Musikliebhaber schwärmen von ihren schönsten Konzerten, während andere völlig unbeeindruckt bleiben. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass einige Menschen immun gegen die Wirkung von Musik sind. Musik aktiviert die unterschiedlichsten Hirnregionen gleichzeitig, da Musik ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten erfordert: Hörsinn, Sehsinn, Tastsinn und Feinmotorik. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der Verarbeitung von Musik sogar das Broca-Areal beteiligt ist, eines der beiden Sprachzentren. Die Forschung zeigt, dass die Gehirne von Berufsmusikern sich auffällig von denen der Nichtmusiker unterscheiden. Bereiche, die für das Hören, das räumliche Sehen und das Umsetzen von Bewegung zuständig sind, waren bei Musikern deutlich vergrößert. Bildgebende Verfahren können zeigen, was im Gehirn beim Musikhören passiert, und erahnen lassen, wie viele Hirnareale beteiligt sind. Beim Musizieren oder Musikhören werden Endorphine ausgeschüttet, körpereigene Glückshormone, die auch beim Essen, Sport, Sex und durch Drogen produziert werden.
Einführung in Endorphine und das limbische System
Dieser Artikel befasst sich intensiv mit dem Thema Endorphine, den sogenannten Glückshormonen. Er wird in die faszinierende Welt der Neurobiologie eintauchen, um zu verstehen, was Endorphine sind, wie sie strukturell aufgebaut sind und warum sie als Neurotransmitter ein zentrales Element unseres Nervensystems sind. Des Weiteren wird erläutert, wie diese Hormone freigesetzt werden und warum sie oft mit dem Gefühl von Glück in Verbindung gebracht werden. Abschließend werden konkrete Beispiele gezeigt, wo im Körper Endorphine gebildet werden und wie man die Endorphinproduktion beeinflussen kann.
Das limbische System, ein wichtiger Teil des Gehirns, hilft uns, Gefühle zu empfinden, Erinnerungen zu speichern und unser Verhalten zu steuern. Es ist an Trieben wie Hunger, Durst oder Sexualität beteiligt. Strukturen wie der Hippocampus sind entscheidend für die Gedächtnisbildung, während andere Bereiche Triebe und Instinkte steuern. Emotionale Veränderungen und Gedächtnisbeeinträchtigungen können auf Störungen in diesem System hinweisen.
Was sind Endorphine?
Endorphine sind körpereigene Substanzen, die als Neurotransmitter fungieren und schmerzstillende sowie stimmungsaufhellende Wirkung besitzen. Sie sind Teil der menschlichen Antwort auf Schmerz, Stress und Freude. Endorphine dienen als natürliche „Wohlfühl“-Chemikalien des Körpers und sind verantwortlich für Gefühle wie Freude, Euphorie und Schmerzlinderung. Sie beeinflussen eine Vielzahl von physiologischen Funktionen, einschließlich den Appetit und das Immunsystem.
In der Chemie und Biologie sind Strukturformeln visuelle Darstellungen, die zeigen, wie die Atome eines Moleküls miteinander verbunden sind. Ein spezifisches Beispiel für ein Endorphin ist Beta-Endorphin, das eine Kette von 31 Aminosäuren ist.
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Endorphine sind Neurotransmitter, das heißt, sie übertragen Signale im Gehirn. Diese Signale können viele verschiedene Arten von Nachrichten sein, einschließlich Schmerzsignale und Signale, die Emotionen wie Freude oder Euphorie auslösen. Endorphine binden an spezielle Rezeptoren im Gehirn, die als Opioidrezeptoren bekannt sind. Opioidrezeptoren sind Proteine, die in der Zellmembran vorkommen und auf die Bindung von Opioiden wie Endorphinen reagieren.
Die Rolle von Endorphinen im Körper
Endorphine, oft auch als „Glückshormone“ bezeichnet, haben eine wesentliche und faszinierende Rolle in unserem Körper. Die Ausschüttung von Endorphinen findet im Körper auf natürliche Weise statt und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören körperliche Aktivität, Ernährung, Schlaf und Stresspegel. Bei Schmerz- oder Stresserfahrungen löst der Körper eine Kaskade von Reaktionen aus. Als Neurotransmitter haben Endorphine eine breite Palette von Funktionen im Körper, von der Schmerzlinderung bis zur Modulation des Immunsystems. Tatsächlich haben Endorphine sogar die Fähigkeit, das Wachstum von Krebszellen zu hemmen und helfen bei der Regulierung des Körpergewichts.
Die Wirkungen von Endorphinen umfassen:
- Schmerzlinderung: Durch die Anbindung an Opioidrezeptoren im Gehirn blockieren Endorphine Schmerzsignale.
- Stimmungsverbesserung: Endorphine sind bekannt dafür, bei der Verbesserung der Stimmung zu helfen. Es ist allgemein bekannt, dass Endorphine zu Gefühlen von Glück und Wohlbefinden beitragen.
- Weitere Wirkungen: Beruhigende Wirkung für verbesserten Schlaf und stressige Situationen, Stärkung des Immunsystems und Erhalt der psychischen und physischen Gesundheit, Regulierung von Hunger, Bildung von Sexualhormonen.
Wenn Endorphine an Opioidrezeptoren im Gehirn andocken, blockieren sie Schmerzsignale und lösen stattdessen positive Gefühle aus. Ein ähnlicher Mechanismus ist bei der Einnahme von stark wirkenden Schmerzmitteln wie Morphium erkennbar, wobei Endorphine eine sichere und gesunde Möglichkeit sind, um diese "Glücksgefühle" zu erzeugen. Die genauen Mechanismen, durch die all diese Aktivitäten und Erfahrungen die Freisetzung von Endorphinen hervorrufen, werden noch erforscht.
Endorphine im Alltag
Endorphine sind wichtige Neurotransmitter und spielen eine entscheidende Rolle in alltäglichen Körpervorgängen. Einige Beispiele sind:
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- Körperliche Aktivität: Bei intensiven körperlichen Aktivitäten wie Laufen, Crossfit oder Yoga werden während und nach dem Training Endorphine freigesetzt. Es ist das „Runner's High“ - das Gefühl der Euphorie und die Weigerung, Schmerzen zu empfinden, trotz der anstrengenden Aktivität.
- Lachen: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Lachen tatsächlich die Freisetzung von Endorphinen im Gehirn auslösen kann.
- Schokolade: Das angenehme, beruhigende Gefühl nach dem Verzehr von Schokolade ist wahrscheinlich die Wirkung von Endorphinen.
Produktionsorte und Beeinflussung der Endorphinproduktion
Endorphine werden hauptsächlich im zentralen Nervensystem, genauer im Hypothalamus und in der Hypophyse, produziert. Der Hypothalamus ist eine kleine Region im Gehirn, die eine Vielzahl von Funktionen regelt, einschließlich der Freisetzung von Hormonen und der Regulierung der Körpertemperatur. Die Freisetzung der Endorphine erfolgt als Reaktion auf bestimmte Stimuli, wie körperliche Anstrengung, Stress, Schmerz und bestimmte Nahrungsmittel, wie Schokolade.
Es gibt verschiedene Methoden, wie man auf natürliche Weise die Produktion von Endorphinen im Körper erhöhen kann:
- Regelmäßige Bewegung: Sport und andere Formen intensiver körperlicher Aktivität können die Endorphinproduktion erheblich erhöhen.
- Positives Denken: Positive Emotionen, wie Glück, Freude und Liebe, können ebenfalls die Endorphinproduktion erhöhen.
- Weitere Methoden: Lachen, Sonneneinstrahlung, der Konsum von bestimmten Lebensmitteln wie Chili, Avocado, Nüssen, Kefir, Beeren oder Sauerkraut (alles Lebensmittel mit einem hohen Probiotika-Gehalt) können ebenfalls die Endorphinproduktion fördern.
Alle diese Methoden können dazu beitragen, die Endorphinausschüttung und somit das allgemeine Wohlbefinden zu erhöhen. Es ist jedoch wichtig zu bemerken, dass jeder Mensch einzigartig ist und was bei einem Individuum funktionieren könnte, die gewünschten Ergebnisse nicht auf eine andere Person übertragen könnte.
Die Rolle von Endorphinen beim Laufen
Wenn es um Joggen und Endorphine geht, liegt das Thema schnell auf dem Tisch: das Runner’s High. Bei der Frage, wie genau dieser Zustand im Körper entsteht, gehen die Meinungen weiter auseinander. Weitläufig heißt es, die Freisetzung von Endorphinen sorge dafür, dass wir bei extrem langen Läufen (Marathon, Ultradistanzen) trotz Erschöpfung und Schmerzen das Ziel erreichen und allgemein bei Ausdauerbelastungen in einen Zustand der Euphorie kommen. Eigentlich ist man sich aber gar nicht einig, ob Endorphine oder körpereigene cannabisähnliche Stoffe das sogenannte Runner’s High erzeugen. Grund ist die Blut-Hirn-Schranke, für deren Durchdringung das Molekül Endorphin eigentlich zu groß sei.
Schon 2008 konnten Forscher der TU München nachweisen, dass bei einer Ausdauerbelastung wie dem Laufen tatsächlich Endorphine an die Opiatrezeptoren des Gehirns andocken und so schmerzreduzierend wirken und für das bekannte Hochgefühl sorgen. In der Studie liefen die Sportler zwei Stunden lang. Die Endorphine wurden dabei vor allem im Frontallappen und im limbischen System des Gehirns freigesetzt, zwei Gehirnregionen, die für das emotionale Befinden maßgeblich sind.
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Da Endorphine unter anderem dann ausgeschüttet werden, wenn der Körper unter Stress gerät, erleben Läuferinnen und Läufer das Runner’s High insbesondere dann, wenn sie kurz vorher aufgrund von Erschöpfung aufgeben wollten, mindestens aber eine Stunde laufend mit einem Puls von etwa 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz (HFmax) unterwegs waren. Nicht nur die langen Läufe sollen den Beta-Endorphin-Spiegel im Körper erhöhen, sondern auch intensive Tempoläufe und Intervalltraining.
Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie (RCT) aus dem Jahr 2021 zeigt wiederum, dass die Besetzung der Cannabis-Rezeptoren für das Runner’s High ausschlaggebend sein soll und die Opiatrezeptoren gar nicht relevant seien. Diese Studie wurde allerdings an Mäusen durchgeführt.
Zusätzlich scheint das Hormon Leptin eine Rolle für das Hochgefühl beim Laufen zu spielen. Es wird von Fettzellen freigesetzt, wenn bei Hunger der Fettstoffwechsel angekurbelt wird.
Ob Endorphine, cannabisähnliche Stoffe, Leptin oder die Kombination aus allen drei Möglichkeiten: Laufen macht glücklich! Das ist die wichtigste Erkenntnis.
Möglicherweise ist die Anzahl der Opiatrezeptoren, die Endorphine aufnehmen und damit die Stärke des Glücksgefühls beeinflussen kann, genetisch vorgegeben. Und vielleicht ist das Bedürfnis, viel und lange zu laufen, damit ebenfalls in unseren Genen veranlagt. Auch zu diesen Theorien laufen die wissenschaftlichen Untersuchungen noch. Wir sind auf die Ergebnisse gespannt.
Ergebnisse verschiedener Studien zeigen eine Freisetzung von Endorphinen bei Ausdauerbelastungen wie Joggen nach 45 bis 120 Minuten. Die Belastungsherzfrequenz, mit der die Sportlerinnen und Sportler dabei laufen, scheint eine entscheidende Rolle zu spielen. Je höher die durchschnittliche Herzfrequenz bei einem Lauf, desto schneller eine stimmungsaufhellende Wirkung durch Endorphine.
Die Halbwertszeit von Endorphinen im menschlichen Körper und damit die Wirkdauer beträgt 15 bis 20 Minuten. In Untersuchungen gaben Probanden allerdings an, bis zu 48 Stunden nach einem positiven Erlebnis in besserer Stimmung zu sein.
Endorphinmangel und seine Folgen
Da Endorphine für unseren Gemütszustand zuständig sind und bei vermehrter Ausschüttung für eine positive Stimmung sorgen, bewirkt ein Mangel an Endorphinen genau das Gegenteil: Man wird gereizt, antriebslos und in manchen Fällen sogar depressiv. Dementsprechend betroffene Personen entwickeln mitunter ein an Sucht grenzendes Verhalten, um mit anderen Mitteln, z. B. durch Alkohol, in einen „Rausch“ zu gelangen. Treten die negativen Anzeichen eines Endorphin-Mangels regelmäßig auf, können Bewegung, ein Aufenthalt in der Sonne oder auch ein herzliches Lachen helfen.
Weitere Glückshormone
Zusätzlich zu den Endorphinen werden im Körper noch weitere „Glückshormone“ gebildet:
- Serotonin: Nimmt an Prozessen im zentralen Nervensystem teil und sorgt für mehr Elan, vor allem dann, wenn die Tage nach dem Winter länger und heller werden.
- Dopamin: Leitet Gefühle und Empfindungen weiter, kontrolliert die Durchblutung innerer Organe und leitet Impulse an Muskeln weiter.
- Noradrenalin: Steuert unseren Wachheits- und Aufmerksamkeitsgrad und wird vor allem in geistigen und körperlichen Stresssituationen ausgeschüttet.
- Phenethylamin: Verantwortlich für unser Lust- und Glücksempfinden, wenn hierfür körperliche oder psychische Ursachen vorliegen.
- Oxytocin: Reduziert das Gefühl von Angst und Stress und fordert das allgemeine Wohlbefinden, auch als "Kuschelhormon" bekannt.
Endorphine und das Belohnungssystem im Gehirn
Das Belohnungssystem im Gehirn reagiert bei jüngeren Menschen stärker auf Belohnungsreize als bei älteren. Dies hängt damit zusammen, dass der Botenstoff Dopamin mit zunehmendem Alter in geringeren Mengen hergestellt wird, wie ein Forscherteam herausfand. Als Belohnungssystem des Gehirns gilt die Verbindung von Mittelhirnregionen mit dem entwicklungsgeschichtlich sehr alten limbischen System und in Strukturen des Vorderhirns. Dabei ist Dopamin der Hauptbotenstoff. Im Mittelhirn ausgeschüttetes Dopamin erzeugt die Erwartung von Belohnung und Lust. In Strukturen des Vorderhirns werden daraufhin Endorphine freigesetzt, die Glücksgefühle auslösen. Störungen des Belohnungssystems spielen bei der Entstehung von Sucht, Depression und vielleicht auch der Schizophrenie eine Rolle.
Studien zeigen, dass das Gehirn Belohnungsreize mit zunehmendem Alter anders verarbeitet und dass dies mit Veränderungen im Dopaminsystem zusammenhänge.
Sucht und das limbische System
Wer an einer Suchterkrankung leidet, dessen Gehirn hat sich verändert. Lernen, sich anstrengen, arbeiten - was uns antreibt, ist unser ständiges Verlangen nach Belohnung: Durch eine gute Note, ein höheres Gehalt oder mehr Anerkennung. Auslöser dafür ist unser Belohnungssystem. Entwickelt hat es sich, um uns zur Selbsterhaltung und zur Erhaltung der Art zu motivieren, indem wir Nahrung suchen und uns fortpflanzen. Doch uns moderne Menschen führt das Belohnungssystem auch dazu, dass wir von manchen Dingen gar nicht genug bekommen können.
Besonders gefährlich wird es, wenn Menschen eine Art Abkürzung auf dem Weg zur neuronalen Belohnung nehmen: über Zigaretten, Alkohol oder eine Dosis Kokain - also jegliche Art von Drogen. Drogen wirken durch unterschiedliche Mechanismen und auf verschiedene Rezeptoren im Gehirn. Gemein ist aber allen, dass sie das Belohnungssystem mithilfe des Botenstoffs Dopamin aktivieren. Und das deutlich stärker, als alle natürlichen Belohnungen, die wir kennen. Amphetamine beispielsweise setzen bei Versuchstieren zehnmal mehr Dopamin frei als Nahrungsaufnahme oder Sex. Doch das Schlimme: Das Gehirn merkt sich, welche Stoffe zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen nach den belohnenden Substanzen wird dadurch stärker, komplexe neuronale Anpassungsprozesse setzen ein und diese Adaptation verändert das Gehirn nachhaltig. Die enge Interaktion von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion bedingen so ein Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird und schließlich in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster mündet.
Auf dem Weg zur Sucht sind mehrere Schritte besonders bedeutsam. Zunächst kommt es zu einer Gewöhnung an das durch die Substanzen ausgelöste Gefühl der Leichtigkeit und Euphorie. Diese Gewöhnung wird im Fachjargon als Habituation bezeichnet. Gleichzeitig wird der Suchtkranke immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffes in Verbindung stehen, zum Beispiel der Anblick eines Bierglases. Immer wird er an das schöne Gefühl bei Konsum der Droge erinnert und möchte dem Verlangen nach der Substanz nachgeben, was als Sensitivierung (Habit-Bildung) bezeichnet wird. Da gleichzeitig eine Toleranzentwicklung einsetzt, reicht dem Suchtkranken die letztmalige Dosis nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu entwickeln - und er muss immer mehr konsumieren.
Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems. „Mesolimbisch“ beschreibt dabei die Position der Protagonisten des Belohnungssystems: Im Mittelhirn, dem Mesencephalon, findet sich das ventrale tegmentale Areal (VTA), dessen Neurone ihre dopaminerge Botschaft über lange Faserzüge an andere Regionen des Gehirns senden. Allen voran den Nucleus accumbens, der von seiner Funktion her oft zum limbischen System gezählt wird, das viele wichtige Strukturen umfasst, die bei Gedächtnisprozessen und Emotionen eine tragende Rolle spielen. Manche Anatomen sehen auch Teile des präfrontalen Cortex als zum limbischen System gehörig - und auch dort finden sich direkte Eingänge aus dem ventralen Tegmentum. Während diese Teile des präfrontalen Cortex dafür verantwortlich sind, dass wir in unterschiedlichen Situationen zielgerichtet handeln können, entstehen unsere Emotionen, insbesondere Freude, vor allem im mesolimbischen System. Auch das Belohnungssystem ist hier lokalisiert. Der präfrontale Cortex interagiert intensiv mit diesen Netzwerken.
„Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen“, erklärt eine Neurowissenschaftlerin. „Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt. Die kognitive Kontrolle nimmt dann ab!“ Diese kognitive Kontrolle über impulsives Verhalten und Automatismen wird auch als Top-Down-Hemmung bezeichnet. Umgekehrt sprechen die Wissenschaftler von Bottom-Up-Prozessen, wenn Reize wahrgenommen werden, in tieferen Hirnregionen verarbeitet und dann an höhere Hirnregionen wie den präfrontalen Cortex weitergeleitet werden. „Bei Suchtpatienten kann das mesolimbische System durch diese Bottom-Up-Prozesse den präfrontalen Cortex sozusagen ‚kidnappen‘“, sagt die Neurowissenschaftlerin.
Durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (MRT) konnten in den letzten Jahren die neurobiologischen Adaptationsmechanismen im Rahmen von Abhängigkeitserkrankungen immer genauer verstanden werden. Ein besonders bedeutendes Kerngebiet im mesolimbischen System ist dabei das so genannte Striatum. Es wird in einen ventralen (nach vorne gerichteten) Teil und einen dorsalen (zum Rücken gerichteten) Teil unterschieden. Im ventralen Striatum ist auch der Nucleus accumbens lokalisiert, der als das „Lustzentrum“ im Gehirn gilt. „In bildgebenden Studien lässt sich beobachten, dass bei zunehmender Abhängigkeit die Aktivierung vom ventralen Striatum in das dorsale Striatum wandert“, erklärt die Neurowissenschaftlerin. Dieser Shift von ventral nach dorsal könnte damit im Zusammenhang stehen, dass sich auch das Verhalten von Suchtkranken in Bezug auf Drogen im Verlauf ändert. Während die Abhängigen anfangs noch freiwillig und zum Vergnügen konsumieren, verlieren sie zunehmend die Kontrolle über ihr Verhalten und sehen sich immer stärker gezwungen, Drogen zu nehmen.
Umkehren lassen sich diese Mechanismen kaum. „Das Gehirn hat keine Löschfunktion“, gibt ein Forscher zu Bedenken. „Aber man kann neue Dinge lernen, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen.“ Anfangs müsse das Erlernen neuer Verhaltensweisen allerdings sehr bewusst erfolgen, später werde es dann mehr und mehr selbstverständlich. „Doch auch nach längerer Abstinenzzeit wird es immer wieder Situationen geben, die das Suchtverhalten reaktivieren können“, erklärt der Forscher.
Kritik an der Endorphintheorie im Sport
Manches haben wir doch wirklich lieb gewonnen, wie zum Beispiel den reichlichen Kohlenhydrat-Genuss vor einem Wettkampf. Doch dann findet wieder einer raus, dass es gar nicht die Zückerchen sind, die uns schnell machen, sondern dass Fett (IMTG´s) soll ebenso entscheidend für die Rennpower sein. Wenn jetzt aber jemand kommt, der uns die Endorphine auch noch nehmen will, dann mache ich das nicht mehr mit. Ich liebe meine Endorphine! Dieses wunderbare Gefühl, nach einem hartem Training, diese Befriedigung nach einem gelungenen Wettkampf, die gute Laune beim Laufen, dass machen doch alles die Endorphine. Oder?
Die Sache mit den Endorphinen soll so sein: Sie werden bei intensiver Aktivität freigesetzt und fluten das Gehirn; Schmerzen werden betäubt, ein Gefühl von Euphorie stellt sich ein. "Ab einer bestimmten Schwelle, diese liegt bei ungefähr 4 millimol Lactat, kommt es zu einer Ausschüttung von Endorphinen. So wird es denn immer wieder kolportiert: Die Endorphine sind schuld am runner's high. Doch ganz so simpel ist die Geschichte nicht.
Ein Wissenschaftler rät dringend, sich "kritisch mit der Endorphintheorie" auseinander zu setzen. Seine Zweifel verdichteten sich im Lauf der Forschung. So können Probanden nach dem Zieleinlauf beim Marathon zum Beispiel nur an der Körperperipherie untersucht werden - was keinen Sinn ergibt, denn nur Werte aus dem Gehirn hätten wirklich Aufschluss über die Hypothese gegeben. Nicht einmal bei der Forschung an der "Peripherie" konnte der Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen den bei exzessivem Sport freigesetzten Endorphinen und einem runner's high feststellen. Er ließ elf Ausdauerathleten 80 Kilometer rennen - danach wurde bei dreien ein erhöhter Endorphinpegel gemessen. Aber dieses Trio fühlte sich beileibe nicht - wie gemäß der Theorie zu erwarten - besser oder glücklicher als die restlichen acht Läufer.
Für eine Langzeituntersuchung stellten sich 40 Frauen und Männer einer Langzeituntersuchung. Eine Zehnergruppe schuftete sich durch ein hartes Ausdauertraining; eine zweite quälte sich im Fitnessstudio; eine dritte genoss einen Entspannungskurs; und die letzte nahm an einer Rückenschule teil. "Nun hätte man - wenn denn die runner's high-Theorie zutrifft - annehmen müssen, dass bei den Teilnehmern der ersten zwei Gruppen im Lauf des Experiments die Endorphinkonzentration im Vergleich zu den anderen Probanden deutlich hätte ansteigen müssen. Das war aber überhaupt nicht der Fall. Wir konnten keine Abweichungen feststellen."
Die Sache mit der Rauscherzeugung durch Sporttreiben und dem daraus resultierenden Auslösen einer Sucht sei "mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht haltbar", resümiert der Wissenschaftler. "Der Sportler gerät im besten Fall in einen Flowkanal. Er hat sich auf ein Ereignis - zum Beispiel eben einen Marathonwettbewerb - akkurat vorbereitet, hat seine Möglichkeiten realistisch eingeschätzt und sich dann ehrgeizige Ziele gesetzt. Und wenn er während des Rennens merkt, dass alles so klappt, wie er sich das vorgestellt hat, macht ihn das glücklich. Wir alle kennen dieses Gefühl, wenn wir Hindernisse überwinden und uns einem großen Ziel nähern.
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