Lorazepam ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine, der angstlösende, beruhigende, muskelentspannende und krampflösende Eigenschaften besitzt. Er wird hauptsächlich zur kurzzeitigen Behandlung von Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen sowie damit verbundenen Schlafstörungen eingesetzt. Obwohl Lorazepam ein breites Wirkspektrum aufweist und über langjährige Anwendungserfahrung verfügt, ist sein Einsatz bei Migräne umstritten und sollte nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
Wie Lorazepam wirkt
Lorazepam wirkt direkt an den Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen im Gehirn, den sogenannten Synapsen. Dort verstärkt es die Wirkung des inhibitorischen Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure). GABA hemmt die Erregungsfähigkeit der Nervenzellen, wodurch Lorazepam angstlösend, beruhigend, muskelentspannend und krampflösend wirkt.
Nach der Einnahme wird Lorazepam schnell und nahezu vollständig ins Blut aufgenommen und gelangt ins zentrale Nervensystem (ZNS). Der Körper verstoffwechselt Lorazepam, und etwa zwölf bis 16 Stunden nach der Einnahme ist die Hälfte der aufgenommenen Wirkstoffmenge wieder ausgeschieden, hauptsächlich über den Harn. Lorazepam zählt zu den mittellangwirksamen Benzodiazepinen, wobei seine Wirkung zwischen 6 und 12 Stunden anhält.
Anwendungsgebiete von Lorazepam
Lorazepam wird hauptsächlich zur kurzzeitigen Behandlung von:
- Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen
- Schlafstörungen, die mit Angstzuständen einhergehen
- Zur Beruhigung vor diagnostischen oder operativen Eingriffen
- Epileptischen Anfällen (Status epilepticus)
Lorazepam bei Migräne: Eine kritische Betrachtung
Obwohl Lorazepam nicht primär zur Behandlung von Migräne eingesetzt wird, gibt es Situationen, in denen es in Betracht gezogen werden kann. Einige Patienten berichten von einer Linderung ihrer Migränebeschwerden durch die beruhigende und angstlösende Wirkung von Lorazepam. Dies könnte insbesondere dann der Fall sein, wenn die Migräneattacken durch Stress oder Angst ausgelöst werden.
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Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Lorazepam keine spezifische Migränemedikation ist und die eigentlichen Ursachen der Migräne nicht behandelt. Zudem birgt die Einnahme von Lorazepam, insbesondere bei langfristiger Anwendung, erhebliche Risiken, wie z.B. Abhängigkeit und Toleranzentwicklung.
Anwendung von Lorazepam
Die am häufigsten verwendete Darreichungsform von Lorazepam sind Tabletten zur Einnahme. Für Patienten mit Schluckbeschwerden gibt es Schmelztabletten oder Injektionslösungen. Die Dosierung variiert je nach Anwendungsgebiet und liegt meist zwischen 0,5 und 2,5 Milligramm über den Tag verteilt oder am Abend.
Bei der Anwendung von Lorazepam sind folgende Punkte zu beachten:
- Die Dosis sollte so niedrig wie möglich und die Behandlungsdauer so kurz wie möglich sein (maximal zwei bis vier Wochen).
- Die Einnahme sollte nicht abrupt beendet werden, da dies zu Entzugserscheinungen führen kann. Stattdessen sollte die Dosis unter ärztlicher Aufsicht schrittweise reduziert werden.
- Lorazepam kann die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Daher sollten während der Einnahme keine Fahrzeuge oder Maschinen bedient werden.
- Alkohol sollte während der Einnahme von Lorazepam vermieden werden, da er die Wirkung des Medikaments verstärken kann.
Mögliche Nebenwirkungen von Lorazepam
Die Nebenwirkungen von Lorazepam resultieren meist direkt aus der erwünschten dämpfenden Wirkung:
- Müdigkeit, Schläfrigkeit und Benommenheit
- Mattigkeit, Muskelschwäche
- Verwirrtheit, Depressionen
- Schwindelgefühl
Bei Kindern, älteren Menschen und Menschen mit Erkrankungen des Gehirns kann Lorazepam paradoxe Reaktionen auslösen, wie z.B. Erregung, Unruhe, Schlafstörungen oder gesteigertes Angstempfinden.
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Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
Lorazepam darf nicht angewendet werden bei:
- Bekannter Benzodiazepin-Abhängigkeit
- Myasthenia gravis (autoimmun vermittelte Muskelschwäche)
- Atemfunktionsstörungen
- Überempfindlichkeit gegenüber Lorazepam
- Alter ≤ 1 Monat
Wird Lorazepam gleichzeitig mit anderen zentral dämpfenden Wirkstoffen eingenommen, können sich die Wirkungen gegenseitig verstärken. Das gilt zum Beispiel für Antipsychotika, angstlösende Mittel, Antidepressiva, Antiepileptika, Opioide und Antihistaminika.
Lorazepam in Schwangerschaft und Stillzeit
Benzodiazepine sollten während der Schwangerschaft und Stillzeit nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Bei Einnahme im letzten Schwangerschaftsmonat kann es beim Neugeborenen zum "floppy infant syndrome" (schlaffes Kleinkind-Syndrom) kommen. Wenn eine Mutter Einzeldosen von Lorazepam zur Akutbehandlung erhält, ist in der Regel keine Stillpause notwendig. In Kombination mit weiteren zentral aktiven Wirkstoffen kann es zu Nebenwirkungen beim Säugling (v.a. Sedierung) kommen.
Medikamente mit Lorazepam
Lorazepam ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz rezeptpflichtig und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Das bedeutet, dass die Verordnung des Wirkstoffes besonders streng geregelt ist.
Alternativen zu Lorazepam bei Migräne
Aufgrund der Risiken, die mit der Einnahme von Lorazepam verbunden sind, sollten bei Migräne zunächst andere Therapieoptionen in Betracht gezogen werden. Dazu gehören:
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- Schmerzmittel: Analgetika wie Ibuprofen oder Paracetamol können bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken helfen.
- Triptane: Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden können.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Entspannungsverfahren, Ausdauertraining, Biofeedback und Akupunktur können helfen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
- Vorbeugende Medikamente: Bei häufigen Migräneattacken können vorbeugende Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika eingesetzt werden.
Die Rolle von Medikamenten bei der Behandlung von Migräne
Die medikamentöse Behandlung der Migräne sollte immer individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Welche Medikamente geeignet sind, hängt von der Art und Häufigkeit der Migräneattacken sowie von individuellen Faktoren ab. Ziel der Behandlung ist es, die akuten Schmerzen zu lindern und zukünftige Anfälle zu verhindern.
Es ist wichtig zu beachten, dass eine regelmäßige Einnahme von Schmerzmedikamenten vermieden werden sollte, da bei zu häufiger Einnahme oder zu hoher Dosierung ein medikamentenbedingter Kopfschmerz entstehen kann.
Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze bei Migräne
Neben Medikamenten gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die bei der Behandlung von Migräne hilfreich sein können. Dazu gehören:
- Ausdauertraining: Regelmäßiges Ausdauertraining wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen kann die Häufigkeit und Intensität von Schmerzattacken positiv beeinflussen.
- Biofeedbacktherapie: Beim Biofeedback wird die bewusste Kontrolle über die körpereigenen Funktionen trainiert, um gezielter gegen Schmerzattacken vorgehen zu können.
- Entspannungstherapie: Entspannungsübungen wie Progressive Muskelrelaxation (PMR) können helfen, Schmerzen zu mindern und die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): KVT kann helfen, psychische Faktoren und ungünstige Stressbewältigungsstrategien abzubauen, die Migräneattacken auslösen können.
- Beratung des Patienten (Edukation): Eine Migräneberatung kann das Auftreten von Kopfschmerzen reduzieren und die Lebensqualität verbessern.
Die Bedeutung der Selbsthilfe bei Migräne
In vielen Regionen gibt es Selbsthilfegruppen für Menschen mit Migräne. Der Austausch von Erfahrungen, Informationen und Tipps zur Behandlung kann dabei helfen, die Krankheit besser zu bewältigen. Es ist hilfreich, die Dauer, Stärke, vermutete Auslöser und Symptome einer Migräneattacke regelmäßig in einem Kopfschmerzkalender zu dokumentieren.