Läsionen im Gehirn: Ursachen abseits der Multiplen Sklerose (MS)

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Untersuchungen und die sorgfältige Abgrenzung zu anderen Erkrankungen erfordert. Während eindeutige Fälle mit typischen Schüben leicht zu diagnostizieren sind, gibt es schwierigere Fälle, die eine umfassende Abklärung notwendig machen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Läsionen im Gehirn, die nicht auf MS zurückzuführen sind, und gibt einen Einblick in den diagnostischen Prozess.

Einführung

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist durch Entzündungen gekennzeichnet, die die Myelinscheiden der Nervenzellen zerstören und später auch die Nervenzellen selbst schädigen können. Die Erkrankung verläuft individuell sehr unterschiedlich und kann schubweise oder chronisch-progredient verlaufen.

Der Weg zur Diagnose MS

Wenn ein Patient neurologische Beschwerden entwickelt, ist es wichtig, die Ursache der Symptome zu ermitteln und andere mögliche Erkrankungen auszuschließen. Bei der MS gibt es eine Vielzahl von Erkrankungen, die im Anfangsstadium ähneln können.

Differentialdiagnosen der MS

Um eine MS sicher zu diagnostizieren, müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Dazu gehören:

  • Entzündlich-demyelinisierende Erkrankungen: ADEM (akute disseminierte Enzephalomyelitis), Anti-MOG-Enzephalomyelitis, NMOSD (Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen), IPANS (inflammatory pandemyelination syndrome)
  • Infektiöse Erkrankungen: Borreliose, PML (progressive multifokale Leukenzephalopathie), HIV, Herpes zoster (Gürtelrose), COVID-19
  • Autoimmunerkrankungen: Vaskulitis (Entzündung der Blutgefäße), Neurosarkoidose (seltene Komplikation der Sarkoidose)
  • Vaskuläre Erkrankungen: Migräne, multiple Embolien
  • Metabolische Erkrankungen: Vitamin-B12-Mangel, Kupfermangel
  • Neoplastische Erkrankungen: ZNS-Lymphom, Gliome, Metastasen
  • Spinale Erkrankungen: Vaskuläre Malformationen, spinale Enge
  • Genetische Erkrankungen: Mukopolysaccharidosen, Leukodystrophien
  • Psychosomatische Erkrankungen: Depression, chronische Schmerzstörungen

Diagnostische Kriterien der MS

Die Diagnose MS basiert auf den McDonald-Kriterien, die eine Kombination aus klinischen Befunden, MRT-Ergebnissen, Liquorbefunden und anderen paraklinischen Untersuchungen berücksichtigen. Die Kriterien wurden im Laufe der Zeit verfeinert, um eine frühere und genauere Diagnose zu ermöglichen.

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Die grundlegende Definition der MS geht auf den französischen Neurologen Jean-Martin Charcot zurück, der die Erkrankung als eine Erkrankung beschrieb, die "… zeitlich disseminierte Läsionen in einer Vielzahl unterschiedlicher anatomischen Regionen …" aufweist. Das bedeutet, dass Entzündungen an unterschiedlichen Stellen im Gehirn und/oder Rückenmark zu unterschiedlichen Zeiten auftreten müssen.

Typische MS-Symptome

Zu den typischen MS-Symptomen zählen:

  • Sensibilitätsstörungen (Hypästhesie)
  • Unkontrollierbares Zittern, meist der Augen (Nystagmus)
  • Gestörte Bewegungskoordination (Ataxie)
  • Sehnerventzündung (Optikusneuritis)
  • Lähmungen (Paresen)
  • Erhöhte Eigenspannung der Muskulatur (Spastik)
  • Blasenstörungen
  • Depression

Diagnostische Verfahren

Zur Diagnose einer MS werden verschiedene diagnostische Verfahren eingesetzt:

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das Läsionen im Gehirn und Rückenmark sichtbar macht. MS-typische Läsionen finden sich in bestimmten Bereichen des zentralen Nervensystems: kortikal/juxtakortikal, periventrikulär, infratentoriell und spinal.
  • Lumbalpunktion: Bei der Lumbalpunktion wird Nervenwasser entnommen, um oligoklonale Banden (OKB) nachzuweisen. OKB sind bei bis zu 95 % aller MS-Patienten nachweisbar, können aber auch bei anderen Erkrankungen auftreten.
  • Evozierte Potentiale (VEP, SEP, MEP): Evozierte Potentiale messen die Geschwindigkeit, mit der Reize im Nervensystem weitergeleitet werden. Sie können eine Auswirkung der Läsion nachweisen.
  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, andere Erkrankungen auszuschließen, wie z. B. Vitamin-B12-Mangel oder andere Autoimmunerkrankungen.

Läsionen im Gehirn: Ursachen abseits der MS

Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, die Läsionen im Gehirn verursachen können, die nicht auf MS zurückzuführen sind. Dazu gehören:

  • Vaskuläre Läsionen: Ischämische Läsionen, die durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht werden, können im MRT ähnlich wie MS-Läsionen aussehen. Risikofaktoren für vaskuläre Läsionen sind Diabetes, Bluthochdruck und Rauchen.
  • Migräne: Migräne-Patienten haben häufiger Läsionen im Gehirn.
  • Infektionen: Verschiedene Infektionen, wie z. B. Borreliose, HIV und Herpes zoster, können Läsionen im Gehirn verursachen.
  • Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen wie Vaskulitis und Neurosarkoidose können ebenfalls Läsionen im Gehirn verursachen.
  • Tumore: Tumore im Gehirn, wie z. B. ZNS-Lymphome und Gliome, können Läsionen verursachen, die im MRT sichtbar sind.
  • Genetische Erkrankungen: Genetische Erkrankungen wie Mukopolysaccharidosen und Leukodystrophien können ebenfalls Läsionen im Gehirn verursachen.

Klinisch isoliertes Syndrom (KIS) und Radiologisch isoliertes Syndrom (RIS)

In manchen Fällen erfüllen Patienten nicht alle Kriterien für eine MS-Diagnose, obwohl sie MS-typische Symptome oder Läsionen im MRT aufweisen.

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  • Klinisch isoliertes Syndrom (KIS): Ein KIS liegt vor, wenn ein Patient MS-typische Beschwerden (Schub) und MS-typische Läsionen im MRT (räumliche Dissemination) hat, aber keine weiteren Kriterien für eine MS-Diagnose erfüllt sind.
  • Radiologisch isoliertes Syndrom (RIS): Ein RIS liegt vor, wenn bei einer MRT-Untersuchung, die aus anderen Gründen durchgeführt wurde (z. B. zur Abklärung von Kopfschmerzen), zufällig MS-typische Läsionen gefunden werden, ohne dass der Patient MS-verdächtige neurologische Beschwerden hat.

Sowohl ein KIS als auch ein RIS können Vorboten einer MS sein, müssen es aber nicht. Das Risiko, eine MS zu entwickeln, ist höher bei jungen Menschen, bei Vorliegen von oligoklonalen Banden im Nervenwasser und bei Läsionen an bestimmten Stellen (Kleinhirn, Hirnstamm, Rückenmark).

Bedeutung der Früherkennung und Therapie

Eine frühe Diagnose und Therapie der MS sind entscheidend, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Es gibt verschiedene Medikamente, die das Fortschreiten der MS effektiv verhindern können, insbesondere wenn sie bereits in frühen Stadien der Erkrankung verabreicht werden.

Umweltfaktoren und Komorbiditäten

Neben genetischen Faktoren spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf der MS. Ein wichtiger Faktor ist Vitamin D. Studiendaten zeigen, dass ein höherer Vitamin-D-Spiegel mit einem geringeren Risiko für eine Multiple Sklerose einhergeht. Ein weiterer bedeutender Umweltfaktor ist das Rauchen. Nikotinkonsum erhöht das Risiko von Schüben.

Auch Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen, können den Verlauf der MS beeinflussen. Depressionen und Angststörungen kommen bei MS häufiger vor und können die Prognose ungünstig beeinflussen.

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