in großen Stückzahlen in Meerwassertanks. Das Zusammenbinden erfolgt prophylaktisch zur Verhinderung von gegenseitigen Verletzungen. Würde man den hungrigen Tieren ihre Waffen, die Scheren unverschnürt lassen, käme es in der Enge zu erhöhter Aggression, zu Beschädigungskämpfen untereinander und auch zu Kannibalismus. Andererseits haben Untersuchungen an Krabben gezeigt, dass die Nähe von Artgenossen bei Krabben zu deutlichen Stressreaktionen führt, wenn sie sich wegen fehlender Scheren nicht angemessen verteidigen können. Ob bei Hummern die erlebte Nutzlosigkeit ihrer Scheren ebenfalls ein Stressfaktor ist, wurde noch nicht untersucht. Es ist aber bekannt, dass Hummer, denen eine Schere fehlt, ein abweichendes Verhalten beim Verstecken im Unterschlupf zeigen. Anders als intakte Hummer, die immer mit Antennen und Scheren dem Eingang zugewandt ruhen, drehen scherenlose Hummer den Kopf zum hinteren Ende der Höhle.
Der Weitertransport aus den Ursprungsländern nach beispielsweise Deutschland erfolgt außerhalb des Wassers und sollte daher auf dem schnellsten Weg und in der Regel mit dem Flugzeug erfolgen. Der Lufttransport von Tieren unterliegt einer Reihe komplexer Vorschriften und Gesetze. Für die Beförderung von Hummern gilt die Container-Richtlinie 57 der IATA International Air Transport Association (IATA. 2014. Die Tiere werden beim Transport in Kisten feucht eingepackt und zudem gekühlt, um die Stoffwechselaktivität und somit den Sauerstoffbedarf herabzusetzen. Hummer werden bis zu 48 Stunden auf d…
Ethische Überlegungen und Tierschutz
Die Erkenntnis, dass Krebstiere Schmerzen und Stress empfinden können, hat zu einer Neubewertung des Umgangs mit diesen Tieren geführt. In einigen Ländern, wie der Schweiz, Großbritannien und Neuseeland, ist es inzwischen vorgeschrieben, Hummer vor dem Kochen zu betäuben.
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Die schwierige Frage bleibt, wie man die Tiere so töten kann, dass sie dabei möglichst wenig leiden müssen. Das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt das: Die Hummer dürfen in kochendes Wasser geworfen werden - oder man tötet sie mit Elektroschocks. Stromschläge töten schneller.
Forscher vom Alfred Wegener Institut haben mehrere Betäubungs- und Tötungsmethoden getestet und geschaut, wie lange das Nervensystem der Hummer noch reagiert. Dabei haben sie zwei Methoden entdeckt, die ihrer Ansicht nach Alternativen sein können zum kochenden Wasser: Bei der einen werden die Tiere mit CO2 benebelt. Bei der anderen werden sie in kaltes Wasser gesetzt, das langsam immer heißer wird. Dabei blieben die Hummer ruhig - bis zur Betäubung. Perfekte Methoden sind das laut den Forschern aber auch nicht.
Ulf Bickmeyer vom Alfred-Wegener-Institut hat getestet, ob sich diese und andere Verfahren eignen, um auch Krebse zu betäuben. Seine Ergebnisse: Auch bei Krebsen funktioniert die Betäubung mit Co2 sehr gut, wenn es in das Wasser eingeleitet wird, in dem sie sich aufhalten. Durch starke Stromstöße wird eingeschlafen ihr komplettes Nervensystem aktiviert. Aber auch ein anderes Verfahren zur schonenden Tötung sei denkbar, sagt der Biologe. Wird das Wasser, in dem sich die Krebse befinden, langsam erhitzt, bekommen die Tiere nichts davon mit. Ab einer Temperatur zwischen 30 und 35 Grad reagiert ihr Nervensystem nicht mehr. Sie seien sanft hinüber geglitten, beschreibt Bickmeyer den Vorgang. Einer Betäubung würde das dennoch nicht entsprechen. Eiswasser, wie oft vermutet, betäubt Hummer und Co.
Alternativen zum Konsum von Krebstieren
Angesichts des Leidens, das mit dem Fang, der Haltung, dem Transport und der Tötung von Krebstieren verbunden ist, stellt sich die Frage nach Alternativen. Eine Möglichkeit ist die vegane Ernährung, bei der auf alle tierischen Produkte verzichtet wird. Es gibt mittlerweile viele köstliche vegane Alternativen zu Meeresfrüchten, wie zum Beispiel vegane "Garnelen" aus Kräuterseitlingen.
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