Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das uns ermöglicht, zu denken, zu fühlen und zu handeln. Lange Zeit wurde angenommen, dass unser Großhirn, der Sitz unseres Denkvermögens, Verstandes und Willens, die Hauptrolle bei der Steuerung unseres Verhaltens spielt. Doch die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass das sogenannte limbische System eine bisher unterschätzte Rolle spielt. Dieses System, ein Erbe unserer Vorfahren, funktioniert wie ein Autopilot und beeinflusst unbewusst viele unserer Entscheidungen und Verhaltensweisen.
Die Rolle des limbischen Systems
Das limbische System ist ein entwicklungsgeschichtlich alter Teil des Gehirns, der sich zwischen dem Großhirn und dem Hirnstamm befindet. Es ist das emotionale Zentrum unseres Gehirns und zuständig für Gefühle, Triebe und Affekte. Hier entstehen Emotionen wie Bindung, Wut, Angst und Lust.
Im Gegensatz zu unserem Großhirn, das Fakten und Argumente abwägt, reagiert das limbische System blitzschnell und instinktiv. Es ist ein Erbe unserer Vorfahren aus der Steinzeit, die in Gefahrensituationen, wie der Begegnung mit einem Säbelzahntiger, keine Zeit für lange Überlegungen hatten. Sie mussten sofort entscheiden, ob sie kämpfen oder fliehen. Ihr limbisches System übernahm in solchen Situationen das Steuer.
Auch heute noch übernimmt das limbische System unbewusst viele Entscheidungen für uns. Laut Robert Egger, Managementberater und Neurophysiker, treffen wir permanent und unbewusst emotionale, subjektive und von der Situation abhängige Urteile. Wir denken also nicht bei allem nach, was wir tun, sondern übergeben unbewusst an unseren Autopiloten - das limbische System.
Das limbische System im Stress
Unter Stress schaltet das System um. Der präfrontale Cortex wird energetisch "heruntergefahren", und unser rationales Gehirn geht offline. Dafür übernimmt der Überlebensmodus. Der Körper macht sich kampfbereit: Atmung schneller, Pulshoch, Tunnelblick an. "Schnelles Denken" übernimmt: impulsiv, binär, reaktiv. Die Welt wird eng und bedrohlich. Wir sehen weniger Optionen - und mehr Gegner.
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Die Auswirkungen auf unser Verhalten
Das limbische System beeinflusst unser Verhalten in vielfältiger Weise. Es steuert nicht nur unsere Reaktionen auf Gefahren, sondern auch unsere sozialen Interaktionen, unsere Entscheidungen und unsere Motivation.
Emotionale Reaktionen
Das limbische System ist maßgeblich an der Entstehung von Emotionen beteiligt. Es bewertet Situationen und löst entsprechende emotionale Reaktionen aus. So kann es beispielsweise bei der Wahrnehmung einer Gefahr Angst auslösen oder bei der Begegnung mit einem geliebten Menschen Freude.
Soziale Interaktionen
Als soziale Spezies sind wir auf enge Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen. Das limbische System spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung dieser Beziehungen, indem es Emotionen wie Liebe, Zuneigung und Empathie steuert. Es ermöglicht uns, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen.
Entscheidungen
Auch bei unseren Entscheidungen spielt das limbische System eine wichtige Rolle. Es bewertet Optionen emotional und beeinflusst so unsere Wahl. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer Schädigung im präfrontalen Cortex, dem Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungen zuständig ist, häufig unvernünftige Entscheidungen treffen, weil ihnen das notwendige emotionale Gedächtnis für frühere vergleichbare Situationen fehlt.
Motivation
Das limbische System ist auch für unsere Motivation verantwortlich. Es belohnt uns für Verhaltensweisen, die für unser Überleben und unsere Fortpflanzung wichtig sind, indem es Glücksgefühle auslöst. Diese Belohnungen motivieren uns, diese Verhaltensweisen zu wiederholen.
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Das limbische System in der Führung
Die Erkenntnisse der Hirnforschung über die Rolle des limbischen Systems können auch für Führungskräfte von Bedeutung sein. Sie können helfen, Mitarbeiter besser zu verstehen und effektiver zu führen.
Unbewusste Urteile
Führungskräfte sollten sich bewusst sein, dass auch sie von ihrem limbischen System beeinflusst werden und nicht immer sachlich urteilen. Ein Beispiel: Eine Führungskraft könnte einen schlampig gekleideten Ingenieur negativer beurteilen als einen gepflegten Ingenieur, obwohl dessen fachliche Kompetenz gleich ist.
Veränderungen
Das limbische System wiederholt gerne Bekanntes und Gewohntes. Bei Veränderungen hat es zu kämpfen, da sich das Großhirn einschalten muss, was anstrengender ist. Führungskräfte sollten dies berücksichtigen und Veränderungen so gestalten, dass sie für die Mitarbeiter nicht als Bedrohung wahrgenommen werden.
Mitarbeiterentwicklung
Um eine Verhaltensänderung bei Mitarbeitern zu erreichen, reicht Faktenwissen nicht aus. Der Mitarbeiter muss selbst erkennen, dass er etwas nicht kann. Führungskräfte können dies fördern, indem sie den Mitarbeiter eine Aufgabe übertragen, die er nur mit neu erworbenem Wissen umsetzen kann. Scheitert der Mitarbeiter, sollte die Führungskraft ihm vermitteln, dass dies eine Chance ist, etwas zu lernen.
Strategien zur bewussten Beeinflussung des limbischen Systems
Obwohl wir unser limbisches System nicht direkt austricksen können, gibt es Strategien, mit denen wir es bewusst beeinflussen können, um unser Verhalten und unsere Reaktionen in stressigen Situationen besser zu steuern.
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Selbstwahrnehmung
Der erste Schritt zur bewussten Beeinflussung unseres limbischen Systems ist die Selbstwahrnehmung. Wir müssen lernen, unsere eigenen Stressmuster zu erkennen. Wie reagieren wir, wenn unser Stress-Ich übernimmt? Was sind die Auslöser? Wie fühlt sich unser Körper an? Welche negativen Gedanken kommen auf?
Entschleunigung
Wenn wir den Wandel zu unserem Stress-Ich bemerken, ist es wichtig, innezuhalten und bewusst zu werden. Wir sollten uns entscheiden, nicht weiter in dieses Muster hineinzurennen. Stattdessen können wir versuchen, vom schnellen ins langsame Denken zurückzuwechseln, indem wir beispielsweise tiefe Atemzüge nehmen, uns kurz bewegen oder mit jemandem sprechen, der uns wieder auflädt.
Neubewertung
Wir können unser Verhältnis zu Stress neu definieren, indem wir ihn nicht als Gegner, sondern als Signalgeber sehen. Wir können lernen, mit mehr Leichtigkeit und Selbstmitgefühl durch Druckphasen zu gehen, indem wir uns fragen, warum uns etwas stresst, ob alles perfekt sein muss oder ob wir die Situation allein lösen müssen.
Das limbische Erbe und die Körpersprache
Auch die Körpersprache wird maßgeblich von unserem limbischen Erbe beeinflusst. Joe Navarro, ein Experte für nonverbale Kommunikation, betont, dass nonverbale Kommunikation in der Regel unbewusst geschieht und daher als "ehrlicher" zu bewerten sei als inhaltliche Botschaften. Er knüpft an unser limbisches Erbe an, das für unbewusste Verhaltensformen verantwortlich ist.
Navarro gibt eine anschauliche Darstellung einzelner Ausdrucksformen der Körpersprache und ordnet sie in ein graduelles Raster ein. Er thematisiert auch dynamische Entwicklungen oder abrupte Veränderungen in der Körpersprache. Er warnt jedoch davor, seine Interpretationen als absoluten Maßstab zu betrachten, da persönliche Angewohnheiten, der situationsabhängige Kontext sowie soziale und kulturelle Prägung bei der Beurteilung nonverbaler Kommunikation zu berücksichtigen sind.
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