Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das eine entscheidende Rolle für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden spielt. Es steuert nicht nur unsere willkürlichen Bewegungen, sondern auch unbewusste Prozesse wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Wenn dieses System aus dem Gleichgewicht gerät, kann dies zu einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Beschwerden führen. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionsweise des Nervensystems, die Auswirkungen von Stress und Traumata sowie verschiedene Strategien zur Regulierung und Beruhigung des Nervensystems.
Das Nervensystem: Ein komplexes Kommunikationsnetzwerk
Das Nervensystem ist ein riesiges Kommunikationsnetzwerk, vergleichbar mit dem Internet, das alle Teile unseres Körpers miteinander verbindet. Es besteht aus Milliarden von Nerven, die Informationen aus der Umwelt über die Sinnesorgane aufnehmen und an Gehirn und Rückenmark weiterleiten. Dort werden Reaktionen gesteuert und über das periphere Nervensystem an den Körper zurückgegeben.
Man unterscheidet zwischen dem somatischen und dem autonomen Nervensystem. Das somatische Nervensystem ist für die willentlichen Bewegungsabläufe unseres Körpers zuständig, während das autonome Nervensystem unbewusste Prozesse und körperliche Funktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung steuert.
Das autonome Nervensystem: Sympathikus und Parasympathikus
Das autonome Nervensystem sichert unser Überleben, indem es in Phasen der Ruhe und Entspannung den Parasympathikus aktiviert, der Herzschlag und Atmung verlangsamt und die Regeneration des Körpers fördert. In Aktivitäts- oder Stresssituationen hingegen reguliert der Sympathikus unseren Körper, indem er Herzschlag und Atmung beschleunigt und die körperliche Leistungsfähigkeit steigert.
Ein reguliertes Nervensystem wechselt flexibel zwischen Aktivierung und Ruhe. Bei vielen Menschen ist der Sympathikus jedoch überdurchschnittlich oft aktiviert, was zu einem Zustand dauerhafter Anspannung führen kann.
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Der Vagusnerv: Dein wichtigster Entspannungsnerv
Ein Teil des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv (Nervus vagus), der längste Hirnnerv unseres Körpers. Er fungiert als Bremse für das vegetative Nervensystem und sendet bei Aktivierung Signale an Herz, Lunge und andere Organe, um den Körper zu beruhigen. Der Vagusnerv kann durch gezielte Übungen wie Atemtechniken, Kältereize oder Summen bewusst aktiviert werden.
Die Polyvagal-Theorie: Sicherheit, Gefahr und soziale Interaktion
Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges erweitert unser Verständnis des vegetativen Nervensystems. Sie beschreibt drei Bereiche:
- Soziales Engagement (ventraler Vagus): Sicherheit, Verbindung und Ruhe.
- Kampf-oder-Flucht (Sympathikus): Alarmbereitschaft und Mobilisierung bei Gefahr.
- Erstarrung/Kollaps (dorsaler Vagus): Totaler Shutdown als Schutzmechanismus.
Je nach wahrgenommener Sicherheit oder Bedrohung entscheidet unser Nervensystem, in welchem Bereich wir uns befinden. Interessant ist, dass 80 % der Vagusnerv-Fasern Informationen vom Körper zum Gehirn senden, was die Bedeutung der Körperwahrnehmung für die Regulation des Nervensystems unterstreicht.
Stress und seine Auswirkungen auf das Nervensystem
In Gefahrensituationen löst der Sympathikus eine Kaskade neurologischer und hormoneller Reaktionen aus, die uns helfen sollen, die Situation zu bewältigen. Adrenalin sorgt für eine bessere Durchblutung der Muskeln, Cortisol hält uns auf Trab und Endorphine helfen uns, nicht in Panik zu verfallen. Herzschlag und Blutdruck steigen, die Atmung beschleunigt sich, die Muskeln sind angespannt und die Sinne sind geschärft.
Chronischer Stress und sympathische Dominanz
Aktuelle Forschungen zeigen, dass chronischer Stress zu einer dauerhaften sympathischen Dominanz führen kann. In unserer modernen Zeit sind die Stressfaktoren vielfältig: Ständige Erreichbarkeit, Überstunden, Großstadtlärm und Mental Load lassen sich nicht so schnell abschütteln. Dies führt dazu, dass wir oft nicht richtig in die Parasympathikus-Reaktion kommen, weil der Sympathikus dauerhaft aktiviert bleibt.
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Die Interpretation von Ereignissen
Es ist wichtig zu verstehen, dass das Nervensystem nicht auf die tatsächlichen Ereignisse reagiert, sondern auf unsere Interpretation dieser Ereignisse. Akute Stressreaktionen können sich innerhalb von 20-30 Minuten beruhigen, während die Stabilisierung eines dysregulierten Nervensystems bei längerer Belastung Wochen bis Monate dauern kann. Traumabedingte Dysregulation kann sogar professionelle Unterstützung erfordern.
Symptome eines überreizten Nervensystems
Zu den häufigsten Anzeichen eines überreizten Nervensystems gehören:
- Herzklopfen
- Schlafstörungen
- Chronische Verspannungen
- Reizbarkeit
- Konzentrationsprobleme
- Verdauungsstörungen
- Das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen
Strategien zur Beruhigung und Regulierung des Nervensystems
Es gibt verschiedene Strategien, um das Nervensystem zu beruhigen und zu regulieren. Diese lassen sich in kurzfristige und langfristige Ansätze unterteilen.
Akute Beruhigung in Stressmomenten
In akuten Stressmomenten kann man sich auf eine langsame Ausatmung konzentrieren oder die 4-7-8-Atemtechnik anwenden: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Diese Atmung aktiviert direkt den Parasympathikus.
Langfristige Regulierung des Nervensystems
Für die langfristige Regulierung eines chronisch überreizten Nervensystems ist eine Kombination verschiedener Ansätze am wirksamsten:
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- Körperliche Aktivität: Baut Stresshormone ab und signalisiert dem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist.
- Vagusnerv-Übungen: Singen, Summen oder die Zwerchfellatmung versetzen das System direkt in den Ruhezustand.
- Achtsames Atmen und Meditation: Beruhigen Geist und Nervensystem und stärken die Stressresilienz.
- Yoga: Verbindet körperorientierte Ansätze mit Atemarbeit und kann besonders effektiv sein, um das Nervensystem zu beruhigen.
- Schlafhygiene: Sorge für ausreichend Schlaf, um das Nervensystem zu entlasten.
- Emotionen zulassen: Erlaube dir, angestaute Emotionen herauszulassen, um Erleichterung zu finden.
- Soziale Interaktionen: Lockere, freundliche und liebevolle soziale Interaktionen vermitteln dem Gehirn, dass die Welt ein sicherer Ort ist.
Körperorientierte Übungen
Es gibt Übungen, die uns wieder aufhorchen lassen und das Gespür für die eigenen Bedürfnisse stärken. Eine einfache Übung ist, sich einen Moment Zeit zu nehmen, die Augen zu schließen und sich zu fragen: Wie aktiviert fühle ich mich gerade auf einer Skala von 1 bis 10? Anschließend kann man bewusst atmen und beobachten, ob sich das Gefühl verändert.
Die Rolle der Organisationkultur
Die Organisationskultur hat direkten Einfluss darauf, ob Menschen sich mit ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem Nervensystem verbinden können. In Meetings könnten beispielsweise standardmäßig kurze Pausen etabliert werden, in denen alle das machen können, was sie gerade brauchen.
CIDP: Eine Nervenerkrankung des peripheren Nervensystems
CIDP (Chronisch Inflammatorische Demyelinisierende Polyneuropathie) ist eine seltene Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems, bei der es durch entzündliche Reaktionen zum Abbau der Nervenfaserummantelungen kommt. Dies führt zu Störungen der Signalweiterleitung in den Nerven. Die Symptome entwickeln sich entweder langsam über einen längeren Zeitraum oder in Schüben. CIDP ist bei den meisten Menschen gut behandelbar.
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