Kreativität ist nicht angeboren, sondern eine Kombination von Denkprozessen, die jeder Mensch erlernen und verbessern kann. Das kreative Gehirn eines Lehrers ist daher kein Mysterium, sondern das Ergebnis spezifischer kognitiver Strategien und sozialer Interaktionen, die gefördert werden können. Dieser Artikel beleuchtet, wie Lehrer ihre Kreativität nutzen und wie Schulen und Organisationen ein Umfeld schaffen können, das kreatives Denken fördert.
Kreativität als erlernbare Fähigkeit
Jonah Lehrer, Autor von "Imagine!", räumt mit der Vorstellung auf, dass Kreativität eine Gabe weniger Auserwählter sei. Stattdessen argumentiert er, dass jeder Mensch ein kreatives Gehirn besitzt, das durch die richtige Nutzung bestimmter Denkvorgänge aktiviert werden kann. Kreativität ist demnach keine Frage von Genialität oder Inspiration, sondern eine Kombination von Fähigkeiten, die trainiert und verbessert werden können.
Die Bedeutung von Kindlichkeit und Tagträumerei
Ein wichtiger Aspekt kreativen Denkens ist die Fähigkeit, sich in einen kindlichen Zustand der Neugier und des Staunens zurückzuversetzen. Kindlichkeit und produktive Tagträumerei, Frustration und Leere im Kopf, von Selbstvergessenheit und Loslassen sind wesentlich für unsere Kreativität. Lehrer betonen, wie wichtig es ist, den Geist wandern zu lassen und sich von äußeren Zwängen zu befreien, um neue Ideen zu entwickeln.
Die Rolle von Frustration und Leerlauf
Auch negative Emotionen wie Frustration und das Gefühl der Leere können eine wichtige Rolle im kreativen Prozess spielen. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert sind und keine sofortige Lösung finden, ist unser Gehirn gezwungen, neue Wege zu suchen und alternative Perspektiven zu entwickeln. Diese Phase der Frustration kann letztendlich zu einem Durchbruch und einer kreativen Lösung führen.
Soziale Interaktion und kreativer Austausch
Kreativität entfaltet sich nicht im luftleeren Raum, sondern wird stark von unserer sozialen Umgebung beeinflusst. Lehrer führt uns aus unseren eigenen Köpfen heraus und zeigt uns, wie wir unsere sozialen Umgebungen lebendiger, unsere Organisationen produktiver und unsere Schulen effektiver machen können. Der Austausch mit anderen Menschen, insbesondere mit solchen, die unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen haben, kann zu neuen Ideen und Einsichten führen.
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Conceptual Blending: Die Vermischung von Gedankenwelten
Lehrer betont die Bedeutung des "Conceptual Blending", also der horizontalen Interaktionen zwischen Menschen. Der bereichsübergreifende Austausch zwischen Mitarbeitern eines Unternehmens - auf dem Flur, beim Kaffee, im privaten Gespräch. Dies führe zu einer Vermischung verschiedener Gedankenwelten und somit zu neuen, plötzlichen Eingebungen, wie Lehrer schreibt. Wenn Menschen aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen, können sie voneinander lernen und gemeinsam innovative Lösungen entwickeln.
Schwache Bindungen als Quelle der Innovation
Interessanterweise hebt Lehrer hervor, dass gerade "schwache Bindungen" in unserem sozialen Netzwerk besonders wertvoll für die Kreativität sein können. Tatsächlich, erörtert Lehrer, hätten Untersuchungen gezeigt, dass Geschäftsleute mit chaotischen sozialen Netzwerken voller "schwacher Bindungen" deutlich innovativer und erfolgreicher seien als Menschen mit stabiler sozialer Vernetzung. Diese lockeren Kontakte ermöglichen es uns, mit neuen Ideen und Perspektiven in Berührung zu kommen, die uns sonst verborgen blieben.
Kreativität in der Bildung: Das Beispiel NOCCA
Ein inspirierendes Beispiel für die Förderung von Kreativität in der Bildung ist das New Orleans Center of Creative Arts (NOCCA). Lehrer beschreibt, was so besonders an dieser Einrichtung ist: Hier tummeln sich am Nachmittag Schüler aus verschiedenen Stadteilen, von unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und aus allen sozialen Schichten. Sie spielen Instrumente, gestalten, singen, malen, spielen Theater oder schreiben Liedtexte - alles über "Learning by Doing", also kreativ. Kyle Wedberg, der Geschäftsführer des Instituts, beschreibt die Philosophie dahinter: Wolle man Kinder in ihrer Kreativität fördern, gelinge das nicht, indem man sie Fakten lernen und Tests absolvieren lasse. Sondern, indem man sie ihren schöpferischen Einfallsreichtum frei entfalten lasse, und das möglichst früh.
Learning by Doing: Kreativität durch praktisches Handeln
Im NOCCA wird Kreativität nicht durch theoretisches Wissen vermittelt, sondern durch praktisches Handeln. Die Schüler haben die Möglichkeit, ihre Talente in verschiedenen künstlerischen Disziplinen zu entdecken und zu entwickeln. Durch das Experimentieren, Ausprobieren und Scheitern lernen sie, ihre eigenen kreativen Lösungen zu finden.
Unverbindlichkeit und soziale Vielfalt
Ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg des NOCCA ist die Unverbindlichkeit und die soziale Vielfalt. Es hat seit seiner Gründung 1973 eine beeindruckende Liste an Künstlern hervorgebracht. Lehrer beschreibt, was so besonders an dieser Einrichtung ist: Hier tummeln sich am Nachmittag Schüler aus verschiedenen Stadteilen, von unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und aus allen sozialen Schichten. Diese Vielfalt ermöglicht es den Schülern, von unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zu profitieren und ihren eigenen kreativen Horizont zu erweitern.
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Kreativität im Lehrerberuf
Die Erkenntnisse über die Funktionsweise des kreativen Gehirns lassen sich auch auf den Lehrerberuf übertragen. Lehrer, die kreativ sind, können ihren Unterricht abwechslungsreicher und motivierender gestalten. Sie können neue Methoden und Ansätze entwickeln, um ihre Schüler besser zu erreichen und ihnen zu helfen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Kreative Unterrichtsgestaltung
Kreative Lehrer sind in der Lage, ihren Unterricht an die individuellen Bedürfnisse ihrer Schüler anzupassen. Sie nutzen unterschiedliche Medien und Methoden, um den Lernstoff lebendig und interessant zu gestalten. Sie fördern die Kreativität ihrer Schüler, indem sie ihnen Raum für eigene Ideen und Experimente geben.
Problemlösung und Innovation
Kreative Lehrer sind auch in der Lage, Probleme zu erkennen und innovative Lösungen zu entwickeln. Sie sind offen für neue Ideen und Ansätze und bereit, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Sie arbeiten mit anderen Lehrern zusammen, um gemeinsam neue Unterrichtskonzepte zu entwickeln und umzusetzen.
Die Rolle der Schulleitung
Die Schulleitung spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Kreativität im Lehrerberuf. Sie muss ein Klima schaffen, in dem Kreativität und Innovation willkommen sind. Sie muss Lehrer ermutigen, neue Ideen auszuprobieren und ihnen die notwendigen Ressourcen und Unterstützung zur Verfügung stellen.
Kreativität und Konzentration: Ein Balanceakt
Es ist wichtig zu beachten, dass Kreativität und Konzentration nicht immer Hand in Hand gehen. Hochkonzentriert, aber unkreativ Unter anderem zitiert er eine Studie, wonach Wissenschaftler, die Medikamente zur Konzentrationssteigerung verwenden (was auch unter Studenten recht verbreitet ist), deutliche Kreativitätseinbußen haben. Konzentration kann uns helfen, uns auf eine bestimmte Aufgabe zu fokussieren und diese effizient zu erledigen. Kreativität hingegen erfordert oft ein gewisses Maß an Ablenkung und die Fähigkeit, den Geist wandern zu lassen.
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ADHS und Kreativität
Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in bestimmten Bereichen kreativer sein können als Menschen ohne ADHS. Eine andere Studie wiederum belegte, dass Studenten mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in kreativen Denkaufgaben klar besser abschnitten als ihre "normalen" Kommilitonen. Dies sollten all jene bedenken, die sich dafür aussprechen, Kinder mit ADHS medikamentös zu behandeln, um die Störung "abzustellen". Dies könnte daran liegen, dass ADHS-Betroffene weniger stark von äußeren Reizen abgelenkt werden und daher leichter in einen Zustand der Tagträumerei und des assoziativen Denkens gelangen können.
Die richtige Balance finden
Es ist wichtig, die richtige Balance zwischen Konzentration und Kreativität zu finden. In manchen Situationen ist es notwendig, sich voll und ganz auf eine Aufgabe zu konzentrieren, während in anderen Situationen ein offener und assoziativer Denkstil gefragt ist. Lehrer sollten ihren Schülern helfen, diese Balance zu finden und die für die jeweilige Aufgabe am besten geeignete Denkweise zu entwickeln.
Kreativität und soziale Bindungen: Ein Paradox
Ein weiteres interessantes Paradox ist das Verhältnis zwischen Kreativität und sozialen Bindungen. Es gebe noch einen weiteren Faktor, der für beim Entfalten von Kreativität wichtig sei, betont Lehrer: Die soziale Bindungen des Menschen. Ein Beispiel dafür liefere die Stadt Tel Aviv. Ihr wirtschaftlicher Boom in den letzten Jahrzehnten überträfe den der meisten amerikanischen und europäischenn Städte. Yossi Yardi, Mitbegründer des Chatportals "ICQ", meint, dieser wirtschaftliche Aufschwung hänge mit den "lockeren" sozialen Bindungen zusammen, die in der Stadtbevölkerung aufgrund der anhaltenden Einwanderung vorherrschten. Sie förderten die Kreativität, während feste Bindungen eher das Gegenteil bewirkten. Einerseits sind soziale Bindungen wichtig für den Austausch von Ideen und die Zusammenarbeit. Andererseits können zu enge Bindungen die Kreativität einschränken, da sie zu Konformität und Gruppendenken führen können.
Lockere Bindungen fördern Innovation
Wie bereits erwähnt, können "lockere Bindungen" in unserem sozialen Netzwerk besonders wertvoll für die Kreativität sein. Diese Kontakte ermöglichen es uns, mit neuen Ideen und Perspektiven in Berührung zu kommen, die uns sonst verborgen blieben.
Die richtige Balance finden
Auch hier ist es wichtig, die richtige Balance zu finden. Wir brauchen soziale Bindungen, um uns auszutauschen und zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch von starren Strukturen befreien und uns für neue Ideen und Perspektiven öffnen.