Leben mit Tetraplegie: Alltag, Herausforderungen und Perspektiven

Eine Tetraplegie, auch bekannt als Quadriplegie, ist eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen - Arme und Beine - betroffen sind. Diese umfassende Lähmung entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks im Halsbereich. Die Auswirkungen auf das tägliche Leben sind vielfältig und tiefgreifend, erfordern aber auch Anpassungsfähigkeit, den Einsatz von Hilfsmitteln und die Unterstützung von Familie, Freunden und Fachleuten.

Was ist Tetraplegie?

Der Begriff "Tetraplegie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "vierfache Lähmung". Sie entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks im Halsbereich, wodurch die Nervenimpulse zwischen Gehirn und Körper unterbrochen werden. Im Gegensatz zur Paraplegie, bei der hauptsächlich die unteren Extremitäten betroffen sind, beeinträchtigt die Tetraplegie sowohl Arme als auch Beine, was zu umfassenderen Einschränkungen führt. Die genaue Höhe der Rückenmarkschädigung bestimmt das Ausmaß der Lähmung und die betroffenen Körperfunktionen. Verletzungen des Rückenmarks oberhalb des 4. Halswirbels (C4) können sogar die Atemmuskulatur beeinträchtigen und eine dauerhafte Beatmung erforderlich machen.

Ursachen einer Tetraplegie

Die Ursachen einer Tetraplegie sind vielfältig und reichen von traumatischen Ereignissen bis hin zu Erkrankungen.

  • Traumatische Ursachen: Unfälle im Straßenverkehr, Sportunfälle (z. B. Skifahren, Snowboarden, Klettern, Radfahren) und Stürze sind häufige Auslöser, insbesondere bei jüngeren Menschen. Männer sind aufgrund ihrer höheren Risikobereitschaft häufiger betroffen.
  • Nicht-traumatische Ursachen: Verschiedene Erkrankungen können ebenfalls zu einer Tetraplegie führen. Dazu gehören:
    • Angeborene Erkrankungen: Kinderlähmung (Poliomyelitis), Syringomyelie.
    • Autoimmunerkrankungen: Multiple Sklerose (MS), bei der das Immunsystem das Nervensystem angreift.
    • Infektiöse Erkrankungen: Infektionen mit Herpes-Viren (Herpes zoster, Varizellen, Epstein-Barr-Virus, HI-Virus), Mykoplasmen, Brucellen und andere bakterielle Erreger.
    • Tumorerkrankungen, Osteoporose sowie Thrombosen und Embolien von Arterien, die im Rückenmark verlaufen.
    • Nährstoffmängel: Selten, z.B. Polyneuritis durch Vitamin-B1-Mangel.
    • Vergiftungen: Chronische oder akute Vergiftungen durch toxische Gefahrstoffe.

Symptome und Komplikationen

Die primären Symptome einer Tetraplegie sind Lähmungen aller vier Gliedmaßen sowie der Verlust sensorischer Fähigkeiten. Betroffene können Schmerzen, Temperatur und Berührungen in den betroffenen Bereichen nicht mehr wahrnehmen. Je nach Höhe der Schädigung können weitere Symptome und Komplikationen auftreten:

  • Beeinträchtigung der Atmung: Hohe Querschnittlähmungen können die Atemmuskulatur schwächen oder lähmen, was eine Beatmung erforderlich macht.
  • Funktionsstörungen innerer Organe: Störungen des autonomen Nervensystems können zu Problemen im Magen-Darm-Trakt, der Blase und den Sexualorganen führen.
  • Kreislaufprobleme: Unwillkürliche Regulation der Herzfrequenz, der Körpertemperatur oder des Blutdrucks ist ein häufig auftretendes Begleitsymptom.
  • Erhöhte Anfälligkeit für Infektionen
  • Degenerative Prozesse: Abbau von Gewebe im Bereich des Bewegungsapparats.
  • Spastik: Erhöhte Muskelspannung und unkontrollierbare Reflexe.
  • Druckgeschwüre (Dekubitus): Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfähigkeit und fehlenden Sensibilität.
  • Psychische Belastung: Depressionen und Suizidgefahr aufgrund der veränderten Lebenssituation.

Der Alltag mit Tetraplegie: Eine persönliche Perspektive

Micha erlitt vor einigen Jahren bei einem Badeunfall eine Querschnittslähmung (C4). Zusammen mit seiner Partnerin Britta meistert er seitdem die Herausforderungen des Alltags. Der Anfang war geprägt von Krankenhausaufenthalten, Reha und der Suche nach einer barrierefreien Wohnung. Das Paar musste eine neue Routine entwickeln und viele Dinge zum ersten Mal mit dem Rollstuhl ausprobieren: Zusammenziehen, die Wohnung einrichten, Freunde besuchen, wieder arbeiten gehen, schwimmen, Handbike fahren, Urlaub machen und sogar ein Festival besuchen.

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Micha betont die Bedeutung einer positiven Lebenseinstellung und den Ehrgeiz, das Beste aus der Situation zu machen. Hilfreich waren auch der Kontakt zu anderen jungen Menschen mit Querschnittlähmung, die als Vorbilder dienten. Wichtig ist ihm, Aufgaben zu haben, Einfluss zu nehmen und teilzunehmen. Eine Perspektive zu haben, wie die Rückkehr in seinen alten Job, gab ihm Halt.

Die größte Herausforderung ist für Micha der Zeitfaktor. Alles dauert länger als früher, selbst einfache Tätigkeiten wie Zähneputzen oder ins Bett gehen. Frustrierend ist auch der Vergleich mit der Schnelligkeit anderer Menschen.

Das Handbikefahren bedeutet für Micha Freiheit und Unabhängigkeit. Er kann selbstständig unterwegs sein, Freunde besuchen oder seine Freundin von der Arbeit abholen. Rollstuhl-Rugby im Team ermöglicht es ihm, sich auszupowern und Motivation von seinen Mitspielern zu erhalten.

Micha wünscht sich von anderen mehr Besonnenheit und Geduld im Umgang mit seiner Situation. Er möchte, dass die Dinge so gemacht werden, wie er es sich vorstellt, da es um seine Gesundheit geht. Auch die Neugier fremder Menschen, die ihn nach der Ursache seiner Lähmung fragen, empfindet er als übergriffig.

Mit der Unterstützung seiner Freundin, Familie und Freunde sowie einem starken Selbstvertrauen gelingt Micha ein neues, erfülltes Leben. Er scheut keine Gefahren und wagt neue Dinge.

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Behandlung und Rehabilitation

Die Behandlung einer Tetraplegie erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der verschiedene Fachbereiche einbezieht. Ziel ist es, die bestmögliche Lebensqualität und Selbstständigkeit für den Betroffenen zu erreichen.

  • Akutversorgung: Nach einem Unfall steht die Stabilisierung des Patienten und die Vermeidung weiterer Schäden im Vordergrund. In vielen Fällen ist eine Operation erforderlich, um das Rückenmark zu entlasten und die Wirbelsäule zu stabilisieren.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente können eingesetzt werden, um Entzündungen zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und Spastiken zu kontrollieren.
  • Rehabilitation: Die Rehabilitation ist ein langfristiger Prozess, der in spezialisierten Zentren durchgeführt wird. Sie umfasst:
    • Physiotherapie: Stärkung der verbleibenden Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und Koordination, Training von Rollstuhlfahrtechniken.
    • Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten wie Essen, Kochen, Anziehen und Körperpflege, Anpassung von Hilfsmitteln.
    • Atemtherapie: Verbesserung der Atemfunktion und Sekretmobilisation.
    • Psychotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung der psychischen Belastung und Anpassung an die neue Lebenssituation.
    • Sozialberatung: Beratung zu finanziellen Hilfen, Wohnraumanpassung und anderen sozialen Fragen.

Hilfsmittel und Technologien

Hilfsmittel spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Selbstständigkeit und Lebensqualität von Menschen mit Tetraplegie.

  • Rollstühle: Elektrorollstühle ermöglichen eine selbstständige Fortbewegung, auch bei eingeschränkter Armfunktion. Spezielle Steuerungssysteme (z. B. Kinn- oder Augensteuerung) sind für Menschen mit sehr hohen Lähmungen verfügbar.
  • Handbikes: Ermöglichen eigenständige Radausflüge und sportliche Betätigung.
  • Adaptive Geräte: Angepasstes Besteck, Schreibhilfen und andere Geräte erleichtern die Ausführung von Alltagsaktivitäten.
  • Wohnraumanpassung: Barrierefreie Gestaltung des Wohnraums (z. B. Rampen, Lifte, angepasste Badezimmer) ermöglicht eine selbstständige Lebensführung.
  • Kommunikationstechnologien: Sprachsteuerungssysteme und andere Technologien ermöglichen die Bedienung von Computern, Telefonen und anderen Geräten.

Leben mit Tetraplegie: Herausforderungen meistern und Lebensqualität erhalten

Eine Tetraplegie ist eine einschneidende Erfahrung, die das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen grundlegend verändert. Die körperlichen Einschränkungen sind erheblich, und der Alltag erfordert viel Anpassung, Organisation und den Einsatz von Hilfsmitteln.

Trotz der Herausforderungen ist es möglich, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben mit Tetraplegie zu führen. Wichtig sind dabei:

  • Akzeptanz der Situation: Sich mit der Situation abfinden und sich arrangieren.
  • Positive Lebenseinstellung: Den Fokus auf die Möglichkeiten und nicht auf die Einschränkungen legen.
  • Unterstützung suchen: Hilfe von Familie, Freunden, Therapeuten und Selbsthilfegruppen annehmen.
  • Aktiv bleiben: Hobbys pflegen, Sport treiben und soziale Kontakte pflegen.
  • Sich Ziele setzen: Eine Perspektive haben und sich auf die Zukunft konzentrieren.
  • Technologie nutzen: Hilfsmittel und Technologien nutzen, um die Selbstständigkeit zu fördern.

Ressourcen und Unterstützung

Es gibt zahlreiche Organisationen und Ressourcen, die Menschen mit Tetraplegie und ihre Angehörigen unterstützen:

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  • Deutsche Gesellschaft für параплегии e.V.
  • Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV)
  • Manfred-Sauer-Stiftung (Der-Querschnitt.de)
  • Selbsthilfegruppen
  • Rehabilitationszentren
  • Sanitätshäuser

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