Polyneuropathie: Systemische Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die viele Menschen betrifft und durch Funktionsstörungen von Nervengruppen im peripheren Nervensystem gekennzeichnet ist. Dabei sind ausschließlich Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks betroffen. Besonders häufig sind die Nervenfasern in den Gliedmaßen, meist in den Füßen, aber auch teilweise in den inneren Organen betroffen, je nachdem, ob motorische, autonome oder sensible Nerven angegriffen sind. Es ist eine Volkskrankheit, von der schätzungsweise fünf Millionen Deutsche betroffen sind.

Was ist Polyneuropathie?

Der Begriff Polyneuropathie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Erkrankung vieler peripherer Nerven“. Es handelt sich um eine reine Beschreibung, hinter der sich unterschiedlichste Erkrankungen als Ursache verbergen können. Die Polyneuropathie ist eine Folge einer im ganzen Körper ablaufenden Erkrankung (systemischer Prozess). Je nach Ursache werden entweder die Nervenkabel selbst (Axone) oder deren Hüllschicht (Myelinschicht) geschädigt.

In der medizinischen Literatur sind über dreihundert verschiedene Ursachen für die Entstehung einer Polyneuropathie beschrieben. Die Symptome reichen von Missempfindungen oder Taubheit der Hautoberfläche bis zu Lähmungen, heftigen Schmerzattacken und Störungen von Organsystemen. Wie es genau zu den fortschreitenden Nervenschäden kommt, ist zur Zeit noch nicht bis ins Detail geklärt.

Häufig verläuft eine Polyneuropathie zunächst ohne wahrnehmbare Krankheitszeichen. Dadurch wird das Nervenleiden relativ spät erkannt, was ungünstig in Bezug auf erfolgreiche Behandlungsaussichten ist. Die besten Heilungschancen bestehen bei einem frühzeitigen Start geeigneter Therapien. Wenn eine vollständige Heilung nicht mehr erreicht werden kann, so bestehen dennoch Aussichten, das weitere Fortschreiten der Polyneuropathie zu bremsen. Behandelt wird in der Regel die zugrundeliegende Erkrankung. Mit dem Abklingen der Grunderkrankung gehen unter Umständen auch die Beschwerden durch die geschädigten Nerven zurück.

Ursachen der Polyneuropathie

Eine Polyneuropathie kann sich aus den unterschiedlichsten Gründen entwickeln. Häufig steht eine Stoffwechselerkrankung hinter dem Ausbruch. Aber auch Vergiftungen und Infektionen können zu einer Polyneuropathie führen. Inzwischen ist eine Vielzahl von Ursachen für das Nervenleiden entdeckt worden. Dennoch lassen sich noch immer bei einem Fünftel der Erkrankten keinerlei Krankheitsursachen nachweisen.

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Die Polyneuropathie ist eine Folge einer im ganzen Körper ablaufenden Erkrankung (systemischer Prozess). Je nach Ursache werden entweder die Nervenkabel selbst (Axone) oder deren Hüllschicht (Myelinschicht) geschädigt.

Die Ursachen lassen sich in folgende Kategorien einteilen:

  • Erworben: Entzündlich, Stoffwechselbedingt, toxisch.
  • Erblich: Vererbbare (hereditäre) Polyneuropathien zum Beispiel Charcot-Marie-Tooth Erkrankung.
  • Unklar: Als idiopathische Polyneuropathien bezeichnet.

Häufigste Ursachen

In Mitteleuropa steht die Zuckerkrankheit als Verursacher an erster Stelle. Etwa die Hälfte der Diabetiker entwickelt im Laufe der Krankheit eine Polyneuropathie. Das gilt sowohl für Typ-1-Diabetes wie auch für die später auftretende Typ-2-Diabetes. Oft stellen sich die Symptome der Neuropathie im Verlauf der Diabetes nur allmählich ein. Dadurch werden erste Warnzeichen häufig übersehen. Wie die Schädigung der Nerven genau zustande kommt, ist nicht vollständig erforscht. Man geht davon aus, dass bei erhöhter Glukosekonzentration im Blut von den Schwann-Zellen in den Nerven vermehrt Sorbitol gebildet wird, wodurch es zu osmotischen Gewebeschäden kommt. Aufgrund der für eine Diabetes typischen Schädigung feinster Blutgefäße, entsteht darüber hinaus eine Mangelversorgung der Nervenzellen, die sich ebenfalls ungünstig auswirkt. Die frühzeitige und nachhaltige Einstellung der Blutzuckerwerte hat einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf der Polyneuropathie.

Bei einigen Polyneuropathie-Patienten steht langjähriger Alkoholmissbrauch hinter dem Ausbruch der Krankheit. Hier scheint der Alkohol als schleichendes Nervengift zu fungieren. Die genauen Stoffwechselvorgänge sind noch nicht abschließend erforscht. Die Patienten haben häufig Probleme an Füßen und Beinen. Auch die Augen können betroffen sein. Ein riskanter Alkoholkonsum beginnt bei Frauen bereits ab einer kleinen Flasche Bier pro Tag, bei Männern sind es zwei.

Weitere wichtige Ursachen für die Entwicklung einer Polyneuropathie sind:

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  • Vergiftungen: z. B. durch Arsen, Blei oder Lösungsmittel
  • Infektionen: z. B. Gürtelrose, Herpes simplex, Borreliose, HIV oder Pfeiffersches Drüsenfieber
  • Autoimmunerkrankungen: wie das Guillain-Barré-Syndrom oder Kollagenosen
  • Schilddrüsenunterfunktion: oder auch -überfunktion
  • Gicht
  • Vitamin-B12-Mangel: oder -Überdosierung
  • Nierenkrankheiten
  • Lebererkrankungen
  • Karzinome
  • Nebenwirkungen von Medikamenten: z. B. bei einer Chemotherapie
  • Angeboren Erkrankungen: wie HMSN

Seltenere Ursachen

Neben den häufigeren Ursachen gibt es auch seltenere Auslöser für Polyneuropathien:

  • Amyloidose: Hierbei lagern sich Proteinablagerungen in den peripheren Nerven ab, was zu Sensibilitätsstörungen, Kraftverlust und Gangunsicherheit führen kann.
  • Hereditäre Transthyretinamyloidose (hATTR-Amyloidose): Eine sehr seltene Multisystemerkrankung, die autosomal-dominant vererbt wird. Sie kann sich in Form einer Neuropathie präsentieren, der familiären Amyloidneuropathie (TTR-FAP).
  • Paraproteinämien: In seltenen Fällen treten diese im Kontext hämatologischer Erkrankungen wie des multiplen Myeloms oder Morbus Waldenström auf, meist findet sich allerdings eine monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS).
  • Mangelernährung: Ein Mangel an Vitamin B1 (Thiamin), B6 (Pyridoxin) oder auch B12 (Cobalamin) kann zu Neuropathien führen.

Medikamenteninduzierte Polyneuropathie

Angesichts der Polypharmazie im Alter sollten medikamenteninduzierte PNP nicht übersehen werden. Bei der Verordnung von Fluorchinolonen sollte insbesondere bei Patienten über 60 Jahre an Polyneuropathien als Nebenwirkung gedacht werden. Chemotherapeutika können Polyneuropathie, kardiovaskuläre Erkrankungen und Infertilität hervorrufen. Neuere Beobachtungen legen eine Assoziation von L‑Dihydroxyphenylalanin (L-DOPA) mit Morbus Parkinson und PNP nahe. Es hat sich gezeigt, dass Höhe und Dauer der L‑DOPA-Dosierung mit Hinweisen auf einen Vitamin‑B12-Mangel und auch mit der Wahrscheinlichkeit einer Neuropathie korrelieren.

Polyneuropathie unbekannter Ursache

In etwa 20 % der Fälle kann trotz umfangreicher Diagnostik keine Ursache für die Polyneuropathie gefunden werden. In diesen Fällen spricht man von kryptogenen oder chronischen idiopathischen Neuropathien.

Symptome der Polyneuropathie

Von Polyneuropathie können unterschiedliche Nervenarten betroffen sein: die sensiblen Nerven, die motorischen Nerven und die autonomen Nerven. Abhängig davon, welche Nerven geschädigt sind, äußern sich nicht zuletzt auch Art und Schwere der Symptome. Die sensiblen Nerven registrieren unter anderem Berührungen, Druck, Temperatur- und Schmerzreize. Die motorischen Nerven steuern die Muskelbewegungen. Die autonomen Nerven kontrollieren Stoffwechselvorgänge, die auch unbewusst funktionieren, wie zum Beispiel Puls, Atmung oder Verdauung.

Die Symptome können je nach betroffenem Nervensystem variieren:

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Schädigung der sensiblen Nerven

Die Mehrzahl der Polyneuropathien beeinträchtigen die sogenannten sensiblen Nerven. Erste Beschwerden treten oft an Zehen und Fingern auf: Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühl oder stechende Schmerzen. Die Rückmeldung der Nerven auf Druck und Temperatur sowie der Tastsinn sind eingeschränkt. Oft treten die Symptome spiegelbildlich auf beiden Körperseiten auf.

Weitere typische Beschwerden, meist an den Gliedmaßen, sind:

  • Druck- oder Engegefühl
  • Körperteile fühlen sich abgeschnürt an
  • Anhaltendes Kribbeln
  • Stechende Schmerzen
  • Ausbleibendes Schmerzgefühl bei Verletzungen
  • Eingeschränktes Tastgefühl
  • Gangunsicherheit, besonders bei geschlossenen Augen
  • Unangenehmes Kribbeln, wie Ameisen auf der Haut
  • Körperteile fühlen sich geschwollen an
  • Brennende Schmerzen in den Füßen (Burning-Feet-Syndrom)

Schädigung der motorischen Nerven

Diese Schädigungen sind seltener als die Beeinträchtigungen der sensiblen Nerven. Die Beschwerden reichen von Bewegungseinschränkungen bis zu Lähmungen, wenn der Muskel überhaupt nicht mehr angesteuert und aktiviert werden kann.

Weitere Krankheitszeichen sind typischerweise:

  • Unwillkürliches Zucken von Muskelpartien
  • Krämpfe der Muskulatur
  • Anhaltendes Kribbeln
  • Muskelschwäche, verminderte Belastungsfähigkeit
  • Längerfristig auch Muskelschwund

Schädigung der autonomen Nerven

Hier können alle Körperfunktionen gestört sein, die nicht der willentlichen Steuerung unterliegen. Ist zum Beispiel der Magen-Darm-Trakt betroffen, sind Verdauungsstörungen zu erwarten.

Weitere Symptome sind je nach dem Organ, das beeinträchtigt ist:

  • Verstopfung oder Durchfall
  • Magenlähmung
  • Störungen bei der Entleerung der Blase
  • Schwindel
  • Ohnmacht
  • Ausbleibender Pupillenreflex
  • Schluckstörungen
  • Herzrhythmusstörungen oder Herzrasen
  • Blutdruckschwankungen
  • Geschwüre
  • Wassereinlagerungen im Körper
  • Impotenz
  • Herabgesetzte Schweißbildung

Spezifische Symptomkonstellationen

  • Diabetische Polyneuropathie: Beginnt oft in den Zehen und Füßen und ist durch Taubheit und ein herabgesetztes Schmerz- und Temperaturgefühl gekennzeichnet.
  • Alkoholische Polyneuropathie: Betrifft häufig Füße und Beine, kann aber auch die Augen beeinträchtigen.
  • Amyloidose mit Polyneuropathie: Führt zu Sensibilitätsstörungen, Kraftverlust und Gangunsicherheit.
  • hATTR-Amyloidose: Typisch ist eine ungewöhnlich rasch progrediente, meist axonale Neuropathie.

Komplikationen

Ist die Gefühlwahrnehmung durch eine Polyneuropathie deutlich herabgesetzt, kann es unbemerkt zu Verletzungen und Wundheilungsstörungen mit Infektionen kommen. Bei ausgeprägter Polyneuropathie kann sich ein Geschwür (neuropathisches Ulkus) bilden. Der „diabetische Fuss“ ist neben der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) die häufigste Ursache für Amputationen.

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnostik der Polyneuropathie kann sehr umfangreich sein. Es kann sich auch lohnen bei zunächst ungeklärter Ursache diese in bestimmten Zeitabständen zu wiederholen. Mit einem systematischen Zugang kann bei Polyneuropathie (PNP) in etwa 60-80 % der Fälle eine spezifische Diagnose gestellt werden. Grundlage sind Anamnese, klinischer Befund, neurophysiologische Tests und Laboruntersuchungen.

Die Diagnostik umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese): Hierbei werden die konkreten Beschwerden, Vorerkrankungen, eingenommene Medikamente, Konsumgewohnheiten von Alkohol und mögliche berufliche Belastung mit Schadstoffen und Giften erfragt. Die Anamnese liefert die wichtigsten Informationen über Verteilung, Art und Dynamik der Schädigung. Es können Ursachen erfragt werden wie ein erblicher Hintergrund, eine Stoffwechselerkrankung, ein Vitaminmangel (bei Vegetariern oder Magenerkrankungen), eine Schädigung durch Medikamente oder eine bestimmte Ernährungs- und Lebensweise sowie ein Kontakt mit bestimmten Gefahrenstoffen (Toxinen) im Berufsleben.
  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Hierbei werden die Reflexe (unter anderem der Pupillen und der Achillessehne) überprüft. Der Arzt nimmt Tests der Sensorik vor, mit deren Hilfe sich der Tastsinn und die Temperaturempfindlichkeit der peripheren Nerven beurteilen lässt. Mithilfe der klinischen Untersuchung wird die Diagnose gestellt. Sie hilft auch das Schädigungsmuster festzustellen und dadurch Rückschlüsse auf die Schädigungsursache zu ziehen. Manchmal gelingt es auch klinisch nicht ersichtliche Nervenschäden bereits frühzeitig durch die Nervenmessung aufzudecken.
  • Blutuntersuchung: Über eine Blutuntersuchung werden die Blutzucker- und Entzündungswerte bestimmt. Dazu eventuell auch Leber- und Nierenwerte, Vitamin-B12-Konzentration oder der Nachweis von Antikörpern, die auf eine Erkrankung an Borreliose hinweisen. Es wird eine ganze Palette an Werten bestimmt. Ein Basislabor beinhaltet: Blutzucker (mit HbA1C), Differential-Blutbild, Nieren-Leberwerte, Elektrolyte, Schilddrüsenwerte, differenzierte Eiweißbestimmung (Eiweißelektrophorese), Vitamine, Folsäure und ggf. bestimmte Rheumafaktoren und Antikörper.
  • Elektroneurografie: Via Elektroneurografie lässt sich die Nervenleitgeschwindigkeit messen. Ist sie herabgesetzt, spricht dies für eine Erkrankung an Polyneuropathie.
  • Elektromyografie: Mittels Elektromyografie kann die Aktivität der Muskeln getestet werden. Auf diese Weise zeigen sich Beeinträchtigungen der motorischen Nerven.
  • EKG: Ein EKG kann Schädigungen an den autonomen Nerven des Herzens aufzeigen.
  • Nervenwasseruntersuchung (Liquor): Die Lumbalpunktion ist immer dann angemessen, wenn eine entzündliche Ursache vermutet wird. Zum Beispiel bei der Neuroborreliose oder der Vaskulitis.
  • Haut-Nerven-Muskelbiopsie: Bei Bedarf nimmt der Arzt auch eine Gewebeprobe und untersucht diese mit dem Mikroskop auf krankhafte Veränderungen an den Nervenfasern. Diese kommt heute nurmehr als ultima ratio in Betracht und ist vor allem dann sinnvoll, wenn eine (autoimmun vermittelte) entzündliche Erkrankung, eine Erkrankung der kleinsten Nervenendigungen (small fiber Polyneuropathie) oder eine bestimmte Stoffwechselerkrankung (Amyloidose) vermutet wird.
  • Ultraschalluntersuchung der Harnblase: Hat der Patient Probleme beim Wasserlassen, wird meist eine Ultraschalluntersuchung der Harnblase vorgenommen, um festzustellen, ob die Entleerung der Blase richtig funktioniert.
  • Genetische Untersuchung: In seltenen Fällen wird auch das Erbgut auf genetische Veränderungen untersucht, um eine erblich bedingte Polyneuropathie auszuschließen.

Differenzialdiagnosen

Zu den Differenzialdiagnosen gehören:

  • Restless-Legs-Syndrom
  • Engpass-Syndrome (z.B. Karpaltunnelsyndrom)

Therapie der Polyneuropathie

Die Therapie richtet sich nach den Ursachen, die zur Ausbildung einer Neuropathie geführt haben. Therapeutisch steht neben der Behandlung der Grunderkrankung die Behandlung des neuropathischen Schmerzes im Vordergrund.

Behandlung der Grunderkrankung

Ist der schädigende Mechanismus aufgeklärt, gilt es in erster Linie die Grunderkrankung zu therapieren. Hierzu gehört das Beheben eines Vitaminmangels, die Therapieoptimierung einer stoffwechselbedingten Erkrankung z.B. des Diabetes mellitus oder der Verzicht auf Alkohol. Es gibt unzählige stoffwechselbedingte oder immunvermittelte Ursachen (zum Beispiel das Guillain-Barré-Syndrom und andere immunvermittelte Neuropathien), die behandelt werden mit immunmodulierende Therapien wie Immunglobuline oder Plasmaaustausch oder Einsatz von Chemotherapeutika. Dies alles sind gut etablierte Behandlungsverfahren.

Vorliegende Grunderkrankungen, wie etwa Diabetes, werden behandelt. Liegt eine Vergiftung vor, muss das Gift ausgeschieden oder deaktiviert werden. Im Fall einer alkoholischen Polyneuropathie ist es für Patienten wichtig, Enthaltsamkeit zu üben und einen Entzug durchzuführen. Beim Vorliegen eines Vitamin-B12-Mangels werden die fehlenden Vitamine in Tablettenform verabreicht.

Symptomatische Therapie

Beschwerden, die mit der Polyneuropathie verbunden sind, lassen sich teilweise durch Medikamente lindern. Hier werden neben üblicher Schmerzmittel meist Medikamente gegen neuropathische Schmerzen verwandt, die in andere Dosierungen eingesetzt werden, um Epilepsien oder Depressionen zu behandeln. Hautschädigungen und Wundheilungsstörungen müssen vermieden werden. Gangtraining im Rahmen einer intensivierten Physiotherapie und durch Eigenübungen ist ebenfalls sinnvoll, um Stürzen und der en Folgen vorzubeugen.

Bei neuropathischen Schmerzen aufgrund einer PNP werden zur symptomatischen Therapie folgende Substanzen empfohlen:

  • Antikonvulsiva mit Wirkungen auf neuronale Kalziumkanäle (Gabapentin, Pregabalin)
  • Tri- oder tetrazyklische Antidepressiva
  • SSNRI (z.B. Duloxetin)
  • Opioide Morphin-Agonist-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (MOR-NRI, z.B. Tapentadol)
  • Alpha-Liponsäure (evtl. in Einzelfällen bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie)
  • Capsicain-Pflaster (evtl bei HIV-assoziierter schmerzhafter Polyneuropathie

Nicht-medikamentöse Therapien

  • Transkutane Nervenstimulation (TENS) bei Schmerzen
  • Physiotherapie (Stärkung der Muskulatur, Kompensation pathologischer Bewegungsabläufe)
  • Ergotherapie
  • Elektrobehandlung gelähmter Muskeln
  • Physikalische Therapie (Wechsel- und Bewegungsbäder, warme und kalte Wickel)
  • Psychotherapie (v.a. bei chronischen Schmerzen)

Homöopathie und Akupunktur

Eine homöopathische Therapie erfolgt meist zur Linderung von Beschwerden, wie Schmerzen, Missempfindungen und Kribbeln der Haut. Der Einsatz der jeweiligen Arzneimittel sollte unbedingt mit dem behandelnden Mediziner koordiniert werden. Akupunktur ist inzwischen eine bewährte Therapie, die bei Polyneuropathie begleitend auch im Rahmen der schulmedizinischen Behandlung empfohlen wird.

Wichtige Aspekte der Therapie im Alter

Neben der Behandlung der Grunderkrankung erweist sich im Alter die Behandlung des neuropathischen Schmerzes oft als komplex und herausfordernd, Studiendaten für alte Patienten stehen kaum zur Verfügung. Dabei sind alte Menschen deutlich vulnerabler als junge, da sie häufig von Multimorbidität, Mangelernährung, Sarkopenie und Gebrechlichkeit („frailty“) betroffen sind. Organinsuffizienzen und Multimedikation tragen zu einem höheren Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei.

Rehabilitation

Wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung. Physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sind als langfristige Behandlungen am effektivsten.

Leben mit Polyneuropathie

Um die Symptome einer Polyneuropathie zu lindern, ist regelmäßige Bewegung sehr wichtig. Bei einer durch Alkohol verursachten Polyneuropathie sollte auf Alkohol verzichtet werden, um eine Verschlimmerung zu verhindern. Polyneuropathien beeinflussen für gewöhnlich die Lebenserwartung nicht direkt, jedoch kann die Lebensqualität durch Symptome wie Schmerzen, verminderte Mobilität und die damit verbundene erhöhte Sturzgefahr eingeschränkt sein. Die effektivsten Maßnahmen gegen Polyneuropathie sind regelmäßige Bewegung oder Physiotherapie, eine ausgewogene Ernährung und gegebenenfalls die Substitution von Vitaminen.

Anpassungen im Alltag

Eine Polyneuropathie im Allgemeinen und damit auch bei einer Amyloidose-Polyneuropathie kann zu Einschränkungen im Alltag führen. Dies kann die Mobilität betreffen, das zu einer Einschränkung der Gangfunktionen, der Gangsicherheit, aber auch beispielsweise der Strecke, die selbstständig zurückgelegt werden kann, führen kann. Die Schmerzen, welche mit einer Polyneuropathie einhergehen können, sind auch manchmal so stark, dass sie zu einer Einschränkung der Lebensqualität führen können. Welche Anpassungen der Lebenssituation notwendig werden, ist abhängig vom Schweregrad der Polyneuropathie. Bei leichtgradigen Polyneuropathie-Symptomen kann es sein, dass die Lebensführung und die Arbeitsfähigkeit in keiner Art und Weise eingeschränkt sind. Mit zunehmender Schwere der Polyneuropathie kann es dann aber auch zu vermehrten Einschränkungen kommen, die beispielsweise die Mobilität, die Gangsicherheit und unter Umständen auch die selbstständige Lebensführung betreffen.

Hilfsmittel

Welche Hilfsmittel den Alltag erleichtern können, ist selbstverständlich auch abhängig vom Schweregrad der Polyneuropathie. Es gibt sehr viele Polyneuropathie-Patient:innen, welche keinerlei Hilfsmittel benötigen, um ihren Alltag gut bewältigen zu können. Bei leichten Gangstörungen können Gehstöcke unter Umständen zu einer besseren Gangunsicherheit beitragen.

Schuhauswahl

Bei Polyneuropathie-Patient:innen ist die Schuhauswahl wichtig, aus verschiedenen Gründen. Das Schuhwerk sollte stabil sein und einen guten Halt geben. Andererseits sollte die Sohle nicht zu hart sein, damit der Boden unter den Füßen noch besser gespürt werden kann.

Was Sie selbst tun können

Als betroffene Patientin und betroffener Patient können Sie selbst auch viel dazu beitragen, dass Ihre Lebensqualität erhalten bleibt. Wichtig ist dabei das regelmäßige Durchführen der physiotherapeutischen Übungen und des körperlichen Trainings, welches dazu geeignet ist, Ihre Selbstständigkeit und Mobilität zu erhalten. Auch die psychische Gesundheit ist wichtig. Wenn Sie guten Mutes sind und keine Depression haben, ist die Bewältigung einer chronischen Krankheit besser zu bewerkstelligen, als wenn das nicht der Fall ist.

Patientenorganisationen

Es gibt in den verschiedenen Ländern verschiedene Patientenorganisationen, die sich mit der Unterstützung von Patientinnen und Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen befassen. In Deutschland und Österreich können sich Personen mit CMT-Neuropathie unter www.cmt-register.de registrieren.

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