Verlorener Stress als Migräneursache: Ein umfassender Überblick

Eine Migräne ist weit mehr als nur ein gewöhnlicher Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch starke, pulsierend-pochende Kopfschmerzen äußert, die oft im Bereich der Stirn, Schläfen und Augen lokalisiert sind. Häufig tritt der Schmerz einseitig auf und kann sich bei körperlicher Aktivität verstärken. Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit sind keine Seltenheit. In einigen Fällen gehen der Migräne neurologische Störungen voraus, wie z. B. Sehstörungen (Flimmersehen oder Gesichtsfelddefekte), was als Migräne mit Aura bezeichnet wird.

Migräne: Eine vielschichtige neurologische Erkrankung

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die nicht durch ein stressiges Leben entsteht. Sie ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit.

Im Laufe ihres Lebens leiden rund 70 Prozent der Deutschen zumindest zeitweise an Kopfschmerzen, die teils auch den Alltag der Betroffenen einschränken. Zu unterscheiden sind hier primäre und sekundäre Kopfschmerzen. Die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet über 240 verschiedene Arten, bei denen - wie auch bei Migräne - der Kopfschmerz selbst die Erkrankung darstellt.

Migräne mit Aura

Bei etwa 15 % aller Migränepatienten tritt eine Migräneaura auf. Diese Aura kann sich durch einseitige Gefühlsstörungen oder Lähmungen, Sprachstörungen oder eine Kombination dieser Störungen äußern und bis zu einer Stunde andauern.

Chronische Migräne

Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn die migräneartigen Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen im Monat auftreten, länger als 4 Stunden andauern und mindestens über die letzten 3 Monate bestehen. Weltweit leiden schätzungsweise 1-4 % der Bevölkerung unter täglichen oder fast täglichen Migräneattacken.

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Häufigkeit und Betroffenheit

Etwa 8 % aller Männer und 20 % aller Frauen sind von Migräne betroffen. Oft beginnen die Migräneattacken bereits in der Pubertät, wobei Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen sind. Nach der Pubertät leiden Frauen bis zu dreimal häufiger an Migräne als Männer, was auf hormonelle Einflüsse zurückzuführen ist. Die höchste Wahrscheinlichkeit, an Migräne zu erkranken, besteht zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr.

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass es im Hirnstamm, der Verbindung zwischen Rückenmark und Großhirn, Regionen gibt, die durch schmerzvermittelnde Botenstoffe (Neurotransmitter) aktiviert werden. Eine genetische Veranlagung spielt ebenfalls eine Rolle, wodurch bestimmte Auslöser und Alltagssituationen wie Überlastungen oder Stress eine Attacke entstehen lassen können.

Trigger-Faktoren

Zu den häufigsten Trigger-Faktoren zählen:

  • Konsum von Alkohol, Koffein und Nikotin
  • Wetterveränderungen
  • Änderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Angestrengtes Lesen oder Fernsehen
  • Äußere Einflüsse

Diagnose von Migräne

Die Diagnose von Migräne erfolgt in den meisten Fällen anhand der Krankengeschichte (Anamnese), die der Patient dem Arzt berichtet. Dabei ist es wichtig zu erfahren, wie lange die Kopfschmerzattacken andauern und welche Begleitsymptome auftreten. Auch Informationen über das Auftreten von Kopfschmerzen in der Familie sind von Bedeutung, da einige primäre Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne familiär gehäuft auftreten.

Neurologische Untersuchung und Bildgebung

Die Anamnese wird durch eine körperliche Untersuchung ergänzt, bei der der Arzt eine neurologische Untersuchung vornimmt. Bei primären Kopfschmerzerkrankungen ist diese in der Regel unauffällig. Werden auffällige Befunde erhoben, muss geklärt werden, ob diese im Zusammenhang mit den Kopfschmerzen stehen oder durch andere Erkrankungen verursacht sind.

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Besteht die Notwendigkeit ergänzende Untersuchungen vorzunehmen, wird in aller Regel eine Bildgebung des Gehirns veranlasst. Für die meisten Kopfschmerzerkrankungen ist aufgrund der guten Auflösung und der fehlenden Strahlenbelastung eine Kernspintomografie des Schädels zu bevorzugen. In Notfallsituationen oder bei speziellen Fragestellungen wird auch die Computertomografie eingesetzt.

Kopfschmerztagebuch

Eine große Hilfe für den Arzt ist es, wenn der Patient bereits seit mindestens vier bis sechs Wochen ein Kopfschmerz- oder Migränetagebuch führt und dieses zum Arztgespräch mitbringt.

Abgrenzung zu anderen Kopfschmerzarten

Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten wie Spannungskopfschmerz zu unterscheiden, um eine geeignete Behandlung einzuleiten. Eine Fehldiagnose könnte zu einer Einnahme von ungeeigneten Medikamenten führen.

Spannungskopfschmerz vs. Migräne

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der häufigste primäre Kopfschmerz, der somit nicht die Folge einer anderen Erkrankung ist. Anhand mehrerer Faktoren lässt sich eingrenzen, zu welcher Art die Kopfschmerzen passen. Dies sind jedoch nur erste Hinweise und Anhaltspunkte - es gibt auch immer wieder untypische Beschwerden, wie beispielsweise einseitige Schmerzen beim Spannungskopfschmerz.

Migräneartige Kopfschmerzen

Es gibt Patienten, bei denen sich die Symptomatik nicht zweifelsfrei in ein Entweder-oder-Schema einordnen lässt. Noch fehlt eine eigene Gruppe für diesen Mischtyp - den migräneartigen Kopfschmerz, bei dem sich Kopfschmerzen und Migräne abwechseln.

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Therapie von Migräne

Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Akutbeschwerden zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Dabei kommen sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren zum Einsatz.

Akuttherapie

Zur Akuttherapie von Migräneattacken werden häufig Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt. Bei stärkeren Attacken können Triptane helfen, die speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt wurden. Zusätzlich können Antiemetika gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden.

Prophylaxe

Die vorbeugende Therapie sollte vor allem aus nichtmedikamentösen Maßnahmen bestehen. Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus und regelmäßige Energiezufuhr mit ausreichenden und gesunden Mahlzeiten stellen die Energieversorgung bei Migräne sicher. Ausdauersport, physiotherapeutische Übungen und Entspannungsverfahren wirken auch gegen den Kopfschmerz vom Spannungstyp.

Wenn nichtmedikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen und Patienten schwer von Kopfschmerzen betroffen sind, kommen medikamentöse Prophylaxen zum Einsatz. Bei der Migräne werden hierbei Betablocker, Antikonvulsiva (Medikamente aus der Epilepsiebehandlung) und Antidepressiva eingesetzt. Bei Patienten mit chronischer Migräne kann auch eine Behandlung mit Botulinumtoxin erfolgen. Sollten diese Prophylaxen nicht wirksam sein, kann der Einsatz eines monoklonalen Antikörpers (immunologisch aktive Proteine), der sich gegen den Botenstoff CGRP richtet oder den CGRP Rezeptor blockiert erwogen werden.

Multimodale Therapie

Für schwer betroffene Patienten ist ein multimodaler Therapieansatz, bei dem medikamentöse Verfahren, nichtmedikamentöse Verfahren, Entspannungsverfahren, Physiotherapie und verhaltenstherapeutische Maßnahmen zusammenkommen am besten wirksam. Solche Therapiekonzepte werden zum Teil ambulant, gelegentlich tagesklinisch und auch im Rahmen stationärer Behandlungen angeboten.

Migräne und Psyche

Der Einbezug psychologischer Behandlungsansätze in die Kopfschmertherapie ergibt sich aus dem bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnis. Dies berücksichtigt das enge Zusammenspiel zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren bei der Entstehung und dem Verlauf einer Kopfschmerzerkrankung. So kann die Krankheitsschwere und das Ausmaß der einhergehenden Beeinträchtigungen über den Aufbau günstiger Lebensstilfaktoren und eine Stärkung der Krankheits- und Stressbewältigungsfähigkeit oftmals deutlich gelindert werden.

Vielfach belegt ist die Bedeutung von Stress für die Auslösung und Aufrechterhaltung der häufigsten Kopfschmerzformen Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp. Dabei scheinen vor allem ungünstige Formen der Stressverarbeitung entscheidend zu sein wie z.B. übermäßiges Grübeln über Belastungen, Rückzugs- und Vermeidungsstrategien sowie eine reduzierte Entspannungsfähigkeit.

Umgang mit Migräne

Um einen Auslöser oder Trigger von Migräne einwandfrei zu identifizieren, bedarf es viel Zeit und präziser Dokumentation. Diese Zeit sollten Sie sich nehmen. Ein Kopfschmerz- oder ein Migränetagebuch kann in solchen Fällen hilfreich sein. Verschiedenen Migräne-Apps erleichtern auch unterwegs eine lückenlose Dokumentation. Eine gute ärztliche Betreuung ist unerlässlich und bedeutet eine wertvolle Hilfestellung im Umgang mit Migränetriggern.

Tipps für Betroffene

  • Hören Sie auf Ihren Körper.
  • Achten Sie auf sich und nehmen Sie sich die Freiheit, Pausen einzufordern, wann immer nötig.
  • Ein selbstbewusster Umgang schafft nach außen ein Bewusstsein für die Krankheit.

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