Lutschtabletten gegen Migräne bei Kindern: Wirkstoffe und Anwendung

Migräne ist eine häufige Erkrankung im Kindesalter, von der bis zu jedes zehnte Kind betroffen ist. Die Migräneattacken unterscheiden sich in vielen Aspekten von den Migräneanfällen von Erwachsenen und werden häufig nicht zeitgerecht erkannt. Während Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit bei Erwachsenen sehr typische Migränesymptome sind, können solche Begleitsymptome bei Kindern fehlen oder geringer ausgeprägt sein. Zudem sind sie auch nur sehr schwer in der Lage, Begriffe für solche Überempfindlichkeiten zu bilden und dies zu kommunizieren. Migräneattacken bei Kindern sind häufiger in stärkerem Ausmaß von Geruchsüberempfindlichkeit, Schwindel und Bauchschmerzen begleitet. Es ist wichtig, dass Kinder eingehend ärztlich untersucht werden, wenn Kopfschmerzen neu auftreten und noch keine Klarheit zur Entstehung und Art der Kopfschmerzen besteht.

Ursachen und Diagnose von Migräne bei Kindern

Aktuell sind an die 40 Gene bekannt, die Einfluss auf die Stellschrauben für eine Migräne hätten, erklärt Michaela Bonfert. Der genetische Aspekt könne auch der Grund dafür sein, dass es familiäre Häufungen gibt. Im Kindesalter können autonome Symptome beobachtet werden, die im Erwachsenenalter mehr bei Clusterkopfschmerzen beschrieben werden. Diese Symptome schließen Gesichtsschwitzen oder Gesichtsröte ein. Das Auge kann gerötet sein oder tränen. Die Nase kann laufen oder verstopft sein. Die Augenlider können angeschwollen sein und auch ein Augenlid kann eine Schwäche aufweisen. Die Kopfschmerzphase von Kindern ist häufig kürzer als im Erwachsenenalter und kann auch weniger als 4 Stunden umfassen. Auch die Seitenlokalisation ist bei Kindern weniger ausgeprägt als wie im Erwachsenenalter. Währendem im Erwachsenenalter der Kopfschmerz oft einseitig auftreten kann, ist bei Kindern der Schmerz meist auf beiden Seiten lokalisiert. Schließlich gibt es im Kindesalter sogenannte Migränevarianten. Dabei handelt es sich um periodisch auftretende Symptome in der Kindheit. Dazu gehören die episodische Reiseübelkeit, periodische Schlafstörungen wie Schlafwandeln, Sprechen im Schlaf, Aufschrecken im Schlaf und Zähneknirschen. Prägnant sind auch das periodisch auftretende Erbrechen oder periodische Bauchschmerzen.

In der Phase vor der Kopfschmerzattacke zeigen sowohl Kinder als auch Erwachsene Stimmungsveränderungen wie z.B. Reizbarkeit. Kinder zeigen zudem im höheren Ausmaß Blässe oder entwickeln dunkle Augenränder. Die Kinder berichten dabei auch häufiger Bauchschmerzen, Durchfall oder Verdauungsschwierigkeiten. Auch muskuläre Steifheit, Müdigkeit und Gähnen können auftreten. In der sogenannte Auraphase, können häufig Sehstörungen und andere neurologische Symptome auftreten. Kindern fällt es schwer, diese Veränderungen zu beschreiben. Daher können sie z.B. Zickzacklinien im Gesichtsfeld, Kribbelmissempfindungen, Schwindel oder Sprachstörungen nur sehr schwer kommunizieren. Während der Kopfschmerzphase sind die Kinder auch nur sehr schwer in der Lage, die Schmerzcharakteristika zu beschreiben. Auch hierzu fehlen ihnen noch die Vokabeln, um z.B. einen pulsierenden Schmerz in der Kommunikation mitzuteilen. Auch die Schwere der Schmerzen können sie nur schlecht in Worte fassen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, durch Beobachtung des Verhaltens und auch durch Wahrnehmung von Veränderungen des Effektes bei Kindern die Schmerzen zu erfassen. Kinder können z.B. den Beginn von Schmerzen nur schwer kommunizieren. Sie hören jedoch auf zu spielen oder zu essen, sie können weinen, gereizt sein oder auch Wutanfälle haben. Diese Veränderungen können nicht die Diagnose einer Migräne begründen. Sie sind jedoch Hinweise auf den Beginn und Ablauf einer Migräne.

Allgemeine Vorbeugende Maßnahmen

Kinder, als auch Eltern sollten eine Beratung über Lebensstilfaktoren, die die Migräne verstärken können, sowie den Umgang mit Migräneauslösern erhalten. Alles zu Schnelle, alles zu Unregelmäßige, alles zu Plötzliche und alles zu Häufige sollten im Alltag vermieden werden. Gleichtakt und Regelmäßigkeit im Alltag ist das Prinzip. Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus sollte eingehalten werden. Die Einnahme von Mahlzeiten zu festen Zeiten ist ebenfalls wichtig. Insbesondere sollte auf ein ausreichendes kohlenhydratreiches Frühstück in Ruhe geachtet werden. Ausreichendes Trinken im Tagesablauf ist ebenfalls bedeutsam. Insbesondere sollten Kinder Zeit haben für Entspannung und Ruhe am Tag. Zur Vorbeugung können Kinder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson durchführen. Das Verfahren kann z.B. mit Hilfe der Migräne-App (kostenlos in den Appstores für IOS und Android) geübt werden. Lokales Kühlen mit einem Coolpack von Stirn und Schläfen, die Möglichkeit zum Rückzug und Schlaf reicht bei einem Teil der Kinder zur Therapie einer akuten Migräneattacke bereits aus. Dies stellt die Basistherapie dar.

Wirkstoffe in Lutschtabletten gegen Migräne bei Kindern

Die medikamentöse Behandlung von Migräneattacken bei Kindern zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen zu reduzieren. Folgende Wirkstoffe werden häufig eingesetzt:

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Ibuprofen

Ibuprofen ist ein nicht-steroidales Antirheumatikum (NSAR), das in erster Linie zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern empfohlen wird. Die empfohlene Dosierung beträgt 10 mg/kg Körpergewicht. Dolormin® Extra, Dolormin® Schmerztabletten und Dolormin® Migräne Filmtabletten enthalten Ibuprofen als Ibuprofen-DL-Lysin (1:1) und sind für Kinder ab 20 kg Körpergewicht (6 Jahre und älter) geeignet. Dolormin® für Kinder Ibuprofensaft 40 mg/ml ist bereits für Kinder ab 10 kg (1 Jahr und älter) geeignet.

Paracetamol

Paracetamol ist ein weiteres Schmerzmittel, das bei Kindern eingesetzt werden kann. Es ist jedoch weniger wirksam als Ibuprofen und sollte daher nur als zweite Wahl in Betracht gezogen werden. Die Dosierung beträgt 15 mg/kg Körpergewicht. Bei Paracetamol sind die kritischen kumulativen Dosierungen zu beachten.

Acetylsalicylsäure (ASS)

Acetylsalicylsäure kann ab dem 12. Lebensjahr in einer Dosierung von 500 mg eingesetzt werden. Allerdings ist ASS für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet, weil der Wirkstoff bei ihnen in Einzelfällen gefährliche Gesundheitskomplikationen auslösen kann. Aspirin® Migräne ist für Jugendliche ab 16 Jahren und Erwachsene geeignet.

Triptane

Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei Kindern ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden können, wenn andere Schmerzmittel nicht ausreichend wirken. Zur Behandlung der Migräne bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr sind Sumatriptan 10 mg und Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray zugelassen. Mittlerweile liegen auch umfangreiche Daten vor, um bei nichtausreichendem Ansprechen auf die Akuttherapie mit Schmerzmitteln den Einsatz von Triptanen in Form von Sumatriptan 10 mg oder 20 mg als Nasenspray, Zolmitriptan 2,5 oder 5 mg in Tablettenform, Rizatriptan 5 oder 10 mg in Tablettenform und Almotriptan 12,5 mg in Tablettenform bei entsprechender Aufklärung auch vor dem 12. Lebensjahr zu rechtfertigen. Sollten sich akute Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend wirksam behandeln lassen, kann auch die Therapie mit subkutan injiziertem Sumatriptan nach entsprechender Aufklärung nach den aktuellen Leitlinien erwogen werden.

Sumatriptan

Sumatriptan ist ein Triptan, das als Nasenspray oder subkutane Injektion verfügbar ist. Es ist ab dem 12. Lebensjahr zur Behandlung von Migräne bei Jugendlichen zugelassen. Sumatriptan-ratiopharm® bei Migräne darf nicht eingenommen werden, wenn eine Allergie gegen Sumatriptan oder einen der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels besteht, wenn Probleme mit dem Herz vorliegen, wenn Durchblutungsstörungen in den Beinen vorhanden sind, wenn ein Schlaganfall oder vorübergehende Zustände von Minderdurchblutung im Gehirn aufgetreten sind, wenn hoher Bluthochdruck besteht, wenn eine schwere Lebererkrankung vorliegt, zusammen mit anderen Migräne-Medikamenten, einschließlich solcher, die Ergotamin enthalten, oder vergleichbarer Medikamente wie Methysergid oder einem anderen Triptan/5-HT1-Rezeptor-Agonisten, wenn bestimmte Antidepressiva, so genannte MAO-Hemmer (Monoaminoxidase-Hemmer) eingenommen werden oder bis vor zwei Wochen eingenommen wurden.

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Zolmitriptan

Zolmitriptan ist ein weiteres Triptan, das als Nasenspray oder Tablette verfügbar ist. Es ist ebenfalls ab dem 12. Lebensjahr zur Behandlung von Migräne bei Jugendlichen zugelassen.

Antiemetika

Bei Übelkeit oder Erbrechen kann Domperidon ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden. Metoclopramid sollte wegen des erhöhten Risikos für akute extrapyramidale Bewegungsstörungen und Spätdyskinesien nicht verwendet werden.

Wichtige Hinweise zur Anwendung von Migränemitteln bei Kindern

  • Ärztliche Beratung: Vor der Anwendung von Migränemitteln bei Kindern sollte immer ein Arzt konsultiert werden, um die Ursache der Kopfschmerzen abzuklären und die geeignete Behandlung festzulegen.
  • Dosierung: Die Dosierung der Medikamente sollte genau nach den Anweisungen des Arztes oder Apothekers erfolgen.
  • Frühzeitige Einnahme: Die Medikamente sollten möglichst frühzeitig bei Beginn der Migräneattacke eingenommen werden, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen.
  • Regelmäßigkeit: Die Einnahme von Migränemitteln sollte nicht zu häufig erfolgen, um das Risiko von Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen zu vermeiden.
  • Nebenwirkungen: Eltern sollten auf mögliche Nebenwirkungen der Medikamente achten und bei Auftreten von unerwünschten Reaktionen den Arzt informieren.
  • Kombinationstherapie: In einigen Fällen kann eine Kombinationstherapie mit verschiedenen Medikamenten oder nicht-medikamentösen Maßnahmen sinnvoll sein.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Neben der medikamentösen Behandlung spielen nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Migräne bei Kindern. Dazu gehören:

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Ein regelmäßiger Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Ausreichend Schlaf: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Vorbeugung von Migräneattacken.
  • Stressmanagement: Stress kann ein Auslöser für Migräne sein. Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Flüssigkeit können ebenfalls zur Vorbeugung von Migräne beitragen.
  • Vermeidung von Auslösern: Eltern sollten versuchen, mögliche Auslöser für Migräneattacken bei ihrem Kind zu identifizieren und diese zu vermeiden.

Therapie in speziellen Zentren

Nicht alle Kinder mit Migräne oder Verdacht darauf müssen in speziellen Zentren behandelt werden. „Eine Migräne, die gut mit Medikamenten zu kontrollieren, also zu unterbrechen ist, nur selten auftritt und das Kind nicht in seiner Teilhabe am ganz normalen Leben hindert, kann in der Regel sehr gut von niedergelassenen Kinderärztinnen oder -ärzten versorgt werden“, erklärt Bonfert. Anders sei es, wenn sich das Leiden sehr häufig zeige und Medikamente wie Ibuprofen nicht mehr ausreichten. „In der Regel genügt dann ein halbes Jahr, in dem wir mit den Kindern und Familien ambulant arbeiten. Dies geschieht immer im engen Austausch mit den Kinderarztpraxen“, so Bonfert. Dort könne dann die Versorgung im Anschluss wieder fortgeführt werden.

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