Ein Glas Wein am Abend, am Wochenende vielleicht auch mal zwei? Für viele erscheint dieser Konsum harmlos. Doch Studien zeigen, dass bereits geringe Mengen Alkohol negative Auswirkungen auf die Hirngesundheit haben können. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn, von moderatem Konsum bis hin zu schweren Abhängigkeiten und deren langfristigen Folgen.
Einführung
Alkohol ist in vielen Kulturen ein akzeptierter Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Ob zum Anstoßen bei Feiern oder zum Entspannen nach einem langen Tag - Alkohol wird oft als Genussmittel wahrgenommen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass es keinen gesundheitlich unbedenklichen Alkoholkonsum gibt. Mehr als 200 Krankheiten werden durch Alkohol begünstigt, darunter auch Demenzen. Dieser Artikel untersucht die komplexen Mechanismen, durch die Alkohol das Gehirn schädigt, und beleuchtet die langfristigen Konsequenzen für Gedächtnis, Denkvermögen und allgemeine Gesundheit.
Wie Alkohol ins Gehirn gelangt
Alkohol, oder genauer Ethanol, ist eine farblose, brennbare Flüssigkeit, die in alkoholischen Getränken enthalten ist. Er entsteht durch die Gärung von Zucker in pflanzlichen Stoffen wie Weintrauben oder Gerste. Nach dem Konsum gelangt Alkohol vorwiegend über die Schleimhaut des Dünndarms ins Blut. Innerhalb weniger Minuten verteilt er sich im gesamten Körperwasser und erreicht so alle Organe, einschließlich des Gehirns. Stark durchblutete Organe wie Leber und Gehirn nehmen den Alkohol schneller auf als weniger stark durchblutete. Faktoren wie ein leerer Magen, warme Getränke, Zucker oder Kohlensäure können die Aufnahme von Alkohol beschleunigen. Frauen nehmen im Vergleich zu Männern bei gleichen Trinkmengen mehr Alkohol auf, da ihr Körper einen geringeren Wasseranteil aufweist.
Alkohol als Zellgift: Auswirkungen auf Botenstoffe und das Belohnungssystem
Alkohol ist ein Zellgift, das sich nach der Aufnahme im ganzen Körper verteilt. Das Gehirn ist besonders empfindlich für die Wirkung von Alkohol. Dort beeinflusst er verschiedene Botenstoffe, die für die Informationsübertragung zwischen Nervenzellen zuständig sind. Alkohol wirkt sich hemmend oder dämpfend auf die Informationsübertragung aus, was zu einer Verlangsamung der Wahrnehmung und des Reaktionsvermögens führt.
Gleichzeitig aktiviert Alkohol über einen Einfluss auf Botenstoffe das Belohnungssystem im Gehirn. In geringen Mengen wirkt er dadurch stimmungshebend, entspannend und angstlösend. Es entsteht ein Wohlgefühl. In größeren Mengen wirkt Alkohol jedoch betäubend. Das Gehirn „merkt“ sich, wie Alkoholkonsum in bestimmten Situationen entspannend gewirkt hat. Schon ein Geruch oder eine bestimmte Person, die an eine solche Situation erinnert, kann das Verlangen nach Alkohol auslösen.
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Abbau von Alkohol im Körper
Ein geringer Teil des Alkohols wird über die Atemluft, die Haut und die Nieren ausgeschieden. Den Großteil baut jedoch die Leber ab. Sie wandelt Alkohol durch Enzyme in Acetaldehyd und dann weiter in Essigsäure um, die der Körper ausscheiden kann. Der Abbau beginnt bereits in der Schleimhaut des Magens, bevor der Alkohol ins Blut gelangt. Während dieses Vorgangs sinkt der Alkoholgehalt im Blut: bei Frauen durchschnittlich um 0,13 Promille, bei Männern um 0,15 Promille pro Stunde.
Studien belegen: Auch moderater Alkoholkonsum schädigt das Gehirn
Eine brasilianische Studie, die die Gehirne von 1.781 Verstorbenen obduzierte, ergab, dass bereits moderater Alkoholkonsum das Gehirn schädigen kann. Die Forscher untersuchten die Gehirne auf Hyaline Arteriolosklerose, eine Erkrankung, bei der sich die feinen arteriellen Gefäße verengen und versteifen. Sie teilten die Verstorbenen in vier Gruppen ein: Nie-Trinker, moderate Trinker (sieben oder weniger alkoholische Getränke pro Woche), starke Trinker (acht oder mehr Gläser pro Woche) und ehemalige starke Trinker.
Auf den ersten Blick zeigten die Autopsien nur geringe Unterschiede zwischen den Gruppen. Doch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie Todesalter, Rauchen und körperliche Aktivität ergaben sich gravierende Unterschiede. Starke Trinker hatten eine um 133 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Gefäßschäden im Gehirn als Menschen, die nie getrunken hatten. Bei ehemals starken Trinkern war das Risiko noch um 89 Prozent erhöht, bei moderaten Trinkern um 60 Prozent. Darüber hinaus hatten starke und ehemalige starke Trinker eine höhere Wahrscheinlichkeit, Tau-Proteine zu entwickeln, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Die starken Trinker starben im Schnitt 13 Jahre früher als Menschen, die nie Alkohol getrunken hatten.
Langzeitfolgen von Alkoholkonsum auf das Gehirn
Regelmäßiger und langfristiger Alkoholkonsum kann schwerwiegende Folgen für das Gehirn haben:
- Schrumpfung des Hirngewebes: Langfristiger Alkoholkonsum kann zur Schrumpfung des Hirngewebes führen. Zuerst nehmen die Gedächtnisleistung und das Konzentrationsvermögen ab. Auch das Urteilsvermögen und die Intelligenz werden dauerhaft beeinträchtigt. Schon eine Flasche Bier am Tag kann die graue und weiße Substanz im Gehirn schrumpfen lassen. Die Veränderungen sind nicht linear: Je mehr man trinkt, desto schneller schrumpft das Gehirn.
- Erhöhtes Demenzrisiko: Regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen verursacht Veränderungen im Gehirn, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen. Personen ab 45 Jahren, die mehr als 24 Gramm reinen Alkohol (ca. 250 ml Wein) am Tag trinken, sind besonders gefährdet.
- Korsakow-Syndrom: Das Korsakow-Syndrom ist eine schwere Demenz, die eine direkte Folge von langjährigem starken Alkoholkonsum ist. Betroffene leiden unter Gedächtnisverlust, Orientierungsproblemen, Sprachschwierigkeiten und Problemen beim Planen und Organisieren.
- Alkoholenzephalopathie: Die neurologischen Folgekrankheiten und Syndrome eines erhöhten Alkoholkonsums, die durch Schädigungen der Nervenzellen des zentralen Nervensystems entstehen, ähneln den typischen Symptomen der Betrunkenheit, sind allerdings dann chronisch.
- Polyneuropathie: Die Polyneuropathie entsteht durch Schädigung der peripheren Nerven durch den Alkohol. Sie äußert sich anfänglich durch ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen, im Vollbild bringt sie Dauerschmerzen mit sich und beeinträchtigt die Lebensqualität enorm.
- Alkoholische Kleinhirndegeneration (AKD): Alkoholische Kleinhirndegeneration ist eine fortschreitende Erkrankung des Kleinhirns, die durch chronischen Alkoholmissbrauch verursacht wird. Sie führt zu Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsproblemen und Zittern.
Alkohol und Jugendliche: Eine besonders gefährliche Kombination
Bei Jugendlichen ist der Effekt von Alkohol noch stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet. Das limbische System, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, entwickelt sich schneller als der präfrontale Cortex, der für Vernunft und Konsequenzenabschätzung zuständig ist. Dies führt dazu, dass Jugendliche die Risiken des Alkoholkonsums oft ausblenden und sich eher dem kurzfristigen Spaß hingeben.
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Rauschtrinken ist besonders schädlich für das jugendliche Gehirn und kann die Entwicklung der grauen Zellen nachhaltig beeinträchtigen. Studien haben gezeigt, dass sich schon bei 16- bis 19-jährigen Jugendlichen Veränderungen der weißen Substanz durch Rauschtrinken nachweisen lassen. Eine Region, die als Hippocampus bezeichnet wird und für die Gedächtnisbildung wichtig ist, ist besonders betroffen. Jugendliche Rauschtrinker haben oft Gedächtnisdefizite und brauchen mitunter Jahre der Abstinenz, bis das Gehirn wieder das normale altersangemessene Leistungsniveau erreicht.
Alkohol und psychische Gesundheit
Alkohol kann nicht nur psychische Erkrankungen auslösen, sondern auch bestehende seelische Erkrankungen begünstigen. Zu den Erkrankungen, die häufig zusammen mit übermäßigem Alkoholkonsum auftreten, zählen:
- Depressionen
- Angststörungen
- Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)
- Persönlichkeitsstörungen
Erhöhter Alkoholkonsum beeinträchtigt die Selbstkontrolle und Kritikfähigkeit. Alkohol wirkt enthemmend und erhöht zudem die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten. Dies kann unter Umständen dazu führen, dass Betroffene gewalttätig werden oder andere Straftaten begehen.
Hinweise auf einen problematischen Alkoholkonsum
Wer Alkohol konsumiert, macht sich nicht immer bewusst, wie häufig und wie viel er trinkt. Es gibt verschiedene Anzeichen, die auf einen problematischen Alkoholkonsum hindeuten können:
- Häufiges Trinken großer Mengen Alkohol
- Kontrollverlust über den Alkoholkonsum
- Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen oder Angstzustände
- Vernachlässigung von Verpflichtungen aufgrund des Alkoholkonsums
- Soziale Probleme oder Konflikte aufgrund des Alkoholkonsums
- Gesundheitliche Probleme aufgrund des Alkoholkonsums
Prävention und Behandlung von Alkoholproblemen
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen, am besten gar keinen Alkohol zu konsumieren. Als risikoarm wird eine Trinkmenge bezeichnet, bei der das Risiko von schädlichen Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit relativ gering ist. Die DGE legte 2024 den aktuellen Schwellenwert für einen risikoarmen Alkoholkonsum mit weniger als 27 Gramm reinen Alkohol pro Woche fest.
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Wer bei sich selbst feststellt, dass er zu viel trinkt oder von Alkohol loskommen möchte, kann sich an verschiedene Stellen wenden:
- Suchtberatungsstellen
- Selbsthilfegruppen
- Ärzte und Therapeuten
- Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen
Es gibt verschiedene Therapieansätze, die bei der Behandlung von Alkoholproblemen helfen können, darunter:
- Verhaltenstherapie
- Gesprächstherapie
- Medikamentöse Behandlung
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