Die Liquordiagnostik ist ein wichtiges Instrument zur Diagnose von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie umfasst die Analyse des Liquors, der durch eine Liquorpunktion gewonnen wird. Der Liquor cerebrospinalis, auch als Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit oder "Nervenwasser" bezeichnet, ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die das ZNS umspült und nur wenige Zellen enthält. Er wird hauptsächlich vom Plexus choroideus gebildet und zirkuliert unter ständiger Produktion und Resorption im Liquorraum.
Grundlagen der Liquordiagnostik
Die Liquordiagnostik basiert auf einer Reihe physiologischer und biophysikalischer Zusammenhänge, die eine systematische diagnostische und wissenschaftliche Vorgehensweise ermöglichen. Die Analyse des Liquors ermöglicht die Feststellung von Veränderungen, die auf Erkrankungen des ZNS hindeuten können.
Liquor cerebrospinalis
Der Liquor cerebrospinalis umfließt Gehirn und Rückenmark und dient als eine Art Spülflüssigkeit. Er wird laufend von bestimmten Zellen im Gehirn produziert und erneuert. Normalerweise ist der Liquor klar wie Wasser und enthält nur wenige Zellen, vor allem Lymphozyten, die auch im Blut vorkommen und wichtig für das Immunsystem sind.
Liquorpunktion
Die Liquorpunktion ist ein risikoarmer Eingriff, bei dem Nervenwasser aus dem Inneren des Wirbelsäulenkanals entnommen wird. Am häufigsten wird die Nadel zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel eingeführt. Üblicherweise sitzt der Patient leicht nach vorne gekrümmt, aber die Punktion kann auch in Seitenlage mit angezogenen Knien oder in Bauchlage unter Röntgenkontrolle durchgeführt werden.
Liquoranalyse
Nach der Entnahme des Liquors folgt die Liquoranalyse. Diese umfasst verschiedene Untersuchungen, darunter die Zellzählung und -differenzierung, die Bestimmung von Proteinen, Glukose, Laktat und anderen Substanzen sowie den Nachweis von Antikörpern und Erregern.
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Ursachen für erhöhte Lymphozyten im Liquor
Eine Erhöhung der Lymphozytenzahl im Liquor (lymphozytäre Pleozytose) kann auf verschiedene Erkrankungen des ZNS hindeuten. Typischerweise ist die Zellzahl im Liquor bei folgenden Erkrankungen erhöht:
- Infektiöse Erkrankungen: Virale Meningitis, Neuroborreliose, Neurotuberkulose, Neurolues, Toxoplasmose, Kryptokokkose
- Autoimmunerkrankungen: Multiple Sklerose, Autoimmunenzephalitis
- Neoplasien: Tumorerkrankungen des ZNS, Meningeosis carcinomatosa
- Andere Erkrankungen: Guillain-Barré-Syndrom, meningeale Reizung unterschiedlicher Ursache
Infektiöse Erkrankungen
Infektiöse Erkrankungen des ZNS, insbesondere virale Infektionen, sind häufige Ursachen für eine lymphozytäre Pleozytose. Bei bakteriellen Meningitiden überwiegen in den ersten Tagen oft die Granulozyten, während bei viralen Meningitiden typischerweise eine lymphozytäre Reaktion auftritt.
Autoimmunerkrankungen
Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose und Autoimmunenzephalitis können ebenfalls zu einer Erhöhung der Lymphozytenzahl im Liquor führen. Bei der Multiplen Sklerose findet man häufig eine leichte Zellzahlerhöhung mit wenigen transformierten Lymphozyten und Plasmazellen sowie eine intrathekale IgG-Synthese.
Neoplasien
Tumorerkrankungen des ZNS können ebenfalls in erhöhten Zellzahlen im Liquor resultieren. Die Liquoranalyse kann entartete Zellen aufspüren, die zeigen, dass Hirnhäute oder Hirnkammern von Tumorzellen befallen sind.
Andere Ursachen
Neben den genannten Ursachen kann eine lymphozytäre Pleozytose auch bei anderen Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom oder bei meningealer Reizung unterschiedlicher Ursache auftreten.
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Interpretation der Liquorbefunde
Die Interpretation der Liquorbefunde erfordert eine sorgfältige Berücksichtigung des klinischen Kontextes und der Ergebnisse anderer diagnostischer Untersuchungen. Die Zellzahl, die Art der Zellen (Granulozyten, Lymphozyten, Monozyten), die Proteinkonzentration, der Glukose- und Laktatspiegel sowie der Nachweis von Antikörpern und Erregern liefern wichtige Hinweise auf die Ursache der Erkrankung.
Zellzahl und Zelldifferenzierung
Die Zellzahl und die Differenzierung der Zellen im Liquor sind wichtige Parameter in der Stufendiagnostik. Eine Zellvermehrung ≥ 5/µl kommt vor bei ZNS-Entzündungen, aber auch bei Tumorinfiltration der Meningen sowie als Reizreaktion nach Traumen, intrazerebralen und subarachnoidalen Blutungen, intrathekaler Applikation von Medikamenten oder nach wiederholter Lumbalpunktion.
Proteine im Liquor
Die Konzentration der CSF Proteine, die aus dem Blutplasma stammen, treten mittels Diffusion und abhängig von der Molekülgröße in die CSF über.
Glukose und Laktat
Die Bestimmung des Liquorlaktats ist - da auch ohne Kenntnis des korrespondierenden Serumwertes diagnostisch relevant - gegenüber der Bestimmung der Liquorglukose, die stets in Bezug zur Serumglukose beurteilt werden muss (normal: Liquor-/Serumquotient > 0,5), vorteilhaft. Zu einem Anstieg des Liquorlaktats kommt es insbesondere bei Infektionen durch Bakterien und Mycobakterium tuberculosis sowie auch bei Meningeosis carcinomatosa.
Antikörper und Erregernachweis
Der Nachweis von Antikörpern gegen bestimmte Erreger oder von oligoklonalen Banden kann auf eine entzündliche oder autoimmune Erkrankung des ZNS hindeuten. Der direkte Erregernachweis erfolgt mikroskopisch, anhand Antigen-Schnelltests, kultureller Erregeranzucht und durch Detektion pathogenspezifischer Genomabschnitte mittels Nukleinsäure-Amplifikationstechniken (PCR).
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Reiber-Diagramm
Das Liquor-Serum-Quotientendiagramm (Reiber-Diagramm) ist ein quantitatives Verfahren, um auf einen Blick Informationen über die individuelle Schrankenfunktion eines Patienten zusammen mit dem intrathekalen Immunglobulinmuster zu erhalten. Es ermöglicht die Beurteilung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion und die Identifizierung einer intrathekalen Immunglobulinsynthese.