Die Verbindung zwischen der linken Gehirnhälfte und der Feinmotorik

Einführung

Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen der linken Gehirnhälfte und der Feinmotorik, insbesondere im Kontext von Links- und Rechtshändigkeit. Es werden wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Tipps und Hinweise für Lehrkräfte und Eltern gegeben, um Kinder optimal in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Grundlagen der Händigkeit und Gehirnhemisphären

Die Händigkeit, also ob jemand Links- oder Rechtshänder ist, wird höchstwahrscheinlich bereits bei der Geburt festgelegt. Dies ist unter anderem genetisch verankert und hängt damit zusammen, welche der beiden Gehirnhälften die dominantere ist. Jede unserer Gehirnhälften ist über die Hauptnervenstränge mit der jeweils gegenüberliegenden Körperseite verbunden. Sie werden also überkreuz gesteuert. Bei jedem Menschen ist eine dieser Gehirnhälften und somit auch eine der Hände führend. Eine dominante linke Gehirnhälfte führt zur Rechtshändigkeit. Eine dominante rechte dagegen zur Linkshändigkeit. Die dominante Hand ist in der Lage schneller, präziser und geschickter zu agieren. Sie übernimmt dementsprechend anspruchsvollere Aufgaben der Feinmotorik. Die nicht-dominante Hand agiert dabei eher als helfende Hand, indem sie die Handlung vorbereitet, begleitet und haltend unterstützt.

Motorische Geschicklichkeit ist keine Frage der Händigkeit

Laut einer groß angelegten internationalen Studie des Forschungsteams um Papadatou-Pastou (2020) liegt der offizielle Anteil an Linkshändern in der Weltbevölkerung bei etwa 10%. Dieser geringe Prozentsatz spiegelt aber nicht unbedingt die Realität wider, denn viele ursprüngliche Linkshänder:innen sind umerzogen worden auf die rechte Hand. Dementsprechend kursieren Schätzungen über den wahren Anteil an originären Linkshänder:innen, die zwischen 20 und sogar 50% liegen.

Was bis in die 1980er Jahre hinein gesellschaftlich noch gängige Meinung war, nämlich dass linkshändige Kinder auf die rechte Hand umzuerziehen seien, ist vor allem im Bewusstsein der Bildungsverantwortlichen glücklicherweise widerrufen. Von der „bösen“ und der „guten“ Hand spricht in der Regel niemand mehr.

Dies ist unter anderem der wissenschaftlichen Forschung zu verdanken, die bestätigt hat, dass Linkshänder:innen die gleiche Geschicklichkeit aufweisen wie Rechtshänder:innen. Auch beim Schreibenlernen sind Lernvoraussetzungen und Lernchancen bei Links- und Rechtshänder:innen identisch. Linkshänder:innen haben also keinerlei Nachteile, wenn sie mit ihrer starken Hand schreiben lernen.

Lesen Sie auch: Gehirn-Zusammenarbeit

Dennoch kommt es immer noch vor, dass linkshändige Kinder sich selbst auf die rechte Hand umtrainieren. Häufig sind es die Kinder selbst, die sich an die Allgemeinheit anpassen und sich eher unbewusst umschulen. Eine solche Umerziehung kann jedoch ernsthafte negative Folgen haben.

Die Rolle der Gehirnhälften

Die linke Gehirnhälfte ist bei den meisten Menschen für Sprache, Logik, analytisches Denken und die Steuerung der rechten Körperhälfte zuständig. Bei Rechtshändern dominiert die linke Hemisphäre, während bei Linkshändern die rechte Hemisphäre dominant ist. Allerdings ist die naive Vorstellung, dass das Gehirn der Linkshänder gespiegelt ist zu dem der Rechtshänder, schlicht falsch. Bei den Linkshändern zeigen sich die gleichen Asymmetrien wie bei den Rechtshändern, sie sind ein wenig abgeschwächter, das ist eigentlich alles. Linkshänder haben zum Beispiel ihr Sprachzentrum nicht in dem Ausmaß in der linken Hirnhälfte wie Rechtshänder. Die meisten Menschen haben ihr Sprachzentrum links. Bei den Rechtshändern sind es 95 Prozent, bei den Linkshändern immerhin noch etwa 70 Prozent.

Feinmotorik und Gehirn

Die Feinmotorik, also die präzisen Bewegungen der Hände und Finger, wird von den motorischen Arealen im Gehirn gesteuert. Diese Areale befinden sich in beiden Gehirnhälften, wobei die dominante Hemisphäre eine größere Rolle spielt. Die Feinmotorik ist eng mit anderen kognitiven Fähigkeiten verbunden, wie z.B. der visuellen Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit und dem Gedächtnis. Die Entwicklung der Feinmotorik ist ein wichtiger Meilenstein in der kindlichen Entwicklung und hat Auswirkungen auf viele Lebensbereiche, wie z.B. das Schreiben, Malen, Essen und Anziehen.

Umschulung der Händigkeit: Risiken und Folgen

Die Umschulung von Linkshändern auf die rechte Hand war früher gängige Praxis, wird aber heute als schädlich angesehen. Eine Umschulung kann zu einer Überforderung der nicht-dominanten Gehirnhälfte führen und die Entwicklung der natürlichen Fähigkeiten beeinträchtigen. Die Psychologin Johanna Barbara Sattler setzt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Händigkeit in unserer Gesellschaft auseinander. Sie geht davon aus, dass die Benutzung der falschen Schreibhand bzw. Umerziehung der Hand von links auf rechts schwerwiegende Probleme nach sich ziehen kann, angefangen mit Konzentrationsproblemen oder einer Beeinträchtigung der Feinmotorik über Lese- Rechtschreibschwierigkeiten oder ADHS-ähnliche Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Minderwertigkeitsgefühlen und Depression. Dies hängt damit zusammen, dass die jeweiligen Gehirnhälften in solchen Fällen jeweils dauerhaft über- bzw. unterfordert werden.

Mögliche Folgen einer Umschulung:

  • Konzentrationsprobleme
  • Beeinträchtigung der Feinmotorik
  • Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten
  • ADHS-ähnliche Verhaltensauffälligkeiten
  • Minderwertigkeitsgefühle
  • Depressionen
  • Gedächtnisprobleme
  • Wortfindungsstörungen
  • Psychische Probleme wie ausgeprägte Nervosität oder depressive Verstimmungen

Unterstützung von Linkshändern in der Schule

Es ist wichtig, Linkshänder in der Schule gezielt zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre natürlichen Fähigkeiten zu entfalten. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, was es mit dem Thema Linkshändigkeit auf sich hat, konnte ich unterstützende Maßnahmen ergreifen und meine Materialsammlung noch einmal überprüfen und ergänzen. Hier kommen meine praktischen Tipps für euch:

Lesen Sie auch: Was Sie über Kribbeln und Taubheit wissen müssen

Tipps für Lehrkräfte und Eltern:

  1. Aufklärung: Klärt eure Eltern und Kinder auf, wenn ihr die Vermutung habt, ein Kind könnte linkshändig veranlagt sein, sprecht mit den Eltern darüber und klärt sie auf, dass Linkshändigkeit nicht „unnormal“ ist, und warum es wichtig ist, dem Kind diese Präferenz zu lassen. Greift dieses Thema auch generell in der Klasse auf und räumt mit den diffusen Vorurteilen bei Kindern und Eltern auf.
  2. Schreibhaltung: Gebt Eltern und Kindern Tipps zum Schreibenlernen und sorgt für eine gute SchreibhaltungLinkshänder:innen verkrampfen oft in ihrer Handhaltung, was langfristig zu Haltungsschäden führen kann. Zeigt euren Linkshänder:innen, wie sie den Stift halten und ihr Blatt ausrichten, um eine lockere Schreib- und Malhaltung einnehmen zu können, und bleibt dran, denn diese Haltung will geübt werden. Für Linkshänder:innen sollte die Schreibfläche immer links liegen. Das Schreibpapier bzw. Heft sollte ca. 30 Grad schräg nach rechts unten geneigt sein. Dabei kann eine Markierung oder eine käuflich erwerbbare Unterlage helfen. Um eine verkrampfte Handhaltung zu vermeiden, sollten die Finger unter der Schreiblinie bleiben.
  3. Geeignete Werkzeuge: Eure Lernenden benötigen geeignete Werkzeuge und geeignetes MaterialGute ergonomische Schreibwerkzeuge sind essenziell für die Ausbildung einer guten Schreibmotorik, nicht nur für Linkshänder:innen. Aber diese brauchen Schreibutensilien, die speziell für sie entwickelt wurden. Dazu gehört übrigens auch ein linkshänderfreundlicher Computerplatz mit entsprechender Maus und auch Tastatur. Füller sind für Linkshänder:innen oft ein Problem aufgrund der empfindlichen Schreibfeder. Hier sind Tintenroller eine gute Alternative.
  4. Sitzordnung: Achtet auf die richtige SitzordnungLinkshänder:innen sollten immer links vom Rechtshänder/von der Rechtshänderin sitzen, weil die zwei sich sonst beim Schreiben in die Quere kommen. Ideal wäre, wenn das Licht von rechts vorne kommt.
  5. Unterstützung suchen: Meine persönliche Antwort auf diese Frage ist: gar nicht. In diesem Alter jedenfalls nicht verlässlich, wenn wir nicht entsprechend geschult sind. Ich habe der Mutter, die mich gebeten hatte, zu klären, ob ihr Junge Links- oder Rechtshänder ist, empfohlen, sich an einen Fachmann/eine Fachfrau zu wenden. Dafür gibt es speziell ausgebildete Linkshänderberater:innen. Aber auch viele Ergotherapeut:innen oder Ärzt:innen können unter Umständen bei dieser Einschätzung helfen.

Feinmotorik fördern

Die Förderung der Feinmotorik ist für alle Kinder wichtig, unabhängig von ihrer Händigkeit. Es gibt viele Möglichkeiten, die Feinmotorik spielerisch zu trainieren, wie z.B.:

  • Malen und Zeichnen
  • Basteln mit verschiedenen Materialien
  • Kneten
  • Perlen auffädeln
  • Spiele mit kleinen Gegenständen
  • Musizieren (Instrumente spielen)

Feinmotorik und Intelligenz

Philipp Martzog, Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart, hat in seiner Dissertation feststellen können, dass eine bessere Feinmotorik in den ersten Kindergartenjahren zu einem höheren Intelligenzniveau bei Vorschulkindern führen kann. Dieser Vorsprung betraf allerdings das schlussfolgende Denken und nicht den Wissenserwerb. Kindergartenkinder, die in der Feinmotorik fortgeschrittener waren, schnitten bei der Leseentwicklung in der ersten Klasse besser ab. Es sieht so aus, dass Feinmotorik wohl wichtig für die Wortschatzentwicklung ist, aber vor allem für diejenigen Worte, die im sinnlichen Erlebnis verankert sind.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Taubheitsgefühl

tags: #linke #gehirnhalfte #feinmotorik