Leistungssportler mit Multipler Sklerose: Herausforderungen, Triumphe und die Rolle des Sports

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben der Betroffenen in vielfältiger Weise beeinflussen kann. Die Diagnose MS bedeutet jedoch nicht zwangsläufig das Ende sportlicher Aktivitäten oder gar einer Karriere als Leistungssportler. Im Gegenteil, viele Studien belegen, dass Sport und Bewegung eine positive Wirkung auf die Symptome und die Lebensqualität von MS-Patienten haben können. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen, denen sich Leistungssportler mit MS stellen müssen, und zeigt anhand von Beispielen, wie sie diese meistern und sogar zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind.

Die Diagnose MS: Ein Wendepunkt im Leben eines Sportlers

Für Leistungssportler ist der Körper ihr Kapital. Umso einschneidender ist die Diagnose MS, die oft mit Unsicherheit und Angst verbunden ist. Ramón Arroyo, ein ehemaliger Geschäftsmann und heutiger semiprofessioneller Athlet, erinnert sich noch genau an den Tag, als er im Alter von 32 Jahren die ersten Symptome der MS bemerkte: "Ich war mit meiner Freundin im Urlaub in Almeria (im Südosten Spaniens) an einem wunderschönen Ort mit wunderschönen Stränden mit kristallklarem Wasser. Wir haben alles genossen: Tauchen, zum Strand gehen, romantisches Abendessen… Aber an diesem Tag war ich ziemlich müde und beschloss, in der Wohnung zu bleiben. Ich rauchte und irgendwann fiel mir die Zigarette nicht einmal, sondern ein paar Mal aus der Hand. Zur gleichen Zeit, als ich nach der Getränkedose griff, begann meine Hand zu zittern. 48 Stunden später hatte ich eine Hemiplegie auf der ganzen rechten Körperseite. Ich war nicht in der Lage, diesen Sektor zu kontrollieren. Ich konnte kaum laufen.“

Die Diagnose MS war für Ramón ein Schock, der sein Leben von Grund auf veränderte. Ähnlich erging es Anna Kraft, einer erfolgreichen Sportmoderatorin, die im Alter von 29 Jahren erfuhr, dass sie an MS erkrankt ist. "Am schlimmsten war aber zum damaligen Zeitpunkt für mich, dass mir die Ärztin ganz sachlich die Diagnose erklärt hat, und mir gleichzeitig eine Infobroschüre in die Hand drückte, auf der vorn eine Frau im Rollstuhl zu sehen war. Das war für mich als ehemalige Leistungssportlerin und Sportmoderatorin ein riesiger Schock."

Herausforderungen und Anpassungen im Trainingsalltag

Leistungssportler mit MS müssen ihren Trainingsalltag an die Krankheit anpassen. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie z.B. die Art und der Verlauf der MS, die individuellen Symptome und die körperliche Leistungsfähigkeit.

André Ringendahl, ein lizenzierter Fitnesstrainer und Laufcoach mit MS, betont die Bedeutung des eigenen Körpers: "Man muss auf seinen Körper hören. Aber auch mal die Komfortzone verlassen, um Fortschritte zu erzielen. Also, ich versuche natürlich schon, mich zu motivieren. Aber wenn es mal so gar nicht klappt, dann lass ich es."

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Ramón Arroyo musste seinen Job als kaufmännischer Manager aufgeben, da er den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. "Es war ein sehr intensiver Job mit vielen Reisen, Verantwortlichkeiten und Drücke. Mein Gehirn ist für solche Dinge nicht mehr da. Sie können keinen Job machen, wenn Ihr Gedächtnis versagt oder wenn Sie Schwierigkeiten haben, klar zu sprechen oder zu denken. Ich musste gehen und mit der spanischen Regierung kämpfen, um meine Unfähigkeit anzuerkennen."

Auch Anna Kraft musste lernen, ihren Körper besser wahrzunehmen und Pausen einzulegen. "Früher habe ich beim Sport alles gegeben, habe gern Gewichte gestemmt. Da macht mir weiterhin Spaß, aber heute gönne ich mir Pausen. Statt zu pumpen, lege ich eben mal eine halbe Stunde Yoga ein oder mache eine Meditation. Das tut mir gut. Mein Körper würde mir ansonsten auch die Quittung geben, indem er anfängt zu kribbeln, und ich mich schlechter bewegen kann."

Sport als Therapie: Symptomlinderung und Krankheitsbewältigung

Sport und Bewegung können bei MS-Patienten eine Vielzahl von positiven Effekten haben. Studien haben gezeigt, dass Sport unter anderem bei Spastiken, Fatigue, Muskelschwäche und Ataxie helfen kann. Darüber hinaus kann Sport die psychische Gesundheit verbessern und soziale Kontakte fördern.

Ramón Arroyo nutzte den Sport als therapeutisches Instrument, um mit seiner Depression umzugehen. "Was ich nicht wusste, war, dass ich so weit kommen würde", sagt der Spanier, der heute die Marathons und den halben Ironman, an denen er teilgenommen hat, nicht mehr gezählt hat. Seine Leidenschaft für die Leichtathletik entstand aus seinem Instinkt zur Überwindung: „Ich begann nur 100 Meter zu joggen, weil mir ein Arzt sagte, dass ich aufgrund der Krankheit und Verletzungen meines Gehirns nicht erreichen könnte. Ich habe es geschafft und nach und nach die Entfernungen vergrößert: von 100 auf 200, einen halben km, 1 km, 2, 5, 10. Später entschied ich mich für Halbmarathons und das brachte mich dazu, einen Marathon zu versuchen.“

André Ringendahl betont, dass Sport für ihn ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist: "Ohne Sport geht es bei mir nicht, da fühle ich mich nicht wohl. Ganz allgemein, aber eben auch von den Gedanken rund um die Erkrankung. Ich mache funktionales Training, Hindernisläufe, Thaiboxen und Ausdauertrainings. Das kommt immer darauf an, was gerade ansteht."

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Erfolgreiche Leistungssportler mit MS: Inspiration und Mutmacher

Trotz der Herausforderungen gibt es zahlreiche Beispiele für Leistungssportler, die mit MS erfolgreich sind und andere Betroffene inspirieren.

Regine Mispelkamp ist eine Para-Dressurreiterin, die trotz ihrer MS bei den Paralympics Medaillen gewonnen hat. "Meiner MS muss ich während der Wettbewerbe keinen gesonderten Platz einräumen. Sie ist ein Teil von mir, und ich habe akzeptiert, dass sie mich nicht aufhalten kann."

Ramón Arroyo nahm 2013 am Ironman in Barcelona teil und überquerte die Ziellinie in Begleitung seiner Familie. "Ich erinnere mich mit großer Freude und Glück an diesen Tag. Das Ziel war nicht, den Test zu beenden, sondern mit all den vorherigen Vorbereitungen dort angekommen zu sein. Ich fühlte viel Frieden und Zufriedenheit, als ich die Ziellinie erreichte."

Anna Kraft setzt sich als Sportmoderatorin und Botschafterin für MS-Patienten ein. "Ich will erreichen, dass die MS entmystifiziert wird. Ich will darüber aufklären und ihr den Schrecken nehmen. Nicht umsonst nennt man Multiple Sklerose „die Krankheit der 1000 Gesichter“. Jeder erlebt die Symptome und den Verlauf anders, und MS bedeutet auch nicht, dass man automatisch im Rollstuhl landet."

Sportimmunologische Forschung: Die wissenschaftlichen Grundlagen

Die positiven Effekte von Sport bei MS werden auch durch die sportimmunologische Forschung untermauert. Studien haben gezeigt, dass regelmäßige Bewegung Entzündungsprozesse im Körper reduzieren und die Immunhomöostase verbessern kann.

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So konnte in einer Querschnittsuntersuchung an 245 Leistungssportlern gezeigt werden, dass die Anzahl der im Blut zirkulierenden Tregs bei den Athleten höher war als in der gesunden Kontrollgruppe. Zudem korreliert die Sauerstoffaufnahmefähigkeit - als Maß für die kardiorespiratorische Fitness - positiv mit der Anzahl der im Blut zirkulierenden Tregs. Auch ist die supprimierende Aktivität der Tregs höher als in der Kontrollgruppe.

Eine Studie der Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass ein 3-wöchiges hochintensives Intervalltraining im Rahmen eines Reha-Aufenthalts im Gegensatz zu moderatem Ausdauertraining die MMP-2-Serumkonzentration bei MS-Patienten signifikant reduziert.

Empfehlungen für Sportler mit MS

Für Sportler mit MS gibt es einige wichtige Empfehlungen zu beachten:

  • Individuelle Anpassung: Das Training sollte an die individuellen Symptome und die körperliche Leistungsfähigkeit angepasst werden.
  • Moderate Intensität: Überanstrengung sollte vermieden werden.
  • Regelmäßigkeit: Regelmäßiges Training ist wichtig, um die positiven Effekte zu erzielen.
  • Auf den Körper hören: Auf die Signale des Körpers achten und bei Bedarf Pausen einlegen.
  • Ärztliche Beratung: Vor Beginn eines Trainingsprogramms sollte ein Arzt konsultiert werden.
  • Geeignete Sportarten: Sportarten wie Schwimmen, Yoga, Tai Chi, Radfahren und Wandern sind besonders geeignet.
  • Kühlung: Auf eine ausreichende Kühlung achten, um das Uhthoff-Phänomen zu vermeiden.
  • Flüssigkeitszufuhr: Ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

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